DER OPERNFREUND - 50.Jahrgang
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www.theater-heilbronn.de/

 

 

 

MY FAIR LADY

Gastspiel des Pfalztheaters Kaiserslautern am 8.4.2017 als Premiere im Theater/HEILBRONN

EXPERIMENT GEGLÜCKT

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Julia Klotz

Dieses 1956 in New York und dann 1961 in Berlin uraufgeführte Musical von Frederick Loewe und Alan Jay Lerner hatte mit 2717 Vorstellungen schon damals einen großen Erfolg. Und das ist bis heute so geblieben. Clusch Jungs Inszenierung und Choreographie knüpft an alte Zeiten an, eine Drehbühne zeigt die Wohnung des Sprachforschers Higgins und verschiedene Stadtkulissen in einem ungewöhnlichen Outfit, das jedoch der viktorianischen Zeit huldigt. Shaws Komödie „Pygmalion“ wird hier ironisch umgesetzt. Die weiträumige Bühne von Christoph Weyers und die aufwändigen Kostüme von Sven Bindseil unterstreichen das im Grunde genommen biedermeierliche, aber auch feudale Ambiente. am besten gelungen ist die Szene mit dem Pferderennen in Ascot, wo sich die adelige Gesellschaft in Loriot-Manier vergnügt: „Ja, wo laufen sie denn hin?!“ Als seltsamer Sprachforscher glänzt Clusch Jung in der schillernden Rolle von Professor Higgins, der im Londoner Covent Garden auf das einfache Blumenmädchen Eliza Doolittle trifft, die Julia Klotz mit ungewöhnlichem Temperament darstellt. Da nimmt man dann sogar neue Facetten dieser Figur wahr. Higgins kann glaubhaft machen, dass er sich von Elizas Dialekt angezogen fühlt. Sie findet sich bei ihm ein und verlangt Sprachunterricht, denn sie möchte nicht immer nur Straßenverkäuferin bleiben, sondern irgendwann einen eigenen Blumenladen besitzen. So wird sie plötzlich Gegenstand einer Wette zwischen Higgins und seinem Freund Oberst Hugh Pickering, den Alexis Wagner mit feuriger Emphase mimt.

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Julia Klotz, Clusch Jung

Dem umsichtigen Dirigenten Rodrigo Tomillo gelingt es, das Orchester und den Chor des Pfalztheaters mit Emphase und Energie zu erfüllen. So werden die vielen Motive und Seitenthemen plötzlich sichtbar, das harmonische Gerüst erhält eine erstaunliche Durchsichtigkeit. Berühmte Melodien wie „Es grünt so grün„, „Ich hätt‘ getanzt heut‘ Nacht„, „In der Straße, mein Schatz, wo du lebst“ oder „Mit ’nem kleenen Stückchen Glück“ brillieren bei dieser Wiedergabe mit Klangfarbenreichtum. Der Professor möchte natürlich unter Beweis stellen, dass er Eliza in kürzester Zeit zu einer Dame der besseren Gesellschaft machen kann. Das Experiment gelingt schließlich, doch plötzlich verlässt Eliza Higgins, weil sie glaubt, dass sie nur ein „Versuchskaninchen“ für ihn war.

Sehr gut arbeitet der Regisseur Clusch Jung heraus, wie Eliza Doolittle und Professor Higgins sich wieder annähern. Higgins gewinnt nicht nur das Experiment, sondern auch Eliza zurück, denn er hat erkannt, dass er sie liebt. Immerhin war Frederick Loewe Schüler von Ferruccio Busoni, Eugene d’Albert und Nikolaus von Reznicek. Und das hört man zuweilen sogar in der Instrumentation. Die Umwandlung dieser Komödie in ein Musical ist Lerner durch Ausbau des dramaturgischen Gefüges und entsprechende Dialog-Zusätze bestens geglückt – und auch die originelle Inszenierung von Clusch Jung trägt dieser Erkenntnis Rechnung. Die heitere und feinnervige Musik Loewes überträgt sich zudem auf die anderen Sänger – Elizas Vater Alfred P. Doolittle als Müllkutscher in der burschikosen Verkörperung von Thomas Kollhoff, Mrs. Higgins in der Darstellung von Geertje Nissen und Mrs. Peace in der Verkörperung von Adrienn Cunka. Daniel Böhm gefällt als schüchterner Eliza-Verehrer Freddy Eynsford-Hill. In den insgesamt überzeugenden Gesangsreigen fügen sich weiterhin Dominique Engler als Mrs. Eynsford-Hill, Peter Floch als Zoltan Karpathy, King, Harry, Daniel Ewald als Jamie, Miroslaw Maj als Wirt, Naomi Schäfer als Mrs. Hopkins, Ralph Jaarsma als Lord Boxington sowie Christina Mirl-Rehm als Lady Boxington nahtlos ein. Die feine Gesellschaft wird hier satirisch aufs Korn genommen und persifliert. Dies zeigt sich übrigens ebenfalls beim Auftritt des Königs, der den Buckingham Palace verlässt, um sich mit Eliza zu treffen. Und es wird vor allem auch deutlich beim skurrilen Auftritt von Salvatore Nicolosi als Prinz von Transsylvanien, der Elza Doolittle zum Tanz auffordert. Zu erwähnen sind noch Otto Breunig und Andreas Niegel (abwechselnd als Majordomus), Bernhard Schreurs, Jung-Baik Seok, Peter Hamon und Radoslaw Wielgus als die vier Obsthändler sowie Richard Henkel und Rolf Schramm abwechselnd als Mann in der Tonne.

