Auch in diesem Jahr haben wir unsere Kritiker wieder gebeten, eine persönliche Bilanz zur zurückliegenden Saison zu ziehen. Wieder gilt: Ein „Opernhaus des Jahres“ können wir nicht küren. Unsere Kritiker kommen zwar viel herum. Aber den Anspruch, einen repräsentativen Überblick über die Musiktheater im deutschsprachigen Raum zu haben, wird keine Einzelperson erheben können. Die meisten unserer Kritiker haben regionale Schwerpunkte, innerhalb derer sie sich oft sämtliche Produktionen eines Opernhauses ansehen. Daher sind sie in der Lage, eine seriöse, aber natürlich höchst subjektive Saisonbilanz für eine Region oder ein bestimmtes Haus zu ziehen.
Nach der Deutschen Oper am Rhein blicken wir heute auf die Semperoper Dresden.

Beste Gesamtleistung:
Die nach unserem Empfinden perfekte Produktion des Ensembles der Semperoper war die Inszenierung der Jetske Mijssen von Dialogues des Carmélites mit der musikalischen Leitung der Marie Jacquot. Der schwierige Kompromiss zwischen dem Musikalischen und der Konversation war glanzvoll beherrscht. Aus der durchweg guten Sängerbesetzung ragten die Ensemblesopranistin Marjukka Tepponen als Blanche und die Gast-Sänger-Darstellerin Evelyn Herlitzius hervor. Das überwiegend düstere technisch ausgeklügelte Bühnenbild von Ben Baur der Chor und die Orchesterleistung passten ohne Einschränkung.
Zu den interessanteste Opern-Produktion des Jahres gehörte allerdings auch Nadja Loschkys Carmen mit ihrer Streichung der Libretto-Rezitative und der Rückführung der Erzählung der Handlung zur literarischen Vorlage. Die klugen aktualisierenden Texte Loschkys waren leider zu aufgebläht und ließen dem Besucher zu wenig Raum zur eigenen Reflexion.
Beste Wiederaufnahmen:
Die für uns wichtigsten Übernahmen aus früheren Spielzeiten waren Inszenierungen von Barbora Horáková Die kahle Sängerin und Claus Guths Saul.
Zu den besten Gesangsleistungen der Saison gehörten die Carmen der Gastkünstlerin Eve-Maud Hubeaux und mehrere Rollen des Ensemble-Bassbaritons Vladyslav Buialskyi.
Glanzvolle Nebenrollen lieferten als Gast Galina Cheplakova (Micaëla) und Nicole Chirka vom Hausensemble ab.
Das beeindruckenste Dirigat der Saison war nach unserem Eindruck, natürlich neben seiner Falstaff– und Parsifal-Leitung, die Aufführung von Mendelssohns Oratorium Elias des Generalmusikdirektors Daniele Gatti.
Zu den Entdeckungen des Jahres gehörten der Kruzianer Friedrich Zweynert als der Verkünder im Elias und der Schauspieler Lasse Myhr als Alter Ego des Don José.
Eine große Enttäuschung oder ein Ärgernis hatten wir uns erspart, weil wir wegen unserer Vorinformationen die Besuche der betreffenden Vorstellungen mieden.
Die Bilanz zogen Marianne und Thomas Thielemann.