DER OPERNFREUND - 51.Jahrgang
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http://www.anhaltisches-theater.de/

 

KISS ME KATE

Premiere 19. Januar 2018

Wagner meets Musical oder "Porter at his Best"

Ich könnte meine Kritik ganz kurz halten und einfach schreiben “Ticket lösen, rein gehen und genießen!“. Das würde den Kern der Sache durchaus treffen, würde aber der Leistung des Theaters Dessau nicht genügen.

Als ich im Vorfeld einen ersten Blick auf die Besetzungsliste warf, dachte ich so bei mir, ob diese Mischung aus Musicaldarstellern und ausgezeichneten, an Wagner gestählten, Opernsänger funktioniert. Zu oft geht es daneben, wenn sich das Opernpersonal mal eine kleine Auszeit im Musical gönnt. Nicht so in Dessau. Johannes Weigand und Wolfgang Kluge schaffen diese Gratwanderung zu meiner vollsten Zufriedenheit. Die Anhaltische Philharmonie spielt die Originalpartitur, ein satter Swingsound ertönt aus dem Graben, statt der so häufig reduzierten Fassung. Und dieser Elan überträgt sich auf die Bühne, genauso wie ins Publikum. Und gleich von Anfang an ist man ins Geschehen hineingerissen.


Johannes Weigand führt sein Publikum in die Schlussphase der Generalprobe. Ulf Paulsen, gibt den Fred Graham als selbstverliebten, alternden Gockel, der stets hinter dem neuesten Rock herjagt. Graham, Regisseur und sein eigener Hauptdarsteller, möchte seinen neuesten Eintrag in seinem Leporello, Lois Lane, gerne forcieren, wenn da nicht seine Ex Lilli Vanessi, auch im Ensemble wäre. Falsch zugestellte Blumengrüße führen die Situation ins Absurde. Lois Lane, Barsängerin mit Ambitinen auf die große Bühne, macht dieses Spielchen mit um ihren Lover Bill Calhoun, oder könnte man böserweise ihren Zuhälter schreiben, bei dem vielen Geld, das sie ihm zusteckt, liegt die Vermutung nahe, ebenfalls zu fördern. Eben dieser hat sich gründlich verzockt und im Milieu einen Schuldschein mit falschen Namen unterschrieben. Zwei ehrbare Gangster wollen eben nun dieses Geld eintreiben, bei Fred Graham. Der schafft es die beiden für seine Zwecke einzuspannen, und Lilli Daran zu hindern die Premiere platzen zu lassen.


Diese Mischung aus Shakespeare und amerikanischer Nachkriegsmoral zündet ein Feuerwerk an Komik. Das Verweben der Renaissancetexte mit der Alltagssprache des Bühnenmilieus, hier das hochliterarische, da der derbe Tonfall sind ein Meisterwerk für sich. Und genau dafür braucht es ausgezeichnete Sängerschauspieler. Allen voran will ich Rita Kapfhammer und Ulf Paulsen benennen. Wenn sich Wotan und Fricka mal auf einer ganz anderen Ebene bekriegen, dann hat das schon was ganz Besonderes. Ihnen gehört auch der erste Showstopper. Wunderbar, eine Parodie auf den Operettenschmalz erklärt die Beziehung der beiden zueinander, installiert gekonnt das Wechselspiel zwischen Aggression und immer noch vorhanden Verliebtheit des zerstrittenen Paares.

Karen Helbing spielt, nein sie ist Lois Lane. Ein Mädchen mit Vergangenheit, stets auf der Suche nach dem richtigen. Ihre Sehnsucht nach Sicherheit, nach Geborgenheit drückt sie gleich im ersten Akt aus, wenn sie sich und Bill die Frage stellt „Wann kann ich dir trau‘n“. Ihre bewegte Biographie erfahren wir dann bei der, vermutlich lückenhaften Aufzählung, ihrer Affären „Aber treu bin ich nur dir“. Und trotzdem bleibt sie das Wesen, das die männlichen Beschützerinstinkte weckt, von Grund auf ehrlich und lieb. Viel flatterhafter ist ihre Bühnenfigur Bianca. Gleich drei Feier wickelt sie um den Finger. Gremio, Hortensio und Lucentio buhlen um die Gunst der Schönen. Thiago Fayad, David Ameln und Tobias Brönner verkörpern die drei Brunfthirsche, aufs köstlichste konterkariert durch die Kostüme von Judith Fischer.
Wenn nach der Pause endlich das Geschehen weitergeht, spürt man die südliche Hitze auf der Bühne trotz winterlichen Außentemperaturen förmlich auch im Zuschauerraum. Alexander Nicolic begleitet sich selbst auf der Gitarre zu „Viel zu heiß“ und die darauffolgende Ballettnummer bringt dann die Stimmung zum Kochen.

Bei Shakespeare gibt es in den Tragödien immer was zu lachen und in seinen Komödien sind auch immer nachdenkliche Momente. So auch in Kiss me Kate.
Johannes Weigand gelingt es die beiden Handlungsstränge, Der Widerspenstigen Zähmung auf der „Bühne“ mit dem privaten Geschehen hinter der Bühne zu verbinden. So gut, dass die Übergänge oft nicht mehr zu spüren sind. Dass dies gelingt liegt in einer ausgefuchsten Personenführung und an einem auch schauspielerisch exzellenten Ensemble. Ballett, Chor und die Solisten fügen sich zu einem Mosaik zusammen. Die allgemein heitere Stimmung findet ihren Höhepunkt im Couplet der beiden namenlosen Gangster. Michael Tews und Kostadin Argirov, Wagnersänger bester Qualität, zeigen sich hier als Komiker erster Güte. „Schlag nach bei Shakespeare“ ist ihr Rat an die Herren um die Damen schneller rumzukriegen. Es geht doch nichts über ein fundiertes Halbwissen, jeder Lehrer wird es ihnen bestätigen.
Bei den vielen Nichtgenannten möchte ich mich entschuldigen und bedanken, denn der Ausdruck Gesamtkunstwerk, und damit sind wir wieder bei Wagner, bekommt mit dieser Inszenierung voller Witz und Geist, einer fantasievollen Ausstattung und einer Perlenkette voller musikalischer Highlights letztendlich seine Bestätigung.
Der Premierenabend endete mit einem langen, voll verdienten Applaus eines begeisterten Publikums!

https://www.youtube.com/watch?v=hOh5ATWQNHs

Alexander Hauer 22.2.2018

Bilder (c) Anhaltisches Theater Dessau

 

 

OTELLO

Premiere: 16.9. 2917

 

Die Welt ist Weiß und ein bisschen Schwarz. Ist sie das? Nach der Pause wird sie Schwarz und noch ein bisschen Weiß sein: verschmutzt wie schon die weiße Welt, die so weiß nicht sein kann. Nur Otello und Desdemona konnten reinweiß auf die schwarzgraue Szene treten. Im Verlauf der Tragödie, die, genau genommen, keine ist (aber sie ist grausam genug), werden auch der Feldherr und seine geliebte Frau beschmutzt werden: beschmutzt von den Machenschaften Jagos.

Wer sich in Dessau eine szenisch deutliche und musikalisch unterm Strich höchst gelungene Inszenierung des „Otello“ anschaut, wird auch auf den Urheber des Schmutzes hingewiesen, der Otello und Desdemona in die Vernichtung treiben wird. Der Regisseur Roman Hovenbitzer interessiert sich nicht für die psychologischen Gründe für Otellos und Desdemonas Versagen: nicht für seine seelische Disposition, die in seiner Herkunft verankert scheint, nicht für Desdemonas naive Art, mit den Anschuldigungen Otellos umzugehen. Vielleicht hat die Regie Recht, vielleicht sind die beiden Protagonisten wirklich keine Charaktere, sondern noch die Typen, wie sie in der literarischen Vorlage Arrigo Boitos, einer Renaissancenovelle, angelegt sind. Dagegen spricht nicht einmal die Musik Giuseppe Verdis, der seine Figuren mit größter Genauigkeit begleitet hat. Dagegen sprechen auch nicht die teilweise betörenden vokalen Leistungen des Paares. Nein, Hovenbitzer interessiert sich – womit er völlig Recht hat – im Prinzip nur für Jago, den Urheber des Bösen, den Bösen an sich, den Dämon in seiner äußerlich harmlosesten Gestalt, der keine nachvollziehbare Begründung für sein Zerstörungswerk benötigt. Am Ende wird allein er übrigbleiben und noch den letzten Faden ziehen: hinter Otello stehend, wird er kalt lächelnd beobachten, wie sich sein Opfer mit dem von ihm gereichten Dolch erstechen wird.