Ausgezeichnetes leistet außerdem der von Johannes Köhler bestens einstudierte Chor. Er agiert mit elektrisierender Schwungkraft. Werktreue ist für den Regisseur Clusch Jung in jedem Fall wichtig, was man der Inszenierung deutlich anmerkt. Doch sie wirkt auch sehr frisch, zügig und modern. Für ihn spielt bei „My Fair Lady“ der Respekt eine große Rolle. Das wird minuziös herausgearbeitet. Da gewinnt diese Inszenierung starkes Profil. Die respektable Gesellschaft begegnet hier der armen Gesellschaft. Beide respektieren sich nicht gegenseitig und sehen sich nur als „Gesindel“ und „Kreaturen“. Und Professor Higgins kümmert sich überhaupt nicht um Respekt, den er nur von Eliza Doolittle einfordert, die sich ihm unterordnet. Eliza verliert mit ihrer Sprache ihre eigene Heimat. Doch zuletzt kann sie damit umgehen. Das hat das Publikum offensichtlich begriffen, denn es gab enthusiastische Ovationen.

Copyright: Theater Heilbronn/ Pfalztheater Karlsruhe

Alexander Walther 17.4.2017

Besonderer Dank an unseren Kooperationspartner MERKER-online

 

 

DIALOGUES DES CARMÉLITES

Besuchte Aufführung: 10.11.2013               

Im Museum der Katholikenverfolgung

Auf ein historisches Ereignis geht Francis Poulencs Oper „Dialogues des Carmélites“ zurück: Am 17. 7. 1794, also gerade mal zehn Tage vor dem Sturz Robespierres, erlitten sechzehn vom Pariser Revolutionstribunal wegen konterrevolutionärer Umtriebe zum Tode verurteilte Kameliterinnen aus Compiègne auf dem Place de la Révolution in Paris einen gewaltsamen Tod durch die Guillotine. Poulenc knüpft mit seiner zweiten Oper, die am 26.1.1957 an der Mailänder Scala aus der Taufe gehoben wurde, an Gertrud von Le Forts bereits 1931 veröffentlichte berühmte Novelle „Die Letzte am Schafott“ an. Darin wird die Geschichte der fiktiven Blanche de la Force vor dem Hintergrund der geschichtlich überlieferten Ereignisse um die Hinrichtung der Karmeliterinnen von Compiègne geschildert. Das im Jahre 1949 herausgekommene Schauspiel „Dialoge der Karmeliterinnen“ von Georges Bernanos diente Poulenc als Grundlage für das von ihm selbst verfasste Libretto seiner Oper, die im vergangenen Februar in Ulm eine hochinteressante Neuinszenierung erfuhr. Diese wurde nun vom Theater Heilbronn übernommen, wo sie ebenfalls auf großen Zuspruch des begeisterten, in großer Zahl erschienenen Publikums stieß. Und das zurecht.  

Rita-Lucia Schneider (Mutter Marie); Ensemble; Foto: Jochen Klenk

Es ist bemerkenswert, dass ein Opernhaus von lediglich mittlerer Größe es schafft, dieses gewaltige Werk mit immerhin sechzehn Partien und einem stark besetzten Orchester auf die Bühne zu bringen. Nun, dem Theater Ulm ist es gelungen, und zwar auf brillante Weise. Szene, Musik und Gesang fügten sich nachhaltig zu einem sehr stimmigen Ganzen zusammen, das an Eindringlichkeit und packender Intensität kaum zu überbieten sein dürfte. Es ist nicht übertrieben zu sagen, dass die Inszenierung von Operndirektor Matthias Kaiser eine echte Sternstunde in Sachen hochkarätigen Musiktheaters darstellt. Er verstand es ausgezeichnet, seine Sänger/innen logisch und stringent zu führen und wartete zudem mit einer fulminanten Bildersprache auf, die sowohl realistische als auch symbolische Elemente beinhaltete.  

Maria Rosendorfsky (Blanche), Edith Lorans (Schw. Constance), Chiao Shih (Schw. Mathilde), Rita-Lucia Schneider (Mutter Marie); Chor; Foto Jochen Klenk

Marianne Hollenstein hat ihm einen gänzlich weißen Raum auf die Bühne gestellt, der im Lauf des Abends immer wieder Veränderungen erfuhr. So stellte er das Domizil der adligen Familie de la Force, das Kloster der Karmeliterinnen und das Gefängnis dar. Die Farbe Weiß war trefflich gewählt, bedeutet das im Französischen doch blanc, und Blanche ist der das Prinzip Reinheit ausdrückende Name der Hauptfigur. Weiß sind auch die von Angela C. Schuett stammenden Kostüme der Kameliterinnen, die indes mit den historischen Ordensgewändern nichts gemein haben. Der Richtplatz schließlich war im Off anzunehmen, zu dem eine durch eine Öffnung in der Rückwand führende Treppe hinaufführt. Es gehört zu den stärksten Momente der Produktion, wenn am Ende das Blut der hingerichteten Karmeliterinnen die Stufen herab und der sich freiwillig unter das Schafott begebenden Blanche entgegenströmt - ein Bild von hoher Symbolkraft. Andere visuelle Impressionen sind eher nüchterner Natur, so beispielsweise die Badewanne, in der die alte, am Ende ihres Lebens an Gott zweifelnde Priorin Madame de Croissy ihr Leben aushaucht.  

