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RUHRTRIENNALE 2016

 

 

 

 

Anne Teresa De Keersmaeker:

Golden Hours (As You Like It)

Premiere: 22. September 2016

usw. usw. usw.....

Diesen Tanzabend sollten Sie nur besuchen, wenn Sie ganz hart im Nehmen sind und Sie bereit sind, sich extremen künstlerischen Experimenten auszusetzen. In den Vorankündigen und der Einführung wird nicht so richtig klar, um was es hier gehen soll. Der Song „Another Green World“ von Brian Eno soll musikalisch im Zentrum stehen. Außerdem soll es Bezüge zu Shakespeares „Wie es euch gefällt“ geben. Das Stück müsse man aber nicht kennen, um den Abend verstehen zu können.

Los geht es mit dem Eno-Song: Mehrfach wird das Lied wiederholt, während sich die 11 Tänzerinnen und Tänzer in Zeitlupe frontal auf das Publikum zu bewegen. Schon naht die erste Verzweiflung: Könnte es sein, dass dieser Song die ganzen zwei Stunden, dieser Abend dauern soll, gespielt wird? Ich stopfe mir sicherheitshalber Taschentücher in die Ohren, um meine Gehörgänge zu schützen.

Nach dem dritten Durchlauf hat Choreografin Anne Teresa De Keersmaeker aber Gnade mit dem Publikum: Die Musik bricht ab. Damit beginnt aber das nächste Experiment und von „Gnade“ kann schon bald nicht mehr die Rede sein: Auf der Rückfront der ansonsten leeren Bühne erscheinen Textpassagen aus „Wie es Euch gefällt“, die von den in Trainings- und Alltagskleidung befindlichen Akteuren mit Mitteln des modernen Ausdruckstanzes interpretiert werden. Musik wird es in den nächsten mehr als anderthalb Stunden nur noch in äußersten Ausnahmefällen geben.

Dieser Tanzabend ist also ein Stück ohne Bühnenbild, ohne richtige Kostüme und ohne Musik. Anfangs erscheint das noch als ganz spannendes Experiment über das Verhältnis von Musik, Tanz und Handlung, aber bald wird der Abend immer zäher. Die tänzerische Umsetzung der Shakespeare-Zitate ist stets so abstrakt, dass man ohne die Texteinblendungen nicht verstehen würde, worum es da geht. Von Handlungsballett kann sowieso keine Rede sein.

Als Zuschauer hat man bei diesem Stück keine Möglichkeiten sich irgendwie in die Personen oder eine Geschichte einzufühlen. Das Publikum zeigt sich aber trotzdem bestens erzogen: Abgesehen von ein paar Zuschauern, die nach 70 Minuten abwandern, gibt es keine Zeichen von Unmut. Von der Bühne hört man die Geräusche, die von Tänzern erzeugt werden, ansonsten herrscht absolute Stille im Publikum.

Immer wieder denkt man, dass dieses Stück jetzt mal langsam zu Ende gehen könnte, aber das Geschehen geht immer weiter. Selbst, nachdem die angekündigten zwei Stunden Spieldauer verstrichen sind, wird weiter in die Stille getanzt. Warum mute ich mir so etwas zu? Sollte ich mich nicht auch davon schleichen? Aber vielleicht passiert ja noch irgendetwas Spektakuläres, über das ich als Rezensent schreiben müsste.

Ob die anderen Zuschauer sich nicht auch langweilen? Ich schau mich mal nach hinten um, vielleicht ist das spannender als das Bühnengeschehen. Lächelnde und glückliche Theaterbesucher sehen anders aus.

Um 22,15 Uhr ist die Aufführung beendet. Jetzt muss ich aber schnell nach Hause fahren, meinen Bericht schreiben und die Opernfreunde warnen.

Rudolf Hermes 23.9.16

Foto (c) Ruhrtriennale

 

 

 

16. September 2016

Bereits vor der Ruhrtriennale gab es die Konzertreihe „Musik im Industrieraum“, bei der meist barocke und zeitgenössische Musik in der Bochumer Jahrhunderhalle oder dem Duisburger Landschaftspark erklang. Die Ruhrtriennale setzt dies nun fort, denn innerhalb einer Woche erklangen Bachs H-Moll-Messe (Bochum) und Pierre Boulez „Repons“ (Duisburg).

Orte wie die Duisburger Kraftzentrale bieten die idealen Möglichkeiten für eine Raummusik wie „Repons“ aus dem Jahr 1985: Ein 24-köpfiges Orchester aus Streichern- Holz-und Blechbläsern befindet sich mit dem Dirigenten Matthias Pintscher im Zentrum des Raums. Darum herum sitzt das Publikum, hinter dem wiederum sechs Solo-Instrumente positioniert sind: Zwei Stabspiele, zwei Klaviere, Cimbalon und Harfe.

Wenn die Musik eruptiv einsetzt, musst man erst einmal ordnen, was man da hört: Der Beginn liegt in den Händen des Zentralorchesters: Ein Thema, das in kräftigen rhythmischen Bewegungen in die Höhe stürmt, ist zentral. Trotz des immensen Bewegungsdrangs dieser Musik wirkt sie nicht nervös oder hektisch.

Auch Matthias Pintscher strahlt Ruhe aus. Meist dirigiert er nur wenige Takte und muss dann Startsignale für eine solistische Aktion geben. In anderen Situationen zeigt er mit den Fingern Zahlen an, um den Musikern den Beginn verschiedener formaler Abschnitte zu signalisieren. Das Ensemble Intercontemporain spielt diese hoch virtuose Musik mit großer Sicherheit und Selbstverständlichkeit.

Ein großartiger Moment ist es dann, wenn die sechs Solisten mit ihren perkussiven Klängen einsetzen. Die funkelnden Akkorde scheinen den Raum ganz neu zu öffnen, worauf sich ein multiples Concerto zwischen den Solisten und dem Orchester entwickelt. Manchmal geschieht aber so viel, dass der von den IRCAM—Computer-Spezialisten ausgesteuerte Klang zu füllig und undurchhörbar wird.

In den letzten fünf Minuten reduziert Boulez die Musik: Jetzt Spielen nur noch die sechs Solisten. Die Echos und Nachklänge schallen hin und her, bis die Musik in elektronischem Vibrieren verhallt.

Nach der Pause muss sich das Publikum umsetzen und „Repons“ aus einem ganz anderen Hörwinkel wahrnehmen. Saß mir beim ersten Durchlauf das Cimbalon im Nacken, nehme ich jetzt in der Nähe der Harfe Platz. Erstaunlicher Weise hört man die elektronischen Klangverfremdungen viel deutlicher. Und da man das Stück gerade schon gehört, weiß man was einen erwartet und kann gleichzeitig Neues entdecken.

Rudolf Hermes 17.9.16

 

12. September 2016

Rene Jacobs und Phillipe Herreweghe sind die beiden festen musikalischen Größen der Ruhrtriennale unter Johan Simons. Im vergangenen Jahr war Herreweghe musikalischer Leiter der Pasolini-Adaption „Attacone“ in diesem Jahr dirigiert er Johann Sebastian Bachs Messe in H-Moll.

Zweieinhalb Stunden (mit Pause) dauert die Aufführung in der Bochumer Jahrhunderthalle, aber obwohl die Bach-Messe ein umfangreiches Werk ist, sind die beiden Konzerte ausverkauft. Trotz hoher Temperaturen lauscht das Publikum konzentriert und spendet schließlich langanhalten Beifall.

Herreweghe will aus der Messe gar keine barocke „Symphonie der Tausend“ machen, sondern hat eine kleine Besetzung gewählt. Der Collegium Vocale Gent umfasst gerade einmal 14 Stimmen, dazu kommen fünf SolistInnen, welche auch im Chor mitsingen. Im Orchester spielen 24 MusikerInnen. Bei solch einem minimalen Aufwand kann man nur den Kopf schütteln, dass es nach Bachs Tod hundert Jahre dauerte, bis die Messe vollständig aufgeführt wurde.

Die Stimmen der fünf SolistInnen passen gut zum Chor: Da sind die Sopranistinnen Hannah Morrison und Margot Oitzinger sowie der Tenor Thomas Hobbs. Mit besonderem Elan singt Countertenor Alex Potter seine Partie, während Bassist Peter Kooij schon etwas ältlich klingt.

