Interview: „Thilo Beu“ – Ein großer Theaterfotograf geht in Rente.

Wir trafen uns am 25. Mai 2023 im DELPHI, dem „Haus-Griechen“ der Theaterleute der Bonner Oper, rund 150 Meter vom Theater entfernt. Kann ich jedem Opernfreund empfehlen – seit 30 Jahren gut, egal ob vor oder nach der Oper. Man kann auch im Sommer draußen sitzen. Ein Gespräch in freundschaftlicher, in ungezwungener Atmosphäre. Da wir uns schon viel, viele Jahre  –  ein halbes Leben 😉- kennen duzen wir uns natürlich. PB.

Privatfoto

Lieber Thilo, wie fing alles an?

Ich bin aufgewachsen in der Nähe von Freiburg, bin zum Studium nach Dortmund gegangen, weil ich diese Idylle im Schwarzwald nicht wollte. Ich habe mich in Dortmund sauwohl gefühlt, wo ich Fotodesign studierte, habe dann am Ende also zufälligerweise den Weg ins Theater gefunden und fand diesen Mikrokosmos einfach klasse.

Was ist man damals gewesen – damals gab es ja noch keinen Bachelor oder Master. Du warst diplomierter Theaterfotograf, oder wie hieß das?

Diplom-Fotodesigner an der FH. Kommilitonen von mir hatten Bezug zum Theater, sie waren Statisten hier, haben viel Theater da geguckt. Und mit denen bin ich dann ins Theater gegangen und weil wir alles Mögliche immer irgendwie fotografiert haben. Ich habe ich dann in Freiburg, damals war Dr. Manfred Beilharz Intendant, der durch riesige Festivals jährlich über die Region auffiel, Kontakt aufgenommen.

Wann war das, vor 40 Jahren?

Das war ziemlich genau vor 40 Jahren – Anfang der 80er, also ‘80, ‘81 sowas. So habe ich vor Ort Festivals fotografiert. Mich hat dieser Mikrokosmos des Theaters total fasziniert. Davon musste ich mehr haben. So sprach ich in Dortmund beim Kinder- und Jugendtheater vor „Leute, ich möchte bei euch fotografieren, von der ersten Probe bis zur Premiere.“ Dort habe ich dann so eine Art Praktikum gemacht. Mit diesen Fotos bin ich später nach Bochum gegangen zu Peymann und hab gesagt „Guten Tag, ich habe hier Theaterfotos, ich bin ganz toll und will bei euch mal eine Produktion einfach so mitfotografieren.“ Die waren am Ende auch ziemlich angetan.

Also: Du hast einen Vertrag nur für die Produktion gekriegt?

Nö, ich habe das kostenlos gemacht. Ich habe gefragt, wann Endproben sind und das einfach mitfotografiert. Kostenlos.

Toller Einstieg!

Und mit diesen Fotos bin ich zu Robert Ciulli gegangen, Theater an der Ruhr.

Von Ciulli haben wir damals sensationelle Produktionen gesehen, an die ich mich fast alle noch erinnere. Er war ein ganz Großer. Lebt der noch?

Ja, der lebt noch.

Ich wurde also beim Theater an der Ruhr vorstellig und hab denen gesagt „Guten Tag, ich möchte gerne Fotos machen“ und dann hat der mir tatsächlich einen Vertrag gegeben.

Bei Ciulli habe ich als Freelancer Produktionsfotografie gemacht. So über zwei Jahre, fand es aber immer merkwürdig in diesem doch kleinen Mikrokosmos – sieben Schauspieler, ein Bühnenbildner, ein Dramaturg – und dann geht die Tür auf, der Fotograf kommt rein und macht „klack, klack, klack“. Ich habe das Gefühl gehabt, immer wenn ich einmal auf den Knopf drücke, wenn ich mich bewege, sagen die „Huch, da ist einer“. Und das fand ich unangenehm und da ist der Wunsch entstanden, dass ich dazu gehöre, dass ich Teil von dem Ganzen bin.

