Krefeld/Mönchengladbach: Tops und Flops – „Bilanz der Saison 2025/26“

Auch in diesem Jahr haben wir unsere Kritiker wieder gebeten, eine persönliche Bilanz zur zurückliegenden Saison zu ziehen. Wieder gilt: Ein „Opernhaus des Jahres“ können wir nicht küren. Unsere Kritiker kommen zwar viel herum. Aber den Anspruch, einen repräsentativen Überblick über die Musiktheater im deutschsprachigen Raum zu haben, wird keine Einzelperson erheben können. Die meisten unserer Kritiker haben regionale Schwerpunkte, innerhalb derer sie sich oft sämtliche Produktionen eines Opernhauses ansehen. Daher sind sie in der Lage, eine seriöse, aber natürlich höchst subjektive Saisonbilanz für eine Region oder ein bestimmtes Haus zu ziehen.

Nach dem Stadttheater Gießen blicken wir heute auf das Theater Krefeld und Mönchengladbach.


Das Theater Krefeld-Mönchengladbach ist ein sehr gutes Beispiel dafür, wie man durch langjährige, konstant gute Arbeit Jahr für Jahr einen interessanten Spielplan zusammenstellt. Dieser weist zwar nicht so viele Produktionen wie in manchen anderen Theatern auf, dafür enttäuscht er aber auch so gut wie nie. Daher passt es ins Bild, dass der derzeitige Schauspieldirektor Christoph Roos ab der Spielzeit 2028/29 die Nachfolge von Michael Grosse als Generalintendant antreten wird. Grosse wird sich dann nach fast zwei Jahrzehnten am Niederrhein in den wohlverdienten Ruhestand verabschieden. Doch statt zu weit in die Zukunft zu blicken, soll bei dieser Saisonbilanz zunächst die vergangene Spielzeit im Mittelpunkt stehen. Wie im Vorjahr werden an dieser Stelle nur die Neuproduktionen der Spielzeit 2025/26 berücksichtigt, da fast alle Produktionen auf zwei Spielzeiten – ein Jahr in Krefeld und ein Jahr in Mönchengladbach – ausgelegt sind. Die bereits im letzten Jahr an dieser Stelle erwähnten Inszenierungen Die Passagierin, Elias, Sweeney Todd und La traviata waren selbstverständlich auch in der vor kurzem zu Ende gegangenen Spielzeit wieder auszeichnungswürdig.

Beste Produktion:
Bis auf den letzten Platz waren fast alle Vorstellungen von Titanic – Das Musical ausverkauft – und das zu Recht. Es ist eine wunderbare Komposition, die vor allem durch den Einsatz eines großen Orchesters immer wieder aufs Neue begeistert. Das spielfreudige Ensemble und die gelungene Regie setzen statt auf technisches Spektakel auf eine kluge Darstellung der einzelnen Schicksale. Eine in allen Bereichen gelungene Produktion, auf die man sich in der kommenden Spielzeit in Krefeld freuen darf.

Größte Enttäuschung:
Wie in den Vorjahren gibt es auch an der Spielzeit 2025/26 eigentlich nichts Großes zu bemängeln. Allerdings hatte man sich im Vorfeld von Charles Gounods Roméo et Juliette doch etwas mehr versprochen. Nach der wunderbaren Reise nach Reims konnte Regisseur Jan Eßinger leider nicht an diesen Erfolg anknüpfen. Er verzettelte sich etwas in der Idee, dass es sich bei Romeo und Julia um eine im Kern zeitlose Geschichte über die Unmöglichkeit von Liebe in einer Welt voller Grenzen handelt. Durch die Verlegung in verschiedene Zeitzonen wurde aus einer durchgängigen Geschichte eher eine Zusammensetzung von Bruchstücken aus verschiedenen Geschichten, die nicht so recht ineinandergreifen wollen. Daher fiel die Inszenierung hier im Vergleich zur musikalisch hervorragenden Darbietung leider recht stark ab.

Beste Gesangsleistung (Hauptrolle – Ensemble):
Sofia Poulopoulou überzeugte sowohl als Mimi in La Bohème als auch als Nedda in Der Bajazzo mit ihrem auch in den höchsten Lagen klaren und sicheren Sopran. Neben ihrem „brillanten Gesang“, um an dieser Stelle die Wortwahl des Opernfreund-Herausgebers Peter Bilsing aus der Premierenkritik zu Der Bajazzo zu übernehmen, weiß Sofia Poulopoulou zudem mit starkem Schauspiel zu gefallen. Immer eine gute Kombination für eine Sopranistin im Opernensemble eines Theaters.

