Auch in diesem Jahr haben wir unsere Kritiker wieder gebeten, eine persönliche Bilanz zur zurückliegenden Saison zu ziehen. Wieder gilt: Ein „Opernhaus des Jahres“ können wir nicht küren. Unsere Kritiker kommen zwar viel herum. Aber den Anspruch, einen repräsentativen Überblick über die Musiktheater im deutschsprachigen Raum zu haben, wird keine Einzelperson erheben können. Die meisten unserer Kritiker haben regionale Schwerpunkte, innerhalb derer sie sich oft sämtliche Produktionen eines Opernhauses ansehen. Daher sind sie in der Lage, eine seriöse, aber natürlich höchst subjektive Saisonbilanz für eine Region oder ein bestimmtes Haus zu ziehen.
Nach dem Theater Magdeburg blicken wir heute auf die Deutsche Oper am Rhein mit den Standorten Düsseldorf und Duisburg.

Beste Produktion:
Das Haus heißt zwar „Deutsche Oper am Rhein“, ist in dieser Saison aber besonders erfolgreich auf dem Gebiet der leichteren Muse:
- Louisa Proske liefert mit der vielseitigen Videounterstützung von Momme Hinrichs eine starke Inszenierung von Leonard Bernsteins Matrosen-Musical On the Town.
- Johannes Erath macht Astor Piazzollas verworrene Maria de Buenos Aires zu einem bildstarken Kassenschlager. Vielleicht sollte sich das Haus in „Operita am Rhein“ umbenennen.
Missglückte Produktionen:
- Elektra und Trovatore sind zwei Klassiker, die an der Rheinoper eigentlich in repertoiretauglichen Inszenierungen herauskommen müssten, die man 10 Jahre lang spielen kann. Stephan Kimmig, der zwar ein erfolgreicher Schauspielregisseur ist, im Opernbereich aber eher glücklos agiert, verlegt Elektra in einen Hinterhof und macht Elektra zur Automechanikerin. Agamemnons Geist schlägt dazu als Clown Rad oder macht Handstand.
- Jens–Daniel Herzog reduziert Il Trovatore auf eine privates Eifersuchts- und Rachegeschichte im Mehrfamilienhaus. Ausstatter Johannes Schütz baut ihm dazu „Einsamkeitsräume“ mit leeren Türrahmen.
Seltsame Spielplanpolitik:
Maria de Buenos Aires ist zwar dauernd ausverkauft, kann aber trotzdem in der nächsten Saison nicht aufgenommen werden, weil das Haus nicht so schnell planen kann: Der kommissarische künstlerische Leiter Marvin Wendt erklärt und entschuldigt auf der Jahrespressekonferenz: „Ich habe schon an vielen Häusern gearbeitet, aber nirgendwo ist die Spielplanplanung so kompliziert wie an der Rheinoper.“
Festival der Hochtöner:
Bei Händels Giulio Cesare gibt das Haus einiges an Gage für die Gäste aus: Gleich drei männliche Hochtöner werden aufgeboten: Die Countertenöre Maximiliano Danta als Sesto und Tobias Hechler als Tolomeo. Für die Cleopatra wird sogar der Sopranist Denis Orellana engagiert. Cleopatra ist jetzt ein Mann und Julia Cäsar wird in der Gestalt von Anna Harvey zur emanzipierten Frau. – Die Geschichte bleibt aber trotz des Geschlechtertausches die gleiche.
Deutsche Opern, die man lieber nicht spielt:
Viele Klassiker des deutschen Opernrepertoires sind beim Publikum weiterhin beliebt und würden für ein volles Haus sorgen. Ist eine Inszenierung zu traditionell und das Bühnenbild realistisch, steht man als Intendant und Regisseur aber an der „Deutschen Oper am Rhein“ gleich Verdacht der Deutschtümelei. Da das Duisburger Theater zum Beginn der Saison renoviert wird, kann man Ludwig van Beethovens Fidelio (letzte Premiere war 2008) immerhin konzertant aufführen. Um Zar und Zimmermann (letzte Premiere war 1984) und Der Freischütz (letzte Premiere war 1985) macht man leider weiterhin einen Bogen.
Mit einer Neuinszenierung Wagners Die Meistersinger von Nürnberg (zuletzt 1983) war deshalb auch nicht zu rechnen. Jetzt ist aber eine Premiere in der nächsten Saison in der Regie von Daniel Kramer angekündigt. Der garnierte an der Rheinoper Korngolds Die tote Stadt mit Schaufensterpuppen und Donizettis Viva la Mamma mir riesigen Gummipenissen. Man darf gespannt sein, was ihm zu den Meistersingern einfällt.
