DER OPERNFREUND - 50.Jahrgang
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La Fiesta

Deutschlandpremiere am 10. Mai 2017 

Uraufführung am 6. Mai, St. Pölten

Flamenco absurd

Am Festspielhaus St. Pölten, wo der spanische Flamenco-Choreograph Israel Galván derzeit als Artist in Residence wirkt, beendete er seine neueste Kreation „La Fiesta“ und brachte sie dort zur Uraufführung. An der Koproduktion sind neben den „Movimentos“ in Wolfsburg und Theatern in Spanien auch Häuser in Frankreich, Luxemburg und England beteiligt. Nur wenige Tage nach der Premiere konnte man sich nun in Wolfsburg davon überzeugen, dass das Konzept Israel Galváns gut zu dem diesjährigen Motto „Freiheit“ passt.

Als Sohn zweier „Bailaores“ (Flamenco-Tänzer) wuchs Galván mit dem traditionellen Flamenco eng verbunden in Sevilla auf zwischen Fiestas und Flamenco-Workshops. Jedoch entschloss er sich erst als 17-Jähriger, ebenfalls Tänzer zu werden. Nachdem er in den neunziger Jahren zunächst in der Compania Andaluza de Danza bei Mario Maya zu großer Karriere ansetzte, gründete er 1998 eine eigene Company, mit der er allmählich seine persönlichen Vorstellungen und Visionen von Flamenco-Erneuerung und -Erweiterung umsetzen konnte. Er nahm sich die Freiheit, mit Regeln des traditionellen Flamenco zu brechen, um den Tanz in völlig andere Dimensionen zu führen, ihm auch neue Inhalte und politische Botschaften zu geben. Er steigert die für den Flamenco typischen Bewegungen, Tanzschritte und Klänge in ihre Extreme und geradezu ins Absurde. Seine revolutionären Konzepte sind weiterhin heftig umstritten.

Das 90-minütige Werk „La Fiesta“ stellt zwar Freude an Musik und Tanz in den Mittelpunkt, aber auch allgemeine Tristesse des Lebens gehört dazu. Galván schart dazu acht sehr unterschiedliche Typen um sich, um gemeinsam eine Fiesta zu präsentieren, die die Stunde nach der eigentlichen Vorstellung zum Thema hat, in der sich Stress und Frust der Performance auf unterschiedliche Weise lösen. Da entwickeln sich kleinere Episoden aus hartem Rhythmus, der geklatscht, gestampft oder geklopft wird. Die Ausstattung von Peggy Housset gab den Protagonisten genügend Raum: Einige Podeste in verschiedenen Höhen, deren unterschiedliche Oberflächen und spezielle Bearbeitung die Geräuschvielfalt weiter differenzierten, zu der Galván als Choreograph und „Bailaor“ seine Mitstreiter animierte; da gab es von durchdringenden Schreien über Schöngesang bis zu sich steigerndem, erschütterndem Weinen alles, was Stimmband und Kehlkopf hergeben. Das allein schon war in seiner Absurdität eine große Leistung aller Akteure.

Höhepunkte des Abends waren die Soli von Galván sowie einer weiteren Tänzerin und eines Tänzers (leider wurden die Namen nicht extra genannt). Da lief bei Galván eine wahres Trommelfeuerwerk der Füße in allen Härtegraden ab; aber er nahm sich daneben die Freiheit, die klassischen vertikalen Formen des Flamenco zu durchbrechen, indem er auch eine phantastische „Bodenkür“ hinlegte. Auch das hat ihm zu Recht den Ruf eines Flamenco-Revolutionärs eingetragen. Die „Betrunkenen“-Nummer der Tänzerin war sensationell: Wie sie über die Podeste „torkelte“ wirkte so echt, dass es einem den Atem verschlug, ob sie das heil überstehen würde. Grandios!

Der Abend war allerdings nicht ausverkauft und nach der Hälfte der Aufführungsdauer (90 Minuten ohne Pause) begann eine vorsichtige, aber sich fortsetzende Abwanderung all derjenigen, die mit einer reinen Flamenco-Schau gerechnet hatten. Dementsprechend war auch der Schlussapplaus nicht so emphatisch wie sonst. Nach der Vorstellung hörte man, dass kein Abend so verlaufen würde wie der vorige, also immer noch mit „work in progress“ und Improvisation gearbeitet wird.

Marion Eckels, 11. Mai 2017

Fotos: Matthias Leitzke

Weitere Vorstellungen: 11. – 13. Mai 20017

 

Inspiration

Besuchte Vorstellung am 29. April 2017  

Premiere am 27. April 2017

Freiheit der Emotionen

Die bereits zum 15. Mal stattfindenden Movimentos Festwochen stehen in diesem Jahr brandaktuell unter dem Motto „Freiheit“. Damit setzte sich auch das Nederlands Dans Theater I auseinander, das bereits als eigene Company im Frühjahr 1959 gegründet wurde, als ein gutes Dutzend Tänzer des Niederländischen Nationalballetts etwas Neues schaffen wollten. In den vergangenen knapp 60 Jahren hat sich diese Company zu einer herausragenden Gruppe entwickelt, in der Ballett, Modern Dance und zeitgenössische Techniken verbunden werden. Künstlerischer Leiter des NDT ist derzeit Paul Lightfoot, der gemeinsam mit Sol León auch als Hauschoreograf fungiert und sich stark für die künstlerische Freiheit des Experiments einsetzt. Die Zusammenarbeit der beiden Künstler funktioniert sehr gut: „Stücke zu entwickeln ist für uns wie Kinder zeugen, dazu braucht es auch zwei Pole“/“Wir versuchen, die Emotion direkt umzusetzen und verzichten eher auf Handlung“ (aus einem Interview mit Paul Lightfoot in der Braunschweiger Zeitung vom 28.4.). Davon konnte man sich in zwei Werken überzeugen: „Safe as Houses“ („Sicher wie Häuser“) und „Shutters Shut“ („Rollläden zu“).

Zu der Choreografie „Safe as Houses“ (2001) wurden Sol León und Paul Lightfoot durch einen der ältesten klassischen Texte „I Ging“ („Buch der Wandlungen“) aus dem 3.Jahrtausend v.Chr. inspiriert. Nachdem sich drei schwarz gekleidete Tänzer mit kraftvoll eleganten Bewegungen aus dem Dunkel geschält haben, zeigen sie im Wechsel mit vier Paaren – auch als Individuen agierend – auf einer hellen Bühne mit einer langsam kreisenden weißen Mauer zu Musik von Johann Sebastian Bach raffinierte Soli und Pas de deux mit weich fließenden Aktionen – ein reiner Genuss. In „Shutters Shut“ wird das dadaistische Gedicht von Gertrude Stein „If I Told Him: A Completed Portrait of Picasso“ dargestellt: Jedem Wort bzw. jeder kleinen Phrase sind bestimmte virtuose Bewegungen zugeordnet; eine Tänzerin (Sarah Reynolds) beginnt zu einer historischen Aufnahme – von Gertrude Stein selbst gelesen – und nach kurzen Wiederholungen gesellt sich ein Tänzer (Chuck Jones) dazu und sie tanzen gemeinsam, was zu witzig grotesken Abläufen führt. Das war einmal ein etwas anderes Tanztheater!