Susanne Schimmack (Madame de Croissy); Foto Hermann Posch

Die optische Brücke zu Kaisers geistigem Grundkonzept schlagen die zahlreichen Bilder, die bereits zu Beginn überall im Raum an der Wand hängen und die im Lauf des Stückes mehrere Variationen erfahren, so z. B. von den Karmeliterinnen mit weißer Farbe übertüncht werden. Im Gefängnisbild sind sie dann ganz abgehängt. Die Reichhaltigkeit der Gemälde erweckt Assoziationen an ein in der Gegenwart angesiedeltes, mit Neonröhren beleuchtetes Museum. Dieses ist indes mehr geistiger Natur und als symbolische Reise der Beteiligten von der Gegenwart in die Zeit zu begreifen, in der der Katholizismus stärksten Anfeindungen ausgesetzt war wie gerade in Frankreich unter der Schreckensherrschaft der Jakobiner. Die Folge war die große Säkularisation, die hier die Karmeliterinnen zu spüren bekommen. Sie müssen ihre Nonnentracht mit bürgerlichen Gewändern vertauschen. Waren sie vorher eher eine ziemlich anonyme Gruppe, deren Mitglieder nur schwer voneinander abzugrenzen waren, sind sie jetzt viel besser unterscheidbar. Es geht in der Oper um die Fragen nach bestimmten Lebensmaximen, um die Angst und letztlich um die Gültigkeit des katholischen Glaubens. Mit Blick auf die Tatsache, dass letzterer Aspekt im Leben Poulencs eine zentrale Rolle gespielt hat, legt auch Kaiser den Focus seiner Betrachtungen auf die Jahrhunderte überdauernden Probleme des Katholizismus im Widerstreit zum Atheismus. Die vom Regisseur aufgeworfenen Fragen sind zeitloser Natur und stets aktuell, was den Museumscharakter des Bühnenbildes rechtfertigt. Dies ist die durchaus nachvollziehbare innovative Essenz des Ganzen, die von Kaiser in überzeugender Art und Weise mit Hilfe einer logischen, ausgefeilten Personenregie auf die Bühne gebracht wurde.  

Edith Lorans (Constance) , Oxana Arkaeva (Madame Lidoine); Foto: Jochen Klenk

Sehr ansprechend war die musikalische Seite der Aufführung. Michael Weiger gab dem Werk eine sehr expressive, spannungsgeladene Ausdeutung, die durch wuchtige Opulenz und fulminante Dramatik gekennzeichnet war, aber auch herrliche Lyrismen und bedächtige Piani nicht vermissen ließ. Das Philharmonische Orchester des Theaters Ulm, dessen beachtliche Fortschritte wieder einmal nicht zu überhören waren, setzte die Intentionen des Dirigenten mit sehrender Intensität und klangschön um.  

Maria Rosendorfsky (Blanche); Foto: Jochen Klenk

Auch die sängerischen Leistungen bewegten sich insgesamt auf hohem Niveau. Maria Rosendorfsky gab mit aufwühlendem, recht expressivem Spiel der von Angst besessenen Blanche schon darstellerisch ein hervorragendes Profil. Mit ihrem bestens focussierten, in jeder Lage gleichermaßen gut ansprechenden lyrischen Sopran vermochte sie auch gesanglich voll zu überzeugen. Eine gleichermaßen würdevolle wie auch autoritäre Madame de Croissy war Susanne Schimmack, die einen ebenfalls in allen Stimmbereichen ausgeglichenen, ausdrucksstarken Mezzosopran mitbrachte. Einer sehr emotional eingefärbten, weichen Tiefe korrespondierten perfekt angesetzte dramatische Ausbrüche, was ihre Leistung vielschichtig und interessant erscheinen ließ. Nur auf den ersten Blick etwas kühler Natur präsentierte sich Oxana Arkaeva in der Partie ihrer Nachfolgerin im Amt der Priorin Madame Lidoine. Das war eine wahrlich starke Frau, eine Kämpferin für die Sache, die immer sympathischer wurde und mit ihrem alles in allem vorbildlich sitzenden, wenn auch etwas herben Sopran bis auf wenige leicht scharf geratene Spitzentöne auch gesanglich einen nachhaltigen Eindruck hinterließ. Leichte Tongebung bei solidem Stimmsitz sowie lyrische Ausgewogenheit zeichneten die Schwester Constance von Edith Lorans aus. Eine beherzt, warm und gefühlvoll singende Mutter Marie war Rita-Lucia Schneider. Gleichermaßen vokal tadellos und intensiv präsentierten sich Eleonora Halbert und I Chiao Shih in den Rollen von Mutter Jeanne und Schwester Mathilde. Ein kräftig und markant intonierender Marquis de la Force war Tomasz Kaluzny. Wunderbares sonores Bassmaterial brachte Don Lee für den 2. Kommissar, den Kerkermeister und den 1. Offizier mit. Solide Michael Burow-Geiers Monsieur Javelinot. Nur über dünnes Stimmmaterial verfügte der Chevalier von Alexander Schröder. Eine tiefer angesetzte Stütze hätte man sich auch von den flachstimmigen Tenören Hans-Günther Dotzauer (Beichtvater) und Girard Rhoden (1. Kommissar) gewünscht. In der kleinen Partie des Dieners rundete J. Emanuel Pichler das homogene Ensemble ab. Eine gefällige Leistung erbrachte der von Hendrik Haas vorzüglich einstudierte Chor.

Fazit: Ein in jeder Beziehung rundum gelungener, spannender Opernabend, der den Theatern in Ulm und Heilbronn große Ehre macht und dessen Besuch sehr zu empfehlen ist. Vielleicht denken die Theaterleitungen ja mal über eine Wiederaufnahme nach. Ein volles Haus wäre ihnen sicher.

Ludwig Steinbach, 14. 11. 2013

 Weitere Fotos bei der  Erstbesprechung unten.

 

 

DIALOGUES DES CARMÉLITES

Premiere in Heilbronn am 06.10.2013

(Gastspielserie des Theater Ulm, Premiere dort  07.02.13)

Die Befreiung von der Angst durch Glaube und den Opfertod

Francis Poulencs  zweite und bekannteste  Oper Dialogues des Carmélites  wurde  im Auftrag von Ricordi für die Mailänder Scala komponiert und dort in italienischer Sprache uraufgeführt, ehe sie wenige Monate später in Paris in der französischen Originalversion herauskam. Die Handlung basiert auf einem historischen Ereignis. Unter dem Vorwand, eine konterrevolutionäre Verschwörung angezettelt zu haben, wurden am 17. Juli 1794 Nonnendes Karmeliterordens von Compiègne in der Nähe von Paris guillotiniert; ein Stoff,  den Getrud von Le Fort  in eine Novelle fasste („Die Letzte am Schafott“, 1931) und der wiederum zur Grundlage  zu einem Bühnenstück von Georges Bernanos wurde (Dialogues des Carmélites - Die begnadete Angst). In einem urheberrechtlich  schwierigen Umfeld erstellte Poulenc das Libretto selber, wobei er auch ein Filmszenarium von Philippe Agostini und Pater Raymond Bruckberger verarbeitete. Poulenc hatte sich 1936 dem Katholizismus zugewandt und befand sich nun mit den vorgenannten Autoren in einer Gruppe Geistesverwandter. Als  „Opfergang einer Nonne“ mit Jeanne Moreau als Mère Marie ist der Stoff auch verfilmt worden.

