Bei den Rückblicken mit regionalen Schwerpunkten blicken wir nach dem Theater Bremen, dem Stadttheater Bremerhaven und dem Oldenburgischen Staatstheater heute auf die Region Rhein/Ruhr mit dem Aalto Theater Essen, dem Musiktheater im Revier Gelsenkirchen, dem Theater Bonn und der Deutschen Oper am Rhein.




Beste Produktion:
Die eine beste Produktion gab es in diesem Jahr nicht, vieles war gut – ein Zeichen für die vielfältige und hochkarätige Theaterlandschaft an Rhein und Ruhr.
Größte Enttäuschung:
Peter Konwitschny verwechselt an der Oper Bonn in der von ihm und Dramaturgin Bettina Bartz übelst verhunzten Frau ohne Schatten Feminismus mit Altherren-Masturbationsphantasien. Respektlosigkeit gegenüber Werk und Publikum wird an Ende des massiv gekürzten Abends mit einem Buh-Orkan belohnt, der nicht durch Provokation entsteht, sondern durch arrogantes, miserables Theater, dessen Erregungsmomente teilweise in Stilmitteln liegen, die in den 90ern vielleicht mal modern waren. Am Ende des Abends verbeugt sich eine Riege alter weißer Männer und glaubt, sie hätten der Welt etwas Gehaltvolles erzählt. Dem ist nicht so – im Gegenteil: das auf der Bühne gezeigte Frauenbild ist so peinlich, wie es entlarvend ist. Schließlich bleibt als simples Fazit: platt, platter, Konwitschny. Der Zenit ist überschritten. Deutlich.
Entdeckung des Jahres:
Man muss dem Essener Aalto-Theater gewissen Mut zollen, sich an Die Fritjof Saga der schwedischen Komponistin Elfrida Andrée zu wagen – dramaturgisch etwas schwierig offenbart sich ein Werk, dessen Musik interessant, schwelgerisch und zutiefst romantisch ist. Das Werk wird es vermutlich nicht wieder auf eine Bühne schaffen, aber es war schön, es einmal gehört zu haben.
Beste Gesangsleistung (Hauptpartie):
- Heiko Trinsinger überzeugt als wahnsinniger Goldschmied Cardillac stimmlich wie szenisch und interpretiert die herausfordernde Partie mit unglaublicher Intensität am Aalto-Theater Essen.
- Magdalena Anna Hofmann hatte keinen einfachen Start als Elektra an der Deutschen Oper am Rhein Düsseldorf, fiel sie krankheitsbedingt in den Endproben und zur Premiere aus. Um so bemerkenswerter war ihr Kaltstart in die laufende Vorstellungsserie, mit dem sie das Publikum restlos begeisterte. Eine wirklich bemerkenswerte Stimme, die der Wucht der Elektra gewachsen ist, gleichwohl aber nie überdreht, oder ins keifend-hysterische abdriftet. Mit intensivem Strauss-Klang, voller Kraft, aber auch voller Lyrik zeigt sie eine intelligente und klangschöne Interpretation dieser Partie.
Beste Gesangsleistung (Nebenrolle):
Der Freischütz an der Oper Bonn war aufgrund seiner Überpolitisierung derart polarisierend, dass die musikalische Seite fast in den Hintergrund trat. Dabei überzeugte Nicole Wacker besonders als Ännchen mit einem feinen und schön klingenden Sopran.
Bestes Dirigat:
Vitali Alekseenok kostete in der Elektra an der Deutschen Oper am Rhein Düsseldorf die Partitur mit großer Lust an der Klanggewalt aus und trieb die Lautstärke bis an ihre äußersten Grenzen. Das Blech dröhnt prachtvoll, das Orchester musizierte opulent und klangschön, genau so, wie man Strauss hören möchte. Das war Oper mit Kraft und Energie und machte letztlich großen Spaß.
Beste Regie:
Igor Pison inszeniert am Musiktheater im Revier Gelsenkirchen den Fliegenden Holländer mit einem schlüssigen Ansatz, der Senta nicht als Opfer ihrer Umgebung zeigt, sondern der Figur ein starkes Selbstbewusstsein gibt und so dem Werk eine interessante Deutung abgewinnt.
Bestes Bühnenbild:
Zinovy Margolin erschafft für die Uraufführung von Awakening an der Oper Bonn einen stimmungsvollen Raum, der mit Liebe zu Details und starken Bildern überzeugt.
Größtes Ärgernis:
Die Rolle rückwärts der Stadt Düsseldorf bei der Planung eines neuen Opernhauses ist an dramatischer Reichweite kaum zu überbieten und ärgerlich für alle, die an der Rheinoper arbeiten und diese gerne besuchen. Man fragt sich, wie es in der Zukunft in diesem Land weitergehen wird, wenn kein Geld mehr für kulturelle Leuchtturmprojekte ausgegeben werden kann.
Die Bilanz zog Sebastian Jacobs.