 

Das NDT brachte auch zwei neue Kreationen mit, die 2016 entstanden sind und bei den „Movimentos“ ihre Deutschlandpremiere erlebt haben. So hat der häufiger mit dem Ensemble arbeitende Gastchoreograf Marco Goecke mit „Woke up Blind“ („Blind erwacht“) zwei Songs des legendären Jeff Buckley verwendet, die von der Liebe handeln: Sein Bewegungskanon imitiert die Tierwelt sowohl mit kurzen schnellen Aktionen als auch mit ruhigen beobachtenden Momenten, wobei ich das „nervöse Herumflattern“ zu dem ruhigeren Lied „You and I“ als nicht so passend empfand, während es zu dem flotten „The Way Young Lovers Do“ ideal war.

 

Das originelle „Salt Womb“ („Salziger Mutterleib“) des Choreografen-Duos Sharon Eyal und Gai Behar hatte ebenfalls Deutschlandpremiere. Zu überlauten wuchtigen Techno-Bässen wie in einer Industriehalle war hier das elf-köpfige Ensemble durchgängig gefordert: Aus einem Kreis mit dem „Leitwolf“ in der Mitte wurde zunächst synchron Imaginäres sehr langsam gehoben und wieder gesenkt; nach und nach befreite sich mal der Eine oder die Andere daraus und versuchte, Eigenes beizusteuern, um kurz darauf wieder in die synchrone Masse zurückzukehren. Allmählich verdichtete sich diese zu einem Pulk, der aber kaum eine Berührung des Nächsten zuließ. Diese 26 Minuten so spannend durchzuhalten war eine besondere Konzentrations- und Kraftleistung des NDT.

Es war ein durchweg spannender Abend, der mit viel Applaus und Standing Ovations belohnt wurde.

Marion Eckels, 30. April 2017

Fotos: Rahi Rezvani

 

Weitere “Movimentos”-Ballettabende:

4. – 7. 5. Vertigo Dance Company, Jerusalem

10. – 13. 5. Israel Galván, Sevilla

18. – 20. 5. Göteborgs Operans Danskompani/Eastman

 

 

Aterballetto

Deutschlandpremieren am 05. Mai 2016 

Toll gemacht

Das 1979 von Amedeo Amodio gegründete „Aterballetto“ der Fondazione Nationale della Danza in Reggio Emilia war die erste Tanzgruppe in Italien, die nicht fest an ein Opernhaus gebunden war. Hoch qualifizierte Solisten sammelten sich dort, die heute über die klassische Ausbildung hinaus die verschiedensten Tanzstile bis zu Techno- und Streetdance beherrschen. Die künstlerische Leitung liegt seit 2008 in den Händen Cristina Bozzolinis, die zuvor schon Trainingskurse an der Fondazione abhielt. Jetzt gastierte das Ballettensemble erstmalig bei den „Movimentos“. Verschiedene Choreographen haben intensiv mit den Tänzerinnen und Tänzern gearbeitet, die mit „Lego“ von Giuseppe Spota und „Antitesi“ von Andonis Foniadakis zwei hochmoderne Stücke über die Entwicklung des Lebens und die Schnellebigkeit unserer Zeit als Deutschlandpremieren im Gepäck hatten.

Bei „Lego“ denkt man leicht an das berühmte dänische Steckspiel für Groß und Klein, aber das Wort bedeutet hier „ich binde, verbinde“ von dem italienischen Verb „legare“. Zur Erforschung von Höhen und Tiefen des Lebens setzt der Choreograph auf Brücken und Straßen, die ein Netzwerk bilden, in dem man leicht orientierungslos wird. Die sieben Tänzerinnen und neun Tänzer wurden erst einzeln, dann zu mehreren in die zuvor optisch holografisch und musikalisch entwickelte Großstadt eingeführt. Spota spielte hier mit den Figuren, ließ aus Begegnungen Einzelner immer neue Paare und kleinere oder größere Gruppen entstehen, die sich mit schlangengleichen Bewegungen zu bizarren Formen verflochten und verknoteten, aber ebenso schnell wieder vereinzelt ihre eigenen Linien weiter verfolgten, um sich neu zu formieren, ein steter, lebendiger Wechsel aller untereinander. Toll gemacht. Besonders eindrucksvoll waren die jeweiligen modernen Pas-de-deux, die die Suche nach Liebe und Freundschaft verdeutlichten. So wurde das diesjährige Festivalmotto „Liebe“ zum Zentrum dieses Tanztheater-Projektes.

Der aus einer kleinen Stadt auf der Insel Kreta stammende Andonis Foniadakis sagte einmal sinngemäß: "Ich habe in vielen großen Städten gelebt und war immer fasziniert von ihrer Vitalität, ebenso von Puls, Energie und Rhythmus der Menschen in ihrem hektischen sozialen System." Diese Eindrücke verarbeitete der Choreograph in „Antitesi“. Vor glutrotem Hintergrund begann ein Tänzer Schattenriss-artig mit zwei Leuchtstäben ein spannendes Solo, das durch einen Musikwechsel abrupt gestoppt wurde. Viele kurze Musikfetzen von italienischen Komponisten vom Barock bis zur Jetztzeit wurden aneinandergereiht, und jedes Mal veränderten die Tänzer dazu passend oder konträr ihren Stil. So wurde tatsächlich auch zwischendurch klassisch auf Spitze getanzt neben eckigem Techno. Die Episoden endeten wieder mit einem Solo – diesmal einer Tänzerin mit einem leuchtenden Ball und wieder vor dem roten Hintergrund – bevor der Tänzer mit den Stäben dazu kam und sich der Kreis in Liebe schloss. Der Ideenreichtum des Choreographen wurde von den Akteuren äußerst präzise temporeich und hochmotiviert dargeboten, auch wenn die im Programmheft angekündigten Gegensätze nicht immer klar herauskamen.

Das Publikum bedankte sich an diesem Abend mit lebhaftem Applaus.