Im Salon des Marquis de la Force

Das Stück thematisiert die Frage nach Gott sowie die Angst: die Angst vor dem Leben und die Angst vor dem Tod und die Überwindung der Angst. Die zentrale Gestalt des Geschehens ist die furchtsame Adligentochter  Blanche de la Force, die bei den Karmelitinnen  ein ruhiges, von Angst befreites Leben sucht. Als Schwester „Blanche vom heiligen Sterben Christi“ entflieht sie den  Schwestern, als die alle das Gelöbnis des Märtyrertodes leisten.  Aber im letzten, Augenblick, als ihre Schwestern zur Hinrichtung geführt werden, besiegt sie die Angst durch göttliche Gnade; sie bekennt sich inmitten der grausamen Revolutionäre zu Gott, überwindet  die Todesangst und schreitet als letzte zum Schafott. Die Oper ist zwar in drei Akte gegliedert, aber mit ihren 12 Bildern (bei Bernanos noch 36!) und vier Zwischenspielen folgt sie keiner klassischen Dramaturgie; es handelt sich eher um eine Folge von überlangen Filmszenen.

Regie führt Matthias Kaiser, Operndirektor am Theater Ulm. Er hat sich von Marianne Hollenstein einen großen weißen Kasten als Einheitsbühnenbild bauen lassen. Mit kleinen Wechseln in der Möblierung zwischen den einzelnen Bildern, unterstützt durch teilweise abrupte Lichtwechsel (Licht: Klaus Welz), machen sie die einzelnen Handlungsorte (Wohnung der Adligen, verschiedene Räume im Kloster, Gefängnis, Richtplatz) verständlich und betonen die szenische Dramaturgie.  Zunächst hängen im Salon des Marquis de la Force wie in einem Museum Familienbilder an den Wänden; später ist alles weiß übertüncht, ehe die Spuren der Verwüstung durch die Revolution  das Bild verdunkeln und die Wände gar mit blutbespritzten Folien abgehängt werden.  Der Chor der Karmelitinnen ist ganz stilisiert in Weiß gekleidet, ebenso wie die namentragenden Nonnen. Die Unterscheidbarkeit der Figuren ist nicht immer einfach. Als sie von den Revolutionären von Nonnen zu „Bürgerinnen“ befördert werden, kommen unter den Trachten hübsche zeitgemäße Kostüme heraus, während die Männer  des Geschehens sich durch funktionale Kostüme dunkel abhoben (Kostüme: Angela C. Schuett). Das vorherrschende Weiß der Inszenierung spielt sicher auf die Protagonistin Blanche an und symbolisiert Reinheit.

Maria Rosendorfsky (Blanche); Susanne Schimmak a.G. (Mme.de Croissy)

ialogues des Carmélites ist kein Revolutionsoper, sondern ein Seelen- und Beziehungsdrama, in das die Ereignisse der Revolution gewalttätig eindringen. Matthias Kaiser erzählt die von vielen Vorhängen gegliederte Geschichte um Angst, Glauben und Opferbereitschaft in starken, eindringlichen Bildern gewissermaßen als Rückblick aus der Gegenwart, die quasi in einem Museumsraum anfängt, in dem in einer Ecke weiße Stapelstühle aus Plastik aufgestellt sind. Zu den Ereignissen wird streckenweise durch Stilisierung Abstand gehalten, aber zwischendurch kommen zu der sehr emotionalen Musik auch drastische Szenen: der Tod der Madame de Croissy, das zynische Auftreten der Revolutionskommissare, obwohl das reine Nebenrollen sind, sowie das Ende, bei welchem die Nonnen eine nach der andern unbewegt aus dem Gefängniskeller nach oben zu Exekution schreiten, wobei ihnen ein immer stärker anschwellender Blutstrom über die Treppe entgegenrinnt. Hierzu kommt ein geradezu schaudernmachender Realismus der Musik. Zum immer dünner werdenden Gesang laudate dominum erklingt  das Niedersausen des Fallbeils.

Ensemble

Puristen der Avantgarde-Musik der Nachkriegszeit konnten Poulencs zugegebenermaßen eklektischer Musik nicht viel abgewinnen. Aber wann hört man heute Stockhausen oder Boulez? Poulencs drei Opern, wenn auch nicht Standardrepertoire, werden indes regelmäßig aufgeführt. Die Partitur der Dialogues ist süffig gesetzte Musik, die von populären Rhythmen, eingängiger Leitmotivik und opulenter Orchestrierung einerseits und zarten Lyrismen andererseits geprägt ist. Selbst mit konventionellen Hörgewohnheiten kommt die immer tonale Musik nicht in Konflikt – trotz einiger dissonanter Reibungen. Melodik in den Vokalstimmen und den orchestralen Begleitlinien und verführerische harmonische Rückungen  versprühen ihren Reiz. Das Philharmonische Orchester der Stadt Ulm unter seinem GMD Timo Handschuh fand stets den richtigen Ton für die vielen Facetten der Partitur und gestaltete die Orchesterbegleitung ebenso spannend wie schönklingend. Prägnantes Schlagwerk, saubere Holzbläser, feierlich sanftes Blech und satte Streichergrundierung und alles präzise, sauber und mit großer Inspiration durchmusiziert. Besonders überzeugend erschien die ausgewogene Dynamik des Dirigats von filigranen Piani (ein Orchester, das auch piano spielen kann!) bis zu den opulenten Tutti. Bei dieser Gesamtleistung kann man nur gratulieren und über wenige Unsauberkeiten der Hörner hinwegsehen. Vom sechzehnfachen Fallen der Guillotine ließ Handschuh nur den ersten mit gewaltiger Intensität musizieren und betonte dann noch einmal den letzten Fall, während die anderen zum immer dünner werdenden Gesang der Schwestern fast friedlich klangen. Der um Sängerinnen des Extrachors verstärkte Damenchor des Ulmer Theaters (Einstudierung Hendrik Haas) überzeugte mit butterweicher Intonation, Präzision und Klangschönheit.