Er selbst war es, der Otello, sein Schlachtvieh, zu Otellos Opferlamm führte. Schon dieser Gang durch die schwarzen Wände der Drehbühne ist, man muss es zugeben, in der Dessauer Interpretation musikdramatisch zutiefst erschütternd – und abgefeimt und im Grunde unerklärlich ist der Kuss, den Jago, nicht Otello der schlafenden Frau gibt, die gleich durch seine Intrige sterben wird. Der Triumph des Bösen oder Jago, Jago, der Neid und der irrationale Hass. „Jago“, so sollte die Oper ja auch zunächst heißen. Die Interpretation ist stark, sie wird tatsächlich von Jagos letzten Worten nicht widerlegt. Der Mann hat einfach Nerven aus Stahl: bis die Videoprojektion (Barbara Janotte) auf dem Gazestoff, ein bewegtes Kunstwerk aus abstrakten Pinselstrichen, nur mehr eine schwarze Wand zeigt.

Jago war schon im Anfang der einzige, der inmitten den orgelpunktfundierten Sturms völlig ruhig blieb. Ulf Paulsen spielt einen artikulatorisch nicht immer reinen, also m. M. nach stimmlich nicht über alle Zweifel erhabenen Mann (Stimmen sind und bleiben Geschmackssache), der doch szenisch fasziniert, weil er sich mit der von Verdi und Boito geforderten Wendigkeit mit ungeheurer Eleganz seinen jeweiligen Gesprächspartnern (also seinen jeweiligen Opfern) anzupassen scheint. Riesenbeifall für Paulsen, den ersten, stets viel geforderten Bariton des Hauses, der mit dieser Partie seinem Rollenregister eine neue große Figur zugeführt hat. Nicht nur das Credo klingt erdrückend, doch nicht präpotent in den Saal. Regie und Bühnenbild (Herrmann Feuchter) nutzen die Nummer, um gehörig Asche aus ihr zu pusten: die Silhouette eines primitiv umrandeten Menschen fängt plötzlich an zu brennen; die Asche wird dann von Otello und Jago als Kriegsbemalung ins Gesicht geschmiert. Es gab schon dümmeren Symbolismus in manch Otello-Inszenierung. Die Dessauer Bildwelt aber zeichnet sich samt gedrehten Wänden durch das einfache, aber sinnfällige Miteinander von Schwarz, Grau und Weiß aus – und wenn die böse Geschichte eine neue Wendung erfährt, wird die Bühne mit ihrem Zylinder wieder in Bewegung gesetzt.

Es sind immer wieder längere und kürzere Tableaus, die auch über diese Inszenierung entscheiden. Grandios das überlange Kleid (entworfen von Judith Fischer), mit dem Desdemona vor der Serenade hoch über dem Bühnenboden schwebt, bevor der lange Teil von Kinderhänden beschmutzt wird. Später, im Anklagebild des 3. Akts, wird Otello selbst schmutzige Händespuren auf ihrem eigentlichen Kleid, das reinweiß blieb, hinterlassen. Wenn sämtliche Zeigefinger des gesamten Ensembles wütend auf den Ankläger zeigen, und wenn Jago am Ende des auch hier erschütternden Akts den einstigen „Löwen“ mit der venezianischen Löwenfahne bedeckt, ist der Einfall so simpel wie eindrücklich. Was sonst noch auffiel, war ein brennender Türkenkopf, mit dem sich die Meute des ersten Akts vergnügt, mit dem auch Sexy Bianca (Gerit Ada Hammer), die, auch dank Strumpfband, im Grunde nur ein verschleuderbares Objekt militärisch-machistischer Begierden ist, spielen darf. Etwa für den guten Cassio des Kwonsoo Jeon und den schwächeren, weil schütter klingenden Rodrigo (David Ameln), dem der glänzende und stimmstarke Lodovico des Michael Tews zur Seite steht. Und Rita Kapfhammer als gouvernantenhafte und doch vitale Emilia ist wieder ein Pluspunkt des Dessauer Ensembles, zu dem der von Sebastian Kennerknecht und Dorislava Kuntscheva geleitete Dreifachchor aus Normalformation, Extrachor und Kindertruppe gehört. Und über das Orchester, die Anhaltische Philharmonie Dessau, wäre zu sagen, dass sie unter Markus L. Frank einen grundsoliden Verdi spielte, der den Kontakt zu den Sängern nicht verlor.

Desdemona gewinnt, rein stimmlich betrachtet, in Dessau ab dem 3. Akt eine Fahrt, die nicht mehr aufzuhalten ist. Iordanka Derilova begeisterte mich ab dem Quartett des 3. Aufzugs, in dem sie zeigt, wie dramatische Kraft und Stimmschönheit souverän einhergehen können. Das Lied an die Weide und das Ave Maria, auch ihre Abschiedsworte: das war ergreifendes, großes Kino: als Tod einer Frau, deren seltsamer „Fehler“ darin bestand, allzu blond und rein zu sein und zu denken. Ergreifend: das ist auch der Otello des Ray M. Wade. Sind dem sympathischen Sänger auch aufgrund seiner massiven Statur manch szenische (nicht alle!) Bewegungen unmöglich – die Regie sollte ihn, schon aus stimmlichen Gründen, niemals sanft zu Boden und in den Schoß einer Bühnengeliebten gleiten lassen -, so erfüllt er die Partie mit stets erfülltem Ausdruck. Die Möglichkeiten seines Heldentenors reizt er dort aus, wo sie gefordert sind: zuerst im „Esultate“, dann im verzweifelten Abschied von einstigem Ruhm. Die baritonale Basis, die der Otello im Grunde besitzen muss, stehen Wade, bis zum lamoryanten letzten Addio, ebenfalls zu Gebote. Mit anderen Worten: Wer nach Dessau reiste, um diesen fein nuancierenden, über gewaltige Mittel verfügenden Sänger zu erleben, der doch das Lyrische kann und liebt, wurde nicht enttäuscht.

Riesenbeifall also für eine gute Produktion des packenden Stücks.

Frank Piontek, 18.9. 2017

Fotos: Claudia Heysel

 

 

SAMSON ET DALILA

Premiere: 3.6. 2017

Einfach wundervoll

Camille Saint-Saëns, dieser wohl immer noch unterschätzte Komponist schönster Musik, hat sich mit besonderer Zuneigung auf der Bühne und in seinen Vokalkompositionen den antiken Stoffen zugewandt. Dass er seine erste Große Oper einem biblischen Bericht abgewann, ist dagegen eher ein Zufall. Auch sollte Samson et Delila zunächst in Gestalt eines Oratoriums auf die Welt kommen; das Bühnenwerk trug denn auch in seiner vollendeten Gestalt stark oratorische Züge – so wie umgekehrt Händels Oratorien und Bachs Passionen heute bisweilen in szenischer Gestalt auf die reale Bühne kommen. Was den Komponisten am Stoff wohl am ehesten interessierte, war die Möglichkeit, die Partitur exotistisch anzureichern; seit 1873 war er ja auch mit dem geliebten Algerien vertraut. Der dramatische Konflikt zwischen Hebräern und Philistern, zwischen dem starken Mann und der Femme fatale: das war das andere Element, das mit gläubiger Bibeltreue nicht verwechselt werden sollte. Kein Wunder, dass die beliebtesten Einzelstücke der Partitur nicht die oratorischen Chöre, sondern das Bacchanale und das schöne „Liebesduett“ der ebenso schönen wie fatalerweise bezaubernden Titelheldin blieben.