Du wolltest fest zu einem Team gehören, aber das Team musste größer sein?

Ja, ich wollte nicht der rasende Reporter sein, sondern einen festen Vertrag haben, dass die mich nicht sehen und denken „Ach der schon wieder“. Andererseits arbeitete ich, immer noch im Studium, an meiner Semesterarbeit „Fotografie und Öffentlichkeitsarbeit am Dortmunder Theater“. Kurios damals: In Dortmund war es Usus, dass alle Interessierten in die Nachbarstadt nach Bochum ins Theater gegangen sind, denn sie fanden ihr Dortmunder Theater doof. Alle Studenten haben mir gesagt, brauchst du sowieso nicht hinzugehen, alles in Dortmund ist beschissen.

Bochum hatte immer einen sehr guten Ruf.

Auf jeden Fall hab ich dann zufälligerweise abends den Fernseher eingeschaltet – es gab nur drei Programme…

Aber es gab schon Farbe!

Und hab eine Inszenierung gesehen und fand die faszinierend, war absolut begeistert. Und im Abspann kam dann „Sie sahen die Eröffnung der NRW-Theatertage“, ich glaube in Paderborn – ich weiß es nicht mehr, das war wahrscheinlich ’84, „eine Inszenierung des Theaters Dortmund“. Und dann habe ich gedacht, was läuft da schief, dass die so geiles Zeug machen – denn ich fand es wirklich supertoll faszinierend und alle sagen das Theater ist so beschissen. Dann habe ich mir alles besorgt, was ,ich kriegen konnte: Fotos, Programmhefte, Plakate, und so weiter, und hab meine Semesterarbeit zu Ende geschrieben, immer noch während des Studiums, über die „Fotografie und Öffentlichkeitsarbeit des Dortmunder Theaters“. Ich habe die Schaukästen fotografiert, wo stehen die, wo sollte man… – also wirklich so ganz naiv studentisch halt – hab alles meinem Prof vorgelegt und der hat gesagt „super Arbeit, klasse, toll“. Geh doch mal zum Theater und stell denen das vor. Gesagt getan dann bin ich zum Theater gegangen habe gesagt „Guten Tag“, das war damals der Interimsintendant Dieter Geske, da kommt demnächst ein neuer Schauspieldirektor und der ist bestimmt daran interessiert. Und dem Schauspieldirektor habe ich mich dann vorgestellt und innerhalb von Fünf Minuten hat der gesagt „Brauchst nicht weiter zu reden, Du kriegst von mir einen festen Vertrag“.

Das ist ja toll

Und dann war ich in Dortmund und fühlte mich da pudelwohl.

Wie lange?

Sechs Jahre, das war ganz klein das Sprech-Theater. Wir waren alle jung. Tolles Team. Wir haben uns wirklich für den Laden gerockt. Doch nach sechs Jahren wollte ich weg, Karriere machen und dann habe ich mich wieder mal bei Beilharz gemeldet, den ich ja aus Freiburg kannte, der war damals in Kassel. „Du musst unbedingt bei uns arbeiten; ich will dich als Fotograf als Gast haben“ und kurz danach klingelts Telefon „Nicht Gast, komm nach Bonn, wir gehen alle nach Bonn“.

Der Vertrag lag wohl schon bereit…

Genau! Ich bekam einen normalen NV-Solo, wie jeder Schauspieler, wie jeder Sänger – erstmal ein bis zwei Jahre. Anders gesagt, du kriegst normalerweise, wenn du antrittst, einen Zwei Jahres Vertrag und wenn der nicht von einer der beiden Seiten gekündigt wird, bis zum 15. bzw. 30. Oktober, läuft der automatisch ein Jahr weiter.

Und nach 15 Jahren können sie aber nicht mehr kündigen, oder?

Nach 15 Jahren können sie nominell nicht mehr kündigen.

Deshalb ist es Usus, dass nach 14 Jahren alle rausgeschmissen werden.