Ensemble

Vierzehn Gesangssolisten verlangt das Libretto; fast alle waren aus dem Ulmer Ensemble besetzt. Aus dem erstaunlichen Gesamtniveau der vokalen Leistungen reichten einige noch deutlich heraus. Da ist zunächst Maria Rosendorsky zu nennen, die für die Rolle der Blanche nicht nur ihre zarte idealtypische Bühnenerscheinung und ihr feines, expressives Spiel auf der Habenseite vorwies, sondern auch mit ihrem schön ansprechenden silbrigen lyrischen Sopran und schlanker Stimmführung begeisterte. Susanne Schimmack als Gast beherrschte stimmlich und darstellerisch ausladend als alte Priorin Mme de Croissy  zwei der Bilder des ersten Akts. Sie verfügt über einen großen Tonumfang und konnte mit den weichen Tiefen ihrer Stimme, großer Ausdrucksstärke und dramatischer Wucht ebenso gefallen wie mit ihrem  Aufleuchten.  Den Tod in der Badewanne hat sie erschütternd gespielt! Die ukrainische Sopranistin Oxana Arkaeva gab etwas kalt und herrisch die neue Priorin Mme. Lidoine, stimmlich samtig grundiert und mit großer Kraft, aber nicht ohne Schärfe bei den Spitzentönen. Alexander Schröder gefiel mit  seinem recht hellen, klaren geschmeidigen lyrischen Tenor als Chevalier, Bruder von Blanche. Rita-Lucia Schneider gestaltete die  Mutter Marie einfühlsam mit weichem Mezzo. Edith Lorans gefiel mit ihrem klaren, leichtgängigen, wenn auch etwas stahligen Sopran als Schwester Constance und spielte sie quicklebendig. Tomasz Kałuzny mit schönen Tiefen seines Baritons und schauspielerischer Konzentration war verlässlich als Marquis de la Force, Vater von Blanche; etwas schwächer Hans-Günther Dotzauers Tenor als der Beichtvater . In weiteren Rollen Eleonora Halbert mit schön fokussiertem Alt als Mutter Jeanne und Don Lee mit kerniger Tiefe seines Baritons, aber stark muttersprachlich eingefärbter Höhe in den drei Rollen 2. Kommissar, Kerkermeister und 1. Offizier. Dazu kamen noch der Diener Thierry (Emanuel Pichler), der Arzt (Michael Burow-Geier) und die Schwester Mathilde (Chiao Shih) als sehr ordentliche Besetzungen dieser Nebenrollen  sowie mit dünnem Tenor Girard Rhoden als 1. Kommissar.

Voller Angst:  Maria Rosendorfsky (Blanche) im verwüsteten Salon ihres Vaters

Leider war die Premiere nur mäßig besucht, aber es ist zu hoffen, dass durch Mundpropaganda für die vorzügliche Produktion noch mehr Interesse geweckt werden kann. Den sehr herzlichen langanhaltenden Beifall hatten sich die Mitwirkenden jedenfalls verdient. Einen Besuch kann man trotz des wenig heiteren Stoffs wegen der Eindringlichkeit des Werks nur empfehlen und noch nachholen an den folgenden Terminen: 08. und 24. 10. sowie 10.11.13 jeweils um 19h00. 

Manfred Langer, 07.10.2013

Fotos: Hermann Posch (Bild 1, 3) Jochen Klenk (Bild 2, 4, 5)

 

 

SAUL

Gastspiel des Staatstheaters Oldenburg

Besuchte Vorstellung: 10.02.2013                                                            (Premiere in Oldenburg in Halle 10 des Fliegerhorsts am 20.05.2011)

Saul mit den gängigen Mitteln des Regietheaters demontiert

Da Händel nur vierzig Opern geschrieben hat, müssen, um der Nachfrage zu genügen, auch seine Oratorien in Szene gesetzt werden. Saul eignet sich da so gut wie auch einige andere Stoffe, deren dramatischer Gehalt wesentlich zwingender ist als der von vielen seiner Opern. Von dem einigermaßen stringenten originalen Handlungsstrang in Charles Jennens‘ Libretto zu Saul wollen allerdings die Regisseurin der vorliegenden Produktion Lydia Steier und die Produktionsdramaturgin Katharina Ortmann nicht viel wissen. Erst wird „interessewahrend“ von drei auf zwei Stunden gekürzt und für den Rest wissen sie vieles besser und anders: Dekonstruktion total. Das Oratorium wird kräftig gegen den Strich gebürstet; um fatale Reibungen mit dem Text ist es dem Inszenierungsteam dabei nicht bange.

Dabei hat die Inszenierung, nach welcher der Titel des Opernoratoriums infolge der Kürzungen eigentlich „David“ hätte heißen müssen, durchaus einige Ideen mit Substanz. Aber summa summarum muss man attestieren: „Thema verfehlt“. Denn während in dieser Inszenierung die Zeichnung des David und seiner Entwicklung als selbstbewusster Usurpator in origineller Weise gelingt, wird die Rolle des Saul so brutal zusammengeschnitten und verkürzt, wie es nicht in der Intention des Librettisten und des Komponisten gelegen haben kann. Denn in dem Oratorium geht es eigentlich um Saul und dessen innere Kämpfe.

