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Solide Regiearbeit ohne Aufreger

LA BOHÈME

Premiere am 14.12.2014                            Premiere in Gera am 07.12.2014

Mit besonderem Blick auf die Personen

„Scènes de la vie de bohème“ war ein Feuilleton des frz. Schriftstellers Henri Murger, das Alltagsgeschichten aus dem Leben von Studenten im Vormärz im Pariser Quartier Latin beschrieb. 1851 erschien eine Auswahl dieser um 1840 spielenden Geschichten als Sammelband, den später auch Giacomo Puccini zu lesen bekam und sich danach für diesen Stoff als Oper interessierte. Hatte er doch selber aus seiner Studienzeit im Mailänder Konservatorium ähnliche „Szenen“ in Erinnerung. Sein Verleger Giulio Ricordi, der bereits prächtig an Puccinis erster Erfolgsoper Manon Lescaut verdient hatte, brachte ihn mit den Librettisten Giuseppe Giacosa und Luigi Illica in Verbindung. Diese unterlegten den „Szenen“ eine Handlung, in welcher einige der in den Geschichten beschriebenen Personen auftreten. Anders als bei der typischen italienischen Opernkonstellation mit einem Liebespaar und einem Gegenspieler, treten in der Bohème zwei Paare auf, deren völlig gegensätzliche Verhaltensmuster zur Spannung des Stücks beitragen. Die Bohème wurde 1896 in Turin uraufgeführt und zu Puccinis bis heute anhaltendem größten Erfolg. Leoncavallos unabhängig entstandenes gleichnamiges Werk auf ein eigenverfasstes Libretto mit dem gleichen Stoff kam ein Jahr später zur Uraufführung, konnte aber Puccinis „Meistermachwerk“ nie das Wasser abgraben.

Anne Preuss (Mimì), Max An (Rodolfo)

Von keiner drei typischen Möglichkeiten, eine Opernhandlung zu verorten (Originalzeit der Handlung, Zeit des Entstehens oder Gegenwart der Aufführenden) macht der Regisseur Anthony Pilavachi  ("Echo-Klassik-2012"-Preisträger) Gebrauch, sondern lässt die Handlung in Kostümen der 20er Jahre spielen. Markus Meyer entwarf die Ausstattung, bei welcher mit dem Bühnenbild historisch nicht ganz korrekt umgegangen wird. Die Oper beginnt mit dem Bild eines kleinen Ateliers über den Dächern von Paris mit großen Dachfenstern. Innen stehen ein alter Stutzflügel und ein Kanonenofen. Hier führen die vier Bohémiens, die sich Literatur, der Malerei, der Musik und der Philosophie verschrieben haben, ein ärmliches, aber freies Leben. Zum zweiten Bild wandelt sich die Szene zum bühnenbreiten Bankett-Saal des Café (hier: Catering) Momo mit Straße davor, ehe sie im dritten Bild zu einer verschneiten Ecke in Paris neben dem Wirtshaus und vor der Zollstation verwandelt wird. (Das entspricht, wenn auch sehr stilisiert, einer porte d’octroi, an welcher die Reisenden nach Paris eine Warensteuer zu entrichten hatten; in der Nähe dieser Tore befanden sich in der ersten Hälfte des 19. Jhdts. auch die guinguette genannten Vorstadtkneipen. Erst 1943 unter der deutschen Besatzung wurden die portes d’octroi endgültig abgeschafft.) Soweit inszeniert Pilavachi ziemlich genau am Libretto und detailgenau an den Szenenanweisungen. Erst im vierten Bild nimmt er eine Änderung vor und lässt sie nicht mehr im Studio der vier Bohémiens spielen, sondern auf der Straße davor, wohin sie aus ihrer Wohnung wegen verweigerter Mietzahlung von Vermieter Benoît gesetzt wurden. Welch sozialer Zug des Vermieters, mit dem Hinauswurf bis ins Frühjahr gewartet zu haben!

auf dem Boden liegend:  Akiho Tsujii (Musetta); Chor, Kinderchor

Pilavachi interessiert sich nicht für moderne „Deutungsmuster“. Textilarbeiterin Mimi ist kein Ausbeutungsopfer der Industrie; die Bohémiens nutzen nur eine ganz traditionelle Droge, den Wein. In der eher einfach gezeichneten Szenographie werden mit Mimì und Rodolfo sowie Marcello und Musetta die beiden Paare herausgearbeitet, die ganz andere Wege gehen, den des frivolen Lebens einerseits und den zu tiefer Liebe andrerseits. Dier vier Bohémiens treten in weißen Hosen, weißem Pullover und mit vier verschiedenfarbigen Schals, Handschuhen und Strickmützen wie eine Kasperle-Truppe auf. Was an denen erst ganz zuletzt ernst genommen werden kann, sind künstlerische Ambitionen. Über fundierte physikalische Bildung verfügen sie nicht, da sie glauben, mit ein paar Blättern Papier im Kanonenofen ein Dachstudio heizen zu können. Aber daran lassen sich immerhin ein paar Regieeinfälle aufhängen.