Normalerweise werden tatsächlich alle rausgeschmissen. Das war bei mir in der Zeit mit Weise, da war der drei Jahre da. Ich wusste, dass ich eigentlich jetzt da reinrutsche und hab mir auch schon überlegt, was bedeutet das für den Intendanten, für mich – schmeißt der mich raus? Dann hat der mich zu sich gerufen und hat gesagt, Du Thilo, ich stelle gerade fest Du wärst bald unkündbar. Da hab ich gesagt, ja Klaus, ich weiß, da müssen wir uns was einfallen lassen. Da sagt er, nee warum soll ich mir was einfallen lassen, ich will Dich doch behalten. Hast Du damit ein Problem? Nö, ich hab kein Problem damit – ich auch nicht – Dankeschön, auf Wiedersehen. Als Helmich kam, war plötzlich der Moment da, das hatte ich am Anfang unterschätzt. Weise wollte mich behalten, Beilharz wollte mich behalten, dazwischen Petersen wollte mich behalten, da musste mich Helmich wohl oder übel übernehmen. Mittlerweile fühle ich mich sauwohl und auch das Haus fühlt sich mit mir wohl.

Wie viele Jahre bist Du denn dann jetzt da?

32 Jahre am selben Theater. Ja, aber auch permanente Wechsel. Beilharz wollte mich mitnehmen nach Wiesbaden. Ich habe immer als Gast noch frei gearbeitet. Durfte ich, wenn ich es mit meinem Job hier auf die Kette gekriegt habe.

Wo warst Du da sonst? Ich habe nur Gelsenkirchen in Erinnerung.

Nein, es fing an mit Dortmund, dann Moers. Im schönen kleinen Moers, weil da halt einfach Leute waren, die ich kannte, die gesagt haben „Kannst Du nicht mal bei uns vorbeikommen?“. Dann habe ich in Wuppertal lange Zeit gearbeitet, bis Holk Freytag – danach nicht mehr. Bevor ich hier Oper gemacht habe, hat mich Dietrich Hilsdorf nach Essen geholt. In Essen habe ich, bis vor zwei Jahren, jedes Jahr mindestens eine Produktion gemacht, meist zwei.

In der Oper?

Ja klar.

Du hast in der Oper die Bilder gehabt? Kann ich mich gar nicht dran erinnern. Nenn mal ein paar.

Doch, ich habe mit Johannes Schaaf den Figaro gemacht, mit Nicolas Brieger die Elektra – das war alles in den 90ern – und Jenufa. Brieger hat mich dann mitgenommen nach Frankfurt an die Oper. Dann war ich in Frankfurt an der Oper und hab da immer wieder gearbeitet. Und ich habe auch mit Christof Loy in Essen gearbeitet. In Düsseldorf war ich selten. Auch mit Peter Konwitschny in Essen!

Otello in Essen

War es irgendwo besonders schön?

Ja, Gelsenkirchen ist einfach ein richtig geiles Haus, ich finde bis heute diese Architektur sensationell. Ich finde aber auch das Klima im Haus gut und was ich einfach sensationell finde, wo ich seit Jahren hier in Bonn sage, das kann nicht wahr sein, wieso habt ihr das nicht? – diese geile Gelsenkirchener Kantine, wo du nach einer Probe bis nachts um drei Uhr sitzen kannst und es gibt unendlich viel zu essen.

Es gibt auch das Original, die Kohlenpott-Frikadelle, und die schmeckt auch so. Die muss man essen, wie im Fußballstadion die Bockwurst.

Ich erinnere mich gut: ein echter Brocken. Muss man aber mit viel Senf genießen.

Ja, und wie gesagt, da sitzen die ganzen Musiker, da sitzen die ganzen Sänger und es sitzt die Technik da und das Haus lebt einfach davon.

Kommen wir zu deinem Arbeitsfeld neben den Bildern: Pressemappe ist klar, Homepage auch?

