DER OPERNFREUND - 50.Jahrgang
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Ludwig²

Besuchte Aufführung: 17.08.2016

(Premiere: 11.08.2016)

Der König kommt zurück

Als Resultat des erfolgreichsten Crowdfunding-Projektes in der europäischen Musik- und Theatergeschichte, so die Angaben des Veranstalters, konnte das Musical „Ludwig²“ von Konstatin Wecker, Nic Raine, Christopher Franke (Musik) und Rolf Rettenberg (Buch und Liedtexte) vor Kurzem erneut seine Premiere im wunderschönen Füssener Festspielhaus feiern. Bereits im Jahr 2005 feierte dieses Werk an diesem Ort seine Welturaufführung und konnte in knapp zwei Jahren Laufzeit über 350.000 Zuschauer zählen. Im vergangenen Jahr wurden nun über besagtes Crowdfunding über 800 finanzielle Unterstützer gefunden, die mit insgesamt 165.000 Euro den Grundstein in der Finanzierungsphase für diese Neuauflage legen konnten. So ging und geht der Traum vieler Menschen in Erfüllung, dieses Werk mit der wunderbaren Musik noch einmal in der traumhaften Kulisse direkt am Forggensee mit Schlossblick erleben zu dürfen.

Da die Original-Bühnenbilder aus 2005 von Gerd Friedrich und Michael Curry noch komplett erhalten sind, kann Regisseur Benjamin Sahler hierauf zurück greifen und hiermit eine gelungene Version auf die Bühne bringen, die sich in weiten Teilen an die Aufführungen aus dem Jahr 2011 in Kempen orientiert und die Geschichte chronologisch erzählt. Im Mittelpunkt steht hierbei der Traum des Königs von einer besseren Welt ohne Kriege, wobei insbesondere die Musik und die Kunst die Menschen zu einem friedvollen Miteinander animieren sollen. Hierbei wird auch seine Seelenverwandtschaft mit Elisabeth, Kaiserin von Österreich, stark in den Mittelpunkt des ersten Aktes gestellt. Doch die Waffenlobby ist stark und der Krieg mit Frankreich unausweichlich. Nachdem Ludwigs Bruder Otto nach seinem Kriegseinsatz stark traumatisiert in die Anstalt von Dr. Gudden gebracht wird, flüchtet sich der König von den Schrecken der realen Welt in seine Träume und die Baupläne seiner Schlösser nehmen Gestalt an. Doch seine Gegner bleiben rücksichtslos und lassen den König schließlich unter Mithilfe von Dr. Gudden nach Schloss Berg „abführen“. Auch wenn die genauen Umstände bis heute historisch nicht gänzlich geklärt werden konnten, für die Macher des Musicals ist eins klar: Der König wurde ermordet.

Wie bereits 2011 schlüpft Matthias Stockinger erneut in die Rolle des König Ludwig, der eine wahre Glanzleistung ablegt. Sehr genau bringt der die verschiedenen Stufen in Ludwigs Leben auf die Bühne. Ganz stark gespielt, die Unsicherheit bei seiner Krönung oder die verzweifelte Wut bei seiner Abschiebung nach der Übernahme der Amtsgeschäfte durch Prinzregent Luitpold. Auch gesanglich eine perfekte Besetzung, sein „Kalte Sterne“ sorgt für große Gänsehautmomente und vereinzelt Tränen bei den Zuschauern. Bleibend in Erinnerung bleibt auch das Bruder-Duett „Wann kommst du wieder?“ mit Julian Wejwar in der Rolle des Prinz Otto, der hier nicht nur ganz stark singt sondern auch eindrucksvoll zeigt, welche traumatischen Schrecken der Krieg mit sich bringt. Einen kleinen Heimvorteil hat die gebürtige Allgäuerin Anna Hofbauer in der Rolle der Kaiserin Elisabeth, die vor allem bei ihrem Solo „Rosen ohne Dornen“ überzeugen kann, in den Duetten dagegen leider etwas blass bleibt. Gleiches gilt auch für Oedo Kuypers in der Rolle des Graf Dürckheim, dessen Stimme zwar sehr schön aber für diese Rolle etwas zu dünn klingt. Alles andere als dünn dagegen die Stimmgewalt von Suzan Zeichner in der Rolle des Kindermädchens Sybille Meilhaus. Dr. Gudden wurde in der besuchten Vorstellung von Alexander Kerbst übernommen (Erstbesetzung: Uwe Kröger), eine Rolle die er souverän ausfüllt, allerdings ohne einen so bleibenden Eindruck zu hinterlassen, wie in seiner eigentlichen Rolle als Freiherr von Lutz. Durch diesen Wechsel übernahm André Bauer den Freiherr von Lutz, auch hier wie beim gesamten Ensemble eine sehr sehens- und hörenswerte Leistung. Allgemein ist die starke Besetzung ein großer Pluspunkt dieser Produktio. Erwähnswert hier auch noch Harald Tauber als Graf Rettenberg, der durch eine große Ausstrahlung auf der Bühne in Erinnerung bleibt.