Wer die konzertante Aufführung des Anhaltischen Theaters Dessau besucht hat, konnte erfahren, dass das Stück, das übrigens in der Nähe Dessaus, nämlich in Sachsen-Weimar, nicht in Paris uraufgeführt wurde, aus weit mehr als zwei „Schlagern“ besteht. Hier gilt, was Arnold Schönberg einmal sagte: „Bei den großen Meistern gibt es keine 'schönen Stellen' – es gibt nur schöne Werke“. Schon der Schluss des ersten Akts reicht in zauberischer Intensität an das Duett heran – in Dessau verklingt es einfach wunderbar, weil die Anhaltische Philharmonie Dessau unter der Leitung der Kapellmeisterin Elisa Gogou den echten Saint-Saëns mit seinen stilistischen Anklängen an die Musik der „Alten“ (Mendelssohn, Händel, sogar Bach) wie mit seinen originellen und exotistischen Kunststücken sehr subtil ins Heute bringt. NB: Saint-Saëns kannte und schätzte Wagner, aber er war kein Wagnerianer. Und doch hört man – das ist sehr reizvoll - gelegentlich einen einzelnen Akkord, der geradewegs aus dem „Tristan“ oder der „Walküre“ ausgeschnitten sein könnte. Beim Bacchanal aber und besonders beim Opfergesang für den Philistergott Dagon erlebt man pure Zukunftsmusik: das Orchester spielt das wilde Stück „Gloire à Dagon vainqueur“, das wie ein Vorschein der genialen Filmmusik Maurice Jarres zu „Lawrence of Arabia“ klingt, mit Lust und aufpeitschender Eleganz. Kein Wunder, dass die relativ wenigen Zuhörer an diesem Pfingstsamstag am Ende sehr stürmisch und sehr lang applaudierten.

Es liegt an der Musik selbst, doch vor allem an den Sängern. Wer immer es bedauert, dass Saint-Saëns' Meisterwerk hier nicht szenisch gebracht wird, mag sich den oratorischen Charakter der Akte 1 und 3 und die Möglichkeiten einer brutalistischen Regie vergegenwärtigen. Das Drama wird durch die Musik, ja durch die Sänger gemacht; in einer konzertanten Aufführung merkt man es erst richtig. Bevor nun aber der Opernfreund in den Verdacht gerät, ein pauschaler Gegner des sog. Regietheaters zu sein, kann er darauf hinweisen, dass die Partitur dieser Oper von besonderer Kostbarkeit ist und in der konzertanten Aufführung mit allen impressionistischen Orchesterfarben und -details und allen stimmlichen Nuancen optimal gewürdigt und gebracht werden kann. Mit Rita Kapfhammer und Ray M. Wade, Jr. steht denn auch ein ganz wunderbares Paar auf der Bühne: ein vokales „Traumpaar“, das vergessen lässt, das die schöne Frau zu den ganz wenigen – pardon für den Jargon - „Schlampen“ der Oper zählt, die den „Helden“ ohne jeglichen Skrupel, doch stattlich ausgerüstet mit den Waffen einer Frau, ins Verderben stürzt. Oder ist sie eine Widerstandskämpferin im Kampf gegen einen Gegner, dessen monotheistische Anmaßung nicht zurecht mit allen Mitteln bekämpft werden muss? Repräsentiert Dalilas Stärke nicht ein legitimes Mittel im Kampf gegen die Hebräer, die unbegreiflicherweise nicht einsehen wollen, dass es in der Antike nicht nur einen, sondern 1000 Götter gibt?

Der glückliche Opernfreund muss sich diese ideologiekritischen Fragen nicht stellen, denn Rita Kapfhammer überwältigt auch ihn durch ihre dunkle Stimme – die Stimme einer feinfühligen Dame, nicht einer schrillen Circe, Kein Wunder, dass Samson über weite Strecken nur „Dalila! Dalila! Je t'aime“ stammeln kann... Wunderbar, mit welchem edlen und vitalen Timbre sie in die Verführung einsteigt; das Terzett und der Schluss des ersten Akts gehören ab „Printemps qui commence“ zu den Höhepunkten der Aufführung, die keine Tiefpunkte aufweist. Schon die lyrische Zärtlichkeit, mit der der erste Akt ausklingt, ist, nicht zuletzt dank des Orchesters, das Eintrittsgeld wert. Thomas Mann hat in seinem „Doktor Faustus“ den Gesang der Dalila des Duetts beschrieben, als habe er Rita Kapfhammer gehört: er „war wundervoll in seiner Wärme, Zärtlichkeit, dunklen Glückesklage“. Ita est.

Ray M. Wade, Jr. ist das, was man als sensibel bezeichnet. Er kann alles: hymnisch tönen – und delikat gestalten. Hier die „Röhre“ beim patriotischen Lobpreis Gottes, dort die Schönheit, mit der er zusammen mit der Geliebten den Zwiegesang des zweiten Akts macht und noch im katastrophalen Schlussbild keinen Zweifel daran lässt, dass dieser Samson ein gefallener Herkules ist. Wade, Jr. ist ein Heldentenor mit lyrischen Spitzen, nein – ein lyrischer Tenor mit einer kraftvollen Basis und Höhe. Auf jeden Fall ersingt er sich mit seiner vollkommenen Rollengestaltung die Liebe des Publikums, das keine Szene benötigt, um vom politisch inspirierten Liebesdrama gebannt zu sein. Dritter im unheilvollen Bund ist der Oberpriester des Dagon, also der Bariton neben dem Tenor und dem Mezzo, in diesem Fall Ulf Paulsen, der mit erregt zitternder Stimme die hasserfüllten Exaltationen des Repräsentanten des heidnischen Gottes vehement heraussingt. Mit Dominic Barberi steht daneben ein erstrangiger Bass auf der Bühne, der bei seinen kurzen Auftritten als Abimélech (der glücklich erschlagene Satrap des philiströsen Gaza) und als „ein alter Hebräer“ (die vergebliche Stimme der Warnung vor den Reizen des feindlichen Weibes) schlichtweg begeistert.

Am Anfang aber hören wir den Opernchor des Anhaltischen Theaters, einstudiert von Sebastian Kennerknecht. „Damson et Dalila“ ist in den Außenakten eine Chor-Oper; hier darf der Anhaltische Opernchor zeigen, wofür er bezahlt wird. Also: ein voller Erfolg, der unter der Leitung von Elisa Gogou die Saison glanzvoll abschloss. Oder, um es mit Thomas Manns Erzähler Serenus Zeitblom zu sagen: einfach „wundervoll“.

Frank Piontek, 5.6. 2017

Foto (c) Anhaltisches Theater Dessau

 

 

 

DER TROUBADOUR

Premiere Dessau 22.01.2016 – Wiederaufführung am 21.06..2017

Die Musik begeistert wie vor über 100 Jahren

Erstmals bin ich nach Dessau ins Anhaltische Theater gefahren und ich muss zugeben, dass es sich gelohnt hat. Mit einer größeren Gruppe waren wir in den „Elbterrassen zu Brambach“ untergebracht, ein herrliches Ambiente, vorzügliches Essen und ein Kaiserwetter wie aus dem Bilderbuch, was will man mehr. Dass wir uns noch die Wörlitzer Anlagen angesehen und mit einer längeren Bootsfahrt gekrönt haben, war ein Highlight dieser Fahrt. Und noch etwas mussten wir feststellen, es gibt in Dessau so viel zu sehen und zu erleben, dass man unbedingt öfter hinfahren muss, um alles in sich aufzunehmen. Am Spätnachmittag gingen wir dann zum nächsten Highlight, der Wiederaufnahme von Giuseppe Verdis „Der Troubadour“ und diese Wiederaufnahme vom letzten Jahr wurde begeistert aufgenommen. Die Besetzung war praktisch dieselbe, nur der Manrico wird in dieser Aufführungsreihe anders besetzt, aber dazu komme ich später.