Ensemble

Zunächst reibt man sich die Augen. Zum ersten Bild hat Katharina Schlipf ein Bühnenbild gebaut, dass an eine veritable Barockbühne erinnert: Kulissen imaginieren einen prächtigen Festsaal; in Hintergrund ein großer roter Vorhang, der beim Zutritt des Personals jeweils aufgezogen wird; darüber thront vor einer wolkigen Soffitte der König Saul in der Pracht des Sonnenkönigs. Im Saal wogt festlich gewandetes Feiervolk. Es versteht sich im modernen Theater, dass solche Pracht nicht dauerhaft und selbst die Persiflage des Königs nur hohl ist. David (nach der gewonnenen Schlacht und der Tötung von Goliath) wird auf einem großen Rappen (real) thronend  hereingeschoben. Stocksteif schaut er über die Anwesenden, von denen ein Teil ihn so bejubelt, dass König Saul eifersüchtig wird und Davids Tötung betreibt, obwohl er ihm zunächst seine Tochter Merab als Lohn für seine Heldentaten zuschanzen will. Diese akzeptiert aber den Bauernlümmel nicht. Nach erneutem Schlachtgewinn soll David dann die andere Tochter Sauls, Micha zum Weibe bekommen, die ihm auch wirklich zugetan ist. Inzwischen ist das Bühnenbild demontiert und vermüllt, der rote Vorhang weggerissen. Dahinter steht nur ein hundsgemeiner 40“-Container, auf welchem wieder der inzwischen mental demontierte König als traurige Gestalt hockt. Auch die zunächst opulenten Rokokokostüme vom Ursula Kudrna gehen den Weg der Inszenierung, werden abgelegt und demontiert. Lediglich der verblendete Titelheld behält sein Rokokoornat bis zum Schluss an, während alle anderen schon entweder ihre Perücken oder Obergewänder oder beides abgelegt haben und den Verfall der Feiergesellschaft dokumentieren.

im der Mitte: Magid El-Bushra (David) mit Chor, im Hintergrund: Saul (anderer Darsteller)

Neben Sauls Tochter Michal himmelt auch dessen Sohn Jonathan David an. Aber beide werden von diesem gefühllosen Wesen rüde behandelt. Michal wird in den Container geschleppt und dort von David vergewaltigt, woraufhin sich der homoerotische Jonathan an der Tür des Containers in rasender Eifersucht den Kopf einrennt. König Saul, der ständig unter den Einflüsterungen von „Neidteufeln“ steht (von der Regisseurin erfunden), kommt noch einmal zu Herrschergebaren. Jonathan hatte seinen Befehl, David zu töten, nicht befolgt. Zur Strafe wird er von seinem Vater zu Tode getreten. Merab ersticht aus irgendwelchen Gründen ihre Schwester Michal und erhängt sich dann im Container. Nachdem auch Saul auf eine Weise umkommt, die nicht vom Libretto vorgeschlagen ist, hat sich die Familie Saul ohne Fremdeinwirkung und teilweise auch ohne ersichtlichen Anlass ausgelöscht. Der von der Hexe von Endor beschworene Samuel hatte Saul ein anderes Ende vorhergesagt. Finesse lässt die Regisseurin bei ihrer Inszenierung als letztes walten. Dem Zuschauer wird nicht zugetraut, Andeutungen zu verstehen. Fragen oder Zweifel bleiben nicht offen. Auch scheint sie mit Inszenierungsstereotypen zu arbeiten. Davids Rappen, dem zum Schluss leider der Kopf abgerissen worden war trat schon als Schimmel in Steiers Finta Giardiniera auf, wo auch dieser in den Endturbulenzen des Geschehens sein Haupt einbüßte. Dort traten auch begleitende hinzuerfunden Personen auf: statt der Neidteufel im Saul die Amoretten. Genau diese Begleitpersonen, hier die Neidteufel - und das ist einer der besten Einfälle der Inszenierung - sitzen zum Schluss neben dem gar nicht mehr so souveränen Macho David oben auf dem Container und reizen ihn, der nun schon vor dem nächsten David zittert.

Jonathan, zu Tode getreten

Das ganze Horrorinstrumentarium der Oldenburger Vorstellung konnte in Heilbronn nicht auf die Bühne gebracht werden, weil sie über weniger Platz verfügt als die damalige Oldenburger Ausweichspielstätte in der Halle des ehemaligen Fliegerhorsts. Aber vielleicht inspirierte die Fliegerhalle andrerseits zu den wenig erhebenden Darstellungen. Diese Produktion des Staatstheaters Oldenburg erhielt 2012 eine Nominierung für den Faust in der Kategorie "Beste Musiktheaterinszenierung des Jahres" nominiert.

Da war man mit der musikalischen Seite des Abends unbestreitbar besser dran. Als ein Pluspunkt des Abends muss die Orchesterleistung gewertet werden. Ein Ensemble aus dem Oldenburgischen Staatsorchester unter der Leitung von Thomas Bönisch produzierte dem Thema entsprechend einen virilen, gut strukturierten Händel und musizierte klangschön mit schärfender Präzision und Prägnanz. Für die größten musikalischen Momente des Abends sorgten Chor und Extrachor des Oldenburgischen Staatstheaters (Einstudierung ebenfalls Thomas Bönisch), obwohl die Damen in sehr hohen Passagen etwas schrill klangen.

Ensemble

Der Niederländer Mattijs van de Woerd gab die Titelrolle. Außer durch sein überzeugendes Spiel gefiel der von den Neidgeistern immer mehr Geplagte auch mit seinem klaren sonoren Bassbariton von bester Textverständlichkeit. Der aus dem Sudan stammende Counter Magid El-Bushra sang den David mit sehr hellem, leuchtendem und dennoch kräftigem Altus präzise und textverständlich. Der Jonathan von Michael Pegher brillierte mit seinem schönen hellen und beweglichen Tenor und gefiel auch schauspielerisch in der Rolle des verzweifelten Jünglings. Unter seinen Schwestern wies Inga-Britt Anderson als Merab einen schönen etwas eingedunkelten Sopran auf und meisterte mörderische Koloraturen, während der hellere Sopran von Mareke Freudenberg als Michal in der Höhe etwas eng und spitz wurde.

