Essen: Tops und Flops – „Bilanz der Saison 2025/26“

Auch in diesem Jahr haben wir unsere Kritiker wieder gebeten, eine persönliche Bilanz zur zurückliegenden Saison zu ziehen. Wieder gilt: Ein „Opernhaus des Jahres“ können wir nicht küren. Unsere Kritiker kommen zwar viel herum. Aber den Anspruch, einen repräsentativen Überblick über die Musiktheater im deutschsprachigen Raum zu haben, wird keine Einzelperson erheben können. Die meisten unserer Kritiker haben regionale Schwerpunkte, innerhalb derer sie sich oft sämtliche Produktionen eines Opernhauses ansehen. Daher sind sie in der Lage, eine seriöse, aber natürlich höchst subjektive Saisonbilanz für eine Region oder ein bestimmtes Haus zu ziehen.

Nach dem Staatstheater Wiesbaden blicken wir heute auf das Aalto-Theater Essen.


Solide Saison:
Eine herausstechende Produktion gab es nicht. Alle Premieren waren aber solide Inszenierungen, in denen die Handlung der Oper gut erzählt wurde, ohne das Publikum zu verschrecken und zu verstören. Das gelingt nicht jedem Opernhaus.
Zudem gab es eine gute Mischung aus Hits wie Rigoletto und Wiener Blut, Klassikern wie La fanciulla del West, dem selten gespielten Cardillac und der Ausgrabung Die Fritjof-Saga.

Überraschungserfolg:
Einen besonderen Ansturm des Publikums erlebt erstaunlicher Weise die konzertante Aufführung von Leonard Bernsteins Candide. Die Gründe für diesen Erfolg sind rätselhaft: Freut sich das Publikum auf Bernsteins Musik, darüber, dass hier keine Inszenierung zwischen Werk und Publikum steht oder wollen die Zuschauer Götz Alsmann erleben, der die verbindenden Erzähltexte von Loriot vorträgt? 

Sehenswerte Wiederaufnahmen:
Auch in dieser Spielzeit holt Intendantin Merle Fahrholz wieder eine ganze Reihe sehenswerter Inszenierungen aus dem Fundus. So gibt es ein Wiedersehen mit zwei Inszenierungen aus der Soltesz-Ära, nämlich die Turandot von Tilman Knabe und La Traviata von Josef Ernst Köpplinger. Aus der Intendanz von Hein Mulders werden Der Freischütz von Tatjana Gürbaca und der Otello von Roland Schwab gespielt. Auch Schwabs Parsifal von 2025 wird erneut gezeigt.    

Eigentlich ist das ein lohnenswertes Programm. Das Publikum ist aber weiter zurückhaltend. Einen echten Zuschaueransturm gibt es eigentlich nur bei Vorstellungen am Sonntagnachmittag.

Starke Bühnenbilder:
Bei den meisten Inszenierungen im Aalto-Theater bekommt das Publikum auch optisch etwas geboten: Genannt seien hier die Drehbühnen-Clubräume von Nikolaus Webern für Rigoletto, Heike Vollmers Spiegelraum für Wiener Blut, Frank Philipp Schlössmanns Fantasy-Wikingerwelt in Die Fritjof-Saga oder die Spielzeug- und Videolandschaften von Nils Momme Hinrichs in Die verzauberte Stadt.

Beste Sänger:
Sopranistin Astrik Khanamiryan begeistert regelmäßig mit ihren dramatischen Auftritten (Turandot, Desdemona, Minie in Fanciulla und Dame in Cardillac).

Heiko Trinsinger ist mit seinem hellen und eleganten Bariton ein Qualitätsgarant im Essener Ensemble (Titelrolle in Cardillac, Kaspar im Freischütz, Germont in La Traviata).

Aljoscha Lennert gefällt mit seinem frischen und lyrischen Tenor (Graf Balduin in Wiener Blut, Philip in Die verzauberte Stadt und vielen kleinen Rollen in Candide).

Oper von Komponistinnen:
Bisher hatte Intendantin Merle Fahrholz mit ihrer Reihe von Opern, die von Komponistinnen geschrieben wurde, ein gutes Gespür: Fausto von Louise Bertin und The Listeners von Missy Mazzoli waren spannende Stücke, die man sich auch gerne ein zweites Mal angeschaut hat.

Die Uraufführung der 1895 komponierten Wikinger-Oper Die Fritjof-Saga von Elfrida Andrée enttäuscht aber. Die musikalischen Ausschnitte, die man schon vorher im Internet hören konnte, versprechen starke Musik und eine spannende Aufführung. Für einen fast dreistündigen Abend fehlen dann aber die großen Melodien und dramatische Höhepunkte.

Gelungene Kinderoper:
Seit drei Jahren beteiligt sich das Aalto-Theater an der Jungen Oper Ruhr, hat bisher Ronja Räubertochter und Die Geisterritter nachgespielt. Mit Die verzauberte Stadt von Samuel Penderbayne gibt es jetzt die erste Essener Uraufführung. Komponist Penderbayne schreibt eine abwechslungsreiche und effektvolle Musik.

Zwei Hoffnungsträger:
Zwei Männer sollen das Essener Aalto-Theater wieder zurück auf Erfolgskurs bringen

In der Spielzeit 2027/28 übernimmt Peter Theiler das Aalto-Theater als Übergangs-Intendant. Theiler kennt das Ruhrgebiet von seiner Zeit als Intendant des Gelsenkirchener Musiktheaters im Revier (2001 bis 2008). Danach war er Intendant am Staatstheater Nürnberg und der Semperoper, ist also bestens vernetzt.

Ab der Saison 2028/29 folgt dann der Magdeburger Intendant Julian Chavaz, der in der Presse sagt: „Ich habe keinen Job bekommen, sondern eine Mission“.

Die zukünftigen Leiter des Hauses übernehmen eine schwierige Aufgabe, denn das Vertrauen des Publikums in das Essener Opernhaus hat spürbar nachgelassen. Dass solch eine Aufgabe zu bewältigen ist, hat aber zum Beispiel Wilfried Schulz am Düsseldorfer Schauspielhaus in den letzten zehn Jahren bewiesen. Auch am Theater Krefeld/ Mönchengladbach kann man erleben, dass Inszenierungen, die für das Publikum gemacht werden und nicht für die überregionale Kritik, ein Haus zum Erfolg, hohen Auslastungszahlen und einer großen Identifikation mit dem Publikum führen.

Drohende Sparmaßnahmen:
Weil es um den städtischen Haushalt nicht gut bestellt ist, will Essen auch im Bereich der Theater und Philharmonie Essen massiv sparen. Wie das genau funktionieren soll, wird noch diskutiert. Aber selbst die komplette Schließung des Schauspiels im Grillo-Theater ist ein Vorschlag.

Auch wird die Reduzierung der Premieren vorgeschlagen. Das Aalto-Theater bringt zurzeit aber gerade einmal fünf große Musiktheater-Premieren heraus, bei denen einige Inszenierungen jetzt schon aus Spargründen von anderen Häusern eingekauft werden. –  Damit liegt das Aalto-Theater jetzt schon deutlich unter der Premierenzahl der anderen Häuser der Region.


Die Bilanz zog Rudolf Hermes.