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Francesco Cileas

GINA

Premiere: 10.02.2017

besuchte Aufführung: 18.02.2017

Mega-Rarität in venezianischem Kleinod

 

Lieber Opernfreund-Freund,

von Francesco Cileas Opern hat allenfalls „Adriana Lecouvreur“ bis in unsere Zeit auf der Opernbühne überlebt, Federicos Lamento aus seiner „Arlesiana“ wird noch ab und an bei Tenor-Recitals aus dem Hut gezogen, aber wer weiß, dass der Komponist auch eine Oper namens „Gloria“ geschrieben hat und sein Erstling „Gina“ heißt, der könnte Günther Jauchs Fernsehshow mit diesem Wissen wohl als Millionär verlassen.

Umso schöner ist es, dass man das 1889 am Musikkonservatorium in Neapel uraufgeführte Werk derzeit nahe des Rialto in Venedig, im Teatro Malibran, erleben kann. Cileas Abschlussarbeit am Konservatorium wurde nach der durchaus erfolgreichen Erstaufführung nicht mehr gezeigt, bis seine kalabrische Heimatregion es im Jahr 2000 anlässlich des 50. Todestages des Komponisten im Theater in Cosenza auf die Bühne brachte. 2001 wurde die gleiche Produktion dann in Rom gegeben, so dass diese Inszenierung am Teatro Malibran, das unter Federführung des Teatro La Fenice steht, erst die dritte überhaupt ist.

Das ist nach meinem Besuch der Aufführung völlig unverständlich. Das eineinhalbstündige Werk sprüht nur so vor musikalischem Witz, die reichen Melodienbögen Cileas, die er später in „Adriana Lecouvreur“ perfektioniert, sind schon im Frühwerk des damals erst 22jährigen erkennbar, einzelne Motive aus „Gina“ wird er sogar eins zu eins in seiner „Adriana“ wiederverwenden. Die musikalischen Einfälle haben mitunter Ohrwurmqualitäten, verbreiten gute Laune und transportieren viel Gefühl. Die Geschichte indes ist ein wenig verworren: 1812 soll Uberto, ein Wirt aus einem französischen Dorf, für Napoleon in den Krieg ziehen. Seine Verlobte Lilla ist am Boden zerstört und seine Schwester Gina verspricht gar, denjenigen zu heiraten, der an seiner Stelle an die Front geht. Das hört Giulio, der Gast im Wirtshaus war und sich in Gina verliebt hat. Er meldet sich unvermittelt beim Sergeanten Flamberge und erhält Ginas Ring als Pfand für ihr Versprechen, ohne dass jemand ihn gesehen hätte. Zwei Jahre später ist auch Uberto in den Krieg gezogen und die beiden Frauen warten wie viele auf die Rückkehr ihrer Männer. Uberto kommt in Begleitung eines Kameraden, der ihm das Leben gerettet hat, aus dem Krieg heim. Es ist Giulio und als er mit Gina alleine ist, verliebt sie sich auch in ihn, kann aber seinem Werben nicht nachgeben, da sie sich ja dem unbekannten Soldaten versprochen hat, der zwei Jahre zuvor die Stelle ihres Bruders angenommen hat. Giulio bekennt, dass er selbst derjenige ist, aber ihren Ring nicht mehr hat. Er hatte ihn nach einer schweren Verwundung einem Soldaten gegeben, damit dieser ihn Gina zurück bringt. Gina glaubt kein Wort und fühlt sich getäuscht. Da taucht Flamberge auf, der verdutzt ist, Giulio lebendig anzutreffen, wollte er Gina doch gerade den Ring des Gefallenen überbringen. Unter dem Jubel aller finden die beiden zueinander.