Leicht und durchsichtig ist das Klangbild der Messe. Die Fugen entwickeln eine große Sogwirkung, die antikisierenden Chöre strahlen große Festlichkeit aus, und in den vielen Arien betont Herreweghe auch den tänzerischen Charakter von Bachs Musik. Bei einem Festival wie der Ruhrtriennale, das immer Gattungsüberschreitungen auf die Bühne bringt, hätte man sich die Messe in solchen Momenten gut als Tanztheater vorstellen können.

Rudolf Hermes 14.89.16

Foto (c) Ruhrtriennale / Malinowski

 

 

 

8. August 2016

Die Werke Karlheinz Stockhausens gelten zwar als Meilensteine der Musikgeschichte, werden aber nur sehr selten aufgeführt, da sie meist mit großem technischem und logistischem Aufwand verbunden sind. Wenn dann ein Festival wie die „Ruhrtriennale“ dem Meister aus Kürten eine ganzen Abend widmet, ist das schon ein besonderes Ereignis: In der Bochumer Jahrhunderthalle gab es „Carre“, umrahmt vom „Gesang der Jünglinge“ und „Cosmic Pulses“.

Überraschend ist dass alle Stücke des Abends kaum mit dem vergleichbar ist, was man auf der heimischen Stereoanlage oder bei einem Youtube-Clip heraushört, denn Stockhausen hat für diese Werke den Raum als Parameter mitkomponiert. So erklingt der „Gesang der Jünglinge“ über fünf Lautsprecher und „Carre“ wird von vier Orchestern und Chören gespielt, die das Publikum umgeben. Dadurch gewinnen alle Stücke an spielerischer Kraft hinzu und werden in ihrer kompositorischen Struktur viel klarer durchhörbar.

Zwischen dem „Gesang“ von 1956 und „Carre, das vier Jahre später entstand, gibt es viele Gemeinsamkeiten: Beiden Werken hört man den Spaß Stockhausens am Experimentieren an. Im „Gesang“ bezieht sich Stockhausen auf die biblischen Jünglinge im Feuerofen aus dem Buch „David“. Die Musik strahlt aber nichts von Gefahr aus, sondern wirkt wie ein fröhlicher Frühlingstag. Sowohl im „Gesang“ als auch im „Carre“ gibt es ausgelassenes Schnattern der Stimmen, Gelächter und perkussive Klänge. Im „Gesang“ sind sie synthetisch, im „Carre“ werden sie von den Schlagwerkern produziert.

Schön ist, dass bei diesem Projekt zwei lokale Ensembles beteiligt sich, die sich auf Festspielniveau bewegen: Die Bochumer Symphoniker sind bei „Carre“ in vier Orchestergruppen von ungefähr 20 Musikern aufgeteilt. Auf jedem der Podien, die das Publikum umgeben, befinden sich auch noch 12 Sängerinnen und Sänger des Chorwerk Ruhr.

Sowohl dem Orchester wie auch den Choristen merkt man nichts von den Mühen dieses gigantischen Werkes an. Mit größter Selbstverständlichkeit und Souveränität meistern alle die Partitur. Dafür sorgen natürlich auch die vier Dirigenten des Abends, die zur Mehrzahl ihre Wurzeln in der Chorleitung haben: Lediglich Matilda Hofman legt ihren Schwerpunkt sonst auf die Orchester-Arbeit. Rupert Huber war Chordirektor beim WDR, SWR und den Salzburger Festspielen, Florian Helgath ist der aktuelle Chef des Chorwerk Ruhr und Michael Alber kennt man als Chordirektor der Stuttgarter Staatsoper. Für die richtige Abmischung aller Werke des Abends sorgt zudem Stockhausen Lebensgefährtin und Muse Kathinka Pasveer.

Die gut vierzigminütige Aufführung des „Carre“ beigeistert und nach der Pause gibt es das Stück noch einmal. Das Publikum nutzt die Möglichkeit eine andere Hörperspektive wahrzunehmen, das Stück mit dem Wissen des gerade Gehörten bewusster wahrzunehmen. Der Applaus für alle Beteiligten ist frenetisch, doch beim abschließenden „Cosmic Pulses“ ist man über das Verhalten des gerade noch enthusiastischen Publikums überrascht. Gut ein Fünftel der Zuhörer verlässt den Saal. Liegt es daran, dass das Konzert bis kurz vor 23 Uhr dauert, oder ist Stockhausens elektronische Musik von 2007 zu harte Kost? Über acht Lautsprecher erzeugt der Komponist einen geradezu galaktischen Klangtornardo, aus dem es kein Entrinnen gibt und den Hörer auch körperlich im Griff hat.   

Wer jetzt auf den Stockhausen-Geschmack gekommen ist, dem sei das Stockhausen-Festival empfohlen, das im Sommer 2017 wieder einmal in Kürten stattfinden wird. Bei freiem Eintritt finden vom 29. Juli bis zum 6. August neun Konzerte in der Suelztalhalle statt.

Rudolf Hermes 23.8.16

Bilder (c) Ruhrtriennale

 

 

Premiere: 13. August 2016

Besuchte Vorstellung: 14. August 2016

Koproduktion mit dem Festspielhaus St. Pölten und dem Muffatwerk München

Bereits im vergangenen Jahr hatte der US-amerikanische Choreograph Richard Siegal mit seiner Produktion „Model“ bei der Ruhrtriennale einen starken Eindruck hinterlassen. Der Bezug zu Dantes „Göttlicher Komödie“ war damals aufgrund der tänzerischen Kraft der Akteure in den Hintergrund getreten. In Siegals neuer Arbeit „In Medias Res“, die im choreographischen Zentrum „Pact“ auf Zeche Zollverein gespielt wird, wird dieser Bezug aber deutlicher.

Sollte „Model“ ein Höllenszenario sein, das die Tänzer durchleben müssen, so ist „In Medias Res“, das Fegefeuer. Die Akteure vollziehen in gut einer Stunde sieben Szenen, in denen sie für jede der sieben Todsünden eine Art Läuterungsprozess durchlaufen. Siegals Bilder und Choreografie sind ebenso eindrucksvoll wie rätselhaft. Das Geschehen ist in einem leeren staubig-schmutzigem Raum angesiedelt, in dem die fünf Tänzer meist unabhängig ihrem schweißtreibenden Geschäft nachgehen. Besonders beeindruckt ist man der Beweglichkeit Vania Vazs und Corey Scott-Gilberts.

Manchmal fühlt man sich in ein bizarres Horror-Restaurant versetzt: Kontrabassist Frédéric Stochl  lässt dann an einem Tisch in der ersten Reihe irgendwelche ungenießbar aussehenden Speisen und Getränke servieren und röchelt dazu Texte von Antonin Artaud. Gemeinsam mit Wolfgang Zamastil am Cello spielt Stochl eine düster-bedrohliche Musik, die von Lorenzo Bianchi Hoesch mit elektronischem Fiepen und Wummern angereichert wird. 

Um den Zuschauern eine bessere Orientierung zu ermöglichen, wären Übertitel sinnvoll gewesen, die deutlich gemacht hätten, um welche Todsünde es gerade geht. So ist man als Zuschauer oft ratlos: Für welche Todsünde leistet der Akteur gerade Abbitte, der ein Ulrike-Meinhof-Porträt, das an die Rückwand projiziert wird, mit einem Farbbesen nachzeichnet? Geht es hier um den Zorn der RAF-Terroristin? Was hat die Szene zu bedeuten, in der ein Tänzer eine weiße Plastikfahne durch den Raum wirbeln lässt, und damit eine Menge Knattern erzeugt und viel Staub aufwirbelt? Ist so viel Schnelligkeit eine Sühne für die Todsünde Faulheit?

Nachdem alle Todsünden abgearbeitet sind, gibt es einen spektakulären Bühneneffekt: Der gesamte Raum wird nach hinten weggesogen und verschwindet in einem Tor, über dem „Alles ist vergeben“ steht. Die Akteure entkleiden sich, duschen sich den Schmutz und Schweiß der Aufführung ab und gehen durch das Tor. Wenn man Dantes „Göttlicher Komödie“ glauben darf, wartet dort das Paradies auf sie. Richard Siegal wird es bei der Ruhrtriennale 2017 zeigen.

Insgesamt ist „In Medias res“ ein ebenso rätselhaftes wie sehenswertes Stüc.

Rudolf Hermes 17.8.16

Bilder (c) Ruhrtriennale

 

 

 

Premiere: 12. August 2016

Besuchte Vorstellung: 14. August 2016

Zwar gilt Christoph Willibald Gluck als großer Schöpfer der „Reformoper“ mit der er sich gegen die barocke Opera Seria wendet, aufgeführt werden seine Werke aber kaum noch. Auch die Inszenierungen der „Alceste“ in Stuttgart (Jossi Wieler/2006), Leipzig (Peter Konwitschny/2010) und Mannheim (Dietrich Hilsdorf/ 2015) haben die Schwächen des Stückes aufgezeigt, das eine depressive dreistündige Trauerode ist.

