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Bilder (c) RLT

 

 

 

Ein herrlich unterhaltender Abend im Neusser RLT

Premiere  25.11.2017

Brindsley Miller ( Josiah Kug ) ist ein Looser , ein erfolgloser

junger Künstler, der immer der Suche nach Sponsoren und Kunden ist. Rodolfo aus Puccinis "La Bohème" lässt grüßen. Solche Bohemians ziehen oft Frauen ein, meist solche, die sie dann auch pekuniär unterhalten ...

Seine jüngste Bekanntschaft, die naiv und mutig Carol ( Juliane Pempelfort ), habe es gleich zu Wadenfänger Verlobten gemacht, denn der künftige Schwiegervater ( Joachim Berger ), Deren Einwilligung zur Hochzeit dort braucht, Ist eine gut situierten Pensionierter Hohe Offizierlager alten Rang - mit allerdings sehr traditionell denkweise!

Das wird nun bei Einem Schwierig Luftikus wen Brindsley, von natürlich Auch sterben verbindung zu Wadenfänger Freundin langjährigen Clea (ebenfalls Künstlerin, jedoch Erfolgreicher) noch nicht abgebrochen hat, war seine Verlobte natürlich nicht weiß - Versteht sich. Sie Ahnen, verehrte Leser, noch war da kommen Wird; -) ...

... ich sage nur: "Murphys Gesetz" hoch 3! Dabei fangt alles schön harmlos an ...

Heute Abend hat sich der große russischer Kunstmäzen Godunov ( Christoph Bahr ) angesagt, die Brindsley nicht nur mit Seinen "Kunstgewerken" beeindrucken Möchte, Sondern Auch mit Einer erlesenen Raumaustattung teuerster Möbel-Antiquitäten, die sich flugs und dreist von Seinem gutmütigen aber exzentrischen Schwulen nachbarn Harrold - der ist gerade auf Reisen - natürlich ungefragt ausgeliehen hat.

Die Krönung der geliehenen Ausstattung ist neben dem Biedermeier-Mobiliar eine sündteurer uralte Buddha-Statuette und eine Antik-Lampe. Das Paar ist guter Laune. Alles sieht bestens aus. Da fällt plötzlich überraschend der Strom aus und man sitzt im Dunkeln...

...während sich langsam die Bude füllt.

Erst erscheint eine unerwartete Nachbarin, dann der militaristische Schwiegervater, weiter der eigentlich länger verreist bleiben sollende Harrold, Brindsley "alte" Freundin Clea und schließlich ein falscher Mäzen...

Eine obskure Gemeinschaft, die da im Dunkeln (Kerzen und Streichhölzer sind nicht aufzutreiben) aufeinander trifft und so ziemlich alles an Katastrophe erlebt, was man slapstick-mäßig auf die Bühne bringen kann. Köstlich! Als wärs ein Film von Blake Edwards...

Regisseur Andreas Rehschuh setzt das im gelungenen Bühnenbild von Ivonne Theodora Storm grandios in Szene ohne zu überdrehen. Und zu dem fabelhaften Team * von Schauspielern, die hier nicht nur darstellerisch, sondern ebenso sportlich - wenn auch stellenweise fragil - zeigen was sie können, darf man dem RLT Neuss nur herzlich gratulieren. Ein wunderbarer Abends - ein superbes Familenstück bei dem Enkel wie auch die Großeltern Spass haben werden. So etwas muß man seiner Familie zu Weihnachten gönnen, neben den obligaten Hänsel & Gretel Opern allerorten. Und Shaffers köstliche Komödie ist au8ch viel kurzweiliger.

Nun stellt sich dem unbedarften und uninformierten Theater-Interessierten natürlich sofort die Frage: Wie inszeniert man ein Stück, daß eigentlich zu 95 Prozent im Dunkeln spielt? Wer es nicht weiß, also das Stück noch nicht kennt, sollte bitte jetzt nicht im Internet wühlen oder auf der Homepage des Theaters nachschlagen. Bitte, bitte: lassen Sie sich überraschen! Der unwissende wird an diesem Stück seine größte Freude haben ;-)))))))

Nur soviel: Es gibt weder Röntgenbrillen noch Taschenlampen für die Zuschauer.