Marion Eckels, 06.05.2016

Fotos: Nadir Bonazzi (1, 3), Matthias Leitzke (2)

Weitere Vorstellungen: 06. und 07.05.2016


 

Conceal l Reveal

Deutschlandpremieren am 28. April 2016 

In der Ruhe liegt die Kraft

Der künstlerische Leiter und Choreograph Russell Maliphant gastierte bereits 2010 mit seiner 1996 in London gegründeten Company in der Autostadt. Er selbst tanzte zunächst klassisches Ballett beim Sadler’s Wells Royal Ballet, bevor er sich Ende der 80er Jahre dem zeitgenössischen freien Tanz zuwandte. Seine Arbeiten zeichnen sich durch kraftvolle Dynamik und gleichwertiges Zusammenwirken von Tanz, Licht und Musik aus. So war denn auch die bereits über 20 Jahre andauernde Zusammenarbeit mit dem Lichtdesigner Michael Hulls der Auslöser für das dreiteilige Programm „Conceal l Reveal“ („Verbergen l Enthüllen“), das aus unterschiedlichen Schaffensperioden stammt.

Das erste Stück, „Broken Fall“, wurde bereits 2003 von Maliphant/Hulls für die damalige Primaballerina des Royal Opera House Covent Garden, Sylvie Guillem, kreiert, die mit diesem ersten Schritt zum freien Tanz enorme Erfolge erzielte. Das Drei-Personen-Stück wurde nun 2015 mit anderen Tänzern wieder einstudiert und mit zwei neuen Werken verbunden, mit „Both, and“ und „Piece No.43“, die gestern bei den Movimentos ihre Deutschlandpremiere erlebten. In „Broken Fall“ wurden den Protagonisten Adam Kirkham, Carys Staton und Nathan Young bei hohem Risiko viel Mut und technische Fähigkeiten abverlangt. Spektakuläre Würfe, artistische Hebungen und Fangaktionen wechselten mit gleitenden Passagen. Dabei wirkte alles spielerisch leicht; von klassischen Elementen bis zu Tai Chi hatten viele Stile ihre Spuren in der Choreographie hinterlassen. Auf die crescendierende Musik von Barry Adamson passten die ruhig fließenden Bewegungen ebenso wie das atemberaubende Sich-fallen-lassen aus der Höhe in die Arme des anderen Partners, das unbedingtes Vertrauen aufeinander und äußerste Körperbeherrschung voraussetzt.

Hinter dem Titel „Both, and“ verbirgt sich ein starkes Solo der Tänzerin Dana Fouras, der Ehefrau Maliphants. Sie tanzte vor Scheinwerfern, die in Richtung Publikum leuchteten (manchmal zu grell, so dass man sie selbst gar nicht erkannte) und dabei ihren Schatten auf eine vorn gespannte, etwas durchsichtige Leinwand warfen. Je nachdem aus welcher Richtung ein oder mehrere Scheinwerfer leuchteten, tanzten und verbanden sich Schatten und Original zu ästhetischen Bildern bis sie ineinander zu verschmelzen schienen. Der Bewegungskanon war stark mit indischem Tanz angereichert, der oft auf die Armbewegungen besonderen Wert legt. Auch hier standen weiche Formen im Vordergrund; dazwischen gab es im Mittelteil kraftvolle kürzere Momente, als aus plötzlich absolutem Dunkel immer wieder vereinzelt Lichtkegel aufzogen, in denen Dana Fouras sich sehr elegant zur Musik von Mukul bewegte, was aber ein wenig eintönig wurde. Daher war der Applaus hier ein wenig zögerlich und nicht so anhaltend stürmisch wie bei den anderen Stücken.

Auch zu dem abschließenden dreigeteilten „Piece No.43“ (so viele Stücke haben Maliphant /Hulls bisher zusammen erarbeitet) stammt von Mukul, der im Mittelteil Beethovens „Mondscheinsonate“ mit verarbeitet hat. Maliphant/Hulls ließen fünf Statuen allmählich ins Licht treten und lebendig werden. Das war sehr gut konstruiert und durch die verschiedenen Lichtreflexe verdeutlicht; verstärkt wurde es noch durch die für mich rhythmischen Geräusche eines aus der Ferne nahenden sehr langen Güterzuges. Zu Beethoven absolvierten die beiden Herren eine phantastisch artistische Boden-Kür, während drei Damen (zu den vorigen trat noch Yu-Hsien Wu hinzu) im Hintergrund mehr im Reigen schwingend der Musik Ausdruck gaben. Zum Schluss kehrte man zu pochendem Rhythmus und zu den Statuen zurück, die schließlich nach und nach im Dunkel verschwanden. An einigen Stellen hätte man sich jedoch insgesamt mehr Helligkeit gewünscht, um die Bewegungen noch genauer verfolgen zu können. Das gilt im Übrigen ebenfalls für „Broken Fall“.

Das Publikum dankte allen Tänzern mit starkem Beifall.

Marion Eckels, 29.04.2016

Fotos: Matthias Leitzke (3), Hugo Glendinning (1, 2)

Weitere Vorstellungen: 29. und 30.04.2016

 

 

 

MOVIMENTOS

Until the Lions

Deutschlandpremiere am 20. April 2016  

(Uraufführung London: 12.01.2016)

Tolles Tanztheater

 

Zu den 14. Movimentos Festwochen in Wolfsburg gibt es außer Lesungen, Konzerten, Jazz und Aufführungen der Movimentos-Akademie für Ballett-Nachwuchs auch wieder interessante Tanzabende mit internationalen Compagnien, diesmal aus Frankreich, Großbritannien und Italien. Das Festival steht in diesem Jahr unter dem Motto „Liebe“, die in allen Facetten nahe gebracht werden soll.

Gestern Abend stellte der britische Choreograph und Tänzer Akram Khan, weltbekannt seit seiner Show zur Eröffnung der Olympischen Sommerspiele in London 2012, sein neuestes Stück erstmals in Deutschland vor. Er kehrte damit zurück zu seinen Wurzeln: Die Familie stammte aus Bangladesch, und er selbst beschäftigte sich von Jugend an mit dem indischen rituellen Tanzstil Kathak und spielte zwei Jahre lang in Peter Brooks Inszenierung des indischen Epos „Mahabharata“ mit, wobei ihn gute und böse Frauenfiguren besonders faszinierten. Den Anstoß zu dem neuen Tanzstück gab letztendlich der von Karthika Nair über das Epos verfasste Gedichtband „Until the Lions…“, dessen Titel Khan übernahm (auf Deutsch lautet das gesamte Sprichwort: „Bis die Löwen ihre eigenen Historiker haben, wird die Geschichte der Jagd immer den Jäger rühmen.“). 