König Admetos liegt im Sterben und alle sind traurig, vor allem seine Frau Alceste. Ein Orakel verkündigt, dass der König gerettet werden kann, wenn sich jemand für ihn opfert. Alceste beschließt sich zu opfern, ist verzweifelt und traurig. Nach seiner Genesung ist der König kurze Zeit erfreut, wird dann aber wieder traurig, als er erfährt, dass seine Frau für ihn sterben will. Alceste nimmt Abschied von Ehemann, Kindern und Welt, weshalb immer noch alle total traurig sind. Nach drei Stunden Endlostrauer verkündet Gott Apollo, dass er von Alceste so beeindruckt sei, dass er sie wieder ins Leben zurückschickt. Das führt zu fünf Minuten Freude, dann ist das Stück zu Ende.

Ein Regisseur muss also einiges zu bieten haben, um dieses Stück spannend und interessant auf die Bühne zu bringen. Bei Ruhrtriennale-Intendant Johan Simons ist das nicht der Fall. Simons Regie ist hauptsächlich damit beschäftigt, die gut 80 Meter lange Spielfläche (Bühne: Leo de Nijs) zu bevölkern, wobei sich die Akteure meist bloß von hier nach dort bewegen und irgendetwas mit Plastikstühlen anzustellen (hinstellen, werfen, tanzen). Rätselhaft bleibt, weshalb Kostümbildnerin Greta Goiris einige Frauenfiguren in Anzüge steckt und einige Männer Kleider tragen.

Mimik und Gestik der Figuren decken sich mit den in den Texten beschrieben Gefühlen. Der erste Regieeinfall Simons besteht darin, dass der Herold, der von dem stimmstarken Bariton Georg Nigl verkörpert wird, eine Art diabolischer Strippenzieher ist, der den ganzen Hof und das Königspaar manipuliert. So darf Nigl mit hinterhältigem Grinsen und tuntigem Gehabe den Intriganten geben, der auch gleich Oberpriester, Unterweltgott und Apollo in einer Figur vereinigt. Simons zweiter Regieeinfall besteht darin, dass Alceste am Ende nicht zum Leben erweckt wird, sondern Admetos seiner Frau folgt, also auch stirbt. Für eine Oper mit mehr als drei Stunden Aufführungsdauer ist das recht wenig.

Rausgerissen wird die Aufführung durch die musikalische Seite: Vor allem das belgische B´Rock Orchestra unter der Leitung von René Jacobs bietet eine schwungvoll-spannende Lesart der Partitur. Jacobs betont auch an vielen Stellen, den klangmalerischen Pfiff der Partitur. Auf die vielen Pantomimen und Tanzmusiken, die Gluck für dieses Stück geschrieben hat, hätte man gut verzichten können, zumal diese Szenen nicht von einem Choreografen betreut werden, sondern das Personal meist nur umherläuft. Stimmstark präsentiert sich der Chor Musica Aeterna aus Perm, wobei man sich aber fragt, ob man nicht eine Menge Geld an Reise- und Übernachtungskosten hätte sparen, wenn man zum Beispiel Concerto Köln und Chorwerk Ruhr als Kollektive eingesetzt hätte? Von dem eingesparten Geld hätte wahrscheinlich jedes Opernhaus des Ruhrgebietes eine eigene „Alceste“-Inszenierung auf die Bühne bringen können.

Verwundert ist man auch darüber, dass die Rekonstruktion des barocken Originalklangs des Orchesters immer wieder ein erstrebenswertes Ziel der Dirigenten ist, aber kein Regisseur (die einzige Ausnahme ist die Niederländerin Sigrid T´Hooft), eine szenische Rekonstruktion der barocken Operninszenierungen versucht.

Ein großes Lob verdienen auch die Solisten, an allen voran Brigitte Christensen als Alceste. Sie ist fast pausenlos im Einsatz und zeigt keine Ermüdungserscheinungen, sondern singt ihre Partie mit hellem Sopran, der auch dramatische Kraft besitzt. Mit wendigem Tenor, der auch in der Höhe leicht klingt, singt Thomas Walker den Admetos.

Dramaturgisch gesehen handelt es sich bei „Alceste“ um ein schwaches Stück, dass auch von der Inszenierung nicht gerettet wird. Lediglich die musikalische Seite ist spannend und hörenswert. Zurzeit hat Gluck im deutschen Theaterbetrieb mit seinen Reformopern deutlich das Nachsehen gegen Händels barocke Koloraturfeuerwerke, die einfach mehr Spaß machen.

Rudolf Hermes 16.8.16

Bilder (c) Ruhrtriennale / Julian Roeder)

 

 

 

RUHRTRIENNALE 2015

Die Weise von Liebe und Tod des Cornets

Christoph Rilke

Premiere: 24. September 2015

Bei der Ruhrtriennale fragt man sich immer wieder, ob Produktionen in die richtige Sparte eingeordnet werden? So wurde Luigi Nonos „Prometeo“ als Musiktheater aufgeführt, obwohl es sich um eine konzertante Aufführung handelte. „Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke“ findet sich nun bei „Tanz“, in der Gebläsehalle des Duisburger Landschaftsparks ist aber vielmehr eine Rilke-Rezitation mit Bewegungen zu erleben.

Dieser Abend hinterlässt einen sehr zwiespältigen Eindruck, vor allem weil es wirkt, als habe Choreographin Anne Teresa De Kersmaeker, die schon unter der Intendanz von Heiner Goebels regelmäßig bei diesem Festival zu erleben war, kein klares Konzept hat.

Die ersten 25 Minuten sind ein Durcheinander von Tanz Literatur und Musik: Tänzer Michael Pomero beginnt mit einem Solo, bei dem er mit drehenden Bewegungen die Spuren seines Tanzes im staubigen Bühnenboden hinterlässt. Dann wird gut die Hälfte des Rilke-Textes in Deutsch und Englisch auf der Rückwand der Halle als Projektion dem Zuschauer zur Lektüre als Projektion gezeigt.

Daraufhin bietet die Flötistin Chryssi Dimitriou eine grandiose Aufführung einiger perkussiv-hechelnder Werke von Salvatorre Sciarrino, dessen Opern „Luci mi tradici“, „Vor dem Gesetz“ oder „Superflumina“ zu dem klanglich aufregendsten gehören, was die zeitgenössische Musik zu bieten hat. Daran anschließend tanzt Choreographin Anne Teresa de Kersmaeker gemeinsam mit Michael Pomero ein merkwürdig distanziertes Pas de deux, in dem sie sich nie berühren oder anschauen.

Bis hierhin wirkt der Abend wie ein Ansammlung von Ideen und Anläufen zum Thema, findet aber keinen roten Faden. Doch dann beginnt die Choreographin den berühmten Rilke-Text mit suggestiver Kraft zu rezitieren und bewegt sich dazu. Je sparsamer die Choreographie ist, desto dichter und atmosphärischer ist das Zusammenspiel von Text und Bewegung. In diesen 35 Minuten, in denen de Kersmaeker ganz beim Text ist, findet der Abend zu sich selbst, überzeugt und nimmt gefangen.

Einige Zuschauer sitzen sogar mit geschlossenen Augen da und konzentrieren sich ganz auf das gesprochene Wort. Betonung, Sprachrhythmus und Pausen sind schlicht aber fesselnd gestaltet.

Das Publikum wirkt am Ende der gut einstündigen Aufführung trotzdem etwas ratlos, verweigert den üblichen Triennale-Jubelsturm, sondern spendet lediglich starken Beifall. 

Für die nächsten Monate sind Aufführungen dieser Produktion in Paris, Brüssel, Brügge und Antwerpen geplant.

Rudolf Hermes 26.9.15

Fotos: Anne Van Aerschot und Herman Sorgeloos / Ruhrtriennale

 

 

RHEINGOLD

Zum zweiten

Rheingold glänzt in der Jahrhunderthalle

Premiere am 12. September 2015

Für die Aufführung seines Gesamtkunstwerks Der Ring des Nibelungen reichte Richard Wagner die normale Opernbühne nicht aus. Er ließ in Bayreuth das Festspielhaus nach seinen Vorstellungen bauen. Das Haus fasziniert bis heute mit seiner Aura und seiner Akustik.