Beste Gesangsleistung (Hauptrolle – Gast):
Das Theater Krefeld-Mönchengladbach stellt seit Jahren unter Beweis, dass es auch in der Schauspielsparte regelmäßig hochwertige Musicalproduktionen auf die Beine stellen kann. Mit dem etablierten Musicaldarsteller Julian Culemann als Seymour ist dem Theater bei Der kleine Horrorladen von Alan Menken ein echter Glücksgriff gelungen, der das eigene Schauspielensemble gut verstärkt. In dieser Spielzeit brillierte er zuvor schon in der Titelrolle des Musicals Tootsie am Bonner Opernhaus. Mit seinem schönen Tenor und seinem starken Schauspiel, das zudem mit einer hervorragenden Mimik einhergeht, verkörperte Culemann den etwas unbeholfenen Seymour auf zauberhafte Weise.

Beste Gesangsleistung (Nebenrolle):
Egal ob als Silvio in Der Bajazzo, Paris in Roméo et Juliette, Edgar Beane in Titanic – Das Musical oder Marcello in La Bohème, hier gibt es keine zwei Meinungen, denn Rafael Bruck überzeugt stets in allen Rollen mit seinem schönen Bariton. Oftmals sind dies dann durch die Komposition der Werke eher die Nebenrollen, wobei hier auch die Frage erlaubt ist, ob der Marcello in La Bohème nicht sogar eine Hauptrolle ist.

Bestes Dirigat:
Der äußerst sympathische Giovanni Conti, seit der Spielzeit 2022/23 Kapellmeister der Niederrheinischen Sinfoniker, durfte bei seiner letzten Premiere am Gemeinschaftstheater am Niederrhein noch einmal zeigen, was er zusammen mit einem hervorragenden Orchester wie den Niederrheinischen Sinfonikern zu leisten vermag, bevor er in der kommenden Spielzeit an die Deutsche Oper Berlin wechseln wird. Opernmusik auf höchstem Niveau erklang bei der Premiere von Der Bajazzo aus dem Mönchengladbacher Orchestergraben.

Beste Regie:
Was gut ist, darf auch gerne öfter zu sehen sein. So auch bei Titanic – Das Musical: In Mönchengladbach greift man hier in Kooperation mit dem Theater Osnabrück auf eine Inszenierung zurück, die vor einigen Jahren bereits in Niedersachsen sehr erfolgreich war. Regisseur Ansgar Weigner überzeugt hierbei mit einer hervorragenden Personenregie und bringt die verschiedenen Charaktere mit all ihren Hoffnungen, Träumen und Ängsten auf glaubhafte Weise auf die Bühne. In Zeiten immer notwendiger werdender Einsparungen ist es durchaus begrüßenswert, dass gute Produktionen nicht nach einer Spielzeit wieder verschwinden, sondern auch den Zuschauern in anderen Landesteilen Freude bereiten können.

Bestes Bühnen- und Kostümbild:
Ein enges Kopf-an-Kopf-Rennen lieferten sich in dieser Kategorie in diesem Jahr das Musical Der kleine Horrorladen und die Oper La Bohème, so dass am Ende zwei Gewinner stehen. Die in diesem Jahr leider viel zu früh verstorbene Monika Frenz schuf für das Musical einen liebevollen Blumenladen voller Details und eine wunderbar wachsende fleischfressende Pflanze, die man im Verlauf des Abends in immer größerer Form erleben darf. Neben der Regie zeichnete sich Dennis Krauß auch für das fantastische Bühnenbild in Form von großen Gemälden bei der Oper La Bohème verantwortlich, in das viel Liebe zum Detail gesteckt wurde. So gibt es nicht nur einen passend rauchenden Schornstein oder ein paar Tauben, die beim Liebesduett zwischen Mimi und Rodolfo durchs Bild fliegen, auch Schatteneffekte werden immer wieder geschickt eingesetzt. Sei es das Feuer im Ofen, das für die kurze Brenndauer des Papiers ein kleines, orange schimmerndes Licht auf die Künstler wirft oder die Schatten der Darsteller bei Auf- und Abgängen im Treppenhaus zur Dachgeschosswohnung.

Und sonst noch…
Wie im Vorjahr soll an dieser Stelle erneut ein kleiner Blick auf die Ballettsparte des Theaters geworfen werden. Manuel Gross hat zu Beginn der Spielzeit die Position des Ballettdirektors von Robert North übernommen. Dabei hat man sich dazu entschieden, zukünftig verstärkt auf Uraufführungen junger Choreografen zu setzen und Gastchoreografen dabei die Möglichkeit einzuräumen, im Sinne der Kunstfreiheit ohne großen Erwartungsdruck zu agieren. So durften die Zuschauer in der Spielzeit 2025/26 neben den gewohnt sehenswerten North-Choreografien mit Black Sheep, Sogni d’oro, Der Sandmann und shift.er.s gleich vier sehr unterschiedliche, aber allesamt spannende Uraufführungen erleben. Von diesen darf man sich auch für die Zukunft viel versprechen, so dass das neue Konzept der Ballettsparte bereits im ersten Jahr voll aufgegangen ist.


Die Bilanz zog Markus Lamers.