Die vielleicht etwas undankbare Rolle des Schattenmann, die lediglich aus der „Schattenarie“ besteht, wurde von Sven Fliege übernommen. Großen Applaus bekam auch Colin Götz, einer von 9 Jungen die sich die Rolle des jungen König Ludwig teilen. Auch der Chor weiß zu gefallen und dank weiterer passender Besetzungen in allen anderen Rollen wird u. a. auch die Nummer „König Technik“ zu einer amüsanten und keinesfalls peinlichen Nummer zur Aufheiterung zwischendurch. Gerade diese Szene ist auch ein gelungenes Beispiel für die schöne Choreographie von Till Nau und Stephanie Gröning. Letztere überzeugt auch mit ihrem „Schwanentanz“ im See.

Trotz einiger dramaturgischer Schwächen insbesondere im ersten Akt kann das Stück vor allem durch den sehr starken zweiten Akt überzeugen. Ziehen sich die ersten 20 Minuten noch sehr in die Länge kann erst der Krönungschor „das Eis brechen“. Die anschließende Thronrede ist ein gelungener Aufruf für mehr Menschlichkeit in einer kriegerischer Welt, die man sich auch heute noch in dieser Form von einem Staatsoberhaupt wünschen könnte und ein sehr emotionaler Moment im Musical. Stark auch am Ende des ersten Aktes, eine Szene wo Ludwig2 durch sein jüngeres Ebenbild aus Kindertagen daran erinnert wird, dass von seinen alten Träumen und Zielen derzeit nicht viel übrig geblieben ist. Hierbei wird durch Licht, Laser und Nebel eine Art Zeittunnel geschaffen, durch den der junge Ludwig auf den erwachsen Ludwig zuschreitet. Zu Beginn des zweiten Aktes werden durch den Einsatz von Lichteffekten die Kriegsschrecken bildlich stark auf die Bühne gebracht. Allgemein sind Licht- und Lasereffekte ein elementarer Bestandteil dieser Inszenierung. Besonders beeindruckend ist allerdings auch die Bühnentechnik, bietet das Festspielhaus in Füssen immerhin eine der größten Drehbühnen in Europa mit einem großen versenkbaren Wasserbassin, welches mehrfach sehr schön eingesetzt wird.

Auf Grund der kurzen dreiwöchigen Spielzeit entschied sich der Veranstalter aus Kostengründen auf ein Liveorchester zu verzichten und statt dessen ein wenn auch qualitativ sehr gutes Playback zu verwenden. Dies war allerdings bereits bei den bisherigen Aufführungen des Werkes weitestgehend ebenfalls der Fall. Der Blick in der Pause oder nach der Vorstellung über den nächtlichen See zum beleuchteten Neuschwanstein sorgt hier für den positiven Ausgleich für die Sinne. Da vor kurzem ein erneuter Insolvenzantrag für das Festspielhaus gestellt wurde, bleibt abschließend zu hoffen, dass einem der schönsten Theaterbauten in Deutschland auch weiterhin eine positive Zukunft bestimmt sein möge.

Markus Lamers, 21.08.2016
Fotos © BIG Dimension GmbH

 