Hätte Wagner heute zwischen dem Bayreuther Festspielhaus und der Bochumer Jahrhunderthalle zu wählen, wäre er wahrscheinlich von den räumlichen Möglichkeiten der von Gerard Mortier, dem Intendanten der ersten Ruhrtriennale so bezeichneten Industriekathedrale begeistert gewesen.

Auf Wagners Suche nach dem ganzen Musiker, der der widerlichen Erscheinung der Theater und Konzerte, die nur in buchdruck-schwärzlichem Gewande nebeln und wedeln, als ob Das, was da draußen sich an die Sinne darstellt, sie durchaus gar nichts angehen könnte, hat Johan Simons mit seiner Inszenierung von Das Rheingold eine überzeugende Antwort gefunden. Das Solistenensemble und die Musiker des Orchesters MusicAeterna mit dem aufmerksamen Dirigenten Teodor Currentzis am Pult sind weit mehr als nur Protagonisten einer Rheingold-Inszenierung unter vielen. Es ist vielleicht Das Rheingold, das Wagners revolutionär beeinflusster Intention besonders nahe kommt. In einem Brief an den Herausgeber der Neuen Zeitschrift für Musik betont er 1852, dass nur eine vollständige Umgestaltung dieses Lebens die natürliche Geburt der Kunst zu Tage fördern könnte.

Dass Simons sich diesem Anspruch verpflichtet fühlt, zeigt er mit seiner opulenten, raumgreifenden Inszenierung. Im Rheingold erzählt Wagner die Geschichte des Ruhrgebiets, wird er im Programmheft zitiert. Es ist ein Statement für und ein Bekenntnis zu Veränderungen gesellschaftlicher Ordnungen, wo kapitalistisches Machtstreben auf Ausbeutung gründet.

Um nicht traumselig in der raffiniert komponierten Schönheit von Wagners Musik zu versinken, hat Simons Mika Vainio verpflichtet, mit elektronisch produzierten Klangflächen zu intervenieren. Vainio transponiert Wagners Komposition an einzelnen Stellen in dramatisch tönende Klangfarben. Wenn Alberich die Liebe verflucht, dröhnt es laut aufbrausend aus dem Sound-System. Oder wenn Loge auf Wotans Aufforderung Nun rathe, wie?, um den Ring von Alberich zu bekommen, Currentzis eine Generalpause setzt, unterstreichen Vainios Klangeruptionen diesen Akzent.

Diese vehementen Interventionen spitzt Simons dann zu, als Wotan und Loge von den Höhen ihrer Machtherrlichkeit hinab zum Ruhrbergbau-Nibelheim steigen. Verunsichert durch Fafners und Fasolts Beharren auf Einhaltung des Vertrags, bleibt ihnen keine andere Wahl, als selbst Hand anzulegen. Wenn es ihnen nicht gelingt, Freia, das Unterpfand ewiger Jugend zurückgewinnen, ist ihre göttliche Macht gebrochen.

Während Loge den Göttern ins Gewissen redet, Von Freia’s Frucht genosset ihr heute noch nicht: die gold’nen Äpfel in ihrem Garten, sie machten euch tüchtig und jung, kippt die von Simons zusätzlich erfundene Spielfigur eines Dieners ein Tablett mit goldenen Äpfeln aus.

Hammerschläge, von Vainios elektronischen Clustern verstärkt, unterbrechen an dieser Stelle die Musik. Gleichzeitig wechselt Stefan Hunstein vom Diener in die Rolle eines politischen Agitators. Anfangs verstärkt mit einer Sprechtüte, malträtieren seine Sätze (nach Textfragmenten von Elfriede Jelinek) wie Peitschenschläge das Publikum: Eigentum ist Diebstahl. Jedes Subjekt, das Gehorsam verweigert, wird bestraft. Riesige Geldmengen werden verschoben. Aber bezahlt wird nicht. Schöner als Geld zu haben ist es, jemanden es wegzunehmen. Präziser hat bis dahin kaum eine Rheingold-Inszenierung gesellschaftskritisch Stellung bezogen.

Man kennt inzwischen verschiedene Varianten des Regietheaters. Aber nur selten gelingt es dabei, das Original nicht zu beschädigen. Es gibt bei Simons, und das ist das Außerordentliche seiner Inszenierung, keinen Bruch, weder mit dem Libretto noch mit der Komposition. Zusammen mit Currentzis, Vaino sowie den Dramaturgen Tobias Staab und Jan Vandenhouwe gelingt ihm ein im Hier und Heute verortetes Vorspiel des Ring-Gesamtkunstwerk mit fast magischer Wirkung.

Beginnend mit dem Auftritt von Teodor Currentzis, der, untergehakt mit zwei Musikern die Halle betritt, elastisch das Pult entert und mit dem ersten Takt das Rheingold glänzen lässt, entsteht eine rauschhafte Gemeinschaft mit dem Publikum. Currentzis, ganz in Schwarz angetan mit Russenkittel über hautengen Jeans und halbhohen Lederstiefeln, rote Schnürsenkel, entspricht nur dem Äußeren nach nicht dem, was man sich gemeinhin unter einem seriösen Dirigenten klassischer Musik vorstellt. Auch sein tänzelndes, Zäsuren und Tempi-Beschleunigung mit aufstoßenden Schuhknallen verstärkendes Dirigat irritiert anfangs. Später verschwindet das Äußere hinter einem gefühlvollen wie glutvollen Klang. Rheingold pulst mit MusicAeterna unter ihm eruptiv wie lyrisch, als schlüge das eigene Herz Alarm. Die Musik umschlingt die Halle mit Klängen, die sie noch nie gehört hat. Akustisch hervorragend ausbalanciert, als wolle sie das Ruhrtriennale-Motto Seid umschlungen! wörtlich nehmen.

Bettina Pommer hat in die Jahrhunderthalle ein Mehrzweck-Gerüst gestellt. Es hält oben eine weiße Gebäudewand, hinter der die Burg Walhall verschlossen steht. Treppen führen durchs Orchester hinab zu drei Wasserbecken. Spielort,  wo Rhein und Abwasserbecken, Kunst und Arbeit zusammenfinden. Von der Höhe des Gerüstes erschüttern Fafner und Fasolt die Götterwelt.

In der Wahl der Solisten folgt Simons seinem ausgeprägten Instinkt für theatralisch spielerische Momente. Kein name-dropping sondern Solisten, die natürlich erstens über eine hohe Gesangskultur verfügen, aber gleichzeitig bereit sind, mit grenzenlosen Körpereinsatz singend zu gestalten. Immer wieder hat Simons an ungewöhnlichen Orten inszeniert. Der Raum dient den Solisten Resonanzkörper, so wie diese sich auch mit ihm auseinandersetzen müssen.

Frank van Hove und Peter Lobert sind Bilderbuchriesen wie sie sich jedes Märchenbuch nicht besser wünschen könnte. Sie singen rollengerecht, wie sie auch mit ihrem Bass charakterisieren. Einerseits bauernschlau, andererseits aber auch naiv und manipulierbar durch die Götter, durch die da oben bis zum Totschlag.

Die Bass-Besetzung ist exemplarisch für die Solisten insgesamt. Stimmlich und spielerisch adäquat in ihren Rollen überzeugen sie auf der ganzen Linie. Leigh Melrose durchpflügt als Alberich im Kampf um den Ring fast ununterbrochen die Wasserbecken. Mit den Rheintöchter-Puppen-Attrappen in geiler Selbsttäuschung, mit seinem Bruder Mime im Selbstbehauptungskampf ist von den ersten Minuten an kein trockener Fetzen mehr an ihm. Nachdem Wotans List ihm den Ring wieder entrissen hat, liegt er zusammen mit Elmar Gilbertsson (Mime) bis zum Finale mehr als 30 Minuten im Wasser. Ein Parforceritt für Stimme und Körper, der Melrose und Gilbertsson durchgängig klar und ausdrucksstark artikulierend bravurös gelingt.

Die Entdeckung des Abends ist der Wotan von Mika Kares. Obwohl er schon bei vielen Opernhäuser und Festivals Anerkennung eingeheimst hat, gehörte er bisher nicht zu den Bass-Sängern, die sich sofort aufdrängen. In der Jahrhunderthalle klingt sein Bass mit großen Volumen deutlich artikuliert und ausdrucksstark. Zusammen mit dem quicklebendigen Tenor Peter Bronder, der Loge als intriganten Taktiker clownesk spielt, sind sie auch optisch eine ideale Besetzung. Körperlich groß, muss Wotan erkennen, dass es geraten ist, nicht nur auf den kleineren Feuergott herabzuschauen, wenn er auf seinen Rat angewiesen ist.

