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Umberto Giordanos

FEDORA

Premiere am 10.12.2016

Packende Leidenschaft

 

Lieber Opernfreund-Freund,

von Umberto Giordanos 14 Opernwerken ist den meisten wahrscheinlich allenfalls "Andrea Chénier" ein Begriff. Seine 1898 uraufgeführte "Fedora" wurde bis in die 1950er Jahre durchaus öfter gezeigt, ist seither allerdings von den Opernbühnen außerhalb Italiens weitestgehend verschwunden. Im 21. Jahrhundert war das Werk nördlich der Alpen lediglich 2003 in Gießen und 2011 im tschechischen Ostava zu sehen und auch in Giordanos Heimat wird es nur relativ selten gezeigt. In dieser Spielzeit kann man aber außer nach Neapel oder Genua auch nach Stockholm reisen, um diese Rarität anzuschauen. Hier hatte gestern die Regiearbeit von Christof Loy vor ausverkauftem Haus Premiere und der gebürtige Essener präsentiert gut neunzig Minuten voller Leidenschaft und großer Gefühle.

Die Handlung führt uns zu Beginn ins St. Petersburg der 1880er Jahre, in die von Umbruch verunsicherte Welt der russischen Aristokratie. Nihilisten streben nach einem freiheitlichen Russland, versuchen, den Zar zu stürzen und machen immer wieder durch Attentate auf Adelige von sich reden. Am Vorabend ihrer Hochzeit wartet Fedora auf ihren Verlobten Vladimir, der tödlich verwundet hereingetragen wird. Schnell wird Loris Ipanov als Attentäter ausgemacht und eine politische Motivation der Tat vermutet. Fedora will den Mord an ihrem Verlobten sühnen und folgt Loris nach Paris, um ihn der Tat zu überführen. Bei einem Fest in Fedoras Haus gesteht Loris ihr nicht nur seine Liebe, sondern auch seine Schuld am Tod von Vladimir. Als er ihr Stunden später enthüllt, Vladimir in Notwehr erschossen zu haben, nachdem er ihn in flagranti mit seiner Frau erwischt und dieser zuerst auf ihn geschossen hat, hat Fedora bereits einen Brief nach Russland geschickt und die Polizei von Loris' Geständnis unterrichtet. Nun versucht sie, ihn vor der Festnahme zu bewahren. Die beiden reisen in die Schweiz und verleben eine unbeschwerte und glückliche Zeit, ehe sie die Nachricht erreicht, daß man Loris' Bruder aufgrund von Fedoras Brief gefangen genommen hat. Der Bruder stirbt in Gefangenschaft, die Loris‘ Mutter vor Gram. Loris ist blind vor Trauer und Wut, Fedora fühlt sich schuldig am Tod der beiden und nimmt Gift.

Christof Loy tut gut daran, dieser Geschichte einen behutsamen Rahmen zu geben. Der ziert in Gold und überdimensionalem Ausmaß die von Herbert Murauer gestaltete Bühne und bildet im wahrsten Sinne Projektionsfläche für Innenwelt und Wunschvorstellungen der Protagonisten. Die von Hobi Jarne (Veloufilm AB) und Emil Gotthardt teils vorproduzierten, teils live gefilmten Videoeinspielungen sind darin zu sehen und geben so einen intensiven Einblick in die Gefühlswelt Fedoras. Murauer steckt die Darsteller in die galante Abendmode, bunten Sportklamotten und reizende Nachtwäsche unserer Tage und kreiert so eine zeitlose Lesart des nicht mehr ganz so zeitgemäßen Stoffes. Loy spielt mit diesen Ebenen, verdichtet das Drama durch gekonnte Personenführung, schafft Platz für witzige Momente und glänzt mit der einen oder anderen originellen Idee, kurz: er macht aus dem Drama ein packendes Wechselbad der Gefühle. Er betont die innere Zerrissenheit der Titelfigur und macht am Ende des Abends klar, dass auch Fedoras Traum vom Glück mit Loris bloßes Wunschbild bleibt.

Asmik Grigorian als Fedora ist schlicht ein Erlebnis. Die aus einer litauischen Musikerfamilie stammende Sängerin verkörpert die Titelfigur mit großer Intensität, singt sich die Seele aus dem Leib, zeigt ihren kraftvollen und ausdrucksstarken Sopran ebenso wie herzerweichende Piani und beschert mir mit ihrem packenden Spiel meinen persönlichen Opernhöhepunkt des Jahres. Andrea Carè steht ihr als Loris in nichts nach, verfügt über einen Tenor voller Strahlkraft und Wärme tritt mit Fug und Recht in die Fussstapfen manch prominenter Interpreten dieser Rolle wie Enrico Caruso, Giuseppe di Stefano oder Franco Corelli, so voller Feuer singt und spielt er. Sofie Asplund gibt die quirlige Olga mit leichtem, hinreißenden Sopran und ansteckender Spielfreude, Ola Eliasson ist als solider de Siriex ein Diplomat von Format und zeigt das mit warmem Bariton, wirkt im Vergleich mit den drei Vorgenannten allerdings beinahe behäbig.

Fast ein Dutzend weitere Sänger stehen auf dem Besetzungszettel, die allesamt wunderbar singen und spielen und von denen stellvertretend John Erik Eleby genannt sein soll, der in seinem kurzen Auftritt als Cirillo mit profundem Bass ebenso überzeugt wie Johanna Rudström in der Hosenrolle Dimitri. Ihr satter Mezzo wird der von Loy mit Hilfe einer homoerotischen Nebenhandlung aufgewerteten Rolle mehr als gerecht. Nicht unerwähnt bleiben soll auch Arvid Roos, der mit glockenklarem Knabensopran als Schäfer im letzten Bild für stimmungsvolle Momente sorgt.

James Grossmith hat sich mit dem Königlichen Opernchor hörbar intensiv mit der Partitur befasst und die Partie genau einstudiert, Martin Virin zeigt seine pianistischen Fähigkeiten als Lazinski im Rahmen einer Bühnenmusik und auch Tobias Ringborg geht am Pult mit hörbarer Passion und Begeisterung ans Werk. Schon die ersten Takte versetzen den Zuschauer in einen Rausch, der im, von einer kurzen Lichtpause abgesehen, durchgespielten Werk bis zum finalen Ton nicht enden mag.

Er spielt mit der Leidenschaft in den hinreißenden und wogenden Melodien und macht so zusammen mit der Königlichen Hofkapelle den Abend perfekt. Trotz (oder vielleicht doch wegen) der traditionellen Lesart Loys ist zusammen mit einem Ensemble, das auf höchstem Niveau agiert, ein spannender, bewegender Opernabend gelungen. Diese Spannung entlädt sich nach dem letzten Takt beim begeisternd aufspringenden Publikum in nicht enden wollendem Applaus für alle Beteiligten. Und das ist mehr als verständlich! Ich hätte mir das Werk im Anschluss gar direkt noch einmal anschauen können, so groß war auch meine Begeisterung, die ich an dieser Stelle gerne unverhohlen mit Ihnen teile.

Ihr Jochen Rüth 11.12.2016

Bilder (c) Oper Stockholm

 

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