An der etwas verworrenen Handlung des „Troubadours“ hat sich nichts geändert und man braucht etwas Zeit um durchblicken. Die herrliche Musik Verdis und die schönen Stimmen in Dessau, versüßen einem aber die Handlung. In Kurzform (was sehr schwierig ist) lässt sich die Oper wie folgt zusammenfassen. Graf Luna hat sich in die Hofdame Leonora verliebt und will sie für sich gewinnen. Er befürchtet, dass ein geheimnisvoller Mann, Manrico, der ihr Ständchen bringt, sie ihm wegnehmen könnte. Die Geschichte erzählt dass der Graf, dessen Sohn Luna ist, noch ein zweites Kind hat. Eine Zigeunerin hatte den beiden Kindern die Zukunft vorausgesagt, wurde für eine Hexe gehalten und verbrannt. Im Sterben bittet sie ihre Tochter Azucena sie zu rächen. Azucena raubte daraufhin einen der Grafensöhne und wollte ihn verbrennen, warf aus Versehen aber ihr eigenes Kind in die Flammen. Manrico wird von ihr daraufhin als ihr Sohn aufgezogen. Manrico und Luna sind Todfeinde, durch die Liebe zur selben Frau noch mehr. Azucena quälen die Erinnerungen an die Vergangenheit und sie will nur eines: Rache. Bei einer Belagerung wird Azucena gefangengenommen und soll auf dem Scheiterhaufen hingerichtet werden. Ihr mutmaßlicher Sohn Manrico will sie retten, wird aber gefangengenommen und soll am nächsten Tag ebenfalls hingerichtet werden. Leonora bittet Luna um das Leben Manricos und verspricht sich ihm dafür hinzugeben. Gleichzeitig nimmt sie Gift um dem Grafen zu entgehen. Leonora, vom Tod gezeichnet kommt in den Kerker um Manrico die Botschaft seiner Freilassung zu überbringen. Zuerst glaubt er ihr nicht, als er aber das Opfer erkennt, dass sie für ihn gebracht hat, verzweifelt er. Luna hat alles mitbekommen und lässt Manrico hinrichten, der neben der toten Leonora niedersinkt. Azucena enthüllt Luna nun die schreckliche Wahrheit: „Er, den Du getötet hast, war Dein Bruder. Sie bricht mit den Worten: „Gerächt habe ich Dich o Mutter“ zusammen.

Der große Tenor Enrico Caruso hatte einmal erklärt, dass man für eine erfolgreiche Aufführung des „Troubadour“ nur die vier besten Sänger der Welt brauche. Und an dieser Aussage hat sich bis heute nichts geändert. Und Dessau kommt schon verdammt nahe an diese Aussage heran. Inszeniert wird die dramatische Mär von Rebecca Stanzel uns sie tut dies einfach und schnörkellos. Es wird nichts hineingedeutet, die blutige Geschichte wird stimmig erzählt. Ein eigentlich spartanisches, aber dennoch beeindruckendes Bühnenbild und zurückhaltende Kostüme werden von Markus Pysall beigesteuert. Die einzigen Requisiten sind eigentlich Autoreifen in allen Variationen, die eigentlich für alles dienen. Na gut, mein Geschmack ist es zwar nicht so, aber es stört nicht weiter – und das ist heutzutage schon viel. Alles ist nüchtern und zweckgebunden und lenkt daher das Auge (und das Ohr) des Betrachters auf das eigentlich ausschlaggebende, die Musik. Videoeinspielungen von Barbara Janotte sorgen für weitere Stimmung, meist düster und beeindruckend.

Am Dirigentenpult steht Wolfgang Kluge und er macht seine Sache sehr gut. Er führt die Anhaltische Philharmonie Dessau mit starker, kräftiger und zupackender Hand, ist aber auch in der Lage, die Wogen des Orchesters bei den ruhigeren Gesangspassagen sängerfreundlich etwas zurückzunehmen. Der Opernchor des Anhaltischen Theaters Dessau, verstärkt durch den Extrachor des Anhaltischen Theaters Dessau wird von Sebastian Kennerknecht geleitet. Er hat ihn gut einstudiert, der Chor ist immer präsent, ausdrucksstark, kraft- aber auch gefühlvoll. Auch hier eine Leistung, die mehr als zufriedenstellt.

Rita Kapfhammer - Chor

Als Leonora erlebt man Kammersängerin Iordanka Derilova. Die in Sofia geborene Ausnahmesängerin ist seit 2003 eine der Stützen in Dessau. Ihr kraftvoller durchschlagskräftiger Sopran kostet alle Noten aus, leidenschaftlich und mit hochdramatischem Ausdruck, den sie jedoch auch zurücknehmen kann, singt sie nicht nur die Leonora, sondern sie lebt sie. Darstellerisch schöpft sie aus ihrer reichen Erfahrung und gestaltet die Partie in allen Nuancen. Eine nicht nur überzeugende, sondern eine beeindruckende Leistung. Darstellerisch kann ihr nur eine noch das Wasser reichen und das ist die in Bad Tölz geborene Mezzosopranistin Rita Kapfhammer. Bei ihr weiß man, warum die Oper eigentlich „Azucenas Rache“ heißen sollte. Ihre farbenreiche, tiefe und dunkle Stimme, die sie in allen Facetten erstrahlen lassen kann, lässt zuweilen Schauer über den Rücken kriechen. Sie verkörpert die Zigeunerin so intensiv, dass man den Eindruck hat, die gequälte und vom Schicksal getriebene ist sie tatsächlich. Eine exzellente Leistung, die auch vom Publikum, wie für das ganze Ensemble, honoriert wird. Völlig unangestrengt, endlos kraftvoll, alles durchdringend und mit einem durchhaltungsfähigen und ausdrucksstarken Prachtbariton weiß der in Bremervörde bei Hamburg geborene Kammersänger Ulf Paulsen, der seit 2001 in Dessau angestellt ist, in jeder Weise zu überzeugen. Auch darstellerisch lässt er keine Wünsche übrig und im Zusammenspiel mit Iordanka Derilova merkt man die jahrelange Zusammenarbeit, die die beiden sich fast blind verstehen lässt.

Neu in der Wiederaufnahme ist der aus Texas stammende Tenor Ray M. Wade jr., der den Manrico gibt. Am Anfang etwas zurückhaltend, steigert er sich im Verlauf der Oper immer mehr und kann auch gestalterisch punkten, wenngleich er da noch ein bisschen zulegen kann. Sein warmer, geschmeidiger und hell timbrierter Tenor weiß mit kraftvollem Forte und leuchtenden Spitzentönen, wie auch mit dem Zurücknehmen der Stimme für sich einzunehmen. Insgesamt stehen hier vier ausgezeichnete Vertreter ihrer Gattung auf der Bühne, eine der Hauptvoraussetzungen um „Il trovatore“ zu einem Erfolg werden zu lassen. Erfreulich ist auch, dass es bei den kleineren Partien keinen Ausfall gibt, dass alle sorgfältig ausgewählt worden sind und ihre Partien ausfüllen und damit zum Erfolg der Aufführung maßgeblich beitragen. Als Inez weiß sich Gerit Ada Hammer in Szene zu setzen, als Ferrando hat Dominic Barberi keine Probleme, als Ruiz und als Bote ist David Ameln an diesem Spätnachmittag auf der Bühne präsent und Cezary Rotkiewicz kann dem alten Zigeuner Gestalt verleihen.

Ein beeindruckender Troubadour in einem wunderschönen Theater, in einer Stadt, welche viele Schönheiten zu bieten hat, was will man eigentlich noch mehr. Für mich ist klar, dass dies nicht der einzige Besuch in Dessau bleiben wird.

Manfred Drescher, 29.06.2017  

Fotos 1 bis 3 Claudia Heysel, Foto 4 Der Opernfreund

 

 

LADY HAMILTON

Besuchte Aufführung am 08.04.17 (Premiere am 27.01.17)

Eine Frau will nach Oben

TRAILER

Einige Gründe sprechen für die Wiederaufnahme von Eduard Künnekes Operette "Lady Hamilton" in den Dessauer Spielplan, erstens ist die Musik von Künneke hervorragend komponiertund besitzt echte Ohrwürmer, der Komponist schätzt es unter seinen eigenen Werken selbst relativ hoch ein; zweitens ist die Geschichte der Emma Hamilton interessant, weil sich eine Frau von der Spelunkentänzerin gegen ihre Liebe zu einem hübschen spanischen Seeoffizier entscheidet, dafür durch ihre Ehe mit Lord Hamilton in die höchsten englischen Kreise begibt, später eine Affäre mit dem Seehelden Lord Nelson beginnt; drittens weil das Ehepaar Hamilton wahrscheinlich auf seinem Lebensweg auch die Stadt Dessau streifte, zumindest gibt es im Wörlitzer Schlosspark eine Villa Hamilton, in der sie sich aufhielten, außerdem gibt es eine wunderschöne Englische Rose "Lady Emma Hamilton", doch das nur nebenbei.