SIEGFRIED und GÖTTERDÄMMERUNG

15.-17.9.2015

Wunsch nach Wiederholung…

erweiterte und ergänzende Kritik von Klaus Billand

Nach einer „Walküre“, die das Publikum zu begeistertem Applaus insbesondere für die herausragenden Leistungen von Martin Tsonev als Wotan und Yordanka Derilova als Brünnhilde motivierte, begann der „Siegfried“ mit einem von Regisseur Plamen Kartaloff immer wieder eingesetzten dramaturgischen Stilmittel – er zeigt die Vorgeschichte, bevor die eigentliche Handlung beginnt. So sehen wir Mime, wie er das Siegfried-Baby von der gebärenden und unmittelbar nach der Entbindung sterbenden Sieglinde übernimmt und wie der immer jugendlicher werdende Jung-Siegfried (insgesamt drei junge Statisten) über die Bühne hetzt. Erst dann beginnt Mime vergeblich und genervt das Schwert zu schmieden. Krasimir Dinev spielt den Zwerg mit nickeligen Bewegungen, ganz so wie Wagner es wollte, und ist auch stimmlich mit seinem Charaktertenor überzeugend. Kostadin Andreev gestaltet den Siegried mit viel Empathie, immer wieder mit menschlichen Zügen, und brilliert mit einem kräftigen Heldentenor, der jedoch noch eines Feinschliffes bedarf. Sein Deutsch hat sich seit seinem Siegfried 2013 erheblich verbessert. Viel Emotion legt er in seinen Gesang zum Waldweben - er wird in diesem „Siegfried“ sofort zum Sympathieträger.

Das Bühnenbild von Nikolay Panayotov besteht diesmal im Wesentlichen aus dem in zwei Hälften geteilten Ring. Die beiden Stücke werden über den Abend immer wieder zu neuen Konstellationen verschoben, sodass der Vorhang nie fallen muss. Nebeneinander stehend, stellen sie zunächst Mimes Schmiede dar. Das Zusammenspiel zwischen ihm und Siegfried ist äußerst intensiv und verlangt von Krasimir Dinev einmal, von Siegfried auf den Boden gezerrt und auf dem Rücken liegend gezogen zu singen… Intensiv wird vor allem aufgrund des wohlklingend sonoren Bassbaritons von Nikolay Petrov als Wanderer die Wissenswette. Er meistert die Partie bis zum Schluss im 3. Aufzug auch in den Höhen bestens, wirkte allerdings in seiner Darstellung gegenüber Tsonev an den beiden Abenden zuvor etwas zu behäbig.

Im zweiten Aufzug sehen wir einen aus einem Aluminiumgerüst eindrucksvoll nachgebildeten Wald. Alberich lauert im Geflecht auf den Fortgang der Ereignisse. Biser Georgiev kann zwar durch eine intensive Charakterstudie beeindrucken, singt bei begrenzter Klangbildung in der Höhe und nicht allzu großer Tiefe den Nibelungenfürst aber nicht ganz ausgewogen. Die mit viel Wohlklang und beeindruckenden Spitzentönen zwitschernde Milena Gyurova singt den auf einem Schaukelbrett in der Höhe des Hintergrundes den herein schwebenden Waldvogel. Sie wurde zu einem Erlebnis für Auge und Ohr. Der Drachenkampf findet wieder in dem nun fast vertikal gestellten Ring statt. Nicht nur hier vermag das Multimedia-Design von Georgi Hristov und Vera Petrova subtile und fantasievolle Effekte zu erzielen. Angel Hristov, auch Hunding und Hagen in diesem „Ring“, verkörpert den Wurm mit seinem eher hellen and voluminösen Bass eindrucksvoll. Nachdem der Wanderer im 3. Aufzug noch eine letzte Vereinigung mit Erda vollzieht – Blagovesta Mekki-Tsvetkova singt die Urmutter mit einem etwas verquollenen und wenig verständlichen Mezzosopran – gibt es ein intensiv gespieltes Finale mit Siegfried und Brünnhilde. Radostina Nikolaeva singt die Wotanstochter mit einem flexiblen, leuchtenden Sopran, mit dem sie im Februar auch schon die Isolde in Sofia meisterte. Ihr Spiel wirkt jedoch gegenüber der darstellerischen Kunst von Kostadin Andreev etwas zu verhalten.

Die „Götterdämmerung“ beginnt mit einer im Dunkel und viel Bewegung gestalteten Nornenszene als Prolog. Klar und klangvoll singen Ina Pertova und Lyubov Metodieva die Zweite und Dritte Norn, während Tsveta Sarambelieva mit der Ersten Norn und später mit der Waltraute aufgrund ihres verhältnismäßig unstabilen und ungeschmeidigen Mezzos stimmlich zu wünschen übrig lässt. Ein erster Höhepunkt ist das Vorspiel mit Martin Iliev als Siegfried und Yordanka Derilova als Brünnhilde. Beide sind wieder in Hochform und können an ihre großartigen Leistungen als Siegmund und Brünnhilde in der Walküre anknüpfen. Kartaloff bedient sich hier eines großen Tuches, um die Gemeinschaft der beiden auch optisch besser darzustellen. Auf der Mandorla reitet Siegfried sodann zu neuen Taten, begleitet von der Rheinfahrt aus dem Graben – optisch eine beeindruckende Umsetzung der Musik in szenische Entsprechung.