Hier wird das Märchen von der Prinzessin Amba gezeigt, die entführt und entehrt wird; als sie erkennt, dass sie als Frau keine Rache an dem Mann üben kann oder Gerechtigkeit erfahren wird, tötet sie sich und kehrt als Mann zurück, um doch in dem Geschlechterkampf zu siegen. Für diese Konzentration auf drei Personen hat Khan eine zwingend einleuchtende Choreographie geschaffen, die von der Bühne (Karthika Nair) und dem Lichtdesign (Michael Hulls) wunderbar getragen wird. Eine überdimensionierte Baumscheibe mit Rissen unterstützt den Eindruck einer Manege, in der die drei gefangen sind mit ihren Taten und Gefühlen. Dazu gab es eine Originalkomposition von Vincenzo Lamagna mit dem Titel „Beautiful Noise“ (dessen Adjektiv nicht immer zutraf), die mit rhythmisch harten Schlägen, Anklängen an indische Weisen und gelesenen Texten von Karthika Nair durchsetzt war.

Akram Khan tanzte selbst die Rolle des Entführers, der Amba lässig über der Schulter hängend ums Rund schleppt. Energische Schritte, zackige Bewegungen charakterisieren ihn als Macho; dagegen drückt die Körperhaltung zum Ende hin aus, dass er um die Rache weiß und dass er nicht gewinnen kann, aber er kämpft bis zum bitteren Ende. Besonders gelungen ist ihm darstellerisch die Szene der fast liebevollen Vergewaltigung Ambas, wo sich die Körper ineinander zu verflechten scheinen. Diese besondere Biegsamkeit der Körper zeichnet auch Ching-Ying Chien (Amba) aus; sie führt als Prinzessin besonders grazile Gangart und vor allem Arm-, Finger- und Kopfbewegungen indischer Tanzkunst in Bestform vor. Das lange Haar wird bewusst eingesetzt, um durch ruckhafte Bewegungen des Kopfes den Partner damit zu berühren. Ihre Präsenz beherrscht auch die Szene, wenn sie Christine Joy Ritter als männliches Ich schließlich den Mann „durchbohren lässt“. Diese bewies mit teilweise auch animalischen Bewegungen ihre außerordentlichen Fähigkeiten im modernen Ausdruckstanz.

Das Publikum feierte begeistert alle Mitwirkenden mit stehenden Ovationen

Marion Eckels, 21. April 2016

Fotos (c) Thomas Ammerpohl

Weitere Vorstellungen: 21./22./23.04.2016

 

RICE

Besuchte Vorstellung am 17.Mai 2015 

Premiere: 16.Mai 2015

Preisgekrönt

Der Taiwanese Lin Hwai-min gründete bereits 1973 die Compagnie des Cloud Gate Dance Theatre in Taipeh, die er noch heute leitet und für die er stets neue Choreographien ausarbeitet. Er studierte Literatur und Journalismus in seiner Heimat und den USA, wo er seine Tanzausbildung in New York vervollkommnete. Lin Hwai-min gilt als einer der bedeutendsten Choreographen, der asiatische Tanzkunst mit westlichem Ausdruckstanz verbindet. So führt er die Tanz-Traditionen seiner Heimat, der Pekingoper sowie japanischer und koreanischer Hoftänze mit modernen westlichen Formen und einer Art des Tai-Chi zusammen.

Das drückte sich hier nicht nur im Bewegungskanon, sondern auch in der Begleitmusik aus: Volkslieder der Hakka-Kultur wechselten sich ab mit Perkussionsmusik und modernen Klangräumen; demgegenüber standen Bellinis „Casta Diva“ (gesungen von Maria Callas), Saint-Saens‘ „Le Rossignol et la Rose“ (Edita Gruberova) sowie das Solo aus Mahlers 3.Sinfonie (Jessye Norman).

Zum 40-jährigen Bestehen des Ensembles entstand 2013 Rice als Hommage an sein Heimatland, inspiriert von der Landschaft und der Geschichte des Ortes Chihshang im Osten Taiwans; hier wurde speziell der Vegetationszyklus eines Reisfeldes in den Vordergrund gerückt, wobei die vier Elemente (Erde, Luft, Wasser und Feuer) sowie Pollen, Sonne und Reiskorn als miteinander verbundene Einzelszenen im Programm erwähnt wurden. Die schlichte Bühne mit wunderbar passenden Projektionen auf der Rückwand bot den in schlichten, uni-farbenen Kleidern auftretenden 14 Tänzerinnen und 10 Tänzern den idealen Rahmen. Der Choreograph hatte Mut zur Langsamkeit; so konnte man die Entwicklung der einsam auftretenden Tänzerin, die mit sehr ruhigen Bewegungen zum Stampfen überging, und der nach und nach Dazukommenden intensiv verfolgen, auch wenn das einheitliche Stampfen nicht immer gelang. Männer mit langen, federnden Stöcken beeindruckten mit der Handhabung der Stangen, mit denen sie später zur „Erntezeit“ den Boden schlugen wie früher beim Getreidedreschen. Mit dicken Bambusstäben zeigten sie interessante Sprünge und Drehungen. Die Rotation war ein weiteres besonderes Merkmal der Choreographie.

Auffällig war ebenfalls, wie selten eine echte Berührung der Paare stattfand außer bei dem Liebesakt zu Saint-Saens. Man tanzte viel um einander herum und fand doch nicht wirklich zueinander. Ein tänzerischer Höhepunkt waren die drei Paare zu „Casta Diva“, wo die Bewegung zur Musik besonders stimmig war. Ein weiterer war das Abbrennen der Reisfelder nach der Ernte, wenn alles schwarz und verbrannt zurückbleibt. Aber daraus erhebt sich wieder eine Frau, mutig einen Stab emporreckend als Zeichen: Es beginnt wieder von vorn – ein tief bewegendes, einprägsames Schlussbild.

Das Publikum bedankte sich begeistert bei allen Akteuren, die in den vergangenen Jahren schon mehrmals bei den Movimentos aufgetreten sind.