Bei der szenischen Umsetzung handelt es sich in gewisser Weise auch um einen Erstling. Alle im Produktionsteam außer Bepe Morassi, dem Hausregisseur des Teatro La Fenice, sind Studierende der Akademie der schönen Künste in Venedig. Morassi zeigt diesen Schwank mit ernsten Zwischentönen auf einer Bühne, die anfangs von riesigen Bettlaken dominiert wird (Szenerie: Francesco Cocco). Die werden im Laufe der Handlung mehr und mehr durch die Trikolore ausgetauscht, die im zweiten Akt dann aber deutliche Zeichen der Zeit zeigt. Seine abwechslungsreiche Personenregie und nicht zuletzt das wunderbar ausgeklügelte und raffinierte Licht von Vilmo Furian lassen die 90 Minuten wie im Flug vergehen. Da werden Logen bespielt, überdimensionale Fahnen von der Galerie heruntergelassen und die zurückkehrenden Soldaten werden im Zuschauerraum von ihren zu alten Frauen gewordenen Ehefrauen empfangen. Die stilvollen, der Zeit entsprechenden Kostüme von Marta Zen und Laura Zollo sind bemerkenswert detailreich und nicht ohne Ironie gearbeitet. So ist eine abwechslungsreich-unterhaltsame Produktion wie aus einem Guss entstanden, der man in keinster Weise anmerkt, dass auch Berufsneulinge beteiligt waren. Im Gegenteil!

Auf der Bühne ist eigentlich Uberto der Star. Kein Wunder beim brillanten Sängerdarsteller Armando Gabba, der diese Figur mit seinem farbenreichen Bariton mit viel Gefühl ausgestaltet. Für die Interpretation der Titelfigur bringt Arianna Venditelli einen klaren Sopran mit feiner Höhe mit und überzeugt darüber hinaus mit mitreißendem Spiel.Valeria Girardello verfügt über einen seelenvollen Mezzo, mit dem sie als Lilla Eindruck macht. Alessandor Scotto di Luzio ist eine imposante Bühnenerscheinung. Sein schlanker Tenor erinnert mich in der Höhe gar an das feine Timbre eines José Carreras. Doch in der Mittellage tremoliert der junge Sänger bisweilen recht stark. Claudio Levantino spielt als Flamberge sein komödiantisches Talent voll aus. Allerdings würde ich mir von einem Sergeanten auch stimmlich etwas mehr Präsenz erwarten. Der Chor unter der Leitung von Ulisse Trabacchin ist bestens gelaunt, überzeugt mit großer Spielfreude und singt schlicht phantastisch. Im Graben hält Francesco Lanzillotta die Fäden zusammen, kitzelt mit dem Orchestra del Teatro La Fenice wunderbare Klänge aus der Partitur heraus, so dass von den ersten frechen Klängen der Ouvertüre über große, gefühlvolle Kantilenen und stimmige Ensembles bis hin zu den heroisch-hymnischen Stellen alles gelingen will.

Ein toller, in allen Belangen unterhaltsamer Nachmittag geht zu Ende, das Publikum im wunderbaren, versteckt gelegenen Teatro Malibran ist genau so begeistert wie ich. Ich bin gespannt, ob und wann ein deutsches Haus hier wohl die deutsche Erstaufführung realisiert. Ich bin in jedem Fall dabei.

Ihr Jochen Rüth / 19.02.2017

Die Fotos stammen von Michele Crosera.

 

 

 

Ermanno Wolf-Ferrari

IL CAMPIELLO

besuchte Vorstellung: 7.3.2014     (Premiere am 28.02.14)

Liebenswürdiges Werk – allzu bieder realisiert

Haben Sie etwas Geduld! Der Beitrag wird diesmal etwas länger, aber ich hoffe, dem Opernfreund Interessantes aus Venedig berichten zu können und gliedere der Übersichtlichkeit halber meinen Beitrag in drei Teile – das Theatergebäude, Ermanno Wolf-Ferrari sowie Werk und Aufführung. Wer also nur über die besuchte Aufführung informiert werden will, der kann die ersten beiden Teile überspringen, aber natürlich hoffe ich, dass Sie die beiden ersten Abschnitte ebenso interessieren wie mich!

Das Teatro Malibran:

Venedig hat nicht nur das berühmte La Fenice als Opernbühne – nein, es gibt noch ein zweites Haus, dessen Besuch sich für den Opernfreund unbedingt lohnt – das Teatro Malibran, unweit der Rialtobrücke gelegen, ist unter den Theatern von Venedig eines der ältesten. „Und es steht auf historischem Boden: Hier befand sich einst der Palast der Familie Marco Polos.

