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Tannhäuser

20.05.2013

Tatsächlich auf der Wartburg -  halbszenisch                  

Pfingstmontag 2013, noch zwei Tage bis zum zweihundertsten Geburtstag Richard Wagner ….. Das Meininger Theater präsentiert – tatsächlich auf der Wartburg, im Sängersaal – wieder den „Tannhäuser“ – und setzt auch im „Wagner-Jahr“ die in 2003 zunächst vom Landestheater Eisenach begründete Tradition fort. Hinter der vermeintlich „lokalen“ Aufführung verbirgt sich längst eine Opern-Präsentation von verblüffender Perfektion und Musikalität, auch ohne volle szenische Ausgestaltung – oder gar deswegen! Atemberaubend die räumliche Atmosphäre des prunkvollen Festsaals im Palas der Wartburg, die das Publikum nach steilem Aufstieg erklommen hat. Für den II. Akt geht es nicht authentischer! Historische und Kunst-Szene vermengen sich, für einen Erstbesucher ein erregendes Erlebnis.

Eingang zur Wartburg

Die Meininger Hofkapelle, immerhin mit den Einschränkungen eines B-Orchesters, an der Stirnseite der „Halle“ platziert, davor der Raum für Gesang und das szenische Spiel der Solisten. Mit den ersten Akkorden der Ouvertüre entfaltet der junge Meininger Generalmusikdirektor Philippe Bach einen kräftigen Raumklang, reizt dabei allerdings die melodische Vielfalt teilweise filigran aus. Und als die Solisten, in Stand und Rolle entsprechend schlichten aber treffenden Kostümen, erscheinen und das musikalische Geschehen dominieren, nimmt er das Orchester gekonnt zurück. In den „sinfonischen“ Partien, also den Vorspielen zu den Aufzügen oder dem Auftakt zum Einzug der Gäste trumpft das Orchester wieder auf, ohne an irgendeiner Stelle etwa zu laut zu wirken. Als besondere Leistung entpuppt sich die koordinierende Geschicklichkeit des Dirigenten beim Agieren der Solisten hinter seinem Rücken zwischen Orchester und Publikum und bei der Platzierung der Chöre teils hinter, teils auf der seitlichen Säulenbalustrade des Festsaals. Als Glücksfall muss man wohl die Besetzung der weiblichen Rollen bezeichnen. Mit klarem, zugleich aber kräftigem Sopran gefiel die Wienerin Miria Rosendorfsky als junger Hirt. Am Ende des I. Aktes gab es gezielte Bravo-Rufe für sie. Als brillante Besetzung der Venus zeigte sich Bettine Kampp, gut aussehend, in einer überzeugenden Gestik und in ansprechendem Kostüm verführerisch, beim Gesang schmeichelnd, fordernd und drohend. Ein kräftiger Mezzosopran, teilweise gar zum Alt tendierend, jeweils ganz der Rolle angepasst, verhalf zu einem ausdrucksstarken Profil. Für eine regelrecht beglückende Partie als Elisabeth sorgte, auch mit ihrem ranken Wuchs, die Brasilianerin Camila Ribero-Souza. Mit kräftigem lyrischen Sopran begrüßte sie die Halle, bei der Begegnung mit Tannhäuser eher zärtliche Töne, um dann hochdramatisch das Geschehen in der verstörten Gesellschaft kurz an sich zu reißen. Die Bitte um Tannhäusers Seelenheil dann geriet in zärtlichen-flehenden Klängen zu einem ergreifenden (zweiten) Gebet der Elisabeth. Welch eine stimmliche Wandlungs- und Anpassungsfähigkeit! Und in jeder Situation eine überzeugende Gestik und Mimik. (Von ihr dürfte man zukünftig noch hören.)

