Die Kooperation des Theaters Aachen mit der benachbarten Musikhochschule hat eine lange Tradition und die aktuellen Leitungsteams beider Institute haben signalisiert, diese für alle Seiten fruchtbare Zusammenarbeit intensivieren zu wollen. Das betrifft sowohl die seit zwei Jahren amtierende Intendantin des Theaters Elena Tzavara als auch das im letzten Jahr zusammengestellte dreiköpfige Leitungsteam der Hochschule mit den Professoren Timo Handschuh für das Ressort „Dirigieren und musikalische Einstudierung von Opern“, dem Pianisten Andreas Frölich und dem Geiger Skerdjano Keraj.

„Raus in die Stadt“ möchte man die Hochschule bringen, die zwar unmittelbar neben dem Theater angesiedelt ist, aber trotz ihrer zentralen Lage leicht übersehen werden kann. Das soll sich mit der gründlichen Umgestaltung des Theaterplatzes, der zu einer attraktiven Begegnungsstätte für die Aachener Bürger und zahlreichen Touristen aufgepeppt werden soll, ändern.
Doch auch vor der optimistisch für das Ende 2027 vorgesehenen Fertigstellung des Platzes möchte die Hochschule „Raus in die Stadt“ gehen. Und das tut sie am Ende der laufenden Saison mit dem Einakter „Suor Angelica“ von Giacomo Puccini an einer besonderen Spielstätte.
Die Produktion des Rührstücks, dessen Premiere jetzt mit großem Erfolg über die Bühne gegangen ist, ist vor allem ein Kind der Hochschule, bei dem alle Gesangspartien und der Orchesterpart mit Studierenden der Hochschule besetzt sind. Und dafür ging man in die großräumige Citykirche St. Nikolaus. Eine ehemalige Klosterkirche, die mit ihrem eindrucksvollen Hochaltar eine ideale Kulisse für die traurige Geschichte der „Schwester Angelica“ bietet, die aufgrund einer illegitimen Schwangerschaft von ihrer adeligen Verwandtschaft verstoßen und in ein Kloster abgeschoben wird. Sieben Jahre hat sie nichts von ihrem Kind erfahren dürfen, bis ihr in dieser Inszenierung ihr Onkel, der Fürst, ungerührt den Tod ihres Sohnes mitteilt. Verzweifelt vergiftet sich Angelica und bittet bei der Mutter Gottes um Beistand angesichts ihrer Todsünde.
Die Einbindung einer Kirche kann in der Bischofsstadt Aachen als besonders nachvollziehbarer Bezug zur Stadt verstanden werden. In der letzten Saison wurde sogar der ehrwürdige Dom als absolut authentischer Schauplatz der Krönung Kaiser Karls V. in Giuseppe Verdis Oper „Ernani“ genutzt. Allerdings nur für eine Szene, die unter dem mächtigen Oktogon ein wenig verloren wirkte. Die kleinere und dennoch mächtig scheinende Citykirche als Spielort einer ganzen Oper nimmt sich da schon sinnvoller aus.

Die etwas hallige und raue Akustik nimmt dem Stück zudem eine Prise an klanglicher Weichheit und mindert damit die Gefahr, die anrührende Geschichte in sentimentale Gefilde abdriften zu lassen. Die Gefahr besteht in besonderem Maße, wenn man sie aus dem ursprünglich vorgesehenen Kontext des „Tritticos“ löst und ohne den dramatischen „Mantel“ und die burleske Erbschleicher-Satire „Gianni Schicchi“ isoliert präsentiert. Wobei man zugeben muss, dass die vermeintlich rührselige Sentimentalität, die man Puccini immer wieder vorwirft, eher ein Problem der Interpretation als der Komposition berührt. Vorwürfe, die bis zur Etikettierung als Musik für „Hausfrauen zum Bügeln“ reichen. Hört man allerdings aufmerksam zu, wie etwa Arturo Toscanini Puccini dirigiert, dürfte jeder Hausfrau das Bügeleisen aus der Hand fallen.
Auch Timo Handschuh, der erfahrene Leiter des Opern-Ressorts, stellt den lyrischen, wirklich ans Herzen gehenden Passagen straffe, die dramatischen Akzente betonende Momente gegenüber, die jeden allzu rührseligen Anflug eliminieren. Dazu trägt auch die sehr pointierte Gestaltung jeder einzelnen Solo-Partie bei. Gipfelnd in der Darstellung der Titelpartie durch die Japanerin Yuina Miyahara aus der Klasse von Victor Rud, die die Rolle selbstbewusst und mit großer Intensität so kraftvoll und glaubhaft ausfüllt, dass hier kein unterwürfiges Mauerblümchen zu erleben ist, sondern eine starke Frau, die ihr Schicksal über sieben ungewisse Jahre standhaft erträgt und gleichzeitig einschließlich ihres Freitods kompromisslos selbst in die Hand nimmt.
Was die gesangliche Ausführung wie auch die szenische Betreuung durch die Regisseurin Ramona Bartsch angeht, erhalten auch die restlichen zehn, von Puccini liebevoll und kontrastreich charakterisierten Figuren vitale und individuell ausgefeilte Profile. Wobei die Regisseurin die jungen Sängerinnen überaus subtil führt. Indem das trotz der reduzierten Besetzung mächtig klingende Orchester im Hintergrund platziert ist, werden die feinen Nuancen der Rollenprofile umso deutlicher wahrnehmbar. Und das sind angesichts von Puccinis großem Einfühlungsvermögen in die Seelen unglücklicher Frauen eine ganze Menge. Was seine Empathie für das weibliche Geschlecht angeht, kann Puccini in diesem Werk aus dem Vollen schöpfen. Da wundert es nicht, dass er es zum Lieblingsstück seines „Tritticos“ erklärte.
Damit wirkt auch die Besetzung der hartherzigen Fürstin mit einem Countertenor weniger irritierend als befürchtet. Das androgyne, bewusst nicht weibliche Timbre der Stimme des gebürtigen Iraners Nima Pournaghshband aus der Klasse Kay Wessels unterstreicht die Distanz zu den meist menschlich warm singenden Damen.

Und die Wahl eines ursprünglich ausschließlich weiblich besetzten Stücks ist nicht als Zufall, aber auch nicht als Affront gegen die Männerwelt zu verstehen. Ramona Bartsch: „Umgekehrt stört sich kaum jemand daran, dass die meisten Opern überwiegend männlich besetzt sind. Eine Oper, nur für Frauenstimmen komponiert, ist eine Besonderheit und auf Wunsch der Hochschule angesetzt worden.“
Was die einzelnen Solistinnen an vorzüglichen gesanglichen und darstellerischen Leistungen zeigen, ist in der Erstbesprechung von Jochen Rüth ausführlich nachzulesen.
Pedro Obiera 12. Juni 2026
Suor Angelica
Giacomo Puccini
Kooperation mit der Musikhochschule Köln/Aachen
Theater Aachen, Citykirche Aachen
Premiere 7. Juni 2026
Regie: Ramona Bartsch
Dirigat: Timo Handschuh
Sinfonieorchester Aachen
Weitere Aufführungen in der Citykirche St. Nikolaus am 13., 20. und 24. Juni sowie am 1. und 5. Juli (stets um 20 Uhr)