Ganz wichtig: Social Media! Meine Sänger, meine Schauspieler, aber auch unser Haus postet von morgens bis abends. Ich hab jetzt zwei Premieren gehabt am Wochenende, eine in der Oper, eine im Schauspiel – meine letzten beiden Premieren, nach ca. 800, die ich an diesem Hause gehabt habe – und ich hab jeden Tag mindestens fünf bis zehn Posts, wo irgendjemand irgendwas postet. Der Sänger postet seine Lieblingsfotos, der Schauspieler, der Regisseur, der Bühnenbildner, der Choreograf und das ist alles Publicity. Im Zweifelsfall erreichen die mehr Leute als die Plakate an der Litfaßsäule!

Ernani

Ich mache diese offiziellen Fotos, aber die kriegen von mir grundsätzlich immer alles zur Verfügung gestellt – egal was es ist, ich drücke jedem Sänger, jedem Schauspieler alles in die Hand. Die freuen sich und das verbessert das Arbeitsklima. Würde ich das nicht machen „klauen“ sie sich selbige.

Ich habe jetzt bei der letzten Produktion pro Probe ca. 1000 Bilder gemacht und am nächsten Morgen musste ich von diesen 1000 etwa 100-150 haben. Mein Anspruch bzw. mein Work-Flow ist so, dass ich sage, ich muss die Bilder in einem Rutsch fertig machen, damit ich sie nie wieder anpacken muss. Denn es bringt mir nichts zu sagen, ich suche jetzt die ersten zehn Presse-Fotos raus und am nächsten Tag kommt der Bühnenbildner und sagt, wo sind meine schönsten Bühnenbilder und dann fange ich wieder mit der Produktion an. Dann sagt die Kostümbildnerin aber hast du nicht das Foto vom …

Weil Du das gerade genannt hast, gibt es Leute, die das alles auch noch abnicken müssen? Weißt Du, ich erinnere mich daran, es gab mal ein Foto, da hing eine mutige ganz tolle Sängerin fast nackt nach unten – irgendeine moderne Oper – und genau das Bild wollte ich haben. Darüber haben wir noch konferiert und Du hast gesagt, daß es nicht veröffentlicht wurde, aber du kannst das nehmen.

Wer ist da dein direkter Ansprechpartner, der Regisseur?

Das ist normalerweise der Dramaturg. Der Dramaturg ist immer mein erster Ansprechpartner. Und der bringt dann manchmal den Regisseur, manchmal den Kostümbildner, manchmal den Bühnenbildner mit. Was ich nicht ab kann, ist wenn zehn Leute an einem Tisch sitzen und alle sind gleichberechtigt. Du kannst mit zehn Leuten kein T-Shirt kaufen. Der eine sagt zu gelb, zu grün, zu lang, zu kurz, zu dick, zu dünn. Jeder hat eine andere Meinung und deswegen möglichst kompakt.

Ist „zu dunkel“ auch ein Argument?

Dunkel ist nicht unbedingt das Riesenproblem, mittlerweile ist die digitale Technik da sehr gut. Aber das Problem sind die Kontraste. Es bringt mir nichts, wenn ich schwarz – das wirst Du heute Abend wieder sehen beim Schreker – schwarzes Bühnenbild habe, kaum Licht drauf, oder nur ein bisschen Licht, und dann aber einen grellen Spott. Und da kommst du an die Grenzen, das kannst du nicht mehr ausgleichen.

Asrael

Wie hoch fährst Du den ISO-Wert? Da bin ich jetzt bei der Frage nach der Kamera.

Nikon D5, Spiegelreflex bisher, ich bin aber jetzt umgestiegen auf die spiegellose.

Ist das ein echter Vorteil, wenn der Spiegel nicht mehr klappt? Nicht nur geräuschmäßig?