Also ergeht mein Appell an alle fröhlichen Menschen unseres herrlichen Niederrheins: Auf nach Neuss ins Rheinische Landestheater. An alle Familien: Das müsst Ihr Euch gönnen... Soviel Zeit muß sein!

Bilder (c) Björn Hickmann / Stage Picture

Peter Bilsing 26.11.2017

 

* Credits

Regie Andreas Rehschuh

Bühne / Kostüme Ivonne Theodora Storm

Dramaturgie Alexandra Engelmann

Brindsley Miller Josia Krug

Carol Melkett Juliane Pempelfort

Miss Furnival Katharina Dalichau

Colonel Melkett Joachim Berger

Harold Gorringe Andreas Spaniol

Kunstmäzen / Elektriker Christoph Bahr

Clea Alina Wolff

 

 

 

 

Premiere am 10. September 2017

Ich kenne viele Physiker und viele Irrenhäuser..." (Dürrenmatt, 1962)

"So vermag heute jeder Esel eine Glühbirne zum Leuchten zu bringen, oder eine Atombombe zur Explosion" sagt Newton im Stück. Kann ein Stück eigentlich aktueller sein, als Dürrenmatts DIE PHYSIKER? Wer denkt da momentan nicht sofort an den Idioten in Nordkorea oder den Irren in Amerika. Der Spiegel sprach 1962 von einem "Zeitstück". Heute könnte man es ein "zeitloses Zeitstück" nennen. Da es auch heuer in NRW Abiturthema ist, kommt das wunderbare Stück nun auch wieder überall ins Theater. Von einer vorbildlichen publikumsfreundlichen Produktion aus dem RLT-Neuss sei hier zu berichten.

Es zeigt sich, daß der im Original noch seitenweise und umfangreich beschriebene reale und detailreiche Rahmen, das Ambiente und die Ausstattung eigentlich überflüssiger Ballast ist, um zur Kernaussage des Dramas (Ist es wirklich ein Komödie?) zu kommen. Das Team um Regisseur Reinar Ortmann (Dramaturgie: Anna-Lena Schulte) hat es geschafft das Stück aus den 60ern ordentlich zu entrümpeln und zu kürzen, um sich auf die sechs Kernpersonen zu konzentrieren. Das führt zu einer knapp 80-minütigen, enorm dichten Aufführung, welche die Zuschauer gebannt und ohne Längen fesselt. Bravo! So sollte Theater immer sein.

Im Zentrum der weiß gekachelten steril medizinisch wirkenden Einheitsbühne, deren Platten eine Art M.C.-Escher-Muster zieren, liegen drei große Sitz-Gymnnastikbälle, die vielfältig und raffiniert dramaturgisch eingesetzt werden. Die Kostüme sind so einfach wie überzeugend.

Die Protagonisten tragen graue Ganzkörper-Hoodles, worin sie stellenweise so harmlos und friedlich aussehen wie kleine Kinder im Sandkasten, es fehlen nur noch die Hasenohren. Harvey lässt grüssen. Anfangs noch harmlose, liebenswerte Irre, lenkbar, leicht zu behandeln und anspruchslos. Musterpatienten. Welcher Chefarzt möchte solcherlei Klientel nicht heute auch noch haben.

Dr. von Zahnds raffiniertes gestyltes Schwarz-weiß-Kostüm - passend zum Haarschnitt - wirkt irgendwie futuristisch und erinnert den Rezensenten fern an die legendäre einstige SW-Kultserie Raumpatrouille oder könnte vom Stylisten einer Emma Peel stammen.

Kommissar Voss darbt im schäbigen beamtenbraunen Kittelmantel eines Inspector Columbo und Schwester Monika (Bild unten) ziert ein ultrasexy kurzes Schwesterndress, dabei ist die ein wenig gestylt wie Uma Thurman in Pulp Fiction. Kost fürs Auge und die Sinne, denn in deren Einfachheit steckt doch ein nicht unerhebliches Maß an Genialität; mehr braucht es nicht. Was für eine großartige Arbeit von Ivonne Theodora Storm (Bühne und Kostüme).

Am Ende stehen die drei Physiker, wie lebende Statuen angeleuchtet in einem Museum gefangen, in ihrer Größe angepassten Portalen und zitieren im Kontinuum ihren historischen Lebenslauf; welcher am Ende an das altbekannte Sprachwirrwarr heutiger Talkshows - wenn alle gleichzeitig reden - erinnert. Das Licht dämmert ihr nicht enden wollendes Geplapper. Nun sind sie wirklich Irre geworden.