Gunther hat nichts anderes zu tun als mit diversen Fernrohren ins All zu schauen, anstatt sich um seine eigenen Probleme zu kümmern, die ihm Hagen sogleich vor Augen führt. Der junge Atanas Mladenov ist mit seinem kultivierten und technisch bestens geführten Bariton ein sehr guter Gunther, und auch Tsvetana Bandalovska, die Sieglinde dieses „Ring“, kann darstellerisch, optisch sowie stimmlich überzeugen. Biser Georgiev ist als Alberich immer wieder zusehen, wenn es um den Ring geht – ein interessanter Einfall des Regisseurs, auch um eine Klammer um die vier Abende zu schaffen. Angel Hristov ist ein in der Tat finsterer Hagen und bleibt der Rolle mit seinem klar verständlichen und in allen Lagen ansprechenden Bass nichts schuldig. Ein paar Textaussetzer, die auch immer mal den anderen Protagonisten passieren, sollte man verzeihen können. Man muss bedenken, dass alle ihre jeweiligen Rollen in diesem Ring seit 2010-13 zum ersten Mal verkörpern. Festspielreif singen die drei Rheintöchter im 3. Aufzug. Irina Zhekova als Woglinde, Silvia Teneva als Wellgunde und Elena Marinova als Flosshilde, dürfen dabei auch wieder auf ihren Tramponlinen springen. Sie machen es mit viel Fantasie und äußerst graziös. Der etwas zu weit hinten stehende Chor ist stimmstark und folgt durch seine Bewegungen mit einer Art hochgehaltenen dunklen Fledermäusen intensiv der Handlung.

Nach einem fulminanten Schlussgesang der Yordanka Derilova fährt sie mit Grane in das Feuer der fiktiven Gibichungenhalle. Daraufhin sieht man die Götter noch einmal herankommen, Wotan mit den Speeresstücken, und sie verschwinden beim Anblick des spektakulär in die Luft gehenden Walhalls mit den beiden Ring-Teilen im Off. Hoffnung auf eine bessere Zukunft gibt ein Lichtkegel, der wirkungsvoll zum Mutterliebe-Motiv der Sieglinde auf die völlig leere Bühne fällt. Das Spiel kann von Neuem beginnen…

Frenetischen Applaus bekam wieder die alle anderen überstrahlende Yordanka Derilova als Brünnhilde, die in der Tat sängerisch wie darstellerisch eine international beachtliche Leistung bot. Aber auch Martin Iliev und Tsvetana Bandalovska bekamen wieder starken Applaus. Erich Wächter hatte unter den gegebenen, nicht gerade idealen Bedingenden eines für ein Musical-Theater gebauten Grabens mit dem Orchester der Nationaloper Sofia ein gutes klangliches Ergebnis erzielt. Eindrucksvoll gelangen Wächter u.a. die großen Orchesterzwischenspiele in diesen „Ring“. Auch er bekam mit dem ganzen Orchester auf der Bühne starken Applaus.

Nachdem es während des 1. Aufzugs der „Götterdämmerung“ geregnet hatte, nach Sonnenschein noch am Morgen, erleuchtete in der einstündigen ersten Pause just über dem Schloss Neuschwanstein gegenüber des Forggensees ein farbintensiver Regenbogen, der die im Garten vor dem Festspielhaus stehenden Zuschauer zu großer Bewunderung hinriss. Er entsprach im übrigen genau dem Design auf dem Programm-Cover und den Postern von Gudrun Geiblinger, die vom Schloss Neuschwanstein einen goldgelben Bogen zum Festspielhaus zog, assoziativ zum Ring… Es sah so aus, als würde der "Märchenkönig" Ludwig II. vom Schloss aus mit dieser Wettererscheinung dem gewagten und schließlich gelungenen Unternehmen, den „Ring“ von Sofia nach Füssen zu bringen, seine Bewunderung zollen. Und der „Kini“ wäre sicher mit der Aufführung zufrieden gewesen.