Bei der System-Kamera ist es so, dass du die Belichtung im Monitor siehst, was du ja früher bei der Spiegelreflex nicht gehabt hast. Das Sucherbild war immer gleich hell. Da gewöhnt man sich dran und man gewöhnt sich auch wirklich ans Gewicht. Ich habe jetzt in Hamburg meine D5 wieder rausgeholt, weil ich da Urlaub gemacht und hab die D5 durch die Gegend geschleppt und es ist schon was anderes. Früher bin ich mit fünf Kameras durch die Gegend gelaufen zu analogen Zeiten. Fünf Kameras, das ist immer Kleinbild, es war schon immer Kleinbild. Ich habe früher immer noch eine Mittelformat dabeigehabt, aber wirklich eine kleine Mittelformat, die auch ein rechteckiges Bild gehabt hat, also keine Hasselblad, eine Sucherkamera. Ich muss das Bild durch den Sucher sehen. Es nützt mir nichts so ein Lichtschacht irgendwo. Da kann ich nichts mit anfangen. Ich muss die Kamera am Auge haben und dadurch gucken. Aber wie gesagt früher bin ich mit fünf Kameras durch die Gegend gelaufen und jetzt laufe ich nur noch mit zwei Kameras rum.

Das große Geheimnis meiner Karriere war, dass ich einen Kumpel gehabt habe, einen Kommilitonen, der einen Spezialentwickler aus den USA angeschleppt hat. Damit konnte ich einen 27-DIN-Film, 400 ASA, hochkurbeln auf 3200 und zwar mit durchgezeichneten Schatten, mit Lichtern, die durchgezeichnet waren. Es war absolut sensationell und es ging bis nach Kodak USA, dass die gesagt haben, Herr Beu, wie geht das denn? Das ist mein Lebens-Geheimnis gewesen!! Dadurch habe ich meine ganze Karriere gefördert. Es war damals eine totale Sensation, dass du ein Bild gehabt hast mit 36 DIN und damit hast du unendlich viel mehr Möglichkeiten gehabt als mit einem 27 DIN-Film. Und darauf habe ich meine Karriere gegründet.

Ich hab noch eine blöde Frage – Stichwort: Automatik – damit arbeitest Du gar nicht

Ich bilde mir immer noch ein – ob das stimmt, weiß ich nicht – dass ich besser bin als jede Automatik. Genauso wie ich früher jedes Bild individuell belichtet habe, analog und hier ein bisschen abwedeln, da ein bisschen nachbelichtet.

Früher hast Du selbst entwickelt, da konntest Du ja noch einiges machen?

Genauso, jetzt, es gibt kein Bild, was unbearbeitet raus geht. Ich gucke mir jedes Bild an und wenn es nur zehn Sekunden sind, 20 Sekunden, immer etwas bearbeiten: hier ein bisschen aufpeppen, da ein bisschen Farbstich rausnehmen, da ein bisschen Ausschnitt verändern.

Stichwort: Hochformatbilder. Wir nehmen im Opernfreund grundsätzlich keine Hochfortmatbilder. Der Mensch sieht nicht im Hochformat.

Es gibt noch immer das Titelbild in der Opernwelt, es gibt das Titelbild im Spiegel – du brauchst zwischendurch Hochformatbilder. Es gibt das Plakatmotiv, was Hochformat ist.

Aber die kann man doch aus dem Querformat ziehen heute, wenn du eine hohe Auflösung hast.

Ja, technisch geht es, nur ich will das Bild ja sehen. Ich will sagen das ist mein Bild und nicht ich mach jetzt irgendwas und ihr macht ´nen Ausschnitt. Nee.

Wichtigste Voraussetzungen für deinen Beruf und Sonstiges?

Ich finde grundsätzlich, egal was ist, du musste das Theater lieben.

Asrael

Auch in der Verwaltung. Wenn du kein Verständnis dafür hast, wie Theater funktioniert, dann bist du auch in der Theaterverwaltung falsch, Beamtenmentalität geht gar nicht.. Und was mir noch ganz wichtig ist in dem Zusammenhang: Verantwortlichkeit. Ich möchte für das verantwortlich sein, was ich abliefere. Und deswegen ist mir im Zweifelsfall auch egal, ob da sieben Leute drauf gucken oder zehn Leute, ich persönlich muss den Kopf dafür hinhalten!