Unterhaltung und Operette war schon zu seinen Wuppertaler Zeiten "Chefsache" für Intendant Johannes Weigand, das er für das schwere "leichte Genre" ein Händchen besitzt und Operette ernst nimmt , weiß man daher. So lädt auf der großen Dessauer Bühne die Operette mit drei Stunden Spieldauer zu einem großen Abend ein. Die Geschichte Emma Hamiltons wird mit hervorragend gestalteten Dialogszenen voller Humor und dem nötigen Augenzwinkern vor den Zuschauern ausgebreitet, die weitgehend unbekannte Musik von der Anhaltischen Philharmonie Dessau unter Elisa Gogou schmissig serviert. Moritz Nitsches Bühnenbilder geben den Augen das nötige Futter, die englische Spelunke ist vielleicht etwas sauber, die englische Botschaft in Neapel besitzt den großen Schwung italienischer Sujets der Zeit, sehr schön das Zitat der Wörlitzer "Villa Hamilton", ganz bezaubernd die schlichte, effektvolle Lösung für die Szene auf dem Schiff Lord Nelsons. Judith Fischer entwarf dabei die weitgehend historischen farbenfrohen Kostüme oder passend zu Künnekes Musik den Schuss Zwanziger Jahre. Wie bereits geschrieben, weiß Regisseur Weigand die Figuren glaubhaft zu bewegen, ihnen den rechten Schuss "Operette" mitzugeben, der den Abend nie langweilig werden läßt. Einzig die Choreographie von Joe Monaghan wirkt etwas einfallslos und lkönnte mehr Schwung gebrauchen. Schön wäre es auch die Gesangstexte als Obertitel einzublenden, da das gesungene Wort bei den durchaus witzigen Texten nicht immer verständlich ist.

Eine Operette braucht eine Operettendiva: mit Cornelia Marschall als Emma Lyons/Hamilton steht eine auf der Dessauer Bühne, man könnte sie eine anhaltische Fritzi Massary bezeichnen, da ist nicht alles perfekt, das heutige Schönheitsideal (Magerkotelette) steht nicht auf der Bühne, aber sie hat die nötige Bühnenpräsenz, viel Charme und das gewisse "Je ne sai quoi", dazu eine musikalische Gestaltungskraft. kann Pointen setzen und weiß, wann es Zeit für das rechte Gefühl ist. Ihr erster ist der spanische Seeoffizier Don Alfredo Bartos: Rodrigo Porras Garulo bringt das gute Aussehen eines "Latin Lovers" mit und kann mit schönem tenoralem Schmelz aufwarten; ihr zweiter Sir William Hamilton: Karl Thiele zeigt britische Trockenheit und weiß das rechte Maß zwischen leichter Buffonerie wie echter Darstellung zu finden, ihr dritter ist schließlich Kapitän Horatio Nelson: Stephan Kordes weist in der Sprechrolle alle Attribute des reifen , attraktiven Seehelden auf. Ganz hervorragend das Buffotrio David Ameln als Buffotenor Lord Percy Harwich, der Maler George Romney gespielt von Alexander Nikolic und die bezaubernde Annika Boos, die weiß wie man als Kitty Grant die Männer um den Finger wickelt. Unter den vielen Nebenrollen, die ganz großartig aus der Chorriege bestzt sind, sticht Christel Ortmann als Vertraute und Zofe Mary Ann noch besonders durch charaktervolle Gestaltung hervor. Der Opernchor unter Sebastian Kennerknecht hat seh-und hörbar Spaß an seinen Gesangs-, Spiel- und Tanzaufgaben.

Wer unbekannte, klassisch gespielte Operette sehen möchte, sollte unbedingt die "Lady Hamilton" in Dessau nicht verpassen, die Fahrt lohnt, die Freude liegt dann ganz bei Kritiker und Publikum. Ein wirklich schöner Abend.

Martin Freitag 15.5.2017

Fotos von Claudia Heysel 

 

 

 

Zum Zweiten

CAVALLERIA RUSTICANA / A SANTA LUCIA

Besuchte Aufführung am 09.04.17

(Premiere am 01.04.17)

Interessante Ausgrabung

Intendant Johannes Weigand hatte schon in Wuppertal ein Händchen für die unausgetretenen Pfade des Musiktheaterrepertoires, eine Devise , der er auch als Intendant des Anhaltischen theaters in Dessau treu bleibt. So gab es neben dem bekannten Publikumsrenner "Cavalleria rusticana" von Pietro Mascagni, nicht den ewigen "Zwilling" "Pagliacci" zu sehen , sondern den vergessenen Einakter "A Santa Lucia" von Pierantonio Tasca, der sich nur in sehr ausgiebigen Opernführern findet. Das Werk gehört ebenso zum Umfeld des Verismo, spielt in Neapel an dem Strand "Santa Lucia" und handelt um eine alleinerziehende Frau (in dieser Zeit!) , die in den Konflikt zwischen eine eifersüchtige Nebenbuhlerin und ihren Geliebten gerät, durch Verleumdung sieht er in seinem eigenen Vater den Rivalen, das Ganze endet natürlich letal. Tascas Musik klingt sehr gefällig mit kurzen Melodiebögen und viel "couleur locale" durch Mandolinenklänge, Volksgetümmel und napolitanischen Volksmusikklang, eine sehr geschickt gemachte Oper, die allerdings nicht ganz die Originalität des Mascagni- Werkes erreicht. Uraufgeführt wurde das Stück 1892 im Kroll-Theater in Berlin. Das Berliner Publikum war durch die Mascagni-Oper im Verismo-Rausch, zumal die große Diva dieser Zeit, Gemma Bellinconi, mit einer Uraufführung ihr großes Gastspiel würzte. Damals ein sehr großer Erfolg mit über einhundert Wiederholungen, heute eben vergessen.

Holger Potocki versucht in der Dessauer Inszenierung ein Klammer für beide Werke zu finden: in der Cavalleria baut ihm Lena Brexendorff ein ansprechend tristes Hafenbild, während Katja Schröpfers dunkle Kostüme ganz zu Inszenierung im Stil der italienischen Neorealismus passen, das funktioniert ganz prima, so entsteht eine werkdienliche Inszenierung, beim zweiten Stück merkt man dann die "Klammer", denn beide Handlungen finden im Kopf der neurotischen Hauptfigur Santuzza/ Rosella statt. Doch kein "Neorealismo" sondern eine bonbonfarbene Idylle mit Gartenzaun und -Luftballons grundieren das eigentliche "Fischerstück", kein Hafen oder pseudoitalienische Folklore bilden die Folie für die Tasca-.Oper. Lediglich die Figuren finden mit teilweise getauschten Frisuren und Haarfarben zu einem neuen Spiel in Kopf der Protagonistin zusammen, was durch eine Videosequenz unterstrichen wird. Doch so ganz überzeugt das Konzept nicht, das Schliessen des visuellen Bogens wirkt bemüht.

Um so mehr bleibt die musikalische Aufführung haften, vielleicht nicht ganz das eher zweckdienliche Dirigat von Markus L, Frank, der die Anhaltische Philharmonie zu einem Soundtrack anheizt, da wünscht man sich manches Detail weniger grob, sondern mit feinerem "Pinsel" koloriert, sondern vor allem das Sängerensemble mit lauter Stimmen , die in Saft und Kraft stehen, manch` ein größeres Haus könnte da neidisch werden. Iordanka Derilova ist da an erster Stelle zu nennen, ein Sopran erster Güte mit schönem Eigentimbre und einer schier unendlichen Farbpalette an Gestaltung, ihre Santuzza/ Rosella allein lohnt schon die Anfahrt, einfach klasse! An ihrer Seite mit voluminösem Tenor voller Gefühl und dem nötigen Schmelz ohne Schmalz Ray M. Wade jr., ein rechter italienischer Spinto-Tenor mit angenehmer dramatischer Attacke und der nötigen gefühlvollen Rücknahme. Ulf Paulsens Alfio/ Totonno ist zwar mit prachtvollem Bariton gesegnet, doch von deutlich monochromerer Farbgebung, den "Vater" Totonno nimmt man ihm in dieser Inszenierung nicht ab, eher den Nebenbuhler. Cornelia Marschall gefällt mit angenehmem Mezzo als Lola, wie als treuherzige Concettina. Sehr ansprechend die charaktervolle Rita Kapfhammer in der Cavalleria als Mama Lucia, bei Tasca dann als boshafte Gegenspielerin Maria mit herrlich zynischen Tönen. Die Nebenpartien sehr adäquat besetzt, besetzt, besonders Leni Cosima Berg als uneheliches Kind Rosellas hinterläßt einen positiven Eindruck. Chor , Extrachor und Kinderchor tragen ebenfalls zum guten Gelingen der Vorstellung bei

Insgesamt ein bischen Licht und Schatten, wobei das vokale Licht den Abend überstrahlt, für neugierige Opernfreunde allemal ein lohnende Fahrt ins Unbekannte, die man mit einer Besichtigung von Dessaus Bauhaus oder der Wörlitzer Gärten noch zusätzlich steigern kann. 