Eröffnet wurde es im Karneval 1678 als Teatro di San Giovanni Crisostomo. Es war nach der Meinung der Zeitgenossen «das größte, schönste und reichste» aller sechzehn venezianischen Opernhäuser, aber auch das fortschrittlichste: das erste Theater, in dem Opernproduktionen für jeden offen waren, der sich sein biglietto leisten konnte. Alessandro Scarlattis «Mitridate Eupatore» wurde hier uraufgeführt und Händels «Agrippina». Der berühmte Farinelli stand auf der Bühne; und ein gewisser Carlo Goldoni war in den 1730er Jahren eine Zeit lang poeta del teatro.

Später spielte man Rossini. Mitte der 1830er Jahre erhielt das Theater nach einem Auftritt der Malibran seinen heutigen Namen. 1886 nach einer Versteigerung von neuen Besitzern erworben, wurde es 1913 aus Sicherheitsgründen geschlossen, nach einer durch den Ersten Weltkrieg verzögerten Renovierung 1919 wieder in Betrieb genommen und überlebte die folgenden Jahrzehnte mehr schlecht als recht mit Operetten, Volkstheater, Variété und Filmvorführungen. In den achtziger Jahren kam es dank der Kooperation mit dem Fenice und der Biennale zu einer kurzen Ballettblüte, aber auch zu Aufführungen von zeitgenössischen Opern. Im Malibran fand etwa die Uraufführung von Salvatore Sciarrinos «Cailles en sarcophage» statt. Dann stand das Haus fünfzehn Jahre lang außer Betrieb, ehe es am 23. Mai 2001 im Beisein des italienischen Staatspräsidenten Carlo Azello Ciampi feierlich wiedereröffnet wurde. «Fertig» war das Theater deshalb noch lange nicht. Und auch jetzt scheint die technische Ausrüstung eher provisorisch. Zumindest kamen bei der szenischen Inauguration des Malibran mit Sergei Prokofjews «Liebe zu den drei Orangen» eher einfache, «alte» Mittel zum Einsatz. Auch die Lichtinstallation schien noch nicht auf den letzten Stand gebracht.

Eigentlich hat erst der Brand des Fenice im Januar 1996 die seit 1992 in Gang befindlichen Restaurierungs- und Erneuerungsarbeiten am Malibran beschleunigt. Dabei wurden - in Abänderung der ursprünglichen Pläne, die einen totalen Umbau zu einem Ballett- und Sprechtheater vorsahen - der Orchestergraben und der Zuschauerraum vergrößert, so dass das Theater nun 900 Personen Platz bietet.

«Historisch» ist am Teatro Malibran daher vor allem der Ort. Schon die Umbauten nach den Plänen Mario Felice Donghis im Ersten Weltkrieg hatten stark in die Struktur des Hauses eingegriffen. Diese und die neuen Interventionen Antonio Foscaris haben ein Haus entstehen lassen, das von aussen kaum als Theater erkennbar ist und in seinem Inneren einen gelungenen Kompromiss zwischen der Bewahrung historischer Substanz und ästhetischer Modernität darstellt.“

Seit diesem Bericht von Derek Weber in der Neuen Zürcher Zeitung vom 12.10.2001 sind wieder über 10 Jahre vergangen und nun wird das Haus regelmäßig vom Ensemble des Teatro La Fenice oder mit Gastensembles bespielt. Marcello Viotti, der erste musikalische Leiter nach der Wiedereröffnung, sah in seinem Nutzungskonzept vor, dass das Haus für die Darbietung des Barock-Repertoires und von Mozart-Opern verwendet werde. Diesen Grundgedanken hat man durchaus vernünftig erweitert und spielt derzeit zum Beispiel Henzes „Elegie für junge Liebende“ im März oder eben zum Ausklang des Karnevals Ermanno Wolf-Ferraris „Il Campiello“.

Ermanno Wolf-Ferrari(* 12. Januar 1876 in Venedig; † 21. Januar 1948 ebenda) :