Darstellerisch bieten Philipp Alfons Heitmann (Möbius), Stefan Schleue (Newton) und Joachim Berger (Einstein) tolle Charakterisierungen. Die Zustände von Geisteskranken bzw. scheinbar Geisteskranken werden in allen Klichées ausgelebt; geradezu bedrohlich und erschütternd überzeugend. Skurril artifiziell ist Alina Wolf als Schwester Monika, die ebenso unberechenbar erscheint, wie ihre Pflegebedürftigen - zumindest so lange bis sie nach Hitchcock-Art ("Frenzi"), wie ihre Kolleginnen mit einer Krawatte erwürgt wird.

Katharina Dalichau (Sanatoriumsleiterin) ist eine Art Dr. Seltsam. Sie ist nicht "buckelig" und hässlich, wie Dürenmatt sie haben wollte - im Gegenteil: Sie spielt die Rolle der scheinbar friedlich verständnisvollen Leiterin, die am Ende zu einer Art unheimlichen Weltbeherrscherin geriert, ganz herrlich überzeugend - schon fast wie die wenig dämonischen, aber dafür zynischen Weltbeherrschungs-Bösewichte eines James-Bond-Klassikers.

Hier brauchen die Irren - wieder ein Filmbild, sorry ;-) - nicht übers legendäre Kuckucksnest zu fliegen. Sie werden einfach weggeschlossen. Übrigens eine Praxis, die in den 60ern noch ganz normal war, um nicht nur Querdenker, sondern auch missgünstige Angehörige oder nicht sterben wollende Erbonkel und -Tanten aus der realen Welt zu schaffen. Und - damals zumindest! - spielten die sogenannten Psychiater und Irrenärzte in dem schmutzigen Spiel gnadenlos mit.

Mal wieder spannendes Theater in Neuss. Unterhaltsam gestraffte und ganz "easy" zu rezipierende Weltliteratur vom Feinsten. Verehrte junge Theatergänger: bitte reingehen! Danach gibt es noch viel zu diskutieren über diese heile böse Welt....

Peter Bilsing 1.10.2017

Bilder (c) RLT

 

P.S.

Wieder auch vorbildliche Arbeit der Dramaturgie/Pressestelle, zur Vor- und Nachbereitung, denn die Links auf der Internetseite des Theaters (Wenn Sie mehr wissen wollen) liefern weitere Informationen zu Dürrenmatts Leben; u.a. Ein Interview mit Friedrich Dürrenmatt in der „Zeit“, eine Rede von Helmut Schmidt über die Verantwortung von Wissenschaftlern im 21. Jahrhundert, Einsteins Brief an Franklin D. Roosevelt und einen schönen Artikel der "Welt" zu König Salomo.

 

Unser Fimtipp dazu

 

 

 

Der letzte Wunsch lautet "Verstand"

Wilhelm Hauffs Märchen ist auch 2017 noch brandaktuell

Premierenbericht 16.9.17

"Das Kalte Herz" ist kein Märchen für Kinder, oder doch? Zumindest kann man die wunderbare Vorlage von Rebekka Kricheldorf (2002 Autorenpreis der deutschsprachigen Theaterverlage und Publikumspreis beim Heidelberger Stückemarkt, 2003 Kleist-Förderpreis, 2010 Kasseler Literaturpreis) auch im Genre "Jugendtheater" einordnen. Sie macht aus einem Kunstmärchen von 1827 auf höchst spannende und unterhaltsame Weise ein Theaterstück von heute, welches so berührt, weil alles immer noch gesellschaftlich aktuell ist. Brandaktuell!

Geld regiert die Welt. Die Gewinn-Maximierung ist Lebensmotto. Dabei geht meist jede Menschlichkeit verloren. Als wenn Hauff die Zeitlosigkeit seiner wunderbare Parabel über die Wertigkeit des Lebens geahnt hätte, fängt alles auch nicht mit "es war einmal" an, sondern startet im Original wie ein Reisebericht: " Wer durch Schwaben reist, der sollte nie vergessen, auch ein wenig in den Schwarzwald hineinzuschauen; nicht der Bäume wegen, sondern wegen der Leute..."

