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DRITTE SINFONIE VON GUSTAV MAHLER

Ballett von John Neumeier

Wiederaufnahme des Kultballets am 26.01.2017

Wenn man in seinem Leben nur ein einziges Ballett sehen dürfte, dann müsst es wohl DRITTE SINFONIE VON GUSTAV MAHLER durch das Hamburg Ballett in der Choreografie von John Neumeier sein. Vor etwas über 40 Jahren, am 14. Juni 1975 in Hamburg als sein erstes abendfüllendes sinfonisches Ballett uraufgeführt und der Hamburger Compagnie gewidmet, auf deren Tourneen weltweit gefeiert von Buenos Aires bis Tokyo, nimmt Neumeier es bis heute immer wieder an seinem Haus auf. Gestern war die 181. Vorstellung dieses Meisterwerks zu erleben und sie riss das Publikum am Ende zu nicht enden wollenden Begeisterungsstürmen hin.

Gustav Mahler, ein Skeptiker, was Programmmusik anbelangt, hatte für seine dritte Sinfonie ja bekanntlich eine Art programmatischer Überschriften in die Partitur aufgenommen, sie wieder wegradiert und erneut überschrieben. Diese Hinweise des Komponisten, welche nicht eine eigentliche Handlung suggerieren, sondern eher gefühlsmäßige Visionen und Bilder sind, nimmt nun Neumeier auf. Doch auch bei ihm entsteht nun nicht etwa ein stringent durchgearbeitetes „Handlungsballett“ sondern eine bildliche, körperliche Umsetzung musikalischer Impressionen. Neumeier zeichnete auch verantwortlich für die Kostüme und das unglaublich eindrucksvolle Lichtdesign – und deshalb kann man guten Gewissens von einem Gesamtkunstwerk sprechen.

Man könnte das Ballett als die Suche eines Mannes (mit fantastischer Bühnenpräsenz und herausragendem Tanz Alexandre Riabko) nach sich selbst, nach seiner inneren Mitte interpretieren. Im ausladenden ersten Satz (beinahe 40 Minuten) wird er quasi aus der Ursuppe einer Männergesellschaft herausgespült. Neumeier hat hier gekonnt die marschartigen, militärischen Themen der Musik aufgenommen, lässt in diesem ersten Teil nur Männer tanzen. Komplex und kraftvoll, aggressiv und dann wieder zärtlich sind die gestischen und tänzerischen Verschlingungen, vom Corps mit grandioser Präzision und Eleganz ausgeführt. Es wird eine Sehnen nach Befreiung spürbar, aber auch ein Sehnen nach Zugehörigkeit und Nähe. Kunstvolle Männertürme der Tänzer mit nacktem Oberkörper werden wie zu einer Apotheose aufgebaut und zerfallen wieder. Das hat durchaus auch etwas Homoerotisches an sich. Neumeier übertitelte den Satz etwas rätselhaft mit einem Shakespeare Zitat: „Und alle unsre Gestern führten Narrn den Pfad des staub’gen Tods.“ (Macbeth)

Ganz anders dann der zweite Satz, bei Mahler „Was mir die Blumen erzählen“, bei Neumeier „Sommer“ – ein Traum in lichten Pastellfarben. Der Mann liegt auf dem Rücken am linken Bühnenrand, sieht eine Frau, mehrere Frauen, zwei Männer. Sanfte Hebefiguren und weich fließende Armbewegungen prägen die Choreografie dieses Satzes. Wunderschön. Die Trikots wandeln sich für den dritten Satz („Herbst“ bei Neumeier) in warme Braun- und Rottöne, der Mann starrt gebannt und beinahe ungläubig auf die leichtfüßig ausgeführten Tänze, einen herrlichen Pas de trois, wunderschöne Pas de deux. Von der Musik her wehen Posthorn und Fetzen von Kinderliedern herein, unbeschwert, ja beinahe etwas ordinär. Ein Paar jedoch tanzt in zartblauen Trikots, wie Geister nehmen sie sich aus zwischen den anderen in Rottönen. Der Mann nimmt diese „Geisterfrau“ nun in den Arm – sie ist tot. Danach bleibt es lange Zeit still: Neumeier hat den vierten Satz („Nacht“) nämlich seinem viel zu jung und überraschend auf einem Flug gestorbenen Kollegen John Cranko gewidmet und ließ diesen Satz auch ein Jahr vor Uraufführung der gesamten Sinfonie mit Marcia Haydée, Egon Madsen und Richard Cragun in Stuttgart aufführen. Eine trauernde Frau steht auf der Bühne. Zwei Männer kommen dazu, einer scheint eine Konfrontation zu suchen, der andere geht ihr aus dem Weg. Stumme Schreie, in ihrer Intensität fast nicht auszuhalten. Es kommt dann doch noch zu einer ersten zarten Berührung der beiden Männer. Dann setzt die Altistin mit Mahlers Musik und Nietzsches Text ein: „O Mensch! Gib acht!“, singt von Lust, die tiefer ist als Herzeleid, von Ewigkeit. Man kann nur erahnen und subjektiv spekulieren, was der Grund dieser immensen Trauer und dieses Unvermögens zur Kommunikation zwischen den drei Menschen sein könnte.