Am Rande der Aufführung hörte man Stimmen im Publikum, die regelrecht bedauerten, dass diese „Ring“-Woche nun zu Ende sei und man doch daran denken solle, den „Ring“ aus Sofia 2016 erneut zu zeigen. Schon jetzt wurde mit einer etwa 70-prozentigen Auslastung eine beachtliche Antwort auf ein solches in dieser Region nicht gerade zu erwartendes Wagner-Festival erzielt. Im Gegensatz zu den zyklischen „Ring“-Aufführungen in Sofia von 2013 bis 2015, bei denen die Richard Wagner Verbände aus allen Kontinenten der Opernwelt zugegen waren, blieben diese in Füssen unverständlicherweise weitgehend aus. Mit den vielen „Botschaftern“, die nun über entsprechende Mundpropaganda werbend aktiv werden könnten, wäre bei einer Wiederaufnahme wohl ein noch höherer Publikumsandrang zu erwarten. Mit anderen Wagner-Werken, die alternativ gespielt werden könnten, entwickelte sich dann vielleicht so etwas wie ein „Allgäuer Bayreuth“. Interesse an einer Fortführung besteht bereits bei der Stadt Füssen und der Nationaloper sowie beim Kultusminister in Sofia. Die Zuständigen sollten sich jedenfalls darüber weitere Gedanken machen, wie auch über einen Umbau des derzeit zu begrenzten Orchestergrabens. In dieser vom wichtigsten Förderer Richard Wagners gekennzeichneten Region könnte die Weiterführung des Wagner-Festivals bzw. Opernfestivals eine interessante Option darstellen, zumal auch das touristische Potenzial hier mit weltbekannten Sehenswürdigkeiten aufwartet. Mal sehen „…wie das wird“…!                                                                                                                                     

Klaus Billand  6. Oktober 2015

Copyright: Svetoslav Nikolov

 

 

DIE GÖTTERDÄMMERUNG

17.9.15

Das Gastspiel aus Sofia ist zu Ende. Kurzbericht

(brandaktueller Kurzbericht aus Füssen)

Am Donnerstagabend ging das Gastspiel der Nationaloper Sofia mit ihrer sehenswerten „Ring“-Produktion von Plamen Kartaloff im Festspielhaus Füssen mit einer fulminanten „Götterdämmerung“ zu Ende. Das zum Teil von weither angereiste Wagnerpublikum, aber auch die Allgäuer, welche in großer Zahl den „Ring“ zum ersten Mal überhaupt erlebten, waren begeistert von der Produktion sowie den sängerischen und musikalischen Leistungen des Orchesters unter Erich Wächter. Und nachdem es während des 1. Aufzugs der „Götterdämmerung“ geregnet hatte, nach Sonnenschein noch am Morgen, erleuchtete in der einstündigen ersten Pause just über dem Schloss Neuschwanstein gegenüber des Forggensees ein farbintensiver Regenbogen, der die im Garten vor dem Festspielhaus stehenden Zuschauer zu großer Bewunderung hinriss. Es sah so aus, als würde der „Märchenkönig“ Ludwig II. vom Schloss aus mit dieser Wettererscheinung dem gewagten und schließlich voll gelungenen Unternehmen seine Bewunderung zum Ausdruck bringen. Und der „Kini“ wäre sicher mit der Aufführung zufrieden gewesen.

Die sehr lebendige und aus der Partitur heraus entwickelte Produktion von Plamen Kartaloff in den Bühnenbildern und Kostümen von Nikolay Panayotov und dem fantasievollen und farbintensiven Multimedia Design von Georgi Hristov wirkte wie in Sofia äußerst lebendig und unterhaltsam. Frenetischen Applaus bekam die alle anderen überstrahlende Yordanka Derilova als Brünnhilde, die in der Tat sängerisch wie darstellerisch eine international beachtliche Leistung bot. Aber auch Martin Iliev als Siegfried und Tsvetana Bandalovska als Sieglinde bekamen starken Applaus. Erich Wächter hatte unter den gegebenen Bedingenden eines für ein Musical-Theater gebauten Grabens mit dem Orchester der Nationaloper Sofia ein gutes klangliches Ergebnis erzielt. Auch er bekam mit dem ganzen Orchester auf der Bühne starken Applaus.

Am Rande der Aufführung hörte man Stimmen im Publikum, die regelrecht bedauerten, dass diese „Ring“-Woche nun schon wieder zu Ende sei und man doch daran denken solle, den „Ring“ aus Sofia 2016 erneut zu zeigen. Bei schon jetzt mit einer etwa 70prozentigen Auslastung beachtlichen Antwort auf ein solches in dieser Region nicht gerade zu erwartendes Wagner-Festival wäre mit den vielen „Botschaftern“, die nun über entsprechende Mundpropaganda werbend aktiv werden könnten, ein wohl noch höherer Publikumsandrang zu erwarten. Mit anderen Wagner-Werken, die zusätzlich gespielt werden könnten, entwickelte sich dann vielleicht so etwas wie eine „Allgäuer Bayreuth“. Die Zuständigen sollten sich jedenfalls darüber Gedanken machen, wie auch über einen Umbau des derzeit zu begrenzten Orchestergrabens. In dieser vom wichtigsten Förderer Richard Wagners gekennzeichneten Region könnte die Weiterführung des Wagner-Festivals eine interessante Option darstellen, zumal auch das touristische Potenzial hier mit weltbekannten Sehenswürdigkeiten aufwartet. Mal sehen „…wie das wird“…!