Kricheldorf (Bild rechts) hat die Geschichte destilliert, sinnvoll gekürzt und auch sprachlich auf zeitgenössisches Niveau gehievt. Die Regisseurin

Bettina Jahnke garniert das Ganze mit Musik; der gefühlvollen Einbau bekannter Stücke bringt das Märchen auf Augenhöhe junger heutiger Menschen. So gelingt eine Dramaturgie, die zwei so hochspannende, wie höchst unterhaltsame Stunden lebendigen Theaters garantiert.

Großen Anteil daran hat ein Team junger Darsteller mit überragenden Talenten: feinsinnige, sprachliche Diktion, akrobatische Bewegungsfertigkeiten, tänzerisches Können und auch gesangliche Qualität. Fast über das ganze Stück, wenn gerade nichts Musikalisches läuft, kann man die sprichwörtlich Stecknadel fallen hören. So packend, so fesselnd und mitreißend kann Sprache heutzutage noch rüber kommen. Was für ein tolles Beispiel guter Sprechtheater-Dramaturgie.

Einen wesentlichen Teil dieses Gesamtkunstwerkes macht allerdings, nicht nur die Sprache aus, sondern die Vielfältigkeit in der Musik, besser der musikalischen Begleitung und Untermalung. Man vermisst keine Band, denn was die beiden Multigenies Christoph Kammer und Henning Nierstenhöfer (Bild oben) hier leisten, ist so begnadet wie vielfältig ausziseliert. Ihre Bearbeitung diverser Musikinstrumente, denen sie liebevoll köstliche Töne, Klänge, Rhythmen und Harmonien entlocken, ist phänomenal ohne je aufdringlich zu wirken. Auch sind sie so leichtfüßig ins Bühnenbild und die Handlung integriert, daß sie manchmal fast wie Requisiten wirken. Sie machen gelegentlich sogar Stille hörbar...

Wunderbare Kostüme von Juan León, der auch für die Bühne verantwortlich zeichnet. Er schafft es mit den wenigen Requisiten, eine quasi Weltreise des Protagonisten sinnvoll zu stilisieren. Nicht zu vergessen die Choreografie vom Multitalent Richard Lingscheidt; die Tanzeinlagen haben Let´s-Dance-Niveau ;-) !

Doch was wäre das alles ohne die fabelhaften Darsteller, allen voran Josia Krug, in der Rolle des Köhlers Peter Munk, der einen Ibsenschen Peer Gynt darstellt. Zusammen mit Richard Lingscheidt (Tanzbodenkönig) haben beider Tanz-Einlagen teilweise John-Tavolta-Format. Hier springt das alte Märchen ins Diskozeitalter mal eben über. Die Jugend wird es freuen.

Den Kampf des ewig Guten gegen das Böse repräsentieren Johanna Freyja Iacono-Sembritzki (Glasmännlein) und Pablo Guaneme Pinilla (Holländer Michael) so trefflich wie diabolisch, wobei erstere wie eine Raubkatze fast schwerelos über Stämme balanciert oder sich grazil wie eine Schlange am Baum hochwindet. Märchenhaft grandios...

Ausdrucksstark und nachhaltig in Erinnerung bleiben Hergard Engert (Mutter) und Anna Lisa Grebe (Schlurkerin/Lisbeth), große bemerkenswerte Darstellerinnen in kleinen Rollen. Und last but not least ergänzen Richard Lingscheidt (Doppelrolle auch als Amtmann) und Rainer Scharenberg (Ezechiel/Lisbeths Vater) ein superbes Schauspielerteam. Ich verwende ungern den Begriff "Dreamteam", aber hier bringt sich durch die Bank jeder Künstler einfach fabulös ins Geschehen ein. Und daß es keine Sekunde langweilig wird, liegt nicht nur am brillanten Regiekonzept, sondern auch am Einsatz jedes einzelnen Mitglied dieser Truppe.

Was für ein toller, beeindruckender Theaterabend, und das durchaus mit Tiefgang. Das Stück bleibt auch am nächsten Tag noch nachhaltig in der Erinnerung. Eigentlich kann ein Saisonauftakt besser kaum ausfallen.