Doch dann singen im fünften Satz die Kinderstimmen von Engeln, Vergebung und himmlischen Freuden und dem Mann erscheint tatsächlich ein solcher Engel in Gestalt einer jungen Frau (Silvia Azzoni) im engen roten Trikot und unbeschwertem Tanz. Die schwarzen Bahnen der Gänge heben sich, die Bühne wird hell und licht.

Das könnte ein Happyend sein, aber noch folgt das ungemein gefühlvolle Adagio, der sechste Satz, der bei Mahler und Neumeier „Was mir die Liebe erzählt“ heisst. Der Mann ist nun umgeben von ätherisch wirkenden Wesen in zartem Blau, welche sich mit einmalig schöner Anmut bewegen. Er ist übrigens immer mit nacktem Oberkörper und hautfarbenen Leggins zu sehen. Der „rote Engel“ ist wieder da, weckt den nachdenklichen Mann quasi auf, inspiriert ihn zu einem ergreifenden Pas de deux, der Tanz wird immer befreiter, ausgreifender. Viele Paare (sind es 25 oder mehr?) bevölkern nach und nach die Bühne, alle nun in warmem Rot, auch das ehemalige Geisterpaar. Ein beeindruckendes Bild und so ungemein passend auf die traurige und doch tröstliche Musik abgestimmt, ihre Wallungen und Aufschwünge perfekt in Bewegung umsetzend. Die Musik kehrt dann zur Ruhe zurück, fällt quasi in sich zusammen – und so verlassen die Paare die Bühne schnell. Alles ist vergänglich. Die Musik scheint zu verklingen, der Mann schreitet langsam nach hinten. Doch zum letzten Aufbäumen von Mahlers Musik in strahlendem D-Dur erscheint vorne am rechten Bühnenrand noch einmal sein Engel, geht langsam entlang der Rampe. Der Mann ganz hinten reckt seine Arme nach ihr, kann seine Beine jedoch nicht bewegen, bleibt immobil. Die Liebe ist eben immer nur ein göttliches Geschenk auf Zeit, ist in ihrer Komplexität nicht fassbar – und schon gar nicht garantiert. Man verlässt das Theater nach dieser pausenlos gespielten, gut zwei Stunden dauernden Aufführung tief bewegt.

Fotos (c) Kiran West

Kaspar Sannemann 3.2.2017

 

P.S. Die Musik kam übrigens ab Band, es wurde die Aufnahme unter Leonard Bernstein mit den New Yorker Philharmonikern gespielt. Mit Martha Lipton (Mezzosopran), dem Boy's Choir of the Little Church Around the Corner und dem Schola Cantorum Women's Chorus.

 

 

 

 

KATZE IVANKA

von Massimiliano Matesic
eine Kinder- und Familienoper

Vorstellung: 9. 11. 2016

In der Opera stabile, einer Nebenbühne der Staatsoper Hamburg, kam eine sehenswerte Produktion einer Kinder- und Familienoper zur Uraufführung: „Katze Ivanka“ von Massimiliano Matesic. Das Libretto stammt von Vera Nemirova, die auch Regie führte.