Wie aus dem oben Geschriebenen ersichtlich, gefiel Ihrem Kritiker die Inszenierung nicht. Aber zu dessen allergrößtem Erstaunen brach das sehr gesetzt wirkende Publikum aus dem nordwürttembergischen Grenzgebiet nach der Vorstellung in begeisterten, langanhaltenden Beifall aus. Saul kommt in Heilbronn noch zweimal, am 13. und am 14. April.

Manfred Langer, 12.02.2013                                                                         Fotos der Premierenserie aus Oldenburg: Andreas J. Etter

 

 

 

Friedrich von Flotow

MARTHA

oder der Markt zu Richmond

Besuchte Vorstellung am 20.01.2013 (Premiere am 06.07.1997 am Gärtnerplatztheater in München);  111. Vorstellung

Erstanden aus dem Geist der Operette: Gute Laune pur

„Martha, Martha, Du entschwandest – und mit Dir mein Portemonnaie...“ sang man auf den Ohrwurm von Friedrich von Flotow noch vor dem Krieg (erzählte mir meine Mutter). Damals war es noch ein beliebtes Werk aus dem Genre der deutschen Spieloper (Biedermeier-Oper). Heute gelangt dieses Meisterwerk des leichten Fachs („romantisch-komische Oper“) nur noch ziemlich selten auf den Spielplan eines deutschen Musiktheaters – und eher im „Beitrittsgebiet“ als in den künstlerisch verpflichteten Häusern in Westdeutschland. Und warum ist das so? Weil die Vivisekteure der Theaterwelt (auch Regisseure genannt) bei dem Werk nichts zu sezieren haben und es deswegen nicht lieben. Und zu einer konventionellen Produktion gehört so viel Können, damit es nicht in Langeweile versinke, wie es viele unserer Regisseure nicht mehr haben. Bei denen muss tiefenpsychologisch seziert werden; dafür ist die „Martha“ kein geeignetes Opfer.

Kein Wunder, dass die Inszenierung von Vico von Bülow, auch als Loriot bekannt und leider 2011 verstorben, nun in einer Gastspielserie des Münchner Gärtnerplatztheaters im Theater Heilbronn just bei der besuchten Aufführung schon ihre 111. Vorstellung feiern konnte. Und das reicht nicht, denn das Theater am Gärtnerplatz hatte mit Premiere am 6. Juli 1997 die Produktion schon von der Württembergischen Staatsoper (Premiere 24.01.1986) übernommen. Wie viele Aufführungen die Produktion dort erlebt ha, ist nicht bekannt. Die Inszenierung von Loriot genießt inzwischen Kult-Status. Man kann nur hoffen, dass das Gärtnerplatztheater der Bayeríschen Staatsoper neben den ganzen Operettenverpflichtungen, die ihm durch die neue Intendanz auferlegt worden sind, mit dieser wunderbaren Inszenierung noch lange durch die deutschen Gastspieltheater tingeln wird.

Mitte: Martin Hausberg (Lord Tristan Mickleford); die vier Leute rechts: Holger Ohlmann (Plumkett), Ann-Katrin Naidu (Nancy), Inga-Britt Andersson (Parallelbesetzung als Lady Harriet), Johannes Chum (Lyonel); Chor und Statisterie

Loriot legt die Handlung etwa in die Mitte des 19. Jhdts., also in die Entstehungszeit des Werks, lässt aber den Geist und Stil des Theaters der historischen Handlung, also des 18. Jhdts. durch die Szenen wehen. Da er als darstellender Künstler auch das Bühnenbild und die Kostüme entworfen hat wirkt das Ganze wie aus einem Guss – und dabei sehr detailverliebt. Das Bühnenbild bedient sich der  vorklassischen Telari (dreiseitige bemalte drehbare Prismen auf beiden Seiten der Bühne), mit welchen im Handumdrehen bei gleichzeitigem Auswechseln des Prospekts die Szenen verwandelt werden können. Im ersten Bild befindet man sich in einem großen eleganten Wintergarten aus einer eleganten Stahlkonstruktion, wie sie etwas später im 19. Jhdt., also der neueren Eisenzeit, entwickelt worden sind. Das zweite Bild ist der liebevoll gezeichnete Markt von Richmond mit Perspektive auf eine Straße zwischen klassizistischen Häusern, vor welche das Gerichtsgebäude heruntergelassen wird. Hier gibt es neben dem Gasthof zum Schwarzen Schaf eine Unmenge Einzelheiten zu entdecken. Im dritten Bild ist die etwas einfachere Welt der beiden Junggesellen dargestellt.

Holger Ohlmann ( Plumkett), Johannes Chum (Lyonel), Ann-Katrin Naidu
(Nancy), Inga-Britt Andersson (Parallelbesetzung der Lady Harriet)

Hier spielen sich die köstlichsten Szenen ab. An einer Holzstütze hängt die Daguerreotypie einer unbekleideten Frau. Wenn Besuch kommt – oder frische Mägde verdingt werden – kann man das Bild schnell umdrehen: auf der Rückseite thront matronenhaft die große Königin Victoria. Man scheint wirklich in England zu sein. Auch die Reitgesellschaft im vierten Bild, die in eine Waldgaststätte eingezogen ist, zeigt Anklänge an die Briten. Aber nein: als ein nur mittelgroßer Mann mit Barett und Backenbart hinzutritt, sich an einen Tisch setzt und mit großem heroischem Blick ins Unendliche schaut, weiß man genau wo man ist: im Gartenlokal der Lochmühle im „Liebethaler Grund“ bei Pirna, wo Richard Wagner 1846 an seinem Lohengrin gearbeitet hat. Die grünen Gartenstühle des Lokals hat Ihr Kritiker dort 1975 dort noch gesehen (ehrlich!) – vor dem riesigen Denkmal Wagners, das dort 1933 aufgerichtet worden ist, dem größten Denkmal des Titanen abgesehen von seiner Musik... Im fünften und letzten Bild befindet man sich wieder in der Heimstätte von Lyonel und Plumkett. Jemand hat das Bild wieder auf die Seite der Daguerreotypie gedreht. Beim Lieto fine wird im Prospekt zu „God shave the Queen“ ein riesiges Victoriamatronenportrait hochgezogen, immer höher, bis das Bild mit der darunter befindlichen monumentalen royalen Teekanne eingefroren wird. Alle haben sich lieb; Doppelhochzeit ist angesagt.