Maria Riccarda Wesseling bemüht sich, Fricka eine Persönlichkeit zu geben. Wenn sie Wotan die Leviten liest und ihn zum Handeln auffordert, hat ihr Mezzosopran auch im Fortissimo eine modulierende Wärme. Allerdings ist er nicht durchgängig deutlich zu hören. Ist ihr Kopfmikrophon nicht optimal justiert?

Freia, die zwischen göttlicher Jungbrunnen-Platzhalterin und Pfand- und Lustobjekt der Riesen ständig den Spagat übt, hat mit dem Sopran von Agneta Eichenholz eine überzeugende Standfestigkeit.

Trotz Erdas Mahnung Alles was ist, endet, einfühlsam und eindringlich von der gestandenen Altistin Jane Henschel gesungen, ist das Desaster nicht aufzuhalten. Die Türen von Walhall bleiben verschlossen.

Alle Hoffnung ist dahin. Traulich und treu ist’s nur in der Tiefe; falsch und feig ist was dort oben sich freut. Was die Rheintöchter (Anna Patalong, Dorottya Láng, Jurgita Adamonytė) mit ihren finalen Abgesang beschreiben, ist ein Scheitern, in dem der Untergang der Götter schon seine Schatten wirft.

Peter E. Rytz 26.9.15

Bilder: Ruhrtriennale Michael Knellel

 

 

 

 

 

Die Möglichkeit zwei Rheingold-Inszenierungen innerhalb zweier Tage zu erleben, zu erleben, hat man nicht alle Tage. Der Mindener Richard-Wagner-Verband und die Ruhrtriennale bringen ihre Produktionen innerhalb weniger Tage heraus.

Bei der Ruhrtriennale muss immer alles immer eine Spur größer und teurer sein: Als Orchester hat man nicht eines der im Ruhrgebiet beheimateten Ensembles eingeladen, sondern MusicAeterna aus dem russischen Perm unter der Leitung seines aufstrebenden Chefdirigenten Teodor Currentzis: Bühnenbildnerin Bettina Pommer stellt das Orchester in den Mittelpunkt und aufs Podest, so dass diese Teil des Bühnenbildes werden.

Im Vordergrund gibt es drei Becken mit Wasser und Steinen, dahinter folgt das erhöht sitzende Orchester und im Hintergrund ragt die weiße Fassade der Götterburg Walhall auf. Um von der vorderen zur hinteren Spielfläche zu gelangen, müssen die Sänger durch das Orchester eilen. Regisseur Johan Simons hat so die Möglichkeit viel Bewegung auf die Bühne zu bringen.

Konzeptionell zeigt er die Götter als Geschäftsleute oder Politiker, welche die Riesen (Arbeiter) und die Nibelungen (Bergleute) ausbeuten. So ähnlich hat man das schon in John Dews Ring-Inszenierungen (Krefeld/Mönchengladbach 1981-1985, Wiesbaden 2003-2005, Darmstadt 2011-12) oder Robert Carsens Kölner Ring gesehen, nur halt nicht mit solch einer riesigen Bühne, die man auch gut in die Arena von Verona stellen könnte.

Manchmal übertreibt es Simons, wenn er komödiantischen Aktionismus in die Regie einbaut: Sänger stapeln sich übereinander (Gruppenfummelei der Rheintöchter mit Alberich, Fricka und Götter gehen auf die Riesen los), Verrenkungen am Geländer (am besten kopfüber) und Kriechen im Wasserbecken. Der Nibelungen-Schatz besteht hier nur aus drei lächerlichen Steinen. Bei Simons scheitert auch der Einzug nach Walhall, weil die Götter die Türen nicht öffnen können.

Gesungen wird in der Jahrhunderthalle mit elektronischer Verstärkung, die aber sehr dezent gestaltet ist: Eine echte Überraschung ist Mika Kares als Wotan, der mit voller und farbenreicher Stimme ein glänzendes Debüt hinlegt. Kares ist von Hause aus Bass hat mit der Höhe aber keine Probleme. Leigh Melrose als Alberich braucht in jedem Bild einige Zeit, bis er sich warm gesungen hat, oder die Technik ihn eingepegelt hat. Er singt oft undeutlich und zu konsonantenreich.

Loge ist hier eine Art Buchhalter oder Berater der Götter, der von Peter Bronder mit grellem Charaktertenor im Sprechgesang vorgetragen wird. Maria Riccarda Wesseling gibt eine Fricka, die zur Hysterie neigt, während Agneta Eichenholz zwar die prominenteste Sängerin des Abends ist, aber wenig Profil zeigen kann: Sie ist ein Sexpüppchen in Lederstrapsen und Korsett, dass immer nur hübsch herumsteht.

Die Riesen werden von Simons zwar differenziert gezeigt, jedoch klingt der Fafner von Frank van Hove so hell und leicht, dass man ihn für einen Tenor hält, besonders wenn er im direkten Dialog mit dem bulligen Bass von Peter Lobert als Bruder Fafner zu hören ist. Stark ist der Mime von Elmar Gilbertsson.

Dirigent Teodor Currentzis scheint sich mit dieser Aufführung für den nächsten Bayreuther Ring bewerben zu wollen: Mit einer groß angelegten Orchesterbesetzung kann er Wagners Musik extrem auslegen: Die Gestik der Musik wird hier fast schon zu einer klanglichen Plastik. Immer wieder klingen einzelne Instrumentengruppen scharf heraus und die perkussiven Elemente werden groß ausgefahren.

Jedoch will Currentzis jeden musikalischen Effekt noch mit einem großen Ausrufezeichen versehen, was zu Verzögerungen im Ablauf führt. Anfangs ist seine klangliche Feinarbeit faszinierend, im Laufe des Abends wünscht man sich aber immer wieder, dass die Musik mehr Vorwärtsdrang entwickeln sollte. Die ganze Aufführung dauer zwei Stunden und 50 Minuten, was nicht allein dem Dirigenten anzulasten ist, sondern auch der Regie: Schauspieler Stephan Hunstein, der Wotans Diener spielt, darf in der Verwandlungsmusik zwischen zweitem und drittem Bild noch ein revolutionäres Manifest verlesen, während die Orchestermusiker die Stahlträger der Halle mit Hämmern zu bearbeiten.

Die elektronische Musik von Mika Vaino, die dem Publikum auch keine neuen Erkenntnisse bringt, hält sich zum Glück in Grenzen. So gibt es zum Beispiel nach Alberichs Liebesfluch noch einen elektronischen Knall. Ursprünglich war in Bochum eine Spieldauer von vier Stunden angedroht worden. Zum Glück ist man davon abgekommen

Fazit dieses Rheingold-Wochenendes: Sängerisch hat Minden das bessere Ensemble. Beide Orchester bieten eine spanende Aufführung, klanglich hat MusicAeterna in Bochum die Nase vorne, gleichzeitig würde man sich von Currentzis nicht bloße Klangmagie, sondern auch den dramatischen Fluss wünschen, wie ihn Frank Beermann in Minden bietet. Die Bühne von Bettina Pommer ist in ihrer Gigantomanie stärker als die von Frank Philipp Schlössman in Minden.

Ob die Ruhrtriennale einen kompletten Ring plant, steht noch in den Sternen. Besser wäre es, dort würde man sich auf Stücke konzentrieren, die in normalen Theatern nicht gezeigt werden können. Minden hat schon die Walküren-Premiere für den 9. September 2016 terminiert.

Rudolf Hermes 13.9.15

 

 

Luigi Nono

PROMETEO

Premiere: 8. September 2015

Luigi Nonos „Prometeo“ gehört zu den großen Klassikern der Musik des 20. Jahrhunderts, ist aber so anspruchsvoll, dass er nur äußert selten gespielt wird. Gefordert ist ein großer technischer Aufwand, denn die Musiker, Sänger und Sprecher müssen um das Publikum herum auf Podien angeordnet werden. Zudem spielt Live-Elektronik eine große Rolle.

In der Programmvorschau der Ruhrtriennale ist „Prometeo“ in der Rubrik „Musiktheater“ eingeordnet, doch inszeniert wird dieses Werk hier nicht. Dazu muss gesagt werden, dass „Prometeo“ auch nicht inszenierbar ist, denn es wird keine Geschichte erzählt, es gibt keine Charaktere und die Texte werden von Nono so vertont, dass die Sprache nur noch Klang und Geräusch ist. Nono selbst hatte die Vorstellung, dass bei einer Aufführung Vorhänge im Wind von Ventilatoren bewegt werden könnten, schon der Einsatz einer größeren Lichtregie war ihm suspekt. 