Peter Bilsing 17.9.2017

Bilder (c) RLT / Kiepenheuer Bühnenvertrieb

 

Credits Musik (die Originale)

der letzte Abend auf der welt 

schüttel dein speck

was kostet die welt

Ding

lass es Liebe sein

Einer kommt weiter

 

 

 

 

 

 

 

"Alles von mir, warum nicht alles von mir..."

von Linda Riebau / Alexandra Engelmann

Aufführung am 14 Mai 2017 im RLT Studio

VIDEO

"Die Ängste und Sehnsüchte von uns Künstlern sind auch heute noch immer dieselben. Wir geben alles von uns dem Publikum preis und finden im Scheinwerferlicht Himmel und Hölle zugleich“, sagt Regisseurin Linda Riebau und zeigt damit auch den Roten Faden ihres Stücks auf. Exemplarisch skizziert man episodenhaft am Beispiel von fünf Mega-Stars, die alle von ihren Fans wie Engel verehrt und zelebriert wurden (Amy Winehouse, Billie Holiday, Judy Garland, Marilyn Monroe und Whitney Houston), ihr Lebens-Unglück, die bösen dunklen Seiten des Showbusiness, die sonst niemand sieht und welche sie letztlich ruiniert haben.

Die tiefe menschliche Tragik, die sich oft im Leben von Schaupiel- oder Schlager- Legenden im Hintergrund abspielt, wird hier in den Bühnen-Vordergrund eines kongenial aufgebauten Bühnenstücks platziert; hautnah werden im klerinen Studio des RLT Schicksale nachvollziehbar; Impressionen jener Vita von fünf ausgewählten Diven, die Millionen begeisterten, aber mit ihrem eigenen Leben nicht zurecht kamen. In schon fast blitzlichtartigen Momenten der Rückblende, des sich Erinnerns erleben wir "rise and fall" von Frauen, deren Schicksal wir nun fast schmerzvoll nachempfinden können. Wenn so etwas gelingt, dann ist das großes Theater!

Die zitierten und wirklich formidabel von den Akteuren gesungenen Stücke (Alles Welthits) sind Hilfeschreie gequälter Seelen. Wir blicken hinter das Rampenlicht, wo sich Abgründe auftun.

Alle wollen wir doch nur geliebt werden und müssen solche Opfer bringen! Wer wusste z.B. daß Marilyn Monroe 12 Abtreibungen hinter sich hatte, oder daß die Entwicklung von Judy Garland als Pubertierende durch Medikamente und an Folter erinnernde Zwangskleidung vom Studioboss Louis Burt Mayer manipuliert wurde, damit ihre Rolle im Zauberer von Oz auch glaubwürdig wirke. Sie musste kindlich strahlen und leuchten, wie der Regenbogen in ihrem Song "Somewhere over the rainbow". Man hört das Lied plötzlich mit anderen Augen und Seelenpein.

Und wir werden belehrt über die sozialen Rahmenbedingungen von einst:

„Mit dem Produzenten schlafen, um an eine Rolle zu kommen? – Ha! Du musst erst mal mit vielen anderen schlafen, um überhaupt an den Produzenten ranzukommen."

Hollywood hat sich seit der Stummfilmzeit nie verändert. Prämissen, die weiterhin gelten. Die Studiobosse waren die Kaiser, die Produzenten die Könige und die Agenten die Edelmänner - aber alle eint eines: sie waren Herrscher mittels der Besetzungscouch. Das gibt es natürlich heute alles nicht mehr...

Kleine kurze Sätze enthüllen große menschliche Tragik, wobei die Stars nicht notwendiger Weise chronologisch abgehandelt werden, weil die Momentaufnahmen stellenweise auch austauschbar sind. In diesem Zusammenhang bekommt dann ein Song wie "Smile" (der ursprüngliche Welthit von Charly Chaplin) von Judy Garland gesungen schon leitmotivisch desavouierenden Charakter. Es ist jenes "Smile" welches uns mit den legendären Wort "showtime!" von Bob Fosse in ALL THAT JAZZ geradezu anspringt, oder von der großen Gloria Swanson in SUNSET BOULEVARD evoziert wird, wenn die Scheinwerfer angehen und sie die große Treppe herunter schreitet im scheinbaren Rampenlicht. Smile, wenn Du eigentlich weinen möchtest.

