DER OPERNFREUND - 50.Jahrgang
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Gastkritik

Peinlichkeit pur

Rheinopern-Intendant Christoph Meyer geht vor Kritikern in die Knie und setzt szenischen ”Tannhäuser” ab.

Wien, 8.5.13

MERKER-ONLINE - Tageskommentar des Herausgebers

Der Schauplatz: Rheinoper Düsseldorf. Lange, viel zu lange, nämlich seit Samstag/Sonnabend war die Rheinoper Düsseldorf Mittelpunkt der Opernwelt. Der Intendant spielte mit dem Feuer, provozierte einen Theaterskandal, der seinem Haus wegen der verstärkten Medienpräsenz nur gut getan hätte, und ging nun jämmerlich ein – wie die legendäre “böhmische Leinwand”! Oh Gott, welch Weicheier werden auf Intendantesessel gespült. Den Protest der Traditionalisten hätte er vermutlich ja gerade noch ausgehalten, als aber die Jüdische Gemeinde Düsseldorf ihn ob einiger Szenen auch kritisierte (und damit eine etwas seltsame Allianz mit den anderen Protestierenden bildete), bekam der Intendant kalte Füße, versuchte noch vergeblich den Regisseur zu einer Entschärfung der “schrecklichsten “Szenen zu bewegen – und stornierte dann die szenische Aufführung zu Gunsten von konzertanten!

Ganz ehrlich, das ist ein lächerliches Szenario – und wer immer daran beteiligt war, hat sich an einer einzigartigen Kasperliade beteiligt. Ich stelle hier die Behauptung auf, dass diese Peinlichkeit in Wien und bei den gerade in einigen Gegenden Deutschlands vielgeschmähten Wiener Opernfreunden (ich weise da auf unser Forum hin) nie und nimmer möglich gewesen wäre. Wir Wiener hätten zwar herumgemotzt, uns aber ziemlich bald an unsere eigenen Sorgen erinnert und letztlich leicht resignierend festgestellt, dass wir erstens ohndies nichts ändern können und dass zweitens die Sache eigentlich gar nicht so wichtig ist. Theater eben! Aber so miserable Laiendarsteller wie Intendanten und vielleicht auch Politiker (deren Intervention wird behauptet, ist aber keineswegs erwiesen) gibt es Wien nicht! Um nicht missverstanden zu werden, die Wiener “sind auch nicht ohne”, aber keineswegs so dumm, dass sie mit einer derartigen Situation nicht anders fertig geworden wären. “Wienerisch” eben – das kann auch als Drohung verstanden werden!

Aber jetzt habe ich genug von diesem Schmierentheater (siehe weinerliche Erklärung des Intendanten). In unserer Presseschau finden Sie auch eine Stellungnahme des “Opernfreunds”, der ja regional bedingt für dieses Theater eigentlich zuständig ist.

Anton Cupak

 

 

TANNHÄUSER

Der Sängerkrieg findet im Opernhaus statt

"Wir, die wir zu ihm standen, hießen Wagnerianer; die anderen hatten keinen Namen" - Adolf Hitler, 1942

Publikumskrieg am Premierenabend in der Rheinoper am 4.5.2013

Teil 1

"Oper ist keine schöngeistige Veranstaltung... romantischer Kitsch hat für mich keine Relevanz" (Tannhäuser Regisseur Kosminski)

Endlich, endlich, endlich...

kommt es auch in der Ära des Generalintendanten Christoph Meyer zu einer politischen und gesellschaftskritischen Auseinandersetzung im heiligen und hehren Opernhaus am Rhein. Allzu viel des Seichten und Leichten ist bisher den Rhein heruntergeflossen. Die Oper ist stellenweise zum banalen Unterhaltungstempel geriert. Doch Oper, wir nennen es heute bewußt "Musiktheater", muß mehr sein; ein Opernhaus hat durch seine vielen Millionen an Subventionen, neben der spaßigen Unterhaltung und ihres gelegentlichen Gourmet-Charakters auch eine gesellschaftspolitische Verantwortung und Verpflichtung.

