Bremen/Bremerhaven/Oldenburg: Tops und Flops – „Bilanz der Saison 2025/26“

Bei den Rückblicken mit regionalen Schwerpunkten bleiben wir nach dem Schleswig-Holsteinischen Landestheater Flensburg und Rendsburg und dem Theater Kiel im Norden und blicken heute auf das Theater Bremen, das Stadttheater Bremerhaven und das Oldenburgische Staatstheater.


Beste Produktion (Gesamtleistung):
Am Stadttheater Bremerhaven überzeugte Die tote Stadt von Korngold als Gesamtpaket. Regie und Bühnenbild (beides von Johannes Pölzgutter) ergänzten sich optimal zu einem stimmigen Ganzen und entsprach dem Gehalt der Oper. Solisten, Chor und Orchester unter der Leitung von Marc Niemann sorgten für eine rauschhafte Wiedergabe.

Größte Enttäuschung:
In Madama Butterfly am Bremer Theater wird die Titelpartie auf drei Sängerinnen verteilt – nicht auf die drei Akte, sondern in permanentem und ziemlich willkürlichem Wechsel. Das verhindert eine emotionale Anteilnahme am Schicksal von Cio-Cio-San. Der Ansatz der Regisseurin Ulrike Schwab („Für mich ist ‘Butterfly‘ ein Stück über Frauen und nicht nur über eine Frau“) geht nicht auf, Zudem gibt es überflüssige Zutaten wie einen lesbischen Kuss zwischen Cio-Cio-San und Suzuki sowie ein albernes Tänzchen von Pinkerton.

Entdeckung des Jahres:
Die Operette Sissy von Fritz Kreisler war am Bremer Theater zu entdecken. Sie war nach ihrer Uraufführung im Theater an der Wien sehr erfolgreich, wird heute aber nur noch selten gespielt. Dass Regisseur Frank Hilbrich sie wieder zum Leben erweckt hat, ist verdienstvoll, auch wenn er in seiner Inszenierung das Travestiespiel überzieht und die Grenze zur Klamotte überschreitet.

Beste Gesangsleistung (Hauptpartie):
Nadine Lehner ist für die schwierige und lange Partie der Renata im Feurigen Engel am Bremer Theater ein Glücksfall. Ihre wie immer bezwingende Bühnenpräsenz, gepaart mit ihrem kraftvollen und ausdrucksreichen Sopran, machen auch dieses Rollenporträt zu einem Ereignis.

Die Vielseitigkeit von Victoria Kunze, die am Stadttheater Bremerhaven regelmäßig in Oper, Operette und Musical glänzt, ist bekannt. Die Violetta in La Traviata dürfte ihre bisher anspruchsvollste Partie sein, Sie erfüllt sie, darstellerisch und gesanglich, in berührender Weise. Die Koloraturen beherrscht sie ebenso wie die großen Gesangslinien. Die emotionale Tiefe, die sie der Partie verleiht, geht unmittelbar unter die Haut

Beste Gesangsleistung (Nebenrolle):
Einmal mehr ist es Victoria Kunze, die am Stadttheater Bremerhaven glänzt. Als Komtesse Stasi in der Csardasfürstin macht sie ihre Sache mit Stimme und Charme ausgezeichnet.

Bestes Dirigat:
Es waren auch und besonders die Bremer Philharmoniker unter Stefan Klingele, die am Bremer Theater den Rang der Produktion des Feurigen Engels prägten. Die Intensität, mit der die einzelnen Gruppen musizierten, von Streichern bis zu Bläsern, erlebt man nicht alle Tage. Von überwältigender Wirkung waren die rein instrumentalen Zwischenspiele. Flirrende Glissandi, stampfende Orchesterschläge oder mystische Klangflächen – alles wurde von Klingele in düsteren oder geheimnisvollen Farben gezeichnet.

Beste Regie:
Benjamin Brittens Oratorium War Requiem in der Inszenierung von Frank Hilbrich am Bremer Theater war ein tief berührender Abend der Sonderklasse. Hilbrichs Inszenierung enthielt viele Szenen, die direkt unter die Haut gingen. Auch die (notwendige) Stille zwischen dem letzten Ton der Musik und dem Beifall des Publikums hat Hilbrich inszeniert, indem alle Beteiligten ganz langsam und einzeln die Bühne verlassen. Auch musikalisch war alles sehr hochrangig.

Bestes Bühnenbild:
Das Bühnenbild von Sonja Füsti zu La Traviata an der Oldenburgischen Staatsoper zeigt im 2. Akt ein lichtdurchflutetes Meer von Sonnenblumen. Die Saat des ersten Liebesgeschenks ist also prachtvoll aufgegangen. Ein überzeugender und optisch sehr schöner Einfall.

Beste Chorleistung:
Der Chor, der Extrachor und der Kinderchor sorgten in der Einstudierung von Karl Bernewitz über überwältigende Klangerlebnisse in Brittens War Requiem am Bremer Theater.


Die Bilanz zog Wolfgang Denker.