Marion Eckels, 18.05.2015

Fotos: Kashvili Kristyna (1), Liu Chen-hsiang (2), To Gia (3)

 

CHORÉ

Deutschlandpremiere am 06. Mai 2015 

Eleganter Tanz

Serge Diaghilew siedelte sich 1911 mit seinen Ballets Russes in Monaco an und leitete sie bis zu seinem Tod 1929. Im Laufe der folgenden Jahrzehnte gab es vereinzelte Versuche einer Wiederbelebung eines solchen Ensembles, die aber fehlschlugen. Erst 1985 wurde eine neue Ballett-Gruppe gegründet, die seit 1993 von Jean-Christophe Maillot geleitet und zu internationalen Erfolgen geführt wird. Mit der 2013 in Monaco uraufgeführten Szenenfolge „Choré“ versucht der Choreograph, auf die sich gegenseitig bedingenden Kontraste zwischen glitzernder Scheinwelt und Realität in dunklen politischen Zeiten in der ersten Hälfte des 20.Jahrhunderts  aufmerksam zu machen. Dabei setzt er Elemente aller Tanzstile dieser Zeit vom Gesellschaftstanz über Spitzen- und Ausdruckstanz bis hin zum Stepp ein.

Der Abend begann mit elegantem Tanz der 20er-Jahre à la Fred Astaire, wobei die federleichten, fließenden Bewegungen neben Elementen des normalen Gesellschaftstanzes besonders begeisterten. Dazu waren Bühne (Dominique Drillot) und Kostüme (Philippe Guillotel) in warme Brauntöne getaucht. Das hellte sich mit Eintritt von Gene Kelly imitierenden, weiß gekleideten Tänzern auf, die sich deutlich geerdeter bewegten und auch eine Steppeinlage boten. Es folgte in großzügiger Ausstattung eine Bühnenshow mit matrosenhaften Revuegirls und dem Auftritt einer Blondine à la Marilyn Monroe. Hier wurde eine raffinierte Technik angewendet: Auf dem Boden wurde unauffällig eine große Plane ausgerollt mit unregelmäßigem Streifenmuster; gleichzeitig senkte sich ein Riesenspiegel von oben etwa im  45°-Winkel darüber. Darin sah es nun so aus, als ob die Akteure Treppen hinauf und hinunter tanzten. Faszinierend waren immer wieder die fließend aus dem Tanz hervorgehenden Hebungen und gleitenden Bewegungen.

Auf diesen Höhepunkt folgte die Ernüchterung: Eine Tänzerin mit angstvoll weit geöffnetem Mund à la Munch beobachtete entsetzt die Zweikämpfe der sie umgebenden Tänzer in gestreiften, gesichtslosen Ganzkörper-Trikots. Der Tanz entwickelte sich mit Feder-Fächern optisch bis zum Atompilz – ästhetisch sehr schön anzusehen. Mit drei Paaren gab es einen Neuanfang:Zwei der Paare bewegten sich auf einem Podest, wobei die Frau (am Seil gesichert) in relativ starrer Pose schwebte. Langsam wurden die Figuren nun in Schwung gebracht, bis sie die Männer ganz umkreisten und schließlich in deren Armen landeten. Das dritte Paar versuchte sich nahe zu kommen, stieß sich aber auch immer wieder ab – ein Neuanfang bleibt eben schwierig. Der Schluss war ein rasantes, buntes Abtanzen der 48 Tänzerinnen und Tänzer zum Applaus in hellem Scheinwerferlicht, bei dem jeder noch einmal zeigen konnte, wo seine besonderen Fähigkeiten liegen.

Der Abend wurde musikalisch passend vom Band untermalt mit Kompositionen von u.a. Bertrand Maillot, Danny Elfman und John Cage. Das Publikum bedankte sich mit Ovationen für diesen interessanten Ballett-Abend.

Marion Eckels, 07.05.2015

Fotos: Matthias Leitzke

 

AM I

Deutschlandpremiere am 22. April 2015 

Standing Ovations

Ebenfalls aus Sydney stammt die Gruppe um den Choreografen Shaun Parker (früher lange Jahre Tänzer bei Australian Dance Theatre, Sydney Dance Company, Meredith Monk, Sasha Waltz und anderen), der seit 2010 seine Tänzer für jedes Projekt neu zusammenstellt. Für „Am I“, das im Januar 2014 in Sydney uraufgeführt wurde, sind es zwei Tänzer und fünf Tänzerinnen, darunter die international gefeierte indische Performerin Shantala Shivalingappa, die auch als Erzählerin fungiert. Parker nähert sich seinen Themen auf akribisch wissenschaftliche Art, bevor er sich mit Bewegung und Musik befasst. In diesem Stück geht es ihm darum aufzuzeigen, wie der Aufbau einer neuen Gesellschaft aussehen könnte, oder ob man immer wieder in die altgewohnten Muster der Zivilisation verfällt, ob man sich als Individuum durch Abstammung oder Überzeugung darstellt oder ob die Streitfragen um Glauben, Wissenschaft und Machtstreben sich immer wieder stellen. Das wird von der Erzählerin abschnittsweise teils hoch wissenschaftlich, teils ironisch gebrochen kommentiert, wenn z.B. als Antwort auf die Frage nach dem Überleben das Glauben an „Gott, über Allah, Jahve und viele andere Götter bis zu Zeus, Facebook und Twitter“ aufgezählt wird.

Zu Beginn der Choreografie standen vor allem auffällige Hand- und Armbewegungen – häufig zackig und eckig ausgeführt – weichen Ganzkörperbewegungen gegenüber. Die Hände mit gespreizten Fingern bildeten immer wieder neue Gruppierungen, fielen auseinander und fanden wieder zusammen. Äußerst beeindruckend war der akrobatisch anmutende Tanz mit Metallstangen in den Händen: Es wurde atemberaubend gewirbelt und verdreht, so dass immer neue Muster entstanden. Schließlich profilierte sich ein Anführer, der mit einem Fächer als eine Art Stammes-Zeichen ebenso elegante Figuren „malte“ wie – geschlossen – zuschlug; alles wirkte besonders ästhetisch. Im rasanten, kämpferischen Schlusstanz konnte die junge Gruppe noch einmal zeigen, was an Beweglichkeit, Exaktheit und Ausdruckskraft in ihr steckt.

Mit Nick Wales stand Parker ein Komponist und Bandleader zur Seite, der durch das verwendete Instrumentarium die Intentionen des Choreografen unterstrich: Da gab es u.a. neben Schlagwerk und Marimba speziell südindische Perkussion, ethnische Blasinstrumente, Baglama (eine Art Mini-Laute), Rebec (Vorläufer der Violine), Mundharmonika und Harmonium. Archaisch-indisch anmutende Gesänge, die einen durchaus beruhigenden Charakter hatten, wechselten mit modernem Beat, der bei den Gruppentänzen die Übereinstimmung vorgab. Das schlichte Bühnenbild mit bis auf wenige grelle Blitze sparsamem Lichtdesign (Damien Cooper, Shaun Parker) schuf eine besondere Stimmung; dazu passten die einfachen schwarzen Trikots (Anna Tregloan) sehr gut.