So traf es gestern Abend manche Opernfreunde wie ein Schlag mit der Keule. Schon während der Ouvertüre werden nackte Menschen in zum Kreuz gestapelten gläsernen Gaskammern ermordet. Der Venusberg ist ein KZ - Venus heißt dessen Leiterin. Und so schweigt kurz nach der Ouvertüre die Musik und Tannhäuser darf als quasi besondere "Ehre" ein nacktes jüdisches Ehepaar samt Kind mit Kopfschuss hinstrecken. Eine Szene, wie sie tausendfach so brutal tatsächlich stattgefunden hat.

Das saß und traf ins Mark eines saturierten und gestern ganz auf wohltimbrierten Genuss eingestellten holden bis dato noch gutgelaunten Premierenpublikums.

Starker Tobak!

Die meisten sind geschockt, die Altarwagnerianer heulen auf, so etwas ist für sie quasi Gotteslästerung. "Scheiße! Sofort aufhören! Sauerei! Buh!" Am Ende wird der Regisseur noch als "Perverse Sau!" "Arschloch!" und "Schwein!" beschimpft; man zeigt wo man herkommt im Opernhaus ganz dicht an der Düsseldorfer Kö.

Die Befürworter kontern natürlich entsprechend mit "Weitermachen!"  - "Biederes Spießerpack!" bzw. "Nazis Ruhe!" . Grobe Saalschlacht-Atmosphäre im Musentempel am Rhein; es herrscht Lynchstimmung unter den goldenen Wagnermedaillen-Trägern. Wehe, wenn sie losgelassen...

Sogar ein Notarzt wird gerufen.

Ich erinnere mich nur an wenige Abende in den letzten 40 Jahren, die so aufregend waren und an denen sich das Publikum dermaßen empört spaltete. Bei Zimmermanns "Soldaten" (1968) hielten sich am Ende, vor allem bei den Abo-Aufführungen, Zuschauer und darstellende Künstler die Waage; öfter zählte ich mehr Darsteller als Besucher. Viel später in den 80-ern blieb mir Krämers "MacBeth" als Antikriegs-Oper noch in Erinnerung; mit landenden Kampfhubschraubern mitten im Wahnsinn eines Dschungel-Krieges. Oder seine kongenialen "Gezeichneten", wo sich das Düsseldorfer Publikum und die vor der Oper demonstrieren Tierschützer mehr über die friedlich auf der Bühne schwimmenden Zwergschwäne aufregten, als über die Leichenberge nackter Menschen im Finale.

Nun ist es wieder soweit!

Regisseur Burkhard C. Kosminski provoziert mit dem immer noch bis in die Gegenwart reichenden Trauma unserer deutschen Geschichte - von Ralph Giordano auch als "zweite Schuld" benannt - unserer immer noch ungenügenden Vergangenheitsbewältigung.

Aber, aber...

liebe Freunde und Zeitgenossen! Muß denn nicht endlich mal Schluss sein mit diesem Nazi-Gedöns? Wie lange sollen wir die Schatten unserer Deutschen Holocaust-Geschichte denn eigentlich noch mit uns herumtragen? Wir zahlen doch schon in der EU für alle! Ist das nicht auch eine Form der Wiedergutmachung? Und die Amerikaner sollen mal ganz still sein - ja wer hat denn die ganzen Indianer ermordet? Und Euch Spanier retten wir, obwohl ihr die Mayas ausgerottet habt... Na? Wieviel Zustimmung und Beifall bekomme ich jetzt vom geneigten Leser für dieser Sätze? Viel? Ja natürlich viel!

Endlich sagt mal ein Schreiberling was Sache ist.

