Reisebilanz II: Tops und Flops der „Saison 2025/26“


Lieber Opernfreund-Freund,

ich habe in der vergangenen Saison insgesamt 42 Opernabende besucht und über die meisten davon im „Opernfreund“ berichtet. Meine Highlights teile ich nun gerne mit Ihnen:

Beste Produktion (Gesamtleistung):

Otello an der Opéra Royal de Wallonie-Liège
Der ORWL ist mit Allex Aguileras Regiearbeit das Kunststück gelungen, Verdis Meisterwerk ganz traditionell und doch spannend zu erzählen. Aguilera setzt auf die Kraft des Stücks und benutzt moderne Bühnentechniken und Videos von Arnaud Pottier, um die verschiedenen Stimmungen in Verdis Komposition zu unterstreichen. Francesco Lanzilotta dirigiert ebenso spannend, wie Aguilera inszeniert, und die exquisite Besetzung der Hauptrollen mit Luciano Ganci als vielschichtigem Otello, Roman Burdenko als facettenreich-fiesem Jago und Maria Teresa Leva als anbetungswürdiger Desdemona sorgt dafür, dass dieser Abend zum besten wurde, den ich in der vergangenen Spielzeit habe sehen dürfen.

Entdeckung des Jahres:
Giulietta e Romeo in Hof
Von wegen Provinz, die erste: Riccardo Zandonais klanglich imposante Vertonung des Romeo und Julia-Stoffes wird am Theater Hof dem Vergessen entrissen und zeigt, dass es abseits des Standardrepertoires vieles gibt, das auf die Bühne gehört. Diese Produktion möge andere deutsche Theater ermuntern, dieses Werk aufzuführen oder ähnlich mutig zu sein und sich auf die Suche nach weiteren verborgenen Schätzen zu machen, statt (wie in der Saison 2025/26) mit 13 (!) Neuinszenierungen von Verdis Traviata oder 11 neuen Don Giovannis aufzuwarten.

Beste Gesangsleistung (Hauptpartie):
Theo Magongoma als Macbeth in Osnabrück.
Der südamerikanische Bariton Theo Magongoma wird in der Titelrolle von Verdis Macbeth zum Bühnenereignis. Versiert, kraftvoll und farbenreich präsentiert er den machthungrigen Adeligen als Getriebenen zwischen Lust und Wahnsinn. Da kann man nicht wegschauen und -hören.

Beste Gesangsleistung (Nebenrolle):
Anna Grycan als Mère Jeanne in Dialogues des Carmélites in Flensburg
Frauenpower im hohen Norden, die erste: Die kleine, aber feine Rolle der Mère Jeanne war mir in den 15 Produktionen von Poulencs Nonnendrama, die ich zuvor gesehen hatte, kaum aufgefallen. Die klangliche Tiefe und die immense Ausdruckskraft der jungen polnischen Mezzosopranistin Anna Grycan hingegen hat mich vom ersten Ton an gepackt und ich habe sie auch nach Monaten noch im Ohr!

Nachwuchssänger des Jahres:
Yuina Miyahara als Suor Angelica in Aachen.
Die immense Bühnenpräsenz, die die junge Studentin mit farbenreichem Sopran und intensivem Ausdruck paart, lässt aufhorchen. Ihre künstlerische Reife ist enorm. Ich bin gespannt, wohin die Japanerin ihr Weg führen wird.

Rollendebüt des Jahres (männlich):
Jorge Ruvalcaba als Eugen Onegin in Aachen
Einen vielschichtigeren Onegin habe ich selten sehen dürfen, und dass der junge Mexikaner Jorge Ruvalcaba schon bei seinem Rollendebüt zu einer so differenzierten Darstellung von Tschaikowskys tragischem Titelhelden in der Lage ist, ist bemerkenswert. Immenser Ausdruck, kraftvoller Gesang und eine wunderbare Bühnenpräsenz vereinen sich zu einem berückenden Rollenporträt.

Rollendebüt des Jahres (weiblich):
Vera Semieniuk als Mère Marie in Dialogues des Carmélites in Flensburg
Frauenpower im hohen Norden, die zweite: Trotz Erkrankung rettet Vera Semeniuk den Premierenabend in Flensburg, erweckt ihre Figur mit jeder Faser zum Leben und beschert mir mit ihrer eindrucksvollen Darstellung und ihrem expressiven Gesang einen Gänsehautschauer nach dem anderen.

Überzeugendste Ensembleleistung:
The Wreckers am Landestheater Detmold
Von wegen Provinz, die zweite: Im ostwestfälischen Detmold zeigt Ethyl Smyths hochaktuellem Stück über Egoismus und Habgier in der Gesellschaft, wozu auch kleinere und mittlere Bühnen in der Lage sind. Fast ausschließlich mit eigenen Kräften stemmt das dortige Landestheater das anspruchsvolle Werk und lässt musikalisch keine Wünsche offen.

Beste Wiederaufnahme:
Norma in Brüssel
Die „Auto-Norma“ von Christophe Coppens erlebt in der vergangenen Spielzeit an der Monnaie in Brüssel ein umjubeltes Revival. Das beeindruckende Bühnenbild hat nichts von seiner Kraft verloren. Sally Matthews, Enea Scala und Raffaella Lupinacci präsentieren exquisite Rollenportraits abseits ausgetretener Belcanto-Pfade.

Beste Übernahme:
Salome in Valencia
In der heutigen Zeit werden immer öfter Produktionen von mehreren Theatern gemeinsam gestemmt. Damit meine ich keine „Theaterehen“ wie in Düsseldorf/Duisburg oder in Krefeld/Mönchengladbach, sondern oft internationale Coproduktionen. Die 2021 für die Mailänder Scala entstandene Salome von Regisseur Damiano Michieletto hat auch am Palau de les Arts Reina Sofia in Valencia nichts von ihrer Strahlkraft eingebüßt. Eine exquisite Sängerriege erweckt Salomes Alptraum am neuen Theater zu neuem Leben.

Beste Regie:
Noa Naamat in Darmstadt (Aida)
Die israelische Regisseurin Noa Naamat siedelt Verdis Nilepos Aida im Nahen Osten an, zeigt Radames als traumatisierten Kriegsveteranen und erzählt von der Ausweglosigkeit einer Liebe zweier Menschen, die verschiedenen Kriegsparteien angehören. Das regt zum Nachdenken an und erweist sich als Regietheater at its best!

Bestes Bühnenbild/beste Kostüme:
Paolo Fantin und Carla Teti (Salome in Valencia)
Paolo Fantin (Bühne) und Carla Testi (Kostüme) entführen uns in Salomes alptraumhafte Innenwelt. Symbolbeladene Auftritte auf an sich leeren Bühnen konzentrieren das Geschehen, geben Denkanstöße und schaffen eindrucksvolle Bilderwelten, die man so schnell nicht vergisst.

Bestes Dirigat:
Giuliano Betta in Gelsenkirchen (Francesca da Rimini (Rachmaninoff)/Gianni Schicchi (Puccini))
Dass ein Dirigent an einem Doppelabend zwei Werke von so unterschiedlicher klanglicher Charakteristik zu einem Musiktheaterabend vereint und dabei dennoch jedes für sich mit seinen individuellen Stärken betont, ist eine Gratwanderung. Giuliano Betta, 1. Kapellmeister am Haus, ist in dieser Produktion dieses Kunststück gelungen.


Es reiste für Sie
Ihr
Jochen Rüth.