Das Publikum bedankte sich mit standing ovations bei den Tänzern und Musikern für einen sehr anregenden Tanztheater-Abend.

Marion Eckel, 23.04.2015

Fotos: Matthias Leitzke

 

Liederabend

MATTHIAS GOERNE

15.4.15

Im Rahmen der „Movimentos“-Festwochen der Autostadt in Wolfsburg gab es auch in diesem Jahr Gesprächskonzerte und Matineen mit Sängerinnen und Sängern sowie Instrumentalisten.

Am 15. April 2015 erlebte man den bedeutenden Bariton Matthias Goerne (rechts) und den Pianisten Alexander Schmalcz (Bild unten) mit einem ungewöhnlich zusammengestellten Programm, das sehr ernste Lieder um Tod und leidvolles Leben enthielt. Vor einem instruktiven Gespräch mit dem Journalisten-Senior Felix Schmidt gab es ohne jede Unterbrechung Lieder von Berg, Brahms, Wolf und Schostakowitsch zu hören, eine hohe Anforderung an Konzentration für Zuhörer und Künstler! Die kleine, aber hoch motivierte Zuschauerschar folgte dem intensiven Vortrag gespannt mit uneingeschränkter Aufmerksamkeit.

Die vier Lieder op.2 von Alban Berg nach Gedichten von Friedrich Hebbel und Alfred Mombert gelangen in ihrer aphoristischen Gedrängtheit ungemein eindrucksvoll. Dies gilt für gleichermaßen für die bekannten Vier ernsten Gesänge von Johannes Brahms, die von Goerne mit einer geradezu erschütternden, teilweise tief ergreifenden Eindringlichkeit wiedergegeben wurden. Er führte seine volltimbrierte Stimme mit großer Ausgeglichenheit durch alle Lagen und ließ sie jeweils in schönem Legato dahinfließen, ohne die erforderliche dramatische Attacke an den entsprechenden Stellen vermissen zu lassen. In vollendeter Diktion und stets intonationsrein erklangen auch die düsteren Michelangelo-Lieder von Hugo Wolf; ihnen schlossen sich drei Lieder aus der Suite ebenfalls nach Texten von Michelangelo von Dmitri Schostakowitsch an. Hier wie bei den anderen Liedern erwies sich der ausgezeichnete Pianist Alexander Schmalcz als gleichberechtigter Partner des Sängers.

Im Gespräch ging es u.a. um die Lied-Interpretation Goernes, die Musiker-Ausbildung in der DDR, seine Ablehnung des Event-Charakters des Klassik-Musikbetriebs und um seine sich in letzter Zeit verstärkenden Opern-Auftritte („Die Stimme ist in die von mir gern gesungenen, schwereren Partien hineingewachsen.“).

Am Schluss des intensiven Gesprächskonzerts stand eine Auswahl von Brecht-Vertonungen von Hanns Eisler, die in ihrer vielschichtigen Unterschiedlichkeit jeweils nachdrücklich wiedergegeben wurden. Schließlich bedankten sich die Künstler beim begeisterten Publikum mit Goethes „An den Mond“ von Franz Schubert.

Gerhard Eckels, 16. April 2015

Foto M. Goerne: Marco Borggreve

Foto A. Schmalcz: Homepage

 

WASTELAND

Deutschlandpremiere am 15. April 2015 

Trister Ort

Das 2008 bei den MOVIMENTOS noch als „Göteborg Ballet“ auftretende Ensemble hat sich inzwischen nicht nur im neuen Namen - „Göteborgs Operans Danskompani“ - zu einer dem zeitgenössischen Tanztheater verpflichteten Compagnie entwickelt.  Da boten die Akteure in der Choreografie von Ina Christel Johannessen mit ihrem neuen Stück „Wasteland“ („Müllhalde“) viel Einfallsreiches und Atemberaubendes zu der Thematik, wie wir heutzutage leichtfertig mit unserer Umwelt und Ressourcen umgehen, und das auch im zwischenmenschlichen Bereich. Johannessen hat sich bei ihren Vorstellungen eng an das Gedicht gleichen Namens von T.S. Eliot gehalten und versucht, die aus den Fugen geratene Welt zu zeigen.

In eine verlassene, weiß gekachelte, alte Fabrikhalle (ähnlich der Vorhalle des Kraftwerks, des Aufführungsortes – Bühnenbild und Kostüme: graa hverdag as/Kristin Torp) bringen zwei Männer eine verletzte Frau, die sie fast achtlos zu Boden fallen lassen. Nach und nach gesellen sich weitere ‚Außenseiter‘ dazu, und es kommt zu menschlichen Beziehungen, die oft zu eskalieren drohen und doch relativ friedlich enden. Kaue, gefüllt mit Plastikmüll und Altkleidern, werden von der Decke herabgelassen und vermüllen zwischenzeitlich die Bühne, bis wieder einige sich daran machen, alles beiseite zu räumen und Platz zu schaffen für weitere Begegnungen. Schließlich kommen sogar ein paar Grünpflanzen ins Spiel, die aber keine wirkliche Chance bekommen. Nach und nach verschwinden alle wieder von der Bühne; zurück bleibt eine weinende Frau, deren letzte Worte sind: „Weitermachen“; sie will noch nicht aufgeben und hofft auf Besseres. 

Wenn die Tänzer sich zu Gruppen vereinigten und synchron tanzten, blieb doch immer die Individualität der Einzelnen durch fast unmerkliche Abweichungen gewahrt. Das Besondere an dieser Tanz-Compagnie war für mich das fließende Ineinandergreifen von Personen, z.B. von 4 Männern und einer Frau, die bei höchstem Tempo zum Auffangen der herumgeschleuderten Frau stets parat waren und weitere Würfe oder Verschlingungen einleiteten, teilweise alle zu einem Knäuel vereint; absolutes Vertrauen in die Partner war da Voraussetzung für hohe akrobatische Leistungen. Einige Solisten hätten es daher verdient, namentlich genannt zu werden, was aber dem Prinzip der 14-köpfigen Compagnie wohl widersprechen würde.

 

Untermalt wurde die Premiere durch Live-Musik von Frederik Meulyzer und Koenraad Ecker mit dem hier optimal passenden Namen „Stray Dogs“, eine Mischung aus Cellotönen und Elektronik, die schon bei der Einführung in das Stück als stellenweise „sehr laut“ angekündigt wurde. Man hatte den Eindruck, die Musiker passten sich eher dem Tanz an als umgekehrt. Insgesamt ließ mich das Stück eher bedrückt und ratlos zurück, den Leistungen der Tänzer aber ist höchstes Lob zu zollen. Das Publikum bedankte sich mit anhaltendem Applaus.