Martin Freitag 10.5.2017

Bilder siehe unten !

 

 

 

„Cavalleria rusticana“ von Pietro Mascani

„A Santa Lucia“ von Pierantonio Tasca

Premiere: 01.04.2017

Trüffelfund in Dessau

Lieber Opernfreund-Freund,

abseits gewohnter Spielplanpfade bewegt sich erneut das Anhaltische Theater in Dessau und hat zusammen mit Mascagnis „Cavalleria rusticana“, die seit ihrer Uraufführung 1890 bis heute zu einer beim Publikum beliebtesten und wohl deshalb meist gespielten Opern gehört , die Ausgrabung „A Santa Lucia“ von Pierantonio Tasca präsentiert und diesem musikalischen Kleinod damit zur ersten Aufführung seit mehr als 100 Jahren verholfen.

Das Werk wurde 1892 im Rahmen einer Tournee der damals außerordentlich erfolgreichen Sopranistin Gemma Bellincioni, die die Santuzza der Uraufführung von Mascagnis „Cavalleria“ gewesen war, am Krolltheater in Berlin uraufgeführt und in der Folge an Theatern in ganz Europa rund 100 mal gezeigt. Mit dem Bühnenabschied der Sängerin, die sich gleichsam als Geburtshelferin zahlreicher, dem Verismo-Stil verpflichteter Opern verdient gemacht hatte, von denen einem heute allenfalls Giordanos „Fedora“ noch etwas sagen dürfte, versank auch Tascas Werk in der Versenkung. Die Sujets der beiden jeweils gut eine Stunde dauernden Opern haben nur bedingt Parallelen. Tascas „A Santa Lucia“ auf der Grundlage des Schauspiels von Goffredo Cognetti erzählt die Geschichte des neapolitanischen Fischers Ciccillo und der in armen Verhältnissen lebenden Rosella, die ein gemeinsames Kind haben, zu dem sich Ciccillo aber nicht bekennt. Der war schon als Kind mit der aus wohlhabenderen Kreisen stammenden Maria verlobt worden, die von Eifersucht zerfressen ist und versucht, einen Keil zwischen das Paar zu treiben. Als Ciccillo für ein Jahr auf Seefahrt geht und sein Vater Totonno Rosella bei sich aufnimmt, sich in sie verliebt und dies ausgerechnet Maria gegenüber erwähnt, berichtet diese Ciccillo direkt nach dessen Rückkehr vom angeblichen Verhältnis seines Vaters und seiner Geliebten. Ciccillo bezichtigt Rosella der Untreue, verstößt sie und treibt die Verlassene dadurch in den Selbstmord. In beiden Werken geht es, eingebettet in volksnahes Milieu, um Eifersucht mit tragischem Ausgang, um aus der Gesellschaft ausgegrenzte Frauen, die auf Liebe hoffen und um Rache durch Denunziantentum. Doch während Santuzza noch auf ein Glück mit Turridu hofft, hatte Rosella dieses mit Ciccillo gefunden, auch wenn der sie nicht heiraten kann.

Regisseur Holger Potocki findet für seine überzeugende Interpretation dennoch einen ganzheitlich verbindenden Ansatz. Er siedelt die Handlung in nahezu zeitloser, trist gehaltener Kulisse einer Mole am Hafen an. Alle sind in Schwarz und Grau gehüllt, die Tristesse ihres Daseins wird scheinbar nur von ihrer Religion und ihrem Glauben erhellt, denn der Klerus kommt in Rot daher. Rot ist auch das Haar von Lola, die blonde Santuzza wird von der Gemeinschaft als ledige Schwangere ausgegrenzt. Sie muss deshalb unbedingt erreichen, dass Turridu sie nimmt, statt sich wieder seiner Geliebten zuzuwenden. Als dies nicht gelingt, verrät sie Alfio von den Eskapaden seiner Frau, wird verrückt und träumt das fatale Ende. Verlassen und dem Wahn verfallen, sieht sie ihr Heil nur im Freitod. Der Bühnenaufbau in Tascas Werk ist zu Beginn offener (Bühne: Lena Brexendorff), auch die wunderbaren bonbonfarbenen Kostüme von Katja Schröpfer sind lebensbejahend. In die heile Welt der improvisierten Familie von Ciccillo und seiner rothaarigen Rosella, kommt die Ausweglosigkeit erst durch die Intrigen der blonden Maria. In den Intermezzi, die es in beiden Werken gibt, verwandelt sich die Protagonistin in Videoeinspielungen, für die Markus Schmidt verantwortlich zeichnet, in die jeweilige Rivalin: die blonde Santuzza wird rothaarig, die rothaarige Rosella blond. So schließt sich der Kreis auch im eindrucksvollen Schlussbild von „A Santa Lucia“, das dem Blick auf die Szenerie der „Cavalleria rusticana“ gleicht, als sich am gestrigen Abend erstmals der Vorhang gehoben hatte. Dem zwischen den Szenen von Scheinwerfern geblendetem Publikum wird während des ganzen Abends eine Art Diashow präsentiert, ein Kaleidoskop der menschlichen Begehrlichkeiten, mit allen Zutaten, die die Suche nach Liebe und die Enttäuschung derselben mit sich bringen kann. Ein szenisch eindrucksvoller Abend mit Wow-Effekt.

„Wow“ ist auch die künstlerische Umsetzung. Das Ensemble des Anhaltischen Theaters braucht sich am gestrigen Abend nicht vor großen Häusern verstecken. Ganz ohne Gäste stemmt das hauseigene Team diese beiden Werke, allen voran die beiden Damen Iordanka Derilova und Rita Kapfhammer. Kammersängerin Derilova ist eine Sängerdarstellerin erster Güte, überzeugt als Santuzza mit großem Ausdruck in deren Ausbrüchen und gibt die Verzweifelte ebenso enthusiastisch wie die lieblichere Rosella in Tascas Werk, als die sie auch zu großen Lyrismen fähig ist. Rita Kapfhammers voller Mezzo klingt für Mama Lucia fast ein wenig jung. Bei Holger Potocki im Rollstuhl sitzend, muss sie sich bei ihrer Darstellung auch ganz auf die kleine Geste und ihre ausdrucksvolle Mimik verlassen. Zu Höchstform auflaufen kann sie dagegen als intrigante Maria, zeigt schneidend-eindrucksvolle Höhen genau so wie Angst einflößende Bruststimme. Seit dieser Spielzeit neu im Ensemble ist Ray M. Wade jr., den ich schon vor Jahren öfter in Köln habe erleben dürfen. Gestern brillierte er mit sattem Schmelz und sicherer Höhe, gab den Turridu wild entschlossen und den Ciccillo säuselnd-verliebt und zeigte so alle Facetten seines reichen Tenors. Kammersänger Ulf Paulsen schien sich im Werk Tascas wohler zu fühlen. Der auf Liebe hoffende Austernfischer Totonno liegt ihm und seinem edel klingenden, satten Bariton auch mehr als der Haudegen Alfio in Mascagnis „Cavalleria“. Cornelia Marschall stand mit großer Spielfreude und farbenreichem Sopran parat und war als kokette Lola und mitfühlende Freundin Concettina zu erleben. Cezary Rotkiewicz fiel da mit eher dünnem Bass als Intrigant Tore ein wenig ab, während David Ameln seinen feinen Tenor leider nur kurz als Fischer hören lassen durfte.