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Die junge Sopranistin Narea Son brillierte als Katze Ivanka

Die Handlung der knapp zweistündigen Oper in Kurzfassung: Die Katze Ivanka ist der heimliche Star des Opernhauses, ist sie doch musikalisch begabt und ziemlich frech. Während gewöhnliche Katzen Mäuse jagen, durch die Gassen streunen oder sich in der Sonne räkeln, ist Ivankas Revier die Bühne. Dirigenten und Regisseure liegen ihr zu Füßen, die Primadonna jedoch platzt vor Eifersucht. Wenn in der Nacht alles ruht, lockt Ivanka mit der Ballettratte kleine Mäuse aus ihren Löchern und erobern gemeinsam das Opernhaus. Als die Primadonna vom Operndirektor fordert, die Katze fortzuschaffen, übergibt ihr Herrchen Falana Ivanka einem Eisenbahner, der Ivanka auf einen Bauernhof bringen soll. Doch am Zielbahnhof ist die Katze verschwunden. Sie geht auf den Gleisen den langen Weg zurück und kommt völlig erschöpft und abgemagert in die Oper, wo sie mit einem kaum hörbaren „Miau“ zusammenbricht. Alle Künstler – auch die Primadonna – stimmen ein Loblied auf Ivanka an. Wie gut, dass eine Katze sieben Leben hat…

Ein Zitat der Librettistin und Regisseurin Vera Nemirova aus einem im Programmheft veröffentlichten Interview: „Wie die verschiedenen Figuren mit Ivanka umgehen, erzählt viel mehr über die Menschen und ihre Umgebung als über die Katze selbst. Die Katze wird zur Allegorie.“

 Massimiliano Matesic, geboren 1969 in Florenz, nahm mit 14 Jahren am Konservatorium seiner Geburtsstadt sein Kompositionsstudium bei Gaetano Luporini auf und setzte es bei Salvatore Sciarrino fort. Einige Jahre konzentrierte er sich aufs Dirigieren. Seine Tonsprache in der Kammermusik und in seinen symphonischen Werken ist eng mit der europäischen Tradition des frühen 20. Jahrhunderts verbunden. In seine dreiaktige Oper „Katze Ivanka“, die in einem spätromantischen Stil komponiert ist, baute er Zitate aus La Bohème, Lakmé und Eugen Onegin ein.

In der Titelrolle brillierte die junge südkoreanische Sopranistin Narea Son sowohl stimmlich wie schauspielerisch. Sie bewältigte nicht nur ihre anspruchsvolle Partie als Sängerin hervorragend, sondern man bekam auch das Gefühl, als wäre sie ins das Fell eines Kätzchens geschlüpft, so wunderbar spielte sie ihre Rolle. Sie kroch schnurrend auf allen vieren, hüpfte hurtig in den Kulissen umher und schmuste süß mit ihrem Lieblingskater. Eine Meisterleistung!

Nicht minder köstlich die deutsche Sopranistin Gabriele Rossmanith in der Rolle der Primadonna, die – von der Katze genervt – den Operndirektor so lange traktiert, bis er aus Verzweiflung nachgibt und Ivanka aus dem Haus entfernen lässt. Den Operndirektor spielte der rumänische Bass Marcel Rosca sehr komödiantisch, wie überhaupt der Humor die tragende Säule der Inszenierung war.

Falana, der Besitzer der Katze, wurde vom amerikanischen Bariton Julian Arsenault dargestellt, der auch einen Hund zu spielen hatte. Die drei Kater, die alle in Katze Ivanka verliebt waren und ihr sogar Mäuse brachten, wurden vom kanadischen Countertenor Michael Taylor, vom russischen Tenor Sergei Ababkin und vom Schweizer Tenor Sascha Emanuel Kramer – er hatte auch den Regisseur und den Eisenbahner zu spielen – auf recht humorvolle Art und Weise dargestellt. Dazu tummelten sich noch einige kleine Darsteller als Mäuse und Kinder auf der Bühne der Opera stabile.

Das Orchester – elf Musiker aus dem Philharmonischen Staatsorchester Hamburg – wurde von Johannes Harneit geleitet, der die Kinder im Publikum zu Beginn auf nette Art auf die Vorstellung einstimmte, indem er sie zu „Miau“- Rufen in verschiedenen Tonstufen und Lautstärken aufforderte.

In dieser Vorstellung waren einige von Lehrerinnen begleitete Schulklassen, die anfangs begeisterte Zuschauer waren, aber nach der Pause großteils unruhig wurden und müde und überfordert wirkten. Für Kinder unter zehn Jahren scheint eine zweistündige Dauer trotz 15 Minuten Pause doch zu lang.

Am Schluss lang anhaltender Applaus des vor allem von der jungen Katzen-Darstellerin Narea Sonbegeisterten Publikums mit Jubelgeschrei der Kinder.

Udo Pacolt 15.11.16

Besonderer Dank an unseren Kooperationspartner MERKER-Online (Wien)

Fotos (c) StOp Hamburg, Opera Stabile / Jörn Kipping

 

 

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