Köln: Tops und Flops – „Bilanz der Saison 2025/26“

Auch in diesem Jahr haben wir unsere Kritiker wieder gebeten, eine persönliche Bilanz zur zurückliegenden Saison zu ziehen. Wieder gilt: Ein „Opernhaus des Jahres“ können wir nicht küren. Unsere Kritiker kommen zwar viel herum. Aber den Anspruch, einen repräsentativen Überblick über die Musiktheater im deutschsprachigen Raum zu haben, wird keine Einzelperson erheben können. Die meisten unserer Kritiker haben regionale Schwerpunkte, innerhalb derer sie sich oft sämtliche Produktionen eines Opernhauses ansehen. Daher sind sie in der Lage, eine seriöse, aber natürlich höchst subjektive Saisonbilanz für eine Region oder ein bestimmtes Haus zu ziehen.

Nach der Komischen Oper Berlin blicken wir heute auf die Oper Köln.


Beste Produktion (Gesamtleistung):
Es war die letzte Spielzeit im Staatenhaus und auch wenn das gesamte Team das beste daraus gemacht hat – jeder ob vor, auf oder hinter der Bühne freut sich wieder auf die Rückkehr an den Offenbachplatz. Somit gebührt nicht einer Produktion als beste Gesamtleistung dieser Titel, sondern den Umstand, dass viele Menschen über Jahre hinweg Oper im Interim gemacht haben und gerade in dieser Spielzeit durchweg auf höchstem Niveau. Die beste Gesamtleistung also: so starke Oper im Interim. Bei den Opern stachen besonders bemerkenswert die beiden eingekauften Produktionen Saul und Tancredi hervor. Auch die Manon Lescaut war hervorragend.

Entdeckung des Jahres:
Tancredi – ein Rossini aus der „zweiten Reihe“, der durchaus das Potential hat – wenn er gut inszeniert ist –, den Sprung zum Repertoire-Stück zu schaffen.

Beste Wiederaufnahme:
Turandotbildgewaltig, musikalisch hervorragend: Was will man mehr?

Beste Gesangsleistung (Hauptrolle):

  • Ensemble: Adriana Bastidas Gamboa überzeugt in der Titelpartie von Tancredi mit großer Emotionalität und musikalischer Raffinesse.
  • Gast: Giuliana Gianfaldoni – als Amenaide ebenfalls in Tancredi zu erleben mit so feinen Nuancierungen in der Stimme und einem so feinen Sopran, wie man ihn selten gehört hat.

Beste Gesangsleistung (Nebenrolle):

  • Ensemble: Johanna Thomsen ist jung, noch im Opernstudio, aber wirklich verdammt gut. In der kleinen Partie der Isaura fügt sie sich stimmlich wie szenisch perfekt in das so hochkarätige Ensemble von Tancredi ein.
  • Gast: Nein, die Fricka ist nicht wirklich eine Nebenrolle, aber im Vergleich zu den anderen Partien eben nicht so umfangreich. Daher sei in dieser Kategorie, man möge es mir verzeihen, Bettina Ranch für ihre dramatische und packende Interpretation der Fricka in Die Walküre genannt.

Nachwuchssänger des Jahres:
Johanna Thomsen. Sie beweist nachdrücklich, dass man sich um den Nachwuchs auf der Opernbühne keine Sorgen machen muss. Mit kleinen Partien in Rheingold, Tancredi, aber auch als Gertrud in Hänsel und Gretel oder als Tisbe in La Cenerentola zeigt sie Vielfalt und großes musikalisches Können.

Bestes Dirigat:
Andres Orozco-Estrada setzt als neuer Kölner GMD direkt zu Beginn der Spielzeit mit seiner luziden und leichten Lesart von Puccinis Manon Lescaut ein Ausrufezeichen. Das Gürzenich-Orchester läuft zu Bestform auf und musiziert mit tiefer Emotionalität ohne unnötige Schwere, lässt die Farben leuchten und die Feinheiten der Partitur funkeln.

Beste Regie:
Jan Philipp Gloger zeigt in Tancredi, dass vermeintliche Aktualisierungen einem Werk, das es sonst vermutlich schwer haben würde, auch helfen können. Schlüssige Einfälle treffen hier auf feine Psychologie und große Spielfreude.

Bestes Bühnenbild:
Pia Dederichs und Lena Schmid entwerfen für Das Rheingold einen phantastischen Raum, der zwischen kindlicher Zauberwelt und düsterem Niebelheim einen überraschend abwechslungsreichen und stimmungsvollen Rahmen für den Auftakt zum neuen Kölner Ring bietet.

Größtes Ärgernis:
Künstlerisch eigentlich nichts. Man kann sich natürlich immer über quatschendes Publikum, Mobiltelefone in der Vorstellung oder zu hohe Parkgebühren echauffieren…


Die Bilanz zog Sebastian Jacobs.