Marion Eckels 16.4.15

Fotos: Thomas Ammerpohl

 

2 One Another

Besuchte Vorstellung am 12. April 2015  

(Europapremiere: 10.April 2015)

Preisgekrönt

Im 13. Jahr der Movimentos Festwochen in Wolfsburg eröffnete die bereits 1969 gegründete Sydney Dance Company den Reigen der außergewöhnlichen Tanztheater-Produktionen, die den Charakter der Wochen prägen. Neben ergänzenden Aufführungen der Movimentos Akademie für Ballett-Nachwuchs finden u.a. auch Lesungen mit bekannten Schauspielern wie Suzanne von Borsody und Klaus Maria Brandauer statt, die Jazz-Ikone Natalie Cole tritt auf und Klassik ist mit Liederabenden sowie Kammermusik vertreten.

Das spartenübergreifende Motto dieses Jahres lautet „Frieden“. Damit hatte sich die australische Ballett-Company mit ihrem Leiter Rafael Bonachelas intensiv auseinandergesetzt. Das 2012 uraufgeführte „2 One Another“, in Australien längst zum Klassiker geworden und fast weltweit aufgeführt, begeisterte nun als Europäische Erstaufführung die Ballett-Fans in Wolfsburg. Die mehrfach preisgekrönte Arbeit des Choreografen beschäftigt sich mit menschlichen Beziehungen und Interaktionen: Uniforme Gruppenszenen beherrschen die Bühne zu Anfang, wechseln dann zu 2er- und 3er-Verbindungen, die stark emotional ausgetanzt werden. Die patriarchalische Form „Mann sitzt auf Rücken der Frau= beherrscht sie“ als Fazit im Schlussbild lässt allerdings nur an weitere Kämpfe denken und nicht an den eigentlich angestrebten Frieden.

Die Company hatte in dem gut einstündigen Marathon mit variantenreichem Bewegungsrepertoire Gelegenheit zu beweisen, welch enormes Potential in ihr steckt: Es gab geniale Kämpfe, die äußerst geschmeidig und elegant geführt wurden, atemberaubende Verschlingungen, die Anziehung und Abwehr zuließen, Gesten und Zeichen sowie Verbindungen und Trennungen. Ästhetik und Schönheit der Körper standen deutlich im Vordergrund.

Verblüffend war auch, mit welch großer Übereinstimmung und Akkuratesse getanzt wurde zu minimalistischer Musik von Nick Wales, bestehend aus Elektrosounds, Gedichtfetzen und Streichersoli; barocke Einschübe von Monteverdi u.a. ergänzten. Das alles wurde von einem ausgeklügelten Lichtdesign (Benjamin Cisterne) und der Ausstattung (Tony Assness) unterstrichen; die durchlöcherte metallene Rückwand mit LED-Beleuchtung bot von glitzernden Sternen bis zu grellen Streifen mannigfaltige Möglichkeiten, den jeweiligen emotionalen Befindlichkeiten der Tänzer nachzuspüren. So wurde es eine spannende, kurzweilige Aufführung, die am letzten Abend der kleinen Serie mit Ovationen bedacht wurde.

Marion Eckels, 13. April 2015

Fotos: Matthias Leitzke

 

 

Wolfsburg MOVIMENTOS

www.movimentos.de

L’ESPACE DU TEMPS

Besuchte Vorstellung am 25. Mai 2014              (Europapremiere 22. Mai 2014)

Artistische Trilogie

Der künstlerische Leiter der Compagnie „Diavolo“ aus Los Angeles Jacques Heim hat in den vergangenen Jahren drei Stücke herausgebracht, die sich auf Räume beziehen, die durch Zeit verändert werden. Im Mittelpunkt der Bühne stehen jeweils aufwendige Konstruktionen, die sich zerlegen, drehen und vielfach neu zusammensetzen lassen. Im ersten Stück „Foreign Bodies“ zerfällt ein großer Kubus spektakulär in drei pyramidenartige Teile, während sich die Akteure zu Musik von Esa-Pekka Salonen zunächst mit schlangengleichen Bewegungen (wie Tentakel eines Octopus) durch die unterschiedlich großen Öffnungen winden und eher artistisch begeistern. Höchste Präzision ist auf jeden Fall für die Aktionen vonnöten, da die einzelnen Versatzstücke fast ständig in Bewegung sind.

Auf die Spitze getrieben wurde das in „Fearful Symmetries“, unterlegt mit Musik von John Adams. Fünf Paare waren aktiv, fanden sich, trennten sich und bauten pausenlos riesige, mit schmalen Schlitzen zum Haltgeben versehene Quader um. Aberwitzige Sprünge aus der Höhe in die Arme der Partner oder von Säule zu Säule ließen den Zuschauern den Atem stocken. Besonders spannend gelangen daneben Rutsch-Passagen auf einer Schrägen oder während des Kippens der Blöcke, wenn die Akteure fast zerquetscht zu werden schienen. In diesem Stück gab es bei den Bewegungsabläufen neben witzigen affenartigen Sprüngen erstmals auch Elemente von Break-Dance und Hip-Hop zu sehen.

Als Auftragswerk der Movimentos Festwochen entstand „Fluid Infinities“ nach Musik aus der 3.Sinfonie von Philpp Glass, das erst im Herbst 2013 in Los Angeles uraufgeführt wurde. Hier stand eine riesige, mit verschieden großen Löchern versehene Halbkugel in der Bühnenmitte, die alles an und in sich hineinzog, auch eine kleine Menschengruppe, die verwandelt in goldenen Ganzkörperanzügen wieder auftauchte. Diverse Gefühle wie Liebe, Einsamkeit oder Ablehnung wurden ausgespielt und –getanzt, wobei hier das Wort „Tanztheater“ am besten zutraf. Aufwendiges, passendes Lichtdesign unterstrich dies eindrucksvoll. Starker Applaus für die tolle körperliche Leistung und Präzision der vierzehn Diavolo-Mitglieder und ihren künstlerischen Leiter belohnte die Akteure.

Marion Eckels, 26. Mai 2014

Fotos: Thomas Ammerpohl

 

 

 

 

Wolfsburg   MOVIMENTOS

TRIZ / IMA

Besuchte Vorstellung am 2. Mai 2014           (Europapremiere 1. Mai 2014)

Gegensätze

Zu einem weiteren interessanten Abend war das brasilianische Ensemble GRUPO CORPO im Kraftwerk zu Gast. Dieses Tanzensemble wurde 1975 in Belo Horizonte von seinem künstlerischen Leiter Paulo Pederneiras gegründet; sein Bruder Rodrigo war zuerst als Tänzer dabei und arbeitet seit 1978 als Choreograph für die Gruppe, die zunächst aus Tänzerinnen und Tänzern verschiedener Nationen bestand. Heute sind es nur Brasilianer, bis auf einen Kubaner, da er „eine verwandte Ästhetik“ mitbringe, während es Tänzer aus nördlichen Ländern schwerer hätten, das erarbeitete Bewegungsvokabular zu erfassen, so Rodrigo Pederneiras, der die beiden jeweils ca. 40-minütigen Stücke des Abends choreographiert hat.

