Zierliche Zeichnungen von Olga Prado durchziehen die Saisonankündigungen der Deutschen Oper, auf dem Titelblatt erwächst aus einem Behältnis mit aufgemaltem Messer in einem Mund ein Herz, das tropfenweise sein Blut verliert. Darunter steht das Motto der Spielzeit 26/27: Make Love… . Auch für alle weiteren Spielzeiten mit Intendant Aviel Cahn sind Motti vorgesehen, die die jeweilige Saison prägen sollen. Es gibt keinen Generalmusikdirektor, weil man nach Aussage von Cahn noch keinen gefunden hat. Drei Dirigenten mit unterschiedlichen Schwerpunkten nehmen sich des Orchesters an: Maxime Pascal, Michele Spotti, Titus Engel.

Von viel Neuem kann das Führungstrio, neben dem Intendanten die Chefdramaturgin, Beate Breidenbach, und die Leiterin der neuen Sparte Arte Unlimited, Elisa Erkelenz, berichten, so von einem Poet in Residence, der die Spielzeit begleiten soll, dem aus Zaire stammenden Fiston Mwanza Mujila, der unterer anderem seine Kriegserfahrungen in die Produktion von Brittens War Requiem einbringen und den Text für eine afrofuturistische Oper erstellen wird, zudem eine Komponistin in Residence, die Isländerin Bára Gisladóttir, die u.a. im Berghain Kontrabass spielen, und die für das Haus eine neue Oper komponieren wird. Ein neues Format wird unter dem Titel Unlimited vorgestellt und nimmt in der Vorschau mehr Platz ein als die Übersicht der Opernpremieren und Repertoirevorstellungen zusammen. Es geht um vielfältige Verbindungen zur freien Szene, um Schauplätze außerhalb der großen Bühne und vieles mehr. Die Zahl der Titel im Opernrepertoire ist dementsprechend auch um rund zehn reduziert, Premieren gibt es aus dem klassischen Repertoire drei mit Wagners Fliegendem Holländer als „Reise in die politischen Tiefenschichten der Bundesrepublik“, Mozarts Cosi fan tutte als „eine Geschichte über junge Menschen von heute“, Verdis Otello in der Regie von Kornél Mundruczó, dessen „ psychedelische Bildsprache und die exzeptionelle Einbindung von Film“ der „Gattung neue Impulse“ verleihen sollen.
Sensationell wird der Auftakt mit der deutschen Erstaufführung von Stockhausens Mittwoch aus Licht sein mit einer Live Performance des Helikopter-Streichquartetts am 12. September. Dessen Musik wird mitsamt dem Geräusch der Rotorenblätter „aus luftigen Höhen in den Zuschauerraum geschickt“.
Eine Familienoper gibt es mit Jonathan Doves In 80 Tagen um die Welt, eine Uraufführung mit Gisladóttirs Good Vibes only als „Suche nach Mustern in diesem multidimensionalen Chaos“ der sozialen Medien.
Den Abschluss der Saison wird eine szenische Realisierung von Brittens War Requiem in Zusammenarbeit mit der English National Opera sein, in dem Sir Donald Runnicles noch einmal mit einem seiner Lieblingskomponisten zu erleben ist.
Im Repertoire präsentieren sich, chronologisch nach Aufführungsdatum geordnet: Zauberflöte, Lucia di Lammermoor, Tosca, Forza del Destino, Carmen, Pique Dame, Elektra, Entführung aus dem Serail, La Bohéme, Hänsel und Gretel, La Traviata, Nixon in China, Le Nozze di Figaro, Rigoletto, Don Giovanni, Lohengrin, Matthäus-Passion, Salome, Nabucco, Turandot, Antikrist, Il Barbiere di Siviglia, Don Carlo.
Relativ bescheiden nimmt sich das Aufkommen aus Sängern mit Starstatus oder in Annäherung an denselben aus: Ausrine Stundyté als Senta, Tomasz Konieczny als Holländer, Elsa Dreisig als Firodiligi, Patrizia Ciofi als Despina, Roberto Alagna als Cavaradossi, Ricarda Merbeth als Elektra, Federica Lombardi als Violetta, Sonia Ganassi als nunmehr Marcellina, Eric Cutler als Lohengrin, Olga Peretyatko als Donna Elvira, Roberto Tagliavini als Zaccaria.
Alles in allem: Make Love…fällt dem Leser der Vorschau nicht unbedingt als erstes ein, eher beschleicht ihn der Argwohn, dass sich viele Kopfgeburten in der nächsten Spielzeit auf der Bühne der Deutschen Oper tummeln – hoffentlich nicht auf Kosten der Musik.
Ingrid Wanja, 29. April 2026
Premierenübersicht:
Karlheinz Stockhausen: Mittwoch aus Licht
Inszenierung: Susanne Kennedy
Musikalische Leitung: Maxime Pascal
Premiere 19. September 2026
Richard Wagner: Der fliegende Holländer
Inszenierung: Milo Rau
Musikalische Leitung: Giedré Šlekyte/Anna Handler
Premiere 24. Oktober 2026
Jonathan Dove: In 80 Tagen um die Welt
Inszenierung: Peter Lund
Musikalische Leitung: Giovanni Conti
Premiere 15. November 2026
Bára Gisladóttir: Good Vibes Only
Inszenierung: Joris Lacoste
Musikalische Leitung: Titus Engel
Premiere 22. Januar 2027
Wolfgang Amadeus Mozart: Così fan tutte
Inszenierung: FC Bergman
Musikalische Leitung: Riccardo Minasi
Premiere 28. Februar 2027
Giuseppe Verdi: Otello
Inszenierung: Kornél Mundruczó
Musikalische Leitun: Stefano Montanari
Premiere 16. April 2027
Benjamin Britten: War Requiem
Inszenierung: Daniel Kramer
Musikalische Leitung: Donald Runnicles
Premiere 18. Juni 2027