Frankfurt: Tops und Flops – „Bilanz der Saison 2025/26“

Auch in diesem Jahr haben wir unsere Kritiker wieder gebeten, eine persönliche Bilanz zur zurückliegenden Saison zu ziehen. Wieder gilt: Ein „Opernhaus des Jahres“ können wir nicht küren. Unsere Kritiker kommen zwar viel herum. Aber den Anspruch, einen repräsentativen Überblick über die Musiktheater im deutschsprachigen Raum zu haben, wird keine Einzelperson erheben können. Die meisten unserer Kritiker haben regionale Schwerpunkte, innerhalb derer sie sich oft sämtliche Produktionen eines Opernhauses ansehen. Daher sind sie in der Lage, eine seriöse, aber natürlich höchst subjektive Saisonbilanz für eine Region oder ein bestimmtes Haus zu ziehen.

Nach dem Aalto-Theater Essen blicken wir heute auf die Oper Frankfurt .


Beste Produktion (Gesamtleistung):
Boris Godunow: Spitzenbesetzung bis zur kleinsten Nebenrolle, plastisch-farbiges Dirigat, kraftvolle Bilder und eine lebendige Regie

gleichauf mit

Written on Skin: starke und fesselnde Produktion eines Meisterwerks, welche die vielerorts gezeigte Uraufführungsproduktion szenisch und musikalisch übertroffen hat.

Entdeckung des Jahres:
Amor vien dal destino: Ein überzeugendes Plädoyer für den offenbar zu Unrecht in Vergessenheit geratenen Komponisten Agostino Steffani, das neugierig auf dessen übriges Opernschaffen macht.

Beste Wiederaufnahme:
Peter Grimes: in allen Hauptpartien besser besetzt als der Premierenzyklus, szenisch präzise neu einstudiert und von GMD Guggeis klar und unsentimental dirigiert.

Überflüssige Zutat:
Der bei der Komponistin Lucia Ronchetti in Auftrag gegebene Prolog zu Turandot unter dem Titel „Io tacerò“. Zeitgenössische Konfektionsware, deren Sinn sich nur nach Lektüre des Begleitheftes erschließt und für die Inszenierung folgenlos bleibt.

Beste Gesangsleistung (Hauptpartie, Ensemble):
Claudia Mahnke als Mutter in Bluthochzeit.

Beste Gesangsleistung (Hauptpartie, Gast):
Iurii Iushkevich als The Boy in Written on Skin.

Beste Gesangsleistung (Nebenrolle, Ensemble):
Andreas Bauer Kanabas als Mönch Pimen in Boris Godunow.

Nicholas Brownlee als starker Captain Balstrode in Peter Grimes und als Kurwenal in Tristan und Isolde, wo er im Schlußakt Marco Jentzsch in der Titelpartie an die Wand gesungen hat.

Beste Gesangsleistung (Nebenrolle, Gast):
Danae Kontora als Pretty Polly in Punch and Judy mit einer bewundernswerten Sicherheit in absurd-halsbrecherischen Koloraturen.

Nachwuchssänger des Jahres:
Das neue Opernstudio-Mitglied Jonas Müller begeisterte als Guglielmo in Così fan tutte mit seinem schlanken, attraktiv timbrierten und äußerst beweglichen Bariton und seiner starken Bühnenpräsenz. Die Intendanz hat ihn nach nur einem Jahr direkt in das feste Ensemble übernommen und dieses herausragende Talent für das Haus gesichert.

Younji Yi verzauberte das Publikum als Piacere in Der Triumph von Zeit und Erkenntnis mit ihrem wunderbar gerundeten, jugendlich-frischen Sopran, der über ein geradezu honigsüßes Timbre verfügt.

Bestes Dirigat:
Giuliano Carella für Tancredi mit der richtigen Mischung aus Perfektion und Lockerheit. So soll Rossini klingen.

Václav Luks für Amor vien dal destino, der mit Akribie, Liebe zum Detail und gleichzeitig Sinn für große Bögen den durchgehenden tänzerischen Schwung der Partitur herausgearbeitet und vor allem den Farbenreichtum der Instrumentation zum Leuchten gebracht hat.

Beste Regie:
Keith Warner für Boris Godunow: Er hat es mit beiläufiger handwerklicher Perfektion verstanden, das pralle und immer aufs neue faszinierende Bildprogramm von Kaspar Glarner mit klaren Charakterzeichnungen der Protagonisten und geschickter Führung und Individualisierung der Chormassen zu beleben. Außerdem hat er der Versuchung widerstanden, diesem eminent politischen Stück durch platte Bezüge zu unserer Gegenwart „brennende Aktualität“ überzupinseln.

Bestes Bühnenbild:
Alfons Flores für Bluthochzeit: Auf transparenten Wänden aus feinem Drahtgitter entsteht durch geschickte Projektionen magischer Realismus.

Beste Chorleistung:
Boris Godunow: Das Kollektiv läßt trotz seiner umfangreichen darstellerischen Aufgaben keine Wünsche im Hinblick auf Präzision und Homogenität des Klanges offen.

Größtes Ärgernis:
Daß eine der Handlung aufgepfropfte politisch-aktuelle Überschrift in der szenischen Bewährungsprobe scheitert, ist nicht ganz selten. Was bei Tancredi aber in Umsetzung einer dünnen dramaturgischen Idee gezeigt wird, ist so schief ausgedacht und so krude bebildert, daß ein Kollege es in dem Wort „Jägerlatein“ zutreffend auf den Punkt gebracht hat.


Die Bilanz zog Michael Demel.