Was wir da täglich in der Opernfreund-Redaktion an Bildern kriegen, da fällt Dir nichts mehr ein. Übelstes Beispiel der offene Mund. Ein offener Mund, wenn einer singt, das geht doch überhaupt nicht! Die sortierst Du natürlich sofort aus, oder?

Ich meine es gibt Momente, wo du sagst, so, da muss der jetzt schreien. Aber das ist nicht der Sing-Mund. Ich sag immer das Problem bei der Oper ist doch folgendes: im Ballett „Romeo und Julia“ ist eine Liebesszene, ein Pas-de-Deux, die umarmen sich, die lieben sich. Im Schauspiel flüstern die sich in die Ohren und in der Oper brüllen sie sich an und dann sagst du, verdammte Hacke, jetzt habe ich ein Problem. Und wenn du das nicht schaffst, dass es trotzdem eine Liebesszene ist, obwohl die da über das Orchester drüber müssen, dann hast du den Job nicht gemacht. Der Job ist zu sagen: auch wenn die das hohe C brüllen müssen, die müssen trotzdem aussehen wie Menschen, die eine Emotion haben.

Was braucht der Theaterfotograf für Kerneigenschaften? Ich nenne mal ein paar, die mir als Laien so einfallen. Bitte mit 1 bis 10 Punkte bewerten.

Hohe Konzentrationsfähigkeit?

Ja natürlich, 10 – selbstverständlich.

Große Flexibilität?

Äh, eher 20. Das ist das A und O – du musst kompatibel sein. Du musst genauso kompatibel sein, wie jeder Sänger, wie jeder Schauspieler, weil du hast im Kopf ich darf endlich mal den Hamlet spielen, und dann kommt der Regisseur und sagt Hamlets Sohn und du denkst „Ach du scheiße, ich wollte doch Hamlet sein und jetzt muss ich das Gegenteil davon tun“.

Also die große Flexibilität ist eigentlich die wichtigste Eigenschaft, oder?

Ich glaube die Lust und wenn noch was anderes kommt?

Es kommt noch ein kleines Ego auf meinem Vorbereitungszettel, aber das ist naiv. Aber Du weißt ja wie das gemeint ist, mit den Künstlern ist es halt schwierig. Viele haben ein viel zu großes Ego

Dann machen wir gar nichts.

Was ist mit schnellem Reagieren?

10!!!

Ja natürlich, klar logisch, Adrenalin ist ganz wichtig. 10 von 10.

Große Geduld?

Auch 10 von 10.

Du musst die Geduld eines Tierfotografen eigentlich haben, oder?

Ja, aber es ist im Zweifelsfall die Flexibilität. Du musst dich darauf einlassen. Du musst dich wirklich komplett darauf einlassen und sagen darum geht’s.

Ruhige Ausstrahlung?

Ja das auch. Mach von mir aus 8.

Also wir haben jetzt in der Endauswertung, die große Flexibilität und die große Geduld – das sind die Kerneigenschaften des Theaterfotografen. Die muss er haben?

Genau.

Lass mich noch einen Satz sagen: Ich sehe mich, in dem was ich tue, und das meine ich jetzt weder despektierlich noch negativ, ich sehe mich wirklich im Zweifelsfall als Dienstleister. So wie jeder Sänger auch ein Dienstleister ist. Künstler ist jemand der sagt, ich mache, was ich will, und wir müssen uns der Sache unterordnen. Der Sänger muss sich der Regie unterordnen, dem Kostüm und so weiter und so weiter. Und muss trotzdem versuchen es zu seinem eigenen zu machen. Und ich will das genauso.

Privat 2021

Vielen Dank, lieber Thilo für die Geduld und das lange, ehrliche Gepräch. Das nehmen wir später als Basis für Deine Memoiren.

Peter Bilsing, fertig redigiert am 2. September 2023

(c) aller Bilder bei Thilo Beu. Wenn nicht anders vermerkt, sind die Bilder aus Produktionen der Bonner Oper.