Der war schon eine Persönlichkeit, mit der sich auch heute noch die Auseinandersetzung lohnt – und das erst recht wenn man in einem deutschen Medium über eine Aufführung in Wolf-Ferraris Heimatstadt Venedig berichten darf, lebte doch der Sohn des deutschen Malers August Wolf und der Venezianerin Emilia Ferrari in zwei Welten: in Italien und in Deutschland (aber auch in Österreich und der Schweiz). Er studierte in Rom und in München, später war er Direktor des Liceo Musicale in Venedig, aber all seine ersten Opernerfolge wurden in München uraufgeführt – Die neugierigen Frauen (1903), Die vier Grobiane (1906), Susannens Geheimnis (1909). Der 1.Weltkrieg und eine Ehekrise stürzten ihn in eine fast zehnjährige Schaffenskrise. 1939 wurde Wolf-Ferrari Kompositionsprofessor am Mozarteum in Salzburg. Er litt psychisch unter dem Nationalsozialismus in Deutschland, dem Faschismus in Italien und unter dem erneut ausbrechenden Krieg, in dem sein Haus zerstört wurde. Wieder floh er in die Schweiz und kehrte nach dem Krieg in seine Geburtsstadt Venedig zurück, wo er 1948 im Palazzo Malipiero starb. Dazu ein Zitat aus der auch heute noch lesenswerten Wolf-Ferrari- Biographie von Alexandra Carola Grisson: „Der Oberbürgermeister Venedigs ließ es sich nehmen, ein Stadtbegräbnis anzuordnen und seinem großen Sohn eine würdevolle, schöne Grabstätte auf der stillen Insel bei Venedig, wo alle Entschlafenen dieser Stadt ruhen. Über Straßen, Plätze und Kanäle ging der endlose Trauerzug. Es war ergreifend, als am Schluss der Totenfeier das Orchester aus „Il Campiello“ spielte und die urmusikalischen Venezianer mitsangen, unterbrochen von manch herzzerreißendem Schluchzen. Einer der Ihren wurde zu Grabe getragen.“

Es ist also für den Opernfreund schon etwas Besonderes, gerade dieses Werk in Venedig erleben zu können.

Il Campiello – Werk und aktuelle Aufführung:

Ermanno Wolf-Ferraris „Il Campiello“ nach einem Text von Carlo Goldoni im venezianischen Dialekt - durch den Librettisten Mario Ghisalberti von ursprünglich fünf auf drei Akte komprimiert - ist ein Spätwerk aus dem Jahre 1936, das leider nur mehr selten auf den Spielplänen zu finden ist. Ich habe es ein einziges Mal vor Jahrzehnten in Graz kennengelernt - damals in einer reizenden Inszenierung des Komponistensohns Federico Wolf-Ferrari, die mir noch sehr gut in Erinnerung ist. Die Literatur beschreibt das Werk im allgemeinen als eine Mischung aus Mozart und Verdischen Falstaff gewürzt mit bodenständig-rustikaler venezianischer Musik – auch in der Pressemeldung von La Fenice heißt es, „Il campiello“ sei ein Werk, in cui il linguaggio musicale arcaicizzante di Wolf-Ferrari guarda una volta di più al mondo dell’opera comica settecentesca, a Mozart in primis, senza però scordare la lezione del Falstaff verdiano” . Das hervorragend redigierte Programmheft zitiert in diesem Zusammenhange auch den Südtiroler und Münchner Herbert Rosendorfer – ebenso wie Wolf-Ferrari ein Intellektueller zweier Kulturen -, der „Il Campiello“ ein Hohelied des alten Venedigs von Goldoni genannt hatte. Ich habe das Werk an diesem Abend als eine liebenswürdige, durchaus eigenständige neoklassizistische Mischung von Operette, Volksmusik und galanter Operngebrauchsmusik des 18.Jahrhunderts erlebt.

Die nun im Malibran gezeigte Produktion stammt aus Rovigo. Es ist ein Projekt des Teatro Sociale di Rovigo im Rahmen der Aktion  "I Teatri del Veneto alla Fenice". Wenn man also diese Aufführung besucht, weiß man, dass man nicht jene Maßstäbe anlegen darf, die für die Uraufführung des Werks in der Mailänder Scala oder für die erste venezianische Aufführung vor 75 Jahren im La Fenice gegolten haben mögen. Diesmal war es biederes italienisches Stadttheaterniveau. Das begann mit der wenig differenzierten Leistung des „Orchestra Regionale Filharmonia Veneta“ unter dem Dirigenten Stefano Romani. Da fehlte einfach all das, was wiederholt in den Anweisungen des Komponisten steht: leggero oder brillante…... die subtile Vorspiele blieben leider eintönig, ihnen fehlte der melancholische Klang, aber auch die buffonesk-frische Durchsichtigkeit.

