Aus heutiger Sicht mag man es kaum glauben, doch bevor My Fair Lady ab 1956 die Musicalbühnen eroberte, hielt Oklahoma! mit rund 2.200 Aufführungen en suite in den Jahren 1943 bis 1948 den Broadwayrekord für die meisten Aufführungen. Gleichzeitig ist Oklahoma! das erste Musical, das der Komponist Richard Rodgers zusammen mit dem Liedtexter Oscar Hammerstein II entwickelte. Der durchschlagende Erfolg des Musicals in der Kriegs- und Nachkriegszeit ist sicherlich auch darauf zurückzuführen, dass es für fröhliche Ablenkung sorgte und mit der Gründung des Bundesstaates Oklahoma am Ende des Stücks einen patriotischen Nerv der Zeit traf. Dass die Gründung des Staates auf dem Gebiet des ehemaligen Indian Territories eng mit den Themen Landraub und Vertreibung der Ureinwohner verbunden ist, wird jedoch nicht thematisiert. Regisseur Erik Petersen findet hierfür eine passende Lösung: Während der Feierlichkeiten zur Eingliederung Oklahomas in die USA purzeln im Hintergrund auf der ansehnlichen Videowand immer mehr Sterne aus der US-Flagge, bis am Ende nur noch ein durchlöcherter Fetzen Stoff übrig bleibt. Eine gute Idee, um dem Musical einen kritischen Unterton zu verleihen, ohne es weiter zu verändern. Leider ist Oklahoma! hierzulande kaum noch zu sehen – ein Schicksal, das viele große Broadway-Musicals der 40er- und 50er-Jahre teilen –, obwohl das Stück auch heute noch gut unterhält und vor allem musikalisch einiges zu bieten hat.

Das Theater Magdeburg zeigt Oklahoma! seit dem 19. Juni 2026 im Rahmen des Domplatz OpenAir unter freiem Himmel. Es ist das erste Mal seit fast 15 Jahren, dass dieses Musical an einem staatlichen Theater in Deutschland aufgeführt wird. Noch vor der Premiere wurde bekannt gegeben, dass bereits über 22.000 Tickets verkauft wurden, was einer Auslastung von über 96 Prozent entspricht. Mit der Geschichte über die Rivalität zwischen Farmern und Cowboys, die sich hier vor allem in der Liebesbeziehung zwischen Laurey Williams und Curly McLain ausdrückt, scheint man offenbar auf das richtige Pferd gesetzt zu haben. Abgesehen von einigen kleineren Rangeleien leben beide Parteien auch dank Tanke Eller, der guten Seele des kleinen Dorfes, ansonsten recht friedlich zusammen. Hier haben Rodgers und Hammerstein das zugrunde liegende Schauspiel Green Grow the Lilacs deutlich entschärft und setzen in Oklahoma! mehr auf Harmonie als auf Konflikte. Dass die Inszenierung in Magdeburg trotz einer vergleichsweise dünnen Story sehr sehenswert ist, liegt vor allem an den Akteuren auf und hinter der Bühne. Regisseur Erik Petersen setzt die Geschichte filmreif mit großen Bildern in Szene. Durch starke Charakterzeichnungen bringt er zudem alle Rollen klar in Stellung und umgeht geschickt mögliche Fallen, die sich aus dem Zusammentreffen von alten Rollenbildern und der heutigen Zeit ergeben. So ist eine rundum gelungene Inszenierung entstanden, bei der man gerne darüber hinwegsieht, dass Laureys Traum zum Ende des ersten Akts zwar mit vielen irrationalen Besonderheiten gespickt ist, aber für einige Besucher offenbar nicht direkt als Traum erkennbar war, was zu Beginn des zweiten Akts bei diesen Zuschauern für Verwunderung sorgte, da eine erstochene Person plötzlich wieder sehr lebendig war.