Aber was ist denn mit den kleinen "Nazi-Nickeligkeiten", mit denen wir in der Tagespresse immer wieder aktuell ständig konfrontiert werden: NSU, Zschäpe Prozess, Neonazidemos, Horst Tappert, NPD-Verbot, Ausländerhass... etc.

Genau! Darum ist eine solche Inszenierung nicht nur nötig, sondern auch wichtig.

Und welcher Komponist ist da als Folienträger besser geeignet als Richard der große Wagner? So heißt es im Lohengrin "Nach Deutschland sollen noch in fernsten Tagen des Ostens Horden siegreich nimmer ziehn!" Und im Tannhäuser? Da kämpft einer einsam und reuig um die wahre Liebe seiner Jugend im Kreis martialischer mordgieriger Genossen Sangesbrüder "So viel der Helden, tapfer, deutsch und weise, ein stolzer Eichenwald, herrlich, frisch und grün - heil..." bzw. "Heraus zum Kampfe mit uns allen... wenn mich begeistert hohe Liebe, stählt sie die Waffen mir mit Mut, und ewig ungeschmäht sie bliebe, vergöss ich stolz mein letztes Blut ... heil, heil, heil!" Wem drängt sich da nicht gleich ein kräftiges "Sieg heil" auf?

So wird der erste Akt, auch mittels der grandios, genialen Darstellerleistung des schwedischen Newcomer und Ex-Rocksänger Daniel Frank zum überzeugenden "Alptraum deutscher Geschichte". In den Wahnträumen Tannhäusers explodiert eine wahre Blutorgie als wären wir in einem Tarantino-Film - gleich eimerweise läuft das Kunstblut die Wände herunter. Kein schöner Opernabend zum anschließenden Champagner-Defilee. Eher ein Theaterabend, der aufrüttelt, schockiert und aufwühlt. Empörte Besucher und Ignoranten verlassen lärmend und demonstrativ türenschlagend den Musentempel. Da habt ihr's!

Der zweite Akt, erkennbar am geänderten Bundesadler, spielt blutlos in der neuen Bundesrepublik: Staatsempfang beim Landesfürsten. Sänger-Concours. Man singt in der heiligen teuren Halle namens Opernhaus - natürlich ins Publikum. Da macht Rampengesang Sinn... Doch am Ende sehen wir, daß die Entnazifizierung doch noch nicht ganz stattgefunden hat, denn manche Minne-Sänger tragen unter ihrem Smoking noch ihre alten Original SS-Reiterhosen. Ute Lichtenberg (Kostüme) muß alle deutschen Nationalarchive geradezu geplündert haben - so echt wirken auch die kompletten Uniformen. Aber, mit Verlaub, was macht der Papst in seinem weisen Ornat in diese Partygesellschaft? Anspielung an die Rattenlinie? Jene von der römischen Kurie nach dem Krieg organisierte Weißwaschung und Verschiffung von Naziverbrechern mittels neuer Rot-Kreuz-Pässe nach Südamerika? Eine intelligente Inszenierung.

War der zweite Akt dann schon wieder pulsberuhigend bis auf die untoten KZ-Insassen, die zombiegleich unseren Minnesänger wohl nach Rom geleitet haben, kommt es im dritten Akt wieder knüppeldick. Wolfram bedrängt die mittlerweile ins Kloster gegangene Elisabeth und vergewaltigt sie, worauf sich Elisabeth die Pulsadern aufschneidet, um allerdings dann im finalen großen Nazi-Staatsbegräbnis als real brennender Engel ("es tat in nächtlich heilger Stund, der Herr sich durch ein Wunder kund") wieder aufersteht, während Tannhäuser laut schreiend, vor Spalier stehenden Nazigrößen, dem Wahnsinn verfällt.

"Hoch über aller Welt ist Gott, und sein Erbarmen kennt kein Spott. Halleeeluja!" ertönt es durch die geöffneten Rangtüren wirklich werktreu von oben im Düsseldorfer Opernhaus - fernintoniert vom prächtig eingestellten Frauen- und Kinderchor (Lt. Gerhard Michaski), dessen männliche Parts sich schon auf der Bühne nach nervösen Anfangsproblemem gut einbrachten.