Solch eine Lichtregie hat Rainer Casper jetzt für die Duisburg Aufführung entworfen: Die Gerüste, auf denen Ausstatterin Eva Veronica Born die Musiker um das Publikum herum angeordnet hat, werden mal von unten, mal von hinten beleuchtet. Später leuchten rote Neonröhren im Weit der Kraftzentrale auf und auch über dem Publikum gehen die Lichter an. Ob so Prometheus als der Feuerbringer gezeigt werden soll?

Musikalisch bewegt sich die Aufführung auf höchsten Niveau: Ingo Metzmacher hat dieses Werk schon oft dirigiert und strahlt eine souveräne Gelassenheit aus, mit der er alle Beteiligten durch diesen Abend führt. Co-Dirigentin ist Matilda Hofmann. Die Schola Heidelberg und das Ensemble Modern Orchester zeigen sich großartig aufgelegt.

Das Experimentalstudio des SWR sorgt für den Raumklang und die Live-Elektonik, die nötig ist, um Nonos Musik durch den Raum wandern zu lassen und zu bearbeiten. Schließt man die Augen, glaubt man sich in einer Kathedrale.

Rudolf Hermes 9.8.15

Bilder folgen

 

 

 

In der Kraftwerkszentrale Duisburg

Ob mit Regenschirm bewehrt oder auch nur mit hochgezogenen Schultern, als mehr als tausend Menschen der Kraftzentrale im Landschaftspark Duisburg-Nord zustrebten, breitete sich in ihr schwüle Feuchtigkeit aus. Erst einmal Luft schöpfen, dann im Rahmen der Ruhrtriennale 2015 der Schöpfung von Joseph Haydn lauschen, schien die unausgesprochene Verabredung zu sein.

Aber mit dem Lauschen allein, das wurde schnell klar, wurde es nichts. Das lag aber weder an den Musikern des B’Rock Orchestras unter der Leitung von René Jacobs, noch hatten der Chor des Collegium Vocale Gent oder die Solisten daran ihren Anteil. Über ihnen eine riesige Projektionswand. Ein Film von Julian Rosefeldt beansprucht als raumgreifendes Schwergewicht die Herrschaft über die Musik.

In Zeitlupe bewegen sich menschliche Wesen in weißen Overalls und mit Atemschutzmasken vor dem Mund durch Filmkulissen in einer nordafrikanischen Wüstenlandschaft. Bilder, denen man schnell anmerkt, dass sie ihre Wirkung, wie Rosenfeldt und sein Team offenbar überzeugt sind, durch kalkulierte Bewegungsverlangsamung erreichen. Zu sehen sind bedeutungsschwanger aufgeladene Bilder, die Klischee an Klischee reihen. So transportiert die aufnahmetechnische Perspektive unter Verwendung einer Drohne von oben die Legende vom lieben Kindergott, der von oben aus dem Himmel auf sein Werk schaut.

Je länger Haydns Schöpfung von Tag zu Tag in ihren dramatische Wendungen und Zuspitzung weitererzählt wird, umso ärgerlich ist es, der mit banalen Stereotypen durchsetzten Filmerzählung in ihrer angestrengten Bedeutungshuberei zu folgen. Die Kamera schwebt über Landschaften und Menschen konsequent in der Totalen. Allerdings gibt es einige wenige Ausnahmen. Als Gott am 5.Tag die Tiere und den Mensch schafft, singt der Erzengel Raphael, Seid fruchtbar alle, mehret euch. Im Film zoomt die Kamera auf kopulierende Hundei.

Im Grunde nicht mehr als eine geschmacklose Provokation, über die man hinweggehen könnte, weil in den letzten Jahren so viele Inszenierungen einem Glauben frönen, nicht mehr ohne diese auskommen zu können. Oder steht dahinter die leicht durchschaubare Absicht, sich auch einem mit allen Wassern und Bildern in den sozialen Medien vertrauten jüngeren Publikum anbiedern zu können?

Die angestrengte Bildergenerierung für Die Schöpfung ist nur eine durchsichtige Anstrengung, die jedoch letztlich zu keiner ästhetischen und künstlerisch reflektierten Bildsprache findet. Wenn es im Text (Gottfried von Swieten) am Anfang heißt, Nun schwanden vor dem heiligen Strahle des schwarzens Dunkels gräuliche Schatten, wandelt sich mit einem Filmschnitt die helle Wüstenstruktur in eine dunkle Nachtlandschaft. Wenn der Erzengel Uriel rezitiert, Mann und Weib erschuf er sie. Den Atem des Lebens hauchte er in sein Angesicht, bilden die weißen Gestalten einen Kreis; wenn Adam im abschließenden Duett mit Eva singt, Wie labend ist der runden Früchte Saft!, bilden sie in einem Amphitheater einen auf- und abschwellenden Kreis. Merke: Gott sieht allem Treiben von oben zu.

Nach Abschluss der 7tägigen, göttlichen Schöpfung haben die Geschöpfe die Wüste verlassen und sind im Ruhrgebiet angekommen. Ebenso bedeutungsschwer laufen und huschen sie jetzt über Rohrleitungen, Turbinen und andere industrielle Konstruktionen. Die anfängliche Vermutung, dass das Ganzkörperweiß das Weiß der Unschuld symbolisieren könnte, erweist sich spätestens in dem Moment, als die weißen Atemschutzmasken erkennbar werden, als Irrtum.

Winkt da Rosefeldt mit der theologischen Keule: Die Schöpfung sei von Anfang nicht unschuldig? Die Industrieruinen als Zeichen menschlicher Maßlosigkeit, die nur den ökonomischen Gewinn zählen lässt?

Sich unter diesen dominanten visuellen Vorgaben auf die Musik zu konzentrieren, war dementsprechend nicht leicht und gelang auch nicht wirklich. Die Musiker brauchten eine gewisse Zeit, um sich mit dem über ihren Köpfen flimmernden Bildern zu arrangieren.

In Haydns Komposition, die effektvoll den Chor mit strahlendem C-Dur, Und es ward Licht, mit der Zäsur eines selbstbewussten Triumphes über das Chaos einsetzt, vermisste man das Jubilierende an diesem Abend. Johannes Weisser sang den Raphael am Anfang mit einer gewissen Vokal-Überbetonung. Zur Mitte des ersten Teils hatten dann Chor, Orchester und Weisser ihre Balance gefunden.

Gemeinsam mit der Sopranistin Sophie Karthäuser und dem Tenor Maximilian Schmitt gestalteten sie eine akzentuierte, klanglich differenzierte Schöpfung. René Jacobs dirigierte mit einer liebevollen Umarmung der Partitur. Er beugte sich mitunter so tief über sie, dass man den Eindruck haben konnte, er versinke darin.

Sophie Karthäuser ist ein Sopranistin, der die Freude am Gesang nicht nur im Gesicht eingeschrieben ist. Ihre Stimme hat eine bewegliche Leichtigkeit mit einer lyrisch anmutenden Intonation. Maximilian Schmitt, ein konzentrierter, hellwacher Tenor mit einem nur schwer erschütterbarem Standing, lieh dem Erzengel Uriel eine geschmeidig artikulierende Stimme.

Im Unterschied zu seinen Solisten-Kollegen bereitete sich Johannes Weisser in legerer und entspannter Sitzposition, die Partitur auch schon mal neben seinem Stuhl ablegend, auf seine Einsätze vor. Die Bass-Partie des Erzengels Raphael und die des Adam sang er mit baritonaler Anmutung mit ausdrucksstarker Artikulation.

Die Qualität der Akustik in dem ehemaligen Industriebau überzeugte auf ganzer Linie. Am Ende rauschte der Beifall durch die Kraftzentrale im Landschaftspark Duisburg-Nord. Für Musiker und Rosefeldt gleichermaßen. Draußen rauschte der Regen noch immer. Die Ernüchterung folgte auf dem Fuß. Der Beifall hatte nur für einen kurzen Augenblick das Ärgernis dieses Abends zugedeckt.

Peter Rytz 4.9.15

 

 

Der Spätsommer hat seine eigene Melancholie. Das Abendlicht leuchtet fahler als noch vor Wochen. Der Wind versprüht den Regen in feinen Tropfen. Die Wärme des Bodens verdampft feuchte Nebelschwaden. Der Herbst kündigt sich an.