Palasfestsaal

Auch die männlichen Hauptrollen sind vorzüglich besetzt. Ernst Garstenauer, von kräftiger Statur, gibt einen überzeugenden Landgrafen mit einem volltönenden und raumfüllenden Bass. Spiel, Gestik und klare Diktion überzeugen in ihrer Wirkung als jagdlicher Gastgeber, als verständnisvoller Oheim, als bejubelter Landesfürst und als Klärer der aufgeheizten Stimmung der Festgesellschaft. Einen überzeugenden Walter von der Vogelweide liefert der Mexikaner Rodrigo Porras Garulo, der mit klarem Tenor und beherzter Mimik zeigte, dass er als Minnesänger die Krise zwischen den Beteiligten kurzum zu glätten glaubte. Mit dem Koreaner Dae-Hee Shin verfügt die Meininger Bühne über einen überzeugenden Bariton, der mit vielfältigem Wechsel der kräftigen Stimme die Situations- und Stimmungsänderungen, die die Rolle als Wolfram von Eschenbach erfordert, ausdrucksstark präsentiert. (Immerhin, er wurde 2010 durch Opernwelt als „Sänger des Jahres“ nominiert.) Beachtlich auch seine Mimik und Gestik des freudigen Jagdgesellen, des der Liebe entsagenden Verehrers und des besorgten und letztlich rettenden Freundes. Da passte alles.

Eine bemerkenswerte Besetzung der Titelrolle gewährleistet der Amerikaner Richard Decker. Er verleiht mit klangschöner, volltönender, nirgends überforderter Tenor-Stimme mit breiten Facetten, mit Gestik und Mimik dem Tannhäuser eine geballte Leidenschaft mit zügellosen Momenten, mit Phasen der Überheblichkeit, auch des Nachdenkens und am Schluss Verständnis suchender Verzweiflung. Er überzeugt, dass Tannhäuser ein Rastloser ist, ein schwieriger Charakter, hochbegabt, zwischen Sanguiniker und Choleriker. Richard Decker wird dieser Herausforderung in seiner Rollengestaltung gerecht. Und der Chor? Trotz seiner dezentralen, teils verdeckten Platzierung lieferte er einen melodisch anrührenden Klang im Festsaal. Der Einzug der Gäste geriet nicht allein von der Partitur her zu einem Höhepunkt der Aufführung.

Schlussapplaus

Auch ohne die szenische Gestaltung einer Bühne gelangen dem prächtig aufspielenden und musizierenden Ensemble aus Meiningen zeitweise berauschende Klangmomente. Das fröhliche Septett zum Finale des I. Aktes schuf eine klangschöne Heiterkeit. Die Zuschauer gingen angeregt in die Pause, gespannt auf Weiteres. Am Ende des II. Aktes bereits, als sich durch Elisabeths Intervention gar Versöhnliches andeutet, gerät die Szene bereits zu einer musikalischen Apotheose. Ergriffenheit, ja Rührung machten sich bei vielen Besuchern breit. Und beim großartigen Schluss-gesang der Chöre und Sänger am Ende des III. Aktes verspürte man schier knisternde Spannung und Stille beim Publikum. Das entlud sich dann auch eher als Jubel denn als bloßer Beifall, der für lange Minuten aufbrandete, immer wieder durchbrochen von zahllosen, teils emphatischen Bravo-Rufen. Eine verständliche, aber auch verdiente Reaktion! (Für mich konnte ich feststellen, dass die „nur“ halbszenische Aufführung in hohem Maße Gelegenheit gab, die Darbietungen/ Leistungen von Orchester, Solisten und Chor sehr intensiv in musikalischer und gestalterischer Hinsicht wahrzunehmen. Dieser Besuch bei Wagners „Sängerkrieg auf Wartburg“ hat sich mehr als gelohnt.)

Kein Wunder, dass Wagners „Tannhäuser“, dargeboten tatsächlich auf der Wartburg, mittlerweile unter Kennern als Geheimtipp gilt. Die Vorstellungen dieses Jahres waren schon seit dem vergangenen Jahr ausverkauft. Aber im nächsten Jahr sind wiederum Aufführungen geplant, im zweiten Quartal jedenfalls vier an der Zahl.

Hans-Hermann Trost, 27.05.13                                 Fotos: Wartburg-Stiftung

 

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