Im ersten Teil gab es „Triz“, ein im August 2013 in Belo Horizonte uraufgeführtes Stück, das nun erstmals in Europa zu sehen ist. Der portugiesische Begriff „Por um Triz“ bedeutet „um Haaresbreite“, d.h. der Moment, wo Situationen in Gut oder Böse abgleiten können, sozusagen eine menschliche Gratwanderung, die hier schon durch die Kostümwahl charakterisiert war, durch vertikal in schwarz und weiß geteilte, hautenge Ganzkörper-Anzüge (Kostüme: Freusa Zechmeister). In einem von ebenfalls vertikal gespannten Stahlfäden begrenzten Raum (Bühne und Lichtdesign: Paolo Pederneiras) bewegten sich die Akteure geschmeidig als Paare, zu Dritt oder in unterschiedlich großen Gruppen. Weiche Wellenlinien liefen durch die Körper, sie umspielten sich und bildeten immer wieder neue schwarz-weiße Muster, die aber auf Dauer nicht direkt ansprachen, sondern eigenartig kühl-distanziert wirkten, nachdem der hierfür vorgesehene, attraktive Bewegungskanon ausgelotet war.

Ganz anders mutete da die lebendige, schon aus 2009 stammende Choreographie von „Ima“ („Magnet“) an, in der das Anziehen und Abstoßen des menschlichen Magnetismus durch variantenreiche Paar-Darbietungen verdeutlicht wurden. Zu rhythmisch pulsierender, temporeicher Musik erlebte man die gelungene Abfolge von beschwingten, artistischen Schrittfolgen sowie ideenreiche Hebungen und partnerschaftliches Herumwirbeln in unterschiedlichen Beziehungen. Dabei trugen alle enge Jeans, die 9 Herren mit freiem Oberkörper und später T-Shirts sowie die 10 Damen mit farbigen Tops und Shirts; die Beleuchtung wechselte entsprechend in kräftigen Farben. Besonders in Erinnerung blieben durch intensive Darstellung z.B. ein Paar, in dem zunächst der Mann herrschte, aber nach und nach die Frau die führende Rolle übernahm, und ein anderes, bei dem es überhaupt nicht zu einer Berührung der beiden auf der sonst leeren Bühne kam; sie lebten einfach aneinander vorbei, der Magnetismus war völlig aufgehoben.

Für beide Stücke gilt, dass die Musik vom Band („Triz“: Lenine; „Ima“: +2-Moreno, Domenico, Kassin) zeitweise unzumutbar laut war. Der Applaus im ausverkauften Heizkraftwerk war beim ersten Stück noch zurückhaltend, steigerte sich nach dem eingängigeren zweiten aber enorm.

Marion Eckels 4. Mai 2014

Fotos: Thomas Ammerpohl

 

MILANGO

Besuchte Vorstellung am 27.4.2014           (Deutschlandpremiere 24.4.2014)

Variantenreicher Tango

Auf dem Programm der 12. Movimentos Festwochen der Autostadt gibt es auch in diesem Jahr neben zahlreichen weiteren kulturellen Veranstaltungen (u.a. Schauspiel, Jazz und Lesungen) wieder Tanzabende im Kraftwerk des VW-Werks mit international gefeierten Compagnien und Choreographen. Als spartenübergreifendes Motto für Movimentos steht nach „Toleranz“ im Vorjahr diesmal „Glück“; dabei wird zwischen äußerlich glücklichen Umständen, die nichts über die Befindlichkeiten des Einzelnen aussagen, und dem starken Gefühl echten inneren Glücklichseins unterschieden.

Auch das Tanzstück „Milonga“ von Sidi Larbi Cherkaoui setzt sich mit dem Glücksgefühl auseinander, und zwar in einer ursprünglichen Form des Tango Argentino. Der Titel bedeutete früher einfach „Tanzveranstaltung“: Zur „Milonga“ trifft man sich abends in Cafés, Nebenräumen von Gaststätten oder Studios von Tango-Lehrern, um bei gutem Tango möglichst die höchste Form des Glücks zu erreichen. So lässt Cherkaoui die Akteure auch hier zunächst auf schwach beleuchteter Bühne zu Live-Musik auftreten. Die aus Violine, Gitarre, Bandoneon und Kontrabass bestehende Band wurde vom Klavier aus von Fernando Marzan geleitet und bildete so mit teils mitreißenden, teils elegischen Melodien à la Piazzolla den authentischen musikalischen Rahmen des Abends.

Fünf echten Tangopaaren, die die Regeln dieses Tanzes kennen und stets halten, stellt Cherkaoui ein zeitgenössisches Tanzpaar gegenüber, das den Tango ebenso gut beherrscht, sich aber nicht an die festen Regeln des Paartanzes hält. So werden sie immer wieder aus der Gruppe gedrängt und bleiben letztendlich allein. Das alles wird mit einer Leichtigkeit dargeboten, die höchste Körperbeherrschung und Präzision voraussetzt.

In variantenreichen Tangos wechselten sich sehr elegante glatte Bewegungen mit interessanten Verschlingungen und Verschränkungen von Armen und Beinen bei hohem Tempo ab. Jedes Tanzpaar hatte große Soli und bestach jeweils durch besondere Schritte und Akzente; das „zeitgenössische“ Paar absolvierte eine hinreißende „Bodenkür“. Eindrucksvoll haften blieben auch die Pas-de-trois in unterschiedlichsten Besetzungen; da wurde besonderes Augenmerk auf feinste Zusammenarbeit gelegt. Große Bildeinspielungen von Buenos Aires auf einen Zwischenvorhang, begleitet von nur einem Tanzpaar, gönnten den übrigen Tänzern kurze Pausen zwischen den einzelnen Episoden.

Insgesamt war es ein gelungenes Projekt, das im Sadler’s Wells (London) in Kooperation mit Movimentos und weiteren spezialisierten europäischen Festivals entstand und in Wolfsburg Deutschlandpremiere hatte. Großer Beifall und „standing ovations“ beendeten den Tango-Abend.

Marion Eckels 28.4.2014        Fotos: Thomas Ammerpohl/Matthias Leitzke

 

 

 

 

 

 

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