Wer am letzten Montag im Maschinenhaus der Zeche Carl in Essen saß, konnte mit dem Blick durch die hohen Bogenfenster etwas von dieser Stimmung schon spüren. Dem Gebäude, einem ehemals industriell genutzten Zweckbau, ist eine archaische Schönheit eigen. Rohe, unverputzte Steinwände sind technische Garanten für die Statik des Raumes. Gleichzeitig sind sie akustische Garanten für extraordinäre Konzerte im Rahmen der Ruhrtriennale.

Die spätsommerabendliche Stimmung draußen, verbunden mit der meditativen drinnen, fand mit dem Konzert Via Crucis eine reizvolle musikalische Entsprechung. Reinbert de Leeuw, einer der engagiertesten Entdecker musikalischer Pretiosen, die lange Zeit in Vergessenheit geraten waren, ist ein begnadeter Interpret, ob als Pianist oder als Dirigent dieser Werke. Zusammen mit der ähnlich inspirierten Geigerin Vera Beths sind sie seit Jahren Botschafter einer Musik, die mit jedem Konzert auf der Suche nach dem reinen Ton zu sein scheint.

Diese Suche ist weit entfernt von Höllenfahrten, wie die Konzerte im Maschinenhaus während der diesjährigen Ruhrtriennale überschrieben sind. Außer man fühlt mit dem lange vom Konzertbetrieb wenig beachteten Spätwerk von Franz Liszt bis zu seiner Wiedererweckung eine Trauer über die Fährnisse von verlegten, weggelegten, abgelegten Kompositionen. Dass La lugubre gondola und La notte mit Via Crucis. Der Kreuzweg jetzt im Maschinenhaus, nach dem sie aus verstaubten Archivgründen ans Licht geholt worden sind, wieder funkeln, war auch den Zuhörern, Höllenfahrt hin oder her, anzusehen.

Spot-Scheinwerfer und Abendlicht malten gemeinsam auf Gesichtern zarte Linien eines tiefenentspannten Lächelns. Glücksgefühle, atemlose Stille, dass man teilweise Sorge haben konnte, das Atmen nicht zu vergessen, legten sich wie eine stumme Vereinbarung der Zuhörer über den Raum.

Mit dem ersten Anschlag von La lugubre gondola gab Reinbert de Leeuw das Maß von Zeit und Raum vor. In gedehnten Phrasierungen, die mit pointierten Generalpausen einen meditativ gestimmten Klang entwickelten, schienen die Gondeln in der Düsternis dahin zu gleiten.

Vera Beths ließ, erst in konzentrierter Aufmerksamkeit sitzend, dann im Aufstehen mit Geschmeidigkeit die Töne ihrer Violine auf der Gondel schweben. Das klang mitunter etwas unterkühlt, als würde man den Gondeln zuschauen, wie sie von Windböen gebeutelt würden. Zusammen mit den von de Leeuw kontrolliert gestalteten Tempi-Wechsel von Larghetto und Adagietto zu Allegro con fuoco warf Behts Geigenklang Schatten auf La notte, während es draußen dunkel geworden war.

Nach der Pause spielte Reinbert de Leeuw die Kreuzweg-Version Via Crucis von Franz Liszt. Die Fassung für Klavier solo ist erst 1980 (!) veröffentlicht worden. Mit welcher Leidenschaft, Liebe und Respekt sich de Leeuw Via Crucis angeeignet und zu seinen Konzertfavoriten gemacht hat, demonstrierte er mit charaktervollem Klavierspiel. Kontemplativ versunken im Klavier, umgab ihn mit der Zeit ein charismatischer, gleichwohl durch-hörbarer Schleier. Der imaginierte Stoff schien die Zuschauer einzuhüllen, sie in einer Gemeinschaft auf Zeit zu bannen.

Reinbert de Leeuw‘s Klavierspiel war allein der Suche nach dem schönen, vollkommenen Klang verpflichtet. Keine kalkulierte Pathetik, kein inszeniertes Gestik-Repertoire, kein kokettierendes Umschmeicheln des Publikums. Für Momente ein geschlossener Raum, in dem Pianist und Zuhörer zusammengerückt waren. Nur zwei Nachtfalter tauchten in diesem Kosmos als temporäre Gäste lautlos auf, kreisten als Lichtmaler über dem Klavier, als würde sie zur Musik einer geheimen Choreografie tanzen.

Dass de Leeuw schon vor Jahrzehnten auch die Musik von Eric Satie aus der Versenkung holte, dem ihr eigenen minimalistischen Andante als einem musikalischen Eigenwert zur Wertschätzung verhalf, ist in seiner Via-Crucis-Interpretation klangschön aufgehoben.

Am Ende brauchte es einige Momente, um sich aus einer verinnerlichten Versenkung in die Wirklichkeit der herben Schönheit der Maschinenhalle zurück zu holen, um mit überaus herzlichem Applaus für ein emotionales und klangschönes Konzert zu danken.

Peter Rytz 4.9.15

 

 

„Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“

Fassung von Krzysztof Warlikowski und Piotr Grusczynski

Premiere: 21. August 2015 Besuchte Vorstellung: 22. August 2015

Gladbeck Maschinenhalle Zweckel

In Westeuropa kennt man den Polen Krzysztof Warlikowski vor allem als Opernregisseur. In Paris inszenierte er Wagners „Parsifal“ und Szymanowskis „König Roger“ sowie in Brüssel Cherubinis „Medea“ und Verdis „Macbeth“. An der Bayerischen Staatsoper München brachte er „Eugen Onegin“ und „Die Frau ohne Schatten“ heraus. Bei der Ruhrtriennale stellt er sich jetzt als Schauspielregisseur vor und bringt Marcel Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ unter dem Titel „Die Franzosen“ auf die Bühne der Gladbecker Maschinenhalle Zweckel.

Sympathisch an diesem Abend ist, dass er nicht ausverkauft ist und hier nicht so ein Hype betrieben wird, wie um Johan Simons langweilige „Accattone“-Aufführung in Dinslaken. „Die Franzosen“ ist zwar mit viereinhalb Stunden Spieldauer wesentlich lännger als „Accattone“, gleichzeitig aber so interessant und sehenswert, dass man sich am Ende denkt: „Schade, dass es schon zu Ende ist, die können ruhig noch zwei Stunden weitermachen!“

Natürlich ist es der reinste Wahnsinn Prousts riesigen Roman-Zyklus „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“auf die Bühne zu bringen, aber Warlikowski gelingt eine stimmige, konzentrierte und stilsichere Aufführung, bei der man immer konzentriert und gespannt dem Geschehen folgt. Zentrale Konflikte sind die Ablehnung und Ausgrenzung von Juden und Homosexuellen.

Ausstatterin Malgarzota Szcesniak hat ein modernes Ambiente gewählt: Wir befinden uns in vor der langgezogenen Theke eine Cocktailbar, an der kein einziger Drink ausgeschenkt wird. Auf die Wand über der Theke werden immer wieder Filme aus dem Tierreich oder der Pflanzenwelt gezeigt, die dem Abend eine surrealistische Schönheit geben. Gleichzeitig wird deutlich: Wir beobachten die Akteure, wie ein Wissenschaftler die Natur beobachtet.

Dieser Aspekt wird auch durch die riesige Glasvitrine unterstrichen, in der einige Szenen spielen: Diese Vitrine ist ein treffendes Symbol für die Abschottung der Gesellschaft, die gar nicht bemerkt, dass sie nur noch aus Ausstellungsstücken besteht.

Bei der Auswahl der Handlungsstränge hätte Dramaturg Piotr Grusczynski den namenlosen Erzähler ruhig stärker in den Mittelpunkt rücken können. Dass diese Figur Dreh- und Angelpunkt der Geschehnisse ist, wird hier nicht immer deutlich. Eigentlich ist hier niemand richtig sympathisch oder eine Identifikationsfigur für den Zuschauer.

Der Erzähler, den Bartosz Gelner spielt ist ein verschlossener junger Mann, die Familie der Guermantes, die von der unterkühlt-schönen Magdalena Cielecka angeführt wird, sind arrogante Schnösel. Charles Swann, der von Mariusz Bonaszeswki verkörpert wird, schwankt zwischen Abhängigkeit und Verachtung für die Kurtisane Odette de Crecy, die von Maja Ostaszewska als selbstbewusste Aufsteigerin gespielt wird.