"I wanna be loved by you" sind Marilyn und dann wird jene Sexbombe, als die sie letzten Endes vermarktet wurde, obwohl sie stets ernsthaft Schauspielerin sein wollte, wieder zum kleinen Kind "My heart belongs to Daddy". Das schmerzt und ergreift auch die Zuschauer. Das ist sie, diese Dramaturgie von großem Raffinement, die subtil und spannungsvoll das ganze Stück trägt. Bravo!

Und immer wieder geht es um die Liebe, um die wahre Liebe, die sie alle sich so tief von Herzen wünschten und doch nie erreichten, jene "Greatest love of all", welche Whitney Houston so ehrfurchtsvoll besang und doch letztlich so wenig davon ab bekam, wie auch Billie Holiday in "The man I love" oder Jahrhundertsängerin, the Eternal Amy Winehouse in "Back to black" wo es heißt "I died a hundred times".

Und wenn dann im großen Finale Rainer Scharenberg (Daphne) in einer trefflichen deutschen Übersetzung den Holiday Welthit "All of me" so bestürzend trotzig, wie auch deprimiert und anklagend schon fast mehr herausschreit, als singt, dann ist das empathische Publikum am Ende des Stücks nicht nur erschüttert, sondern auch zu Tränen gerührt; ein wirklich ergreifendes Finale, quasi das Fazit des Abends. Ein toller Schluß-Coup!

Das Bühnenbild von Maik Claßen packt das große Künstleruniversum in ein bürgerlich kleines Zimmer mit Bett, Toilette, Dusche und Badewanne, wobei die wenigen Requisiten so brillant wie einfach zu ganz großen Bildern gerieren und in einer Vielfalt, Originalität und Absurdheit immer wieder so genial wie faszinierend in die Handlungsdramaturgie eingebaut werden. Was da alles auf dieser kleinen Zauberbühne passiert ist, unglaublich und zeugt von hohem Können und superber handwerklicher Beherrschung des Bühnenhandwerks. Auch die fabelhafte Lichtregie und die simplen, aber ganz wichtigen Kostümdetails (Alide Büld) sind wunderbar gelungen.

Um das alles so eindrucksvoll über die Bühne zu bringen und so hautnah in dem kleinen Studio erlebbar zu machen, braucht es große engagierte und vielseitige Schauspieler. Das sind Alina Wolff, Rainer Scharrenberg & Richard Lingscheidt, die die nicht nur herausragend agieren bzw. überzeugend singen, sondern wie in diesem Glücksfall alle auch noch ein Instrument spielen können. Dann erweitert sich das musikalische Basisduett (Christina Schumann und der quasi GMD des Ganzen Sebastian Zarzutzki am E-Piano) zu einer überzeugenden 5-er Band. Logisch, daß man dann dem begeisterten Publikum auch nach Ende des eigentlichen Stücks noch drei Zugaben mit auf den Nachhause-Weg gibt; stimmungsvoll, sentimental und nachdenklich schön ausgewählt, wo bei man auch dann der Linie des Stücks noch treu bleibt. Klatschen Sie ruhig zwischendurch, aber zerklatschen Sie, verehrte Theaterfreunde, das Stück bitte bitte nicht!

Großes Musiktheater im "kleinen" Neuss - Weltbühne im Studio.

Peter Bilsing 16.5.2017

Bilder (c) Björn Hickmann / Stage Pictures

 

PS

Einen Opernfreundstern zusätzlich und ein ganz besonderes Lob an die Pressestelle des Theaters, denn man hat mit viel Fleiß und Liebe auf der

Stückseite im Internet des RLTs auch noch alle (!) gesungenen Songs zu den Original-Liedern (TUBE sei dank) verlinkt und zu jedem Star ebenfalls einen wichtigen Artikel abrufbar offeriert. Das ist vorbildlich und ersetzt perfekt das Programmheft, welches man zeitgemäß nun wirklich nicht mehr braucht ;-).

 

 

 

 

 

BALLETT-EREIGNIS am RLT Neuss

ALICE IM WUNDERLAND

Premiere 20.2. / Derniere 21.2.16

Kleine Tänzer ganz groß

Nach drei Jahren Planung und fast zweijährigen Proben war es am Samstag endlich wieder soweit. Das neueste jener, unter Kennern schon als legendär zu bezeichnenden, Ballettereignisse von Choreografin Greetje Groenendijk

hatte Premiere - wieder im wunderschönen Rheinischen Landestheater in Neuss; einem viel zu wenig beachteten Kleinod von Theater, denn man sitzt nicht nur bequem und heimelig, sondern es ist auch eine demokratische Sichtweise (durch die enorm ansteigenden Reihen) für Zuschauer jedweden Alters und diverser Körpergrößen gegeben. Man darf den "Nüsser" Stadtoberen zu diesem Prachtbau, gebaut 2000, immer noch gratulieren.