Johannes Beck (Marcello), Max An (Rodolfo), Anne Preuss (Mimì)

Derer gibt es dann sehr viele im turbulenten zweiten Bild vor dem Café Momo mit der gelungenen Volksszene, in deren Mitte Alcindoro vorgeführt wird, dem schließlich die Zeche auf einem langen Leporello überlassen wird. Scharfer Kontrast zur einsamen Szene des dritten Bilds im Schnee und dann hier ein weiterer starker Moment der Inszenierung mit der Gegenüberstellung der beiden Paare. Natürlich rührt das vierte Bild und wird das wohl noch mit Generationen von Opernliebhabern tun. Trotz der Ausschweifungen im zweiten Bild macht die Regie deutlich, wie letztlich alles auf das vorbestimmte Ende Mimis hinläuft. Im Ganzen gesehen, ist es keine feine Federzeichnung, die Pilavachi abliefert, sondern eher ein Holzschnitt, aber in sich geschlossen, stimmig und wirkungsvoll durch nachdrückliche Personenzeichnung; eine solide Regiearbeit ohne Aufreger.

Johannes Beck (Marcello), Yaegyeong Jo (Schaunard), Kai Wefer (Colline), Max An (Rodolfo)

Puccini hat zu La Bohème Musik auf der Höhe seiner Zeit geschrieben. In Harmonik und Instrumentierung hatte er schon fast den Gipfel seiner Kunst entwickelt, die er später hin zu herberen Tönen und größerer dramatischer Durchschlagskraft entwickelte und sich vom Süßlichen der Bohème-Partitur wieder entfernte. Niemand kann heute Puccini mehr fragen, wie er das musiziert haben wolle; möglicherweise würde er antworten: „publikumswirksam“. Das tat auch Laurent Wagner am Pult des Philharmonischen Orchesters Altenburg-Gera. Er zeichnete einerseits subtil und gekonnt die feinen Passagen der Partitur mit ihren Personenbeschreibungen und gestaltete den thematischen Zusammenhalt der Partitur im Sinne guter Zugänglichkeit. Andrerseits scheute er nicht vor süßlichem Schmelz mit angeschleiften Violintönen zurück und ging auch richtig in die Vollen. Mit der Bläserlastigkeit der Orchesterbesetzung gab er dem Klang hier und da reichlich Schärfe und ließ es auch richtig krachen – manchmal zu laut für das kleine Theater (etwa 50 Orchestermusiker im Graben). Der von Ueli Häsler gut präparierte Opernchor hatte im zweiten Bild - hier auch szenisch stark gefordert – seinen starken Auftritt, „unterstützt“ von dem frisch und lebendig agierenden Kinderchor von Theater & Philharmonie Thüringen. Indes war die Abstimmung zwischen Graben und Bühne im turbulenten zweiten Bild nicht immer vorn steriler Präzision.

Anne Preuss (Mimì), Ma An (Rodolfo)

In den Hauptrollen wurde durchweg beachtlich gesungen. Die Mimì von Anne Preuß bestach durch ihre Interpretation zwischen Leidenschaft und Verzweiflung, zwischen inniger Lyrik und glühendem Volumen. Pilavachi lässt sie im ersten Bild  eroberungslustig zu Werke gehen. Rodolfo lässt es sich gefallen. Max An sang diese Rolle mit kräftigem bronzenem Tenor und strahlenden sicheren Höhen. Johannes Beck gab den Marcello mit kultiviertem tiefem lyrischem Bariton. Seine (wiedergefundene) Partnerin Musetta ist gewissermaßen der Gegenentwurf sowohl zu ihm als auch zu Mimi. Die kleine zerbrechlich wirkende Japanerin Akiho Tsujii verlieh ihr stimmlich und darstellerisch bewundernswert Gestalt. Mit quirligem Spiel, und glockenreinem beweglichen Sopran begeisterte sie ihr Publikum. Unter den Nebenrollen gefielen besonders Mark-Bowman-Hester als klangvoller, gut gestützter Tenorbuffo und Salomón Zulic del Canto vom Thüringer Opernstudio in den beiden Rollen des Hausherrn Benoît und des Staatsrats Alcindoro mit kräftig-deutlichem Bassbariton. Angenehm strömend der Bass von Kai Wefer als Philosoph Colline.

Herzlicher Beifall aus dem sehr gut besuchten Haus. Die nächsten Aufführungen der Bohème finden in Altenburg am 21.und 26.12., und in Gera am 23.12. statt.

Manfred Langer, 16.12.2014                                        Fotos: Stephan Walzl

 

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