Beste Gesangsleistung:
- Als besonders vielseitig zeigt sich Mezzosopranistin Anna Harvey: Erst singt sie eine flotte Carmen, und dann einen frechen Hänsel. Koloraturfreudig singt sie Händels Giulio Cesare als selbstbewusste Politikerin, und auch Wagner liegt ihr: Die Fricka in Die Walküre legt sie mit jugendlicher Energie an.
- Tenor Cornel Frey ist ein Spezialist für die schrillen Typen. Der Aegisth in Elektra und der Hauptmann in Wozzeck werden bei ihm zu spannenden Charakterstudien.
- In Verdis Il Trovatore kann die Deutsche Oper am Rhein mit Sängern auftrumpfen, die schon seit Jahren zum Ensemble gehören und hier genügend Zeit zur stimmlichen Entwicklung hatten:
- Mezzosopranistin Ramona Zaharia gehört seit 2014 zum Ensemble und beeindruckt hier regelmäßig als Carmen und Eboli. Jetzt singt sie eine furiose Azucena.
- Ihr Ehemann Bogdan Baciu war seit 2011 Mitglied des Opernstudios und wechselte ein Jahr später ins Ensemble. Mit vollem und warmen Bariton singt er den Grafen Luna.
- Bassist Bogdan Talos kam 2014 an das Haus und beeindruckt stets mit seinem kräftigen Bass in italienischen Partien, sang aber auch schon einen Riesen im Rheingold. Im Trovatore singt er den Ferrando, in der konzertanten Aufführung von Charles Gounods Die Königin von Saba ist er der König Soliman.
Ein Ring in Häppchen:
Früher (bis in die 1990er Jahre) konnte die Deutsche Oper am Rhein in der jeder Saison einen oder mehrere Zyklen von Wagners Der Ring des Nibelungen spielen. Dietrich Hilsdorfs Inszenierung, die zwischen 2017 und 2018 Premiere hatte, wurde bisher aber nur genau zweimal gespielt: Im Jahr 2019 einmal in Düsseldorf und einmal in Duisburg. Aufgrund des Probenaufwandes ist ein zyklischer Ring für das Haus nicht mehr zu stemmen. Stattdessen gab es in Duisburg in der vorletzten Saison eine Rheingold-Wiederaufnahme und in der auslaufenden Spielzeit eine Walküre. In der nächsten Spielzeit werden die Wiederaufnahmen häppchenweise fortgesetzt: Siegfried gibt es nur in Duisburg, Götterdämmerung nur in Düsseldorf.
Überraschungs-Generalmusikdirektor:
Die designierte Generalintendantin Ina Karr hat schon einen neuen Generalmusikdirektor designiert: Evan Rogister. Der wird von der designierten Intendantin, dem Düsseldorfer und dem Duisburger Oberbürgermeister als der absolute Top-Kandidat angepriesen. Immerhin war Rogister von 2018 bis 2025 Chefdirigent der Washington National Opera. In Deutschland ist er aber nur Besuchern der Deutschen Oper Berlin bekannt, wo er von 2009 bis 2011 Kapellmeister war.
Überraschungs-Baustopp:
Immer wieder hatten die Linken mit einem Bürgerentscheid gegen den Opernhausneubau gedroht. Der ist aber gar nicht notwendig, weil Düsseldorfs Oberbürgermeister Stephan Keller den Neubau aus Kostengründen selbst absagt. Dabei hatten sich Oper und Stadt viel Energie in das Projekt gesteckt. Um eine öffentlich Akzeptanz zu erhöhen, waren diverse Diskussionsrunden abgehalten worden. Im neuen Opernhaus sollten auch noch Musikbibliothek und Musikschule untergebracht werden. Zusätzlich gab es einen Architekturwettbewerb für Kinder. Der Siegerentwurf eines Osloer Architekturbüros war dann aber ein wenig innovatives und traditionelles Rangtheater.
Die Stadt will jetzt durch kleinere Renovierungsmaßnahmen, die auf den ersten Blick günstiger als ein Neubau erscheinen, den Betrieb des Opernhauses, das noch mit einer Dampfheizung aus den 1950er Jahren geheizt wird, sichern. Da kann es durchaus passieren, dass man sich irgendwann in der gleichen Situation wie Köln befindet und die Renovierungs-Billiglösung zu einer jahrzehntelangen Baumaßnahme führt, welche die Kosten eines Neubaus um das mehrfache übersteigt. Interessanterweise ist aber für die Düsseldorfer Olympia-Bewerbung genug Geld da.
Die Bilanz zog Rudolf Hermes.