„Cavalleria rusticana“ ist eine ausgesprochene Choroper und auch in Tascas „A Santa Lucia“ ist die Chorpartie umfangreich. Die von Sebastian Kennerknecht genau vorbereiteten Damen und Herren überzeugen da wie dort und machen den Abend klanglich zu einem ausgewogen-runden Erlebnis. Der von Dorislava Kuntscheva betreute Kinderchor tut ein Übriges dazu, dass der Abend vollends gelingt. Nicht unerwähnt bleiben soll auch die hinreißende kleine Lenia Cosima Berg, die das Kind Rosellas allerliebst verkörpert. Aus dem Graben tönt es durchaus italienisch. GMD Markus L. Frank spielt beschwingt auf und spornt die Anhaltische Philharmonie Dessau zu Höchstleistungen an. Dabei trumpft er bisweilen so wuchtig auf, dass er da und dort die Sänger übertüncht. Er zeigt jedoch im stellenweise fast sinfonisch angelegten Mascagni so viel Prägnanz wie Gefühl und vermittelt in Tascas Oper durch die eingewebten Tarantella-Rhytmen und Mandolinenklänge stimmungsvoll neapolitanisches Lokalkolorit. Das Werk von Pierantonio Tasca verfügt über schillernde Melodien und gefühlsbetonten Ausdruck, kommt durch immer währende Takt- und Harmoniewechsel allerdings nicht so sehr in Fluss und erscheint deshalb nicht so aus einem Guss wie der vielleicht deshalb bis heute erfolgreichere Mascagni. Dennoch ist „A Santa Lucia“ eine durchaus hörens- und erlebenswerte Oper, das ich mir gerne öfter auf den Spielplänen wünsche.

Dem Publikum in Dessau ging es am Ende wohl ähnlich, regelrecht begeistert sind selbst die Zuschauer, die während der Aufführung ihrem Störgefühl über die Lichtblendungen mitunter noch murmelnd und ächzend Gehör verliehen hatten, und zollten allen Beteiligten ausgiebig Applaus. Zu Recht! Genießen Sie diese Symbiose aus bewährtem Gassenhauer und wiederentdecktem Schatz noch bis in den Juni hinein, lobenswerterweise ausnahmslos an Sams- und Sonntagen, so dass sich auch ein Besuch von auswärts lohnt, den sie im herannahenden Frühling gut mit einer Stippvisite im Gartenreich Dessau-Wörlitz verbinden können, zu der ich mich jetzt selbst begebe.

Ihr Jochen Rüth / 02.03.2017

Die Fotos stammen von Claudia Heysel.

 

 

 

Bewegender Doppel-Bartók in Dessau

„Der wunderbare Mandarin“ und „Herzog Blaubarts Burg“

29.04.2016

 

Lieber Opernfreund-Freund,

eine naheliegende aber dennoch nicht alltägliche Kombination von Tanz- und Musiktheater hatte gestern am anhaltischen Theater in Dessau Premiere. Der nicht abendfüllenden Oper „Herzog Blaubarts Burg“ von Béla Bartók wird dabei die Tanzpantomime „Der wunderbare Mandarin“ vom gleichen Komponisten voran gestellt. Die beiden Werke sind mit ungefähr 15 Jahren Abstand entstanden und beide eint neben dem im weitesten Sinne märchenhaften Stoff das Schicksal, dass sich erst kein Theater zur Uraufführung finden wollte. Bezeichnenderweise wurde der „Mandarin“ bei seiner Uraufführung 1926 schon zusammen mit dem „Blaubart“ präsentiert - seinerzeit aber nach der Oper.

Die Tanzpantomime handelt von einem Mädchen, das von drei Strolchen gezwungen wird, Männer anzulocken, damit sie diese ausrauben können. Nach einem mittellosen und einem unbedarften jungen Verehrer, die beide keinen Überfall lohnen, nähert sich ein unheimlich, fast mystisch wirkender Mandarin. Das Mädchen umgarnt ihn und die Bösewichte wollen ihm nach dem Raub das Leben nehmen. Jedoch scheitern ihre Versuche, ihn zu ersticken, zu erdolchen und zu ertränken. Der Mandarin kann nicht sterben, die Liebe zu dem Mädchen scheint ihn am Leben zu halten. Erst als das Mädchen sich ihm hingibt, vermag er, gleichsam erlöst, zu sterben. Das Stück hat Bartók mit ausgesprochen facettenreichem Klang ausgestattet, der bisweilen stark spätromantisch klingt und doch an manchen Stellen beinahe ein wenig an Gershwins „Rhapsody in Blue“ erinnert. Den Tänzerinnen und Tänzern gelingt unter der Federführung von Ballettdirektor Tomasz Kajdański eine absolut überzeugende Interpretation: Legt Joe Monaghan die Titelfigur gekonnt unnahbar, fast kalt an und überzeugt dabei mit präzisem Tanz, gelingt Nicole Luketić der Spagat, durch ihren Köper Angst und Laszivität zugleich auszudrücken. Ihr leidenschaftlicher Tanz und ihre enorme Bühnenpräsenz werden durch ihre hervorragende Mimik noch verstärkt und so gelingt ihr eine wahrhaft glaubhafte Darstellung. Thomas Ambrosini und Julio Miranda sind ihr als die beiden Kavaliere starke Pas-de-deux-Partner und auch die kleineren Rollen sind adäquat besetzt.

 

Das Musikdrama „Herzog Blaubarts Burg“entstand 1910/11 und hat nur noch rudimentär das Märchen vom mädchenmordenden Herzog Blaubart als Grundlage, das Ende des 17. Jahrhunderts entstand. Das Libretto von Bartóks Landsmann Béla Balázs zeichnet vielmehr ein Psychogramm der Titelfigur. Die Burg ist hier Sinnbild für das Seelenleben von Blaubart, das Mädchen Judith, das ihm in Liebe folgt, möchte die dunkle Seele erhellen und öffnet dazu im Laufe der Oper sieben Türen, hinter denen sich die innersten Geheimnisse des Herzogs verbergen. Je mehr Judith sieht, dasto mehr muss sie erkennen, dass Blaubarts Innenwelt zu dunkel ist. Sie komplettiert Blaubarts Reigen der ehemaligen Frauen, die als Personifizierung von Morgen, Mittag und Abend in Blaubarts Burg leben, und verkörpert die Nacht, ehe die Burg wieder im Dunkel erschwindet. Die intensive, fast körperlich fordernde Musik des Ungarn war nie wuchtiger als in diesem Werk, die musikalische Wucht und der psychologische Stoff stellen besondere Anforderungen an Umsetzung und die Interpreten.

 

Der französische Regisseur Benjamin Prins debüttiert gestern nicht nur in Dessau, sondern liefert mit diesem „Blaubart“ gleichzeit seine erste Vollprofi-Inszenierung ab - und überzeugt direkt mit seiner düster anmutenden Inszenierung! Er findet starke Bilder, fesselt mit einfachen Mitteln und durchdachter Personenregie. Zusammen mit dem Bühnenbildner Moritz Nitsche findet er verstörende, surreal-märchenhafte, bedrohliche Bilder für das, was sich hinter den sieben Türen der Burg befindet. Die phantasievollen, farbenprächtigen Kostüme von Judith Fischer, die im „Mandarin“ eine Mischung aus 1920er-Jahre, Wild West und Revue zeigen, verdeutlichen im „Blaubart“ die Diskrepanz zwischen Außen- und Innenwelt.