(Detailliertere Rezension von „Siegfried“ und „Götterdämmerung“ wird folgen).

Klaus Billand 19.9.15

Copyright: Svetoslav Nikolov

 

 

DAS RHEINGOLD

DIE WALKÜRE

Gastspiel der Nationaloper Sofia am 12.-13. September 2015

Der Hort ging auf…!

Das könnte man bereits nach der Mitte des Gastspiels der Nationaloper Sofia mit ihrer Produktion der Wagnerschen Tetralogie „Der Ring des Nibelungen“, dem viertägigen opus magnum des Bayreuther Meisters, im Festspielhaus Füssen am schönen Forggensee sagen. Denn die ersten beiden Abende, „Das Rheingold“ und „Die Walküre“, zeugten auch im Allgäu wie schon in Sofia seit ihrer Entstehung von 2010/11 von einer fantasievollen und dramaturgischen Qualität, die der Regisseur und Generaldirektor der Sofioter Oper, Prof. Plamen Kartaloff, Mitglied der bulgarischen Akademie der Wissenschaften, mit einem sog. Story Board direkt aus der Partitur heraus entwickelte.

Kartaloff ist als Visionär dieses großen Projekts, dem ersten „Ring“ auf dem Balkan überhaupt, aber nicht nur für die Inszenierung verantwortlich. In einer schier unglaublichen Zeit von nur einem Jahr Vorbereitung stellte er mit seinem kompetenten Team diese Produktion auf die Bühne des Füssener Festspielhauses, welches ursprünglich für das König Ludwig Festival gebaut wurde, nach dem Vorbild des Bayreuther Festspielhauses und den Entwürfen von Gottfried Semper für das einmal geplante Wagner-Festspielhaus am Münchner Isarufer. Neben dem Finden von über 30 Sponsoren in Bulgarien und Deutschland stellte das Projekt enorme logistische Anforderungen, auch für die Sofioter Oper, die auf viele Tourneen gegangen ist und allein schon sechs Mal in Japan war. Sechs große Container-LKWs für die Bühnenbilder, Kostüme und technisches Gerät, sieben Busse für etwa 220 Personen, bestehend auf 75 Musikern, 34 Sängern, 37 Choristen, 17 Tänzern, 50 Technikern und dem Management mit 7 Personen mussten über fast 2.000 km nach Füssen transportiert werden. Und auf dem Weg zeigte man beim Slowenischen Opernfestival in Ljubljana gewissermaßen en route auch noch die neueste Wagner-Produktion aus dem vergangenen Februar „Tristan uns Isolde“, übrigens mit großem Erfolg.

In Füssen angekommen, musste jedes Team in einem anderen Hotel untergebracht werden, sieben an der Zahl. Mit 15.000 Einwohnern verfügt Füssen klarerweise über keine großen Hotels. Dafür ist es die deutsche Wiege des Lautenbaues und auch seit langem eine bedeutende Stadt im Geigenbau. Dann waren aufgrund des knappen Zeitfensters im Festspielhaus von nur zwei Wochen ab dem 6. September - am 5. September lief dort noch die alljährliche König Ludwig Gala zum Geburtstag des Märchenkönigs - nur sechs Tage zu Proben und Gewöhnung des Teams an die ihm unbekannte Bühne zur Verfügung - es reichte im Prinzip gerade einmal für die vier Generalproben und einen freien Tag! Hinzu kommt, dass man für die Nibelungen und für die Rheintöchter-Doubles Kinder und drei junge Damen aus Füssen engagierte, die auch noch eingewiesen werden mussten.