Ebenfalls gelungen: Im Verlauf des Abends gibt es immer wieder große Gruppenszenen, die von Choreografin Sabine Arthold schwungvoll auf die Bühne gebracht werden. Das ist keine leichte Aufgabe, da hier neben den zwölf Solisten auch der Opernchor, das Ballett und die Statisterie des Theaters Magdeburg eingebunden sind. Passend dazu schuf Dirk Hofacker ein großes Bühnenbild, das mit dem zentralen Dorfplatz, den roten Farmhäusern auf der linken und den Ställen der Cowboys auf der rechten Seite fast an ein aufwändiges Filmset erinnert. Ein weiteres optische Highlight sind beispielsweise ein in die Stadt einfahrender Zug der Railway Company. Im Hintergrund sorgt eine große LED-Wand für die jeweiligen Tagesstimmungen wie Sonnenuntergang oder Sternenhimmel oder zeigt Ansichten von großen, weiten Feldern, Weiden oder Prärielandschaften. Darüber hinaus wird die Wand immer wieder für kleine Filmanspielungen eingesetzt – passend dazu wurde sie wie eine Filmrolle designt. Ein insgesamt sehr kluges Videodesign von Ronny Wagner. Zusammen mit den wunderbar historischen Kostümen von Lukas Pirmin Wassmann greifen hier Regie, Choreografie, Bühne, Video und Kostüm so harmonisch ineinander, dass Oklahoma! in dieser Hinsicht in der ersten Musical-Liga mitspielt.

Auch die Besetzung kann auf ganzer Linie überzeugen. Sabrina Weckerlin verkörpert die Rolle der Laurey Williams auf hochkarätige Weise. Sie überzeugt gesanglich wie schauspielerisch, insbesondere im zweiten Akt bei den Übergriffen durch den Lohnarbeiter Jud Fry. An ihrer Seite steht mit Nicky Wuchinger in der Rolle des Curly McLain ein Kollege, der ebenfalls schon in vielen großen Rollen auf der Musicalbühne stand. Die Stimmen der beiden harmonieren sehr gut miteinander und auch die Darstellung des verliebten Paares, bei dem sich keiner traut, den ersten Schritt zu machen, ist bis ins kleinste Detail ausgereift. In der Rolle der Tante Eller Murphy ist Kerstin Ibald zu sehen, die bereits als Mrs. Danvers in Rebecca vor dem Magdeburger Dom auftrat und auch in Oklahoma! überzeugt. Eine ganz starke Besetzung in allen Belangen! Auch die weiteren Rollen sind durchweg stimmig besetzt, in den größeren Rollen sind dies Alexander Auler als Jud Fry, Kara Kemeny als Ado Annie Carnes, Jan Ungar als Ali Hakim und Andrew Chadwick als Will Parker. Musikalisch stark auch die Magdeburgische Philharmonie unter der musikalische Leitung von Paweł Popławski und der Opernchor des Theaters Magdeburg, der von Martin Wagner gut einstudiert wurde.

Wenn dann auch noch das Timing in allen nicht planbaren Bereichen passt, wird ein ohnehin hervorragender Theaterabend perfekt abgerundet: Das Wetter sorgte mit herrlichem Sonnenschein und hohen Temperaturen dafür, dass die trockenen Prärien Oklahomas auch in Magdeburg spürbar wurden. Der Hochzeitsantrag im Stück fand pünktlich um 23:30 Uhr statt. Unmittelbar und auf die Sekunde genau nach der Annahme des Antrags läuteten die Domglocken zweimal, was beim Publikum für große Erheiterung sorgte. Dass die deutsche Fußball-Nationalmannschaft mit dem Siegtor beim zeitgleich stattfindenden WM-Gruppenspiel bis zum Vorstellungsende wartete, sodass beim Verlassen der Tribüne plötzlich bei vielen Zuschauern weiterer Jubel ausbrach, nachdem zuvor das gesamte Ensemble des Musicals lautstark gefeiert wurde, war ebenfalls sehr passend. Zu sehen ist Oklahoma! noch bis zum 12. Juli auf dem Magdeburger Domplatz, allerdings sind wie eingangs erwähnt nur noch wenige Karten erhältlich. Ab dem 14. November 2026 folgt im Theater Magdeburg thematisch passend Rodgers & Hammerstein’s Cinderella, für das Domplatz OpenAir ab dem 18. Juni 2027 wurde zudem bereits das Musical Wie im Himmel angekündigt. Für dieses Jahr bleibt nur noch eines zu sagen: Oh, What a Beautiful Morning Evening!
Markus Lamers, 22. Juni 2026
Oklahoma!
Musical von Richard Rodgers und Oscar Hammerstein II nach dem Schauspiel Green Grow the Lilacs von Lynn Riggs
Theater Magdeburg, Domplatz OpenAir
Premiere: 19. Juni 2026
besuchte Vorstellung: 20. Juni 2026
Inszenierung: Erik Petersen
Musikalische Leitung: Paweł Popławski
Magdeburgische Philharmonie
Weitere Aufführungen jeweils Mittwoch bis Sonntag bis einschließlich 12. Juli 2026