Die Düsseldorfer Edelmusiker fand ich ausgesprochen mäßig, man spielte einen eigentlich kaum akzentuierten Wagner unter GMD Axel Kober. Ich habe selten einen "Tannhäuser "gehört, welcher dermaßen undifferenziert, langweilig, dynamikschwach und lärmend daher kam. Grobe Unstimmigkeiten wie im ersten Akt traten dann später nicht mehr so in Erscheinung. Aber das ist meine rein persönliche Meinung. Jeder hat halt sein eigenes Wagnerbild. Es sollte in den nur noch fünf Folgevorstellungen 9./12./19./30.Mai + 2.Juni) aber noch besser werden können.

Zwischenfazit: Dank an Christoph Meyer und Burkhard C. Kosminski für diesen wahrscheinlich international besten und intelligentesten Beitrag zum Wagner-Jahr 2013 - wahrlich eine Großtat!

"Wie Todesahnung Dämmrung deckt die Lande, umhüllt das Tal mit schwärzlichem Gewande, der Seele, die nach jenen Höhn verlangt, vor ihrem Flug durch Nacht und Grauen bangt..."  (Wolfram im dritten Akt Tannhäuser)

Da ich von der aufregenden Szene und dem hochemotionalen Szenario doch sehr abgelenkt wurde (zu sehr um die gesanglichen Leistungen korrekt würdigen zu können) wird mein Opernfreund-Kollege Martin Freitag seine Würdigung des künstlerischen Teils anschließen.

Peter Bilsing                                        Bilder (c) Hans Jörg Michel / DOR

 

Teil 2

ZUTIEFST BEWEGENDES MUSIKTHEATER

Szenische Erregungen und musikalische Enttäuschungen

In wesentlichen Teilen kann ich mich persönlich den Schilderungen unseres geschätzten Chefredakteures anschließen. Natürlich ist es sehr mutig, eine so wichtige Premiere wie den "Tannhäuser" noch dazu im Wagner-Jahr einem bis dato reinen Schauspielregisseur zuzutrauen. Doch ich gebe zu, daß der erste Akt ein zwar "unschönes", doch auch zutiefst bewegendes Musiktheatererlebnis war, um so enttäuschender der relativ "normale" zweite Akt, der die Ambivalenz zwischen Nachkriegspolitik und ihren Geheimnissen sehr außer acht ließ, wie eben die ziemliche Nichtbeachtung des Wagnerschen Musikmaterials durch den Regisseur.

So hätte ich beim Wiederklingen der Venusbergmusik auch eine Bezugnahme auf die Dritte-Reich-Bilder erwartet. Warum Tannhäuser letztendlich von der Gesellschaft verurteilt wird, ist für mich im zweiten Akt nicht ersichtlich. Ebenso warum die Chorregie, bei zwei zusätzlich im Programmheft genannten Choreographen, so eindimensional ausgefallen ist.

Bei aller Sympathie für den bewegenden und anregenden Regieansatz von Burkhard C. Kosminski, sollte man, wenn man sich bewußt so weit aus dem Fenster lehnt, doch auch die spezielle Dramaturgie des Musiktheaters beherrschen. Trotzdem ein wichtiger szenischer Ansatz, der das Publikum zu angeregter Diskussion zwingt; wie oft hat man das bei Opernbesuchen?