So ist es ein kleines Wunder, vielleicht auch ein großes, dass dieser Sofioter „Ring“ pünktlich und mit beeindruckenden Leistungen am Forggensee beginnen konnte, Gott sei dank bei „Kaiserwetter“. Die Spannung war natürlich groß. Alle Wagnerverbände waren angeschrieben worden, und eine Reihe von Delegationen fand sich zum „Ring“ ein, auch aus Übersee. Zur Premiere des „Rheingold“ erschien auch einige Politpominenz aus Bulgarien und Bayern. Wieder können der große und im wesentlichen aus zwei bühnenbreiten Hälften bestehende und damit beliebig variationsfähige und begehbare Ring, sieben kegelförmige Konusse in verschiedenen Größen, und eine Art Mandorla bei der Dramaturgie Kartaloffs überzeugen. Es sind minimalistische Elemente, geschaffen vom Bühnenbildner Nikolay Payanotov, der auch für die Kostüme verantwortlich zeichnet, reduziert auf wesentliche symbolische Bedeutungen, die aber eine Vielzahl von Inhalten, Visionen und Assoziationen ermöglichen. Kartaloff setzt sie in ständiger Variation dramaturgisch ein, wobei das Multimedia Design von Vera Petrova und Georgi Hristov sowie die exzellente Lichtregie von Andrej Hajdinjak und Emil Dinkov eine ganz entscheidende Rolle spielen.

So symbolisieren die sieben Konusse immer wieder die Zinnen von Walhall, sie erhellen das Rheingold oder symbolisieren in der Walküre die Köpfe der Luftrosse, auf denen die Walküren in einem umwerfend lebendigen und stimmungsintensiv gestalteten Walkürenritt reiten, der sogar Szenenapplaus provozierte - bei Wagner eher eine Seltenheit. Dabei hilft eine beachtliche Bühnenhydraulik, die Bild- und Szenenwechsel - leider nicht immer ganz geräuschfrei - in wenigen Augenblicken ermöglicht, ohne dass sich der Vorhang schließen muss. Auch so werden ständig Spannung und Dynamik aufrecht erhalten, ebenso wie durch eine ausgefeilte Personenregie. Mit den fantasievollen, bisweilen an fantastischen Realismus bis Pop-Art erinnernden Figurinen Payanotovs und dem facettenreichen Multimedia-Design gelingen ein „Rheingold“ und eine „Walküre“ mit großem Unterhaltungswert, der dennoch sowohl Anfängern wie Kennern der Tetralogie die von Wagner beabsichtigte Aussage bzw. Kapitalismuskritik nahebringt.

Auch die Sängerriege, von Richard Trimborn seit Jahren auf gutes Deutsch trainiert, konnte weitgehend überzeugen, und einige von den Protagonisten brachten international bemerkenswerte Leistungen. Es beginnt schon mit den drei festspielreif singenden, Trampolin springenden und damit waghalsig agierenden Rheintöchtern Milena Gyurova (Woglinde), Silvia Teneva (Wellgunde) und Elena Marinova (Flosshilde). Ihr Verführungsspiel mit Alberich gelingt zu einem bewegten und fantasievollen Höhepunkt des „Rheingold“. Martin Tsonev singt und spielt nun einen noch engagierteren und stimmlich beeindruckenderen Wotan als 2013 in Sofia. Er verfügt über einen gut geführten Bassbariton mit exzellenter Höhe und ausreichender Tiefe sowie einem sehr guten Deutsch, welches er mit großer Wortdeutlichkeit zu vermitteln weiß. Das Finale der „Walküre“ mit der in Dessau engagierten Jordanka Derilova gestaltet er auch emotional mit großer Intensität in Mimik und Ausdruck, sodass der dritte Aufzug der „Walküre“ der Höhepunkt der bisherigen Abende wurde. Jordanka Derilova, die erst im Juni alle drei Brünnhilden in Dessau gesungen hatte, ist weiterhin unter die ersten ihres Fachs einzureihen. Mit welcher stimmlichen Intensität sie die Höhen und langen Bögen der Partie meistert und dabei auch darstellerisch gestaltet, ist äußerst beeindruckend. Hinzu kommt ein gutes und jugendliches Aussehen, sodass man ihr die „reisige Maid“ auch optisch sofort abnimmt. Sowohl Tsonev als auch Derilova könnten diese Rollen auf größeren bis großen Bühnen in Europa ohne Bedenken singen. Eigentlich muss man sich fragen, warum das nicht längst geschieht...