Das Charmante an dem Stück ist unter anderem, dass es eine wirkliche Ensembleoper ist – es gibt zehn fast gleichberechtigte Gesangssolisten, die vom Komponisten sehr geschickt musikalisch von einander abgesetzt sind. In dieser Produktion von Rovigo wird das Ensemble eindeutig von den Damen angeführt, über die durchaus Erfreuliches berichtet werden kann. Mir gefiel am besten der technisch ausgezeichnet geführte Sopran von Carolina Lippo, die die Gnese mit sehr schönen Pianotönen und vielfältiger Klangfarbe gestaltete. Sehr erfreulich auch der warme Mezzo der Litauerin Julija Samsonova als Orsola. Aber auch Anna Viola als Lucieta fand speziell im dritten Akt zu sehr schön gestalteten Phrasen. Und die Gasparina - um sie dreht sich eigentlich alles – von Claudia Pavone ist durchaus charmant, wenn auch manchmal noch ein wenig spitzig-scharf. Bei den Männern fallen zunächst die beiden Tenorbuffostimmen von Max René Cosotti und Gregory Bonfatti auf. Sie verkörpern drastisch zwei alte Weiber und tun dies mit so penetrant karikierendem Stimmeinsatz, dass die eleganten Ensemblesätze dadurch sehr beeinträchtigt sind.

Leider fehlt es auch dem Tenorliebhaber Zorzeto in der Interpretation des Sizilianers Giacomo Patti an dem nötigen lyrischen Glanz und stimmlicher Eleganz. Und eben diese Eleganz fehlt auch der zentralen Figur des Cavaliere. Der trockene und wenig farbenreiche Bariton von Maurizio Leoni kann das nicht vermitteln, was dem Komponisten wohl vorschwebte: der Cavaliere sollte der alle betörende Belcanto-Bariton sein, der gesellschaftlich über allen Bewohnern des kleinen venezianischen Plätzchen steht. Nicht umsonst singt er ja italienisch und nicht im venezianischen Dialekt.

Und damit komme ich zum entscheidenden Schwachpunkt der Aufführung:

Der Regisseur Paolo Trevisi hat eigentlich nur für das geordnete Auf- und Abtreten des Ensembles gesorgt und keine individuellen Charaktere gezeichnet. Wenn man im Programmheft das Szenenbild von La Fenice des Jahres 1949 anschaut, dann hat man das Gefühl, der Regisseur hat einfach ein bald 70 Jahre altes Konzept nachgestellt – oder anders gesagt: dem Programmheft entnimmt man, dass Paolo Trevisi 1946 seine Bühnenkarriere begonnen hat und vor 30 bis 40 Jahren Regisseur in der Arena von Verona war - und so beschleicht einen das Gefühl, dass dieser Regisseur noch einer Theaterästhetik nachhängt, die einfach nicht mehr in unsere Zeit passt. Ich bin überzeugt, Wolf-Ferraris „Il Campiello“ kann man auch heute überzeugend auf die Bühne stellen – nur bräuchte man dazu z.B. eine gewisse ironische Distanziertheit. Und gerade diese feine Ironie beweist das Programmheft, das die berührende Venedig-Hymne (die schon im Vorspiel anklingt und dann am Ende von Gasparina angestimmt und vom gesamten Ensemble nachgesungen wird) sehr nett karikiert und einen Bezug zur Gegenwart herstellt, der leider in der Aufführung gefehlt hat:

Trotz aller Einwände:

„Il Campiello“ ist es auch heute noch wert aufgeführt zu werden – die Bemühungen der Provinzproduktion aus Rovigo (mit so manch erfreulicher Gesangsleistung junger Damen, die wohl ihren Weg machen werden) mögen ein Auftrag an La Fenice sein, das Stück wieder einmal mit dem eigenen Orchester und Ensemble aufzuführen, wie dies ja früher regelmäßig der Fall war. Das Teatro Malibran ist jedenfalls für das Stück optimal geeignet – aber das nächste Mal bitte in einer der heutigen Zeit adäquaten szenischen Umsetzung! 

Hermann Becke, 10. März 2014

Szenenfotos: Fondazione Teatro La Fenice, © Michele Crosera

 

Es gibt eine etwas unübersichtlich gestaltete, aber an vielerlei Informationen, Texten, Bilder und Tonbeispielen reiche Website über Wolf-Ferrari – da ist viel Interessantes zusammengetragen.

 

 

 

 

 

 

 

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