Ann-Katrin Naidu (Nancy), Inga-Britt Andersson (Lady Harriet), Martin Hausberg (Lord Tristan Mickleford), Johannes Chum (Lyonel), Holger Ohlmann (Plumkett); Chor, Statisterie

Die subtilste, hintergründige Ironie, die das ganze Stück durchzieht, macht die Inszenierung in Verbindung mit den teilweise operettenhaften Bewegungsmustern der Chorszenen und einigen abstandserzeugenden Verfremdungseffekten zu einer wahren Kultproduktion. Dank sei den Theater am Gärtnerplatz und dem Theater Heilbronn, dass sie das wieder hervorgezogen haben. Insgesamt elf Vorstellungen werden gegeben. Die Zuschauer werden es danken und dem Theater weiter steigenden Zuspruch geben. Von den vielen Sketch-artigen Insertierungen, mit denen die nur vordergründig konventionell gehaltene Inszenierung aufgemischt wird, seien nur drei genannt. Der Nachtwächter, der bei Einbruch des Abends auf dem Markt von Richmond mit einer hohen, langen Hakenstange die Laternen anbringt - auf Kopfhöhe! Und das wird die Feministinnen erfreuen: Nancy und Lady Harriet, die als Dienstmädchen bei Plumkitt und Lyonel eingetreten sind, wehren sich gegen den Befehl des Spinnens und „lassen spinnen“ – dvon Lyonel und Plumkett. Dabei setzen sie sich auf das herrschaftliche Sofa, lesen Zeitung und häkeln an Plumketts herrschaftlicher Arbeit weiter: ein Union Jack. Nun häkeln sie also doch die Frauen! Im Gartenlokal bedient ein depressiver Kellner. Das ist wie in der Wirklichkeit: der schaut nie hin, wo gerade ein Bier bestellt werden soll. Selbst Richard Wagner muss dreimal winken ehe er eines bekommt (Dann trinkt er es aber nicht aus, vielleicht ist man doich in England?) Dafür stellt der Kellner, der schon Feierabend hat, aber gnadenlos die schönen grünen Gartenstühle auf die Tische.

Holger Ohlmann (Plumkett), Ann-Katrin Naidu (Nancy), Inga-Britt Andersson (Lady Harriet Durham), Johannes Chum (Lyonel): Chor und Statisterie

Zu der unübertrefflichen Inszenierung gesellt sich eine durchwegs zufriedenstellende musikalische Darbietungsleistung des Gärtnerplatz-theaters, das zuvor am Nachmittag schon eine Vorstellung gegeben hatte. Michael Brandstätter dirigierte das Orchester des Staatstheaters, das bis auf wenige Unkonzentriertheiten eine famose Leistung erbrachte. Von Flotows Partitur wurde leicht, schmissig und prägnant dargeboten. Dabei hielt man sich – in bestem Operettenstil – nichtsklavisch an die Partitur. Zu den Worten (im ersten Bild) „Wie? Tristan, ist das Ihre Liebe?“ erklang etwas vereinfacht das Sehnsuchtsmotiv aus Tristan und Isolde, das historisch erst achtzehn Jahre später öffentlich gehört werden konnte. Später kamen noch Choranklänge aus Tannhäuser und Lohengrin – passend zur Szene im Gartenlokal bei der sächsischen Lochmühle. Der prächtig eingekleidete Chor war präzise eingebunden.

Auch das Sängerensemble agierte auf hohem Niveau. Die Solisten stammten aus dem inzwischen aus dem von der neuen Intendanz teilweise zerschlagenen Ensemble des Gärtnerplatztheaters. Ann-Katrin Naidu als Nancy (Julia) verfügt über einen wunderbaren samtig-warmen Mezzo mit schlanker Führung von bester Textverständlichkeit und vermochte zudem, mit ihrer vorteilhaften Bühnenerscheinung für sich einzunehmen. In der Titelrolle Martha (Lady Harriet) gefiel die amerikanische Sopranistin Sandra Moon. Neben den lyrischen Passagen legte sie die Partie auch jugendlich dramatisch an, verband Ausdruckskraft mit Leidenschaft und glänzte mit makellosen Höhen. Die treffsicherste war sie dabei allerdings nicht. Martin Hausberg sang den Lord Tristan Mickleford mit weichem einschmeichelndem Bass und gefiel mit seiner noblen Erscheinung. Johannes Chum brauchte etwas Zeit, um in die Rolle des Lyonel zu kommen, gefiel dann aber mit seinem baritonalen Schmelz, kräftigem Volumen und klaren Höhen. Mit trockenem, voluminösen Bassbariton konnte Holger Ohlmann als Plumkett überzeugen. Als Richter von Richmond („Ist das Handgeld angenommen“)  hätte der Bass Marcus Wandl der Rolle mehr stimmliche Würde verleihen können..

Obwohl an diesem Tage in Baden-Württemberg wegen eines außergewöhnlich persistenten Eisregens Katastrophenalarm ausgelöst worden war und die Leute gebeten waren, zu Hause zu bleiben, war das Theater bis auf wenige Plätz gefüllt. Jubelnder lang anhaltender Beifall für alle Mitwirkenden!  Die nächste Aufführung ist am 5. Februar angesetzt, dann folgen noch sechs weitere bis zum 18. Mai.

Manfred Langer, 22.01.2013        Fotos: Thomas Frank / Fotostudio M 42

 

 

 

 

 

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