Blaubart und Judith sind dunkel und schlicht gekleidet, was sich hinter den Türen verbirgt, erscheint farbenfroh und unwirklich. Gesungen wird auf höchstem Niveau. Kammersänger Ulf Paulsen gibt einen bedrohlichen Blaubart, zeigt aber auch dessen Verletzlichkeit und Unglück. Sein durchschlagender Bassbariton füllt den Zuschauerraum eindrucksvoll bis in den letzten Winkel, darstellerisch überzeugt er zudem auf ganzer Linie. Anders als auf den Produktionsfotos trägt er kein langes schwarzes Haar, was ihn rein optisch zum Gegenstück der blonden Judith gemacht hätte. Die steht ihm auf der Bühne in nichts nach. Im Gegenteil: Rita Kapfhammer, ebenfalls aus dem Dessauer Ensemble besetzt, zeigt eine Judith mit allen Facetten, schwankt zwischen Hoffnung, Furcht und Resignation, beeindruckt, betört und verstört. Toll! Zusammen mit dem Pruktionsteam vollbringen es die beiden, dass das Publikum am Ende des Abends dermaßen beeindruckt im Sessel sitzt, daß es zehn Sekunden in absoluter Stille verharrt, ehe es in tosenden Applaus ausbricht. Was für ein wunderbarer Musiktheaterabend!

Der ist nicht zuletzt dem hervoragenden Dirigat von Daniel Carlberg zu verdanken, der - selbst mit ungarischen Wurzeln ausgestattet - die farbenreiche Partitur mit allen Nuancen zum klingen bringt. Außerdem liest er den sonst üblicherweise nicht zur Aufführung gebrachten Prolog.

Mein Fazit: Einen Skandal wie 1926 in Köln, als der damalige Bürgermeister Konrad Adenauer die Folgeaufführungen des „wunderbaren Mandarin“ als „Schweinskram“ verbot, haben Sie in Dessau nicht zu erwarten. Es erwarten Sie vielmehr großes, bewegendes Musiktheater mit allen Facetten, eine seltsamerweise selten dargebotene Stückekombination und herausragende Sängerdarsteller. Das ist ein Abend, der nachhallt!

Ihr Jochen Rüth / 30.04.2016

Fotos (c) Claudi Heysel

 

 

DER TROUBADOUR

Premiere am 22.01.2016

Grosse Gefühle

Geht es darum, Verdis "Trovatore" auf die Bühne zu bringen, wird oft das Enrico Caruso zugeschriebene Bonmot bemüht, man brauche einfach nur die vier besten Sänger der Welt. Sind die aber gerade nicht greifbar, kann man seit gestern auch ins anhaltische Dessau fahren, um dort einen veritablen Verdi auf der Bühne zu sehen. Vor bedauerlicherweise bei weitem nicht ausverkauftem Haus hatte eine von Verdis erfolgreichsten Opern, vielleicht sogar die mit der inspiriertesten Partitur, am Anhaltischen Theater Premiere, wo das Werk unbegreifliche 35 Jahre lang nicht mehr auf dem Spielplan stand.

Die Vorlage von Antonio García Gutiérrez inspirierte Verdi stark, der in dem Drama eine Essenz der großen Gefühle wie Liebe, Hass und Rache sah - und genau das erzählt Rebekka Stanzel: Eine Frau, nennen wir sie eine Zigeunerin, sieht ihre Mutter auf dem Scheiterhaufen verbrennen, wirft im Wahn ihr eigenes Kind ins Feuer. Jahre später verlieben sich der Grafensohn, den sie statt ihres eigenen Sohnes groß gezogen hatte, und dessen Bruder in die gleiche Frau, sind darüber hinaus noch poitische Rivalen, ohne von der Identität des anderen zu wissen. Die Umworbene vergiftet sich, der Graf tötet den Nebenbuhler und die alte Zigeunerin sieht den Tod der eigenen Mutter gerächt.

 

Markus Pysall s Kostüme weisen zwar in Ansätzen auf das Mittelalter, in dem die Vorlage spielt, auch wenn die Uniformen der Soldaten ein wenig an "Raumpatroullie Orion" erinnern - die Handlung wird aber in eine unbestimmte Zeit verortet. Sein Einheitsbühnenraum ist dunkel und wandelbar. Die Wände bewegen sich aufeinander zu, verkleinern den Raum, symbolisieren die gefühlsmäßige Enge, in der die Handelnden leben, und die Beschränkung, die sie dadurch erfahren, dass sie in ihren eigenen Gefühlen verhaftet sind. Unterstützt wird das Ganze äußerst stimmig von einer ausgefeilten Lichtregie, hier und da sorgen Videoeinspielungen von

Barbara Janotte für zusätzliche Stimmungen. Einzige Requisiten sind Autoreifen, die überzeugend als Spiel- oder Kampfgerät, als Scheiterhaufen und Sitzgelegenheit dienen. So simpel, so gelungen! Zwar schwankt die Qualität der Personenregie von durchaus spannenden, vor allem in den Chorszenen überzeugenden Passagen bis zu uninspirierter Rampensteherei, wenn es um Zweisamkeit geht - und doch ist es eine alles in allem spannende Inszenierung, auch weil die Sängerschar durch intensive Darstellung dieses kleine Manko ausbügelt.

 

Ensemblemitglied Ulf Paulsen ist ein ausgezeichneter Sänger, verfügt über einen ausdrucksstarken und extrem kraftvollen Bariton, scheint mir aber grundsätzlich eher für das deutsche Fach geeignet. Zwar mischt er seinem Grafen Luna in den entscheidenden Momenten gerade genügend italienische Farbe bei, um die von Verdi gewollten Gefühle glaubhaft darzustellen, doch fehlt es ihm an erforderlichem Schmelz.

Den bringt der Italiener Leonardo Gramegna - übrigens einziger Gastsänger in dieser Produktion - zur Genüge mit, gibt den Minnesänger Manrico extrem gefühlvoll mit sicherer Höhe, doch mit zu wenig Glanz im Timbre und mitunter fast unbeholfen wirkendem Spiel. Letzterer Eindruck kann aber auch daran liegen, dass den beiden Herren zwei so außergewöhnliche Sängerdarstellerinnen gegenüber stehen. Jordanka Derilovas Sopran ist voller Kraft und sicher nicht ohne Härte. Doch spielt die Kammersängerin dermassen intensiv, bemüht Bruststimme, Portamento und Declamatio dermaßen gekonnt, ohne auf Schönklang zu achten, dass am Ende eine so beeindruckende wie bewegende Interpretation steht. Diese Art der Darstellung erinnert mich an Magda Olivero, deren Zauber man auf den Audioaufnahmen kaum nachvollziehen kann, weil das visuelle Live-Erlebnis fehlt, die aber von ihren Bewunderern wegen der intensiven Verkörperung ihrer Figuren fast wie eine Göttin verehrt wurde. Rita Kapfhammers farbenreicher Mezzo ist wie gemacht für die Zigeunerin Azucena. Er verfügt über eine bedrohliche Tiefe und an Wahn erinnernde Höhe, ihr gelingen bezaubernde, zu Tränen rührende Pianissimi und dank ihres intensiven Spiels auch das intensivste und überzeugendste Rollenportrait des Abends. Da versteht man, warum Verdi die Oper eigentlich „Azucena“ nennen wollte.

André Eckert gibt einen zupackenden Ferrando mit profundem Bass, der Ruíz von David Ameln ist präsent und überzeugend, ebenso Cornelia Marschalls Inez. Als Chorsolist ist Cezary Rotkiewicz zu erleben.

Der von Sebastian Kennerknecht einstudierte Chor singt kraftvoll und meistert die anspruchsvolle Partie dieser ausgesprochenen Choroper, wird dabei unterstützt vom neu zusammen gestellten und gestern debütierenden Extrachor. Kleine Unstimmigkeiten mit dem Graben seien da dann noch der doppelten Premierenaufregung zugeschrieben.

Die Anhaltische Philharmonie Dessau spielt ohne Tadel, Wolfang Kluges Dirigat ist sehr sängerfreundlich, mir aber bisweilen zu undifferenziert und leicht breiig. Da werden nicht alle Feinheiten der Partitur herausgestellt. Doch unterm Strich bin ich auch da überzeugt.

Das Publikum applaudiert mit schier endlos erscheinenden Standing Ovations allen Beteiligten. Ob's so gut war, weiß ich nicht. Eine Besuchsempfehlung gibt's von mir aber allemal - und man darf sich ja auch zu Recht darüber freuen, was das eigene Haus da fast ausnahmslos mit eigenen Kräften zu leisten im Stande ist.

Ihr

Jochen Rüth aus Köln

23.01.2016

Die Fotos stammen von Claudia Heysel

 

 

 

 

DER OPERNFREUND  | opera@e.mail.de