Doch ebenso enttäuschend das Dirigat von GMD Axel Kober, der mit dieser Neuinszenierung keine gute Visitenkarte für den diesjährigen "Tannhäuser" in Bayreuth abliefert: Man ist von den Düsseldorfer Symphonikern im Verlauf der letzten Jahre schon so manche schwache Vorstellung gewohnt, doch daß sie ausgerechnet ihren Chef bei dieser wichtigen Premiere mit mulmigen Streichereinsätzen und Bläserunausgewogenheiten im Stich lassen... na ja. Doch auch Kobers Dirigat ist nicht ohne Tadel, denn selten habe ich die Venusbergmusik so unsinnlich erlebt, was nicht nur an der Inszenierung festzumachen ist. Die ohnehin etwas sprödere Dresdener Fassung hätte durchaus etwas mehr Leuchtkraft verdient. Bizarr jedoch wurde die merkwürdige Temposteigerung im Finale des zweiten Aktes, da kamen die Sänger in ihren Einwürfen ordentlich ins Japsen, doch nicht nur um bei Elisabeths Einwurf in hehre Stille zu verfallen? Wagner ist eben keine Rossinische Crescendo-Maschine.

Um so erfreulicher ist die Sängerbesetzung: Mit Daniel Frank hatte man einen Tenor für die Titelpartie gewonnen, der mit seiner ungewohnten Tannhäuserinterpretation zunächst für Irritierung sorgte. Franks Tenorstimme ist vom Klang her eher höhentimbriert ohne das gewohnte Baritonfundament, was von der Wirkung ausgezeichnet zu der Darstellung des reuigen Ex-Nazi passte, manchmal hat man das Gefühl, das die Stimme in der Höhe ihre Kontrolle leicht verliert, was durch ungewohnte Schluchzer zu Tage tritt, doch es bleibt lediglich bei den Schluchzern, gleichzeitig hat der Tenor die nötige Stamina für wohl Wagners schwerste Tenorpartie und die ebenso die nötigen Tiefen für die Romerzählung. Daniel Frank ist eine echte, wennauch ungewohnte Entdeckung für dieses Rollenfach.

Die Elisabeth von Elisabet Strid ist ebenfalls ein großer Pluspunkt mit ihrem etwas instrumental geführten Sopran von keuscher Klangfarbe steht sie in guter Fokussierung stets über den Ensembles, die Hallenarie kommt mit leuchtender Emphase, lediglich im Gebet würde ich mir noch etwas mehr Innigkeit wünschen. Markus Eiches Wolfram ist zwar nicht hundertprozentig ausgeglichen zwischen liedhaftem Gesang und dramatischer Attitude, doch Stimmfarbe und Gesang sind absolut erste Klasse. Elena Zhidkovas Venus kommt weniger sinnlich voluminös, als schlank asketisch vom Ton daher, was zu der Rollenanlage passt.

Nach einem etwas mulmigem Beginn gefällt Thorsten Grümbels Landgraf durch satten, leicht knarzigen Bassklang. Corby Welchs Tenor klingt im Sextett des ersten Aktes als Walther zunächst unangenehm unter Druck, was er im Sängerkrieg-Solo wieder revidiert. Thomas Jesatko als Biterolf, Johannes Preißinger als Heinrich der Schreiber und Timo Riihonen als Reinmar singen ihre Partien geschmackvoll mit Effekt. Eine Traumbesetzung ist die junge Sopranistin Svenja Lehmann als Hirtenknabe mit fast kindlichen und dennoch prägnantem Ton, schöner kann man das nicht singen. Die Chöre der deutschen Oper unter Gerhard Michalski gefallen in den großen Ensembles und Auftritten ebenso, wie in den Fernchören, die effektvoll teilweise aus den Foyers gesungen werden, eine prima Leistung.

Fazit: Diese Aufführung ist sicherlich nichts für Freunde konventioneller Operaufführungen, doch wer bereit ist sich auf eine spannende, denkanimierende Interpretation einzulassen, wird sicherlich noch einige Zeit darüber nachsinnen können, was uns das szenische Team erzählen wollte. Eine Werkschau weitab von biederer Bebilderung szenischer Vorgaben. Da diese Vorstellung leider zunächst nicht in die folgende Spielzeit übernommen wird, sollte man sich mit einem Aufführungsbesuch ranhalten.

Martin Freitag

 

 

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