Große Emotionalität kann das Wälsungenpaar vermitteln. Martin Iliev singt einen stimmlich sicheren und in der Höhe ebenfalls voll überzeugenden Siegmund, mit einem baritonal gefärbten, stets ein wenig melancholisch klingenden und damit zur Rolle passenden Tenor. Erst im Februar hatte er einen guten Tristan in Sofia gesungen und wird in Füssen auch der Siegfried der „Götterdämmerung“ sein. Seine Partnerin Tsvetana Bandalovska ist mit einem für die Rolle vielleicht etwas leichten aber dennoch stimmlich und noch mehr durch ihre emphatische Gestaltung gute Sieglinde. Eine ganz ausgezeichnete stimmliche und darstellerische Listung bietet Daniel Ostretsov als Loge, der auf einem Surfbrett hereinschwebt und schon damit seine de facto Nichtzugehörigkeit zu dem „übel trauenden Tross“ bekundet. Er zieht die Strippen im „Rheingold“ effektvoll und stets souverän. Alexander Nosikov singt den Fasolt mit einem klangvollen tiefensicheren Bass, ebenso wie Angel Hristov einen starken Hunding mit beängstigendem Zombi-Outfit. Giorgi Kirof fällt als Fafner gegenüber Nosikov stimmlich etwas ab, vermittelt aber den düsteren Charakter der Rolle sehr gut. Plamen Papazikov ist einen starker, gequälter Mime und Silvana Pravcheva eine stimmlich sichere, exaltierte Freia. Hrisimir Damyanov singt den Froh mit einem hellen lyrischen Tenor etwas unscheinbar. Svetozar Rangelov führt als Donner die Reinigung der Lüfte mit guter Stimme herbei.

Biser Georgiev spielt einen unglaublich intensiv agierenden und präsenten Alberich, dessen Stimmer aber nicht immer stabil ist und der zu oft zum Outrieren neigt. Hier wäre etwas weniger und eine besseres Singen auf Linie mehr. Dennoch kann er bei einigen Szenen, wie dem Fluch, überzeugen. Wenn Rumyana Petrova im „Rheingold“ als Fricka noch relativ gut bei Stimme war, so ist ihr etwas verquollener Mezzo in der „Walküre“ doch einer überzeugenden Rollengestaltung im Wege. Hier fehlt es auch an Stimmkultur. Ebenso klingt der Mezzo von Blagovesta Mekki-Tsvetkova verquollen und allzu guttural, um als Erda einen wirklichen - und den notwendigen - Eindruck zu machen. Das Walküren-Oktett singt bis auf zwei Ausnahmen mit kräftigen Stimmen und ist im Chor sehr druchschlagskräftig. Dafür gab es eben auch Szenenapplaus.

Das Festspielhaus in Füssen ist für das König Ludwig Festival konzipiert worden. Daher wurde hier kein großer Orchstergraben eingebaut, und die Öffnung des ohnehin recht begrenzten Grabens ist auch unverhältnismässig schmal. Umso mehr ist es dem u.a. auch in Sachen Wagner sehr erfahrenden Dirigenten Erich Wächter hoch anzurechnen, was er aus den immerhin etwa 75 in diesem Graben engst beieinander sitzenden Musikern an Klangfülle und Präzision heraus holt. Das wurde insbesondere in der „Walküre“ evident. Durch die wie in Bayreuth muschelartige Abdeckung des Orchestergrabens, durch die konsequenterweise der Klang erst auf die Bühne geht und dann in guter Balance mit den Stimmen in den Saal kommt, entsteht ähnlich wie in Bayreuth eine pastoser Mischklang, der niemals zu laut ist und damit auch nie die Sänger zudeckt. In den Pianostellen kann es dafür auch einmal etwas zu leise werden, was aber die Ausnahme bleibt, ebenso wie einige Wackler in den Hörnern oder ein paar Übergänge. Man hatte den Eindruck, dass Wächter und das Orchester der Nationaloper Sofia in der „Walküre“ genau die richtige Dosierung gefunden hatten. Es wurde offenbar, dass das Verständnis zwischen Dirigent und Orchester sehr gut ist und damit die Klippen der physischen Gegebenheiten sicher umschifft wurden.

Es gab nach dem „Rheingold“ immerhin zehn Minuten starken Applaus, besonders für Tsonev und Ostretsov. Nach der „Walküre“ war das Publikum schier begeistert, denn es trampelte sogar auf den Boden bei Tsonev, Derilova, Iliev und Bandalovska -  dezidierter kenntnisreicher als das Bayreuther Publikum, welches praktisch bei jedem Sänger auf den Holzboden trampelt - der pawlowsche Bayreuther Applaus… Heute geht es mit „Siegfried“ weiter.

Klaus Billand 15.9.2015

Bilder: Nationaloper Sofia

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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