Da die Aufführung in polnischer Sprache gespielt wird, sind die meisten Zuschauer auf Übertitel angewiesen. In den Ensembleszenen muss man meist sehr schnell mit dem Blick zwischen Bühne und Text wechseln, um dem Geschehen zu folgen. In den Monologen lässt die Regie es aber meist sehr ruhig angehen, so dass man hier eher ein Lesedrama erlebt und den jeweiligen Schauspieler nur aus dem Augenwinkel beobachtet.

Insgesamt ist „Die Franzosen“ eine starke und sehenswerte Aufführung. Jedoch hätte sie auch problemlos in dem verkehrstechnisch leichter erreichbaren Bochumer Schauspielhaus oder im Essener Aalto-Theater gespielt werden können, da die Maschinenhalle hier nur Spielstätte und nicht Bühnenraum ist.

Rudolf Hermes 25.8.15

 

 

 

Eine Sterbeübung - aber nur sehr entfernt nach Monteverdi

Premiere: 20. August 2015 - Besuchte Vorstellung: 23. August

Mischanlage, Zeche Zolleverein, Essen

Vom 18.9. bis 4.10 ist diese Produktion im Berliner Martin-Gropius-Bau zusehen

EINE BESPRECHUNG IN 10 FRAGEN & ANTWORTEN

Was erlebt der Zuschauer?

Vom Wiegeturm der Zeche Zollverein aus fährt man mit einer Seilbahn ins Obergeschoss der Mischanlage. Danach begibt man sich in einer Kleingruppe von maximal 8 Zuschauern durch mehrere schick ausgestattete. Dort sitzen meist barbiepuppenartige Frauen, deren Gesicht hinter Latexmasken verborgen ist. Schließlich gelangt man in eine Art Wartezimmer und wird von dort einzeln in eine Arztpraxis geführt, wo ein Weißkittel Monteverdi singt. Danach geht es in den Sterberaum, wo eine Barbiefrau regungslos auf einem Bett liegt.

Was bleibt von Monteverdis Oper übrig?

Nicht viel! Von der Oper werden höchstes 5 bis 10 % Musik benutzt, drei Arien und ein paar Ritornelle.

Wie ist die Atmosphäre?

Meist passiert nicht viel, man hat das Gefühl, dass man auf die nächste Aktion oder den Zugang zum nächsten Raum wartet.

Kann man sich mit den Figuren identifizieren?

Nein, diese schick-sterile Welt und ihre Bewohner sind total künstlich.

Könnte man das auch mit anderen Opern machen?

Nur sehr schwer vorstellbar. Wahrscheinlich würde von den anderen Stücken auch nicht mehr viel überbleiben.

Wie reagieren die Zuschauer?

Meist inspiziert man zuerst den Raum und die Barbie-Akteurinnen. Ab dem dritten Raum setzen sich Zuschauer auch auf den Boden.

Wer ist für diese Aufführung verantwortlich?

Die Regie haben sich Susanne Kennedy, Suzan Boogaerdt und Bianca van der Schoot geteilt. Die Räume hat Katrin Bombe entworfen, die Kostüme stammen von Lotte Goos.

Lohnt sich der Besuch?

Echte Monteverdi- und Opernfans, die eine Geschichte mit Musik und Gesang erwarten bleiben lieber Zuhause. Wer mal eine ungewöhnliche Mischung aus Kunsträumen und Statisten erleben möchte, bei denen man als Zuschauer mittendrin steht, ist hier richtig. – Berliner Opernfans, die Barrie Koskys Orfeo-Inszenierung an der Komischen Oper oder die Aufführung von Sasha Waltz an der Staatsoper gesehen haben, dürften von dieser Produktion enttäuscht sein.

Wie lange dauert ein Rundgang?

80 Minuten nach Beginn der Fahrt, verlässt man das Gebäude.

Rentiert sich das Projekt für die Ruhrtriennale finanziell?

Auf keinen Fall. Die Akteure und Musiker sind hier täglich neun Stunden im Einsatz. Pro Stunde können aber gerade einmal 48 Zuschauer eingelassen werden, die jeweils 25 Euro bezahlen. Die Kulturstiftung des Bundes fördert dieses Projekt.

Rudolf Hermes 24.8.15

 

Das schreiben die Kollegen

Orpheus bei den Zombieblondienen (FR)

Orpheus als begehbarer Parcours (DLF)

Eurydice unter der Dusche (Ruhrnachrichten)

 

 

Premiere: 15. August 2015

Besuchte Vorstellung: 16. August 2015

Zum Programm der Ruhrtriennale gehören jedes Jahr auch hochkarätige Ballett-Gastspiele. Als Uraufführung ist diesmal auf der Essener Zeche Zollverein „Model“ von Richard Siegal zu sehen. Dabei handelt es sich um eine Koproduktion mit dem Bayerischen Staatsballett, dem Festspielhaus St. Pölten und dem Muffattwerk München.

Das Publikum der Triennale bejubelt so ziemlich alles, was es vorgesetzt bekommt, diesmal aber mit Recht. Richard Siegal Choreographie sieht man an, dass er von 1997 bis 2004 Mitglied der Forsythe Company war, denn seine eigene Arbeit erinnert stark an Klassiker von William Forsythe wie „In the niddle, somewhat elevated“ oder „The second detail“.

Kleiner Schwachpunkt des Abends ist seine Gliederung, denn der 24-minütige Teil vor der Pause „Metric Dozen“ ist deutlich besser ist als der vierzigminütige zweite Teil „Model“. Der Beginn des ersten Teils ist ein faszinierendes Spiel mit Scheinwerferkegeln. Diese blenden kurz auf und man sieht kurz eine posierende Tänzerin. Darauf folgt ein Blackout und wenige Sekunden später steht die Tänzerin in einem anderen Scheinwerferkegel. Mehrfach wechseln auch die Tänzerinnen oder ihre Zahl vervielfacht sich.

Danach folgt ein dichtes Zusammenspiel zwischen metallisch harten Klängen von Lorenzo Biachni Hoesch und Richard Siegals energiegeladener Choreografie: Die Tänzer stolzieren, posen oder wiegen sich in den Hüften. Mal laufen die Bewegungen synchron ab, dann wiederum versetzt und gegeneinander laufend. Einen besonders starken Eindruck macht die Tänzerin Katharina Christl mit ihrem coolen Auftreten.

„Metric Dozen“ ist so gut gemacht, dass man erst gar nicht anfängt, sich über die tiefere Bedeutung dieses Stückes Gedanken zu machen. Genau das passiert aber im zweiten Teil „Model“, der mit klassischen Drehungen beginnt und dann immer mehr von flackernden LED-Bildschirmen geprägt ist. Die Bildschirme deuten auf Medienkritik hin, im Programmheft verrät der Choreograph aber, er habe sich von Dante „Göttliche Komödie“ und Sartres „Geschlossene Gesellschaft“ inspirieren lassen. Ist die Medienwelt die Hölle? Man kann die starken Bilder aber auch ohne diese Hintergrundgedanken auf sich wirken lassen und genießen.

Triennale-Besucher seien noch gewarnt, dass dieses Festival es mit der Zeit nicht so ganz genau nimmt. Die Vorstellungen beginnen meist mit fünf- bis zehnminütiger Verspätung, weil die Besucher zu spät in den Saal gelassen werden. Wer mit öffentlichen Verkehrsmitteln anreist, kann sich auch nicht auf die angekündigten Spieldauern verlassen: So wird „Model“ mit einer Dauer von 80 Minuten angekündigt, benötigt aber tatsächlich fast zwei Stunden.

Rudolf Hermes 19.8.15

(c) Ruhrtriennale / Ursula Kaufmann

 

 

Pier Paolo Pasolini

(Mit Musik aus Kantaten von Johann Sebastian Bach)

Premiere: 14.8.2015 Besuchte Vorstellung: 15.8.2015

Tolle Halle, öde Eröffnung

Von der Eröffnungspremiere eines neuen Intendanten der Ruhrtriennale erwartet das Publikum ein starkes Statement für die nächsten drei Jahre, Johan Simons Inszenierung von Pier Paolo Pasolinis „Accattone“ verbreitet aber vor allem Langeweile. Mit der Kohlenmischhalle der ehemaligen Dinslakener Zeche Lohberg

hat Johan Simons immerhin eine neue Spielstätte für das Festival gefunden. Die gigantische Halle mit ihrer Länge von 250 Metern ist wirklich beeindruckend, um als regulärer Festivalschauplatz zu funktionieren, muss hier noch einige Aufbauarbeit geleitet werden, denn noch