Das tolle vielseitige Programm an überwiegendem Sprechtheater - wg. der gelungenen Akustik bedauere ich es sehr, daß es keinen, wenn auch nur kleinen, Orchestergraben gibt, denn wie wunderbar könnte man dort auch Musiktheater und überschaubare Kammeropern präsentieren; auch für kleinere Konzerte ist das Theater meiner Meinung nach wg. der guten Akustik ideal.

Doch kommen wir zum Musiktheater - Untergattung "Ballett". Natürlich hat man dort kein eigenes Tanzensemble, aber wie wunderschön ein richtiges Handlungsballett sein kann (welches man ja am Operhaus der benachbarten Landeshauptstadt schon lange als "antiquiert" abgeschafft hat!) präsentierte Greetje Groenendijk mit ihrem fabelhaften Team und den rund 200 beteiligten Tänzern von 4 bis 50 Jahren am Wochenende geradezu exemplarisch.

Nein, liebe Ballettfreunde! Das ist kein Kinderballett, wie wir es alljährlich meist zur Weihnachtszeit in den vielen fleißigen Ballettschulen des Landes überall finden, wo man dann den stolzen Eltern den aktuellen Leistungsstand präsentiert. Wir sprechen hier über richtig großes, schon durchaus professionell anmutendes, Tanztheater mit erstaunlichem, liebevoll präsentierten Unterhaltungswert. Der Begriff "Ereignis" scheint mir als umtriebigem Opernkritiker, nicht zu hoch angesetzt. Die Kleinen und Großen geben alles. So eine Aufführung ist das Abenteuer ihres Lebens und wer es einmal als Aktiver miterlebt hat und quasi Theaterblut nicht nur gerochen hat, wird den Wert von Theater ein Leben lang schätzen, und die Leistungen der Künstler (egal an welchem Haus) immer respektvoll bewerten und stets mit Ehrfurcht und Freude betrachten.

Wer es nicht selber erlebt hat, weiß kaum welche unendliche Arbeit, die niemals zu bezahlen ist, dahinter steckt. Für solche Produktionen muß man ein Herz haben; nicht nur ein Herz für Kinder. Man muß Ballett, Tanzchoreografie, Musik, Bilder, Rhythmen, Melodik und vor allem die Menschen lieben, damit ein solches grandioses Gesamtkunstwerk letztendlich dabei heraus kommt.

Dabei sind es oft die kleinen Momente der Unperfek

tion, die in Erinnerung bleiben. Ich denke da - pars pro toto - an den kleinen Frosch, dessen Bühnenleben scheinbar an der kleinen "Flosse" hängt, die sich von seinem Ballettschläppchen gelöst hat und dessen Bestreben es nur noch ist das Accessoire irgendwie wieder zu befestigen, während die Truppe auf ihn aufläuft bzw. zum Stehen kommt und Ballettdirektorin sowie Gruppen-Trainerin (wahrscheinlich dem Herzinfarkt nahe) ihm permanent zurufen "Vergiss es! Lass es! Mach einfach weiter, als sei nichts geschehen!" Natürlich vergeblich, denn an diesem Requisit hängt ja förmlich sein Leben...

Oder nehmen wir das kleine Vögelchen in der Gruppe der 4-5 Jährigen - welches vorne an der Chorus-Line ganz dezent seinen lieben Eltern im Publikum blinzelnd zuwinkt, dabei aus der Linie ausschert und vergisst, daß seine Truppe sich schon wieder weiter nach hinten bewegt. Da steht es nun kurzzeitig traumverloren in dieser wunderbaren Märchenlandschaft vorne an der Rampe und hat die Gesamt-Choreografie völlig aus den Augen verloren. Schnell huscht es hinterher und bekommt sogar Sonderapplaus vom mitfühlenden Publikum.

In der Pause sprach mich eine Dame an und fragte "Welchen Sponsor haben die denn; diese Kostüme müssen doch ein Vermögen kosten!?" In der Tat (!) lägen alleine die Kostümkosten (man rechnet an einem großen Opernhaus z.B. mit rund 2000 Euro pro handgefertigtem Kostüm heutzutage) im durchaus 6-stelligen Bereich, wenn es nicht die zwei unsichtbaren Zauberfeen, die selbstlos kreativen wunderbaren Damen der goldenen Nadel und des bunten Zwirns gäbe.

"and the oscar goes to"

Inge Grothe-Rosenberg & Ingrid Liebrecht, welche mit viel Fantasie, kreativem Zuschnitt, künstlerischem Theaterblick und einem gigantischen Arbeitsaufwand die optische Brillanz der Aufführung - es ist schon fast eine Kostümorgie - so trefflich "oscar-reif" gestalten. Dabei sind es oft nur kleine Tricks und Kniffe optischen Know-Hows des Schneiderhandwerks und der Verwendung facettenreicher Applikationen, die schließlich auf der Bühne im Scheinwerferlicht so wunderbar effektvoll aussehen, als stände ein unerschöpfliches Vermögen für deren Gestaltung zur Verfügung. Kostüme, die uns träumen lassen. Kostüme, welche die märchenhaft mirakulöse Traum- und Fantasiewelt von Carrolls Alice und seiner Figuren erst greifbare Gestalt verleihen.

Vergeben wir den zweiten Oscar an Steffi Proboszcz für ihre über 50 liebevoll und märchenfantasiereich handgezeichneten Bilder, die das sich ständig in tollen Projektionen verändernde Bühnenbild zieren. Eine solche Bühnenbildpracht steht denen in ganz großen Theatern wirklich in nichts nach. Ich würde sogar so weit gehen zu behaupten, daß man so schöne und handgezeichnete Bühnenbilder zumindest im aktuellen Bühnenalltag nirgendwo zu sehen bekommt. Brava!

So wichtig wie das Bühnenbild ist für einen großen Ballettabend die Zusammenstellung der Musik, die wiederum mit der Choreografie untrennbar verbunden ist. Greetje Groenendijk

hat es mal wieder geschafft aus einem Konglomerat von romantischer Klassik, schöner Filmmusik, Kinderliedgut und sogar altem Schlager einen Background für ihr Werk zu schaffen, der nicht nur in atmosphärischer Dichte, sondern auch durch melodiöse Schönheit die Handlung umschlingt. Dabei ist ihre Choreografie bis aufs Feinste musikalisch ausziseliert; jeder noch so kleine Schritt, jeder Sprung, jede Drehung, jedwede Attitude und Pirouette, ob im Ensemble oder beim Pas de Deux bzw. Solo, alles korrespondiert aufs Trefflichste mit der Musik. Was für eine Heidenarbeit. Künstlerisch praktisch unbezahlbar!

Last but not least geht noch ein Lob an Thomas Diek & Christian Escher (Licht) und Fredo Helmert (Ton) für ihre professionelle Bühnentechnik und an die tollen fleissig rührigen, alles begleitenden Co-Choreografinnen: Jasmin Eskandari, Patricia Slachmuylders, Selina Köse & Karolin Hippe.

Man verzeihe mir, daß ich bei diesem Gesamtkunstwerk und der grandiosen Teamleistung auf Einzelbewertung und persönliches Lob mancher Künstler ad persona verzichte, ich möchte niemanden - obwohl es viele verdient hätten! - besonders herausheben, muß aber dennoch die fabelhafte Titelfigur in der Gestaltung von Judith Elisabeth Schütze (Bild oben) noch erwähnen. Was diese junge Dame, die ja praktisch über drei Stunden ominpräsent sein muß an Tanzschritten und permanenter Ausstrahlung über die Rampe bringt ist schon bewunderns- und ausdrücklich erwähnenswert.

Fazit: Danke! Was für ein wunderbarer Abend. Ihr wart wieder alle Spitze und habt Eurer Ballettchefin das vielleicht schönste vorgezogene Geburtstagsgeschenk zum 70. gemacht, was man sich in einem solchen langen Leben fürs Ballett nur wünschen kann.

Peter Bilsing 22.2.16

Bilder (c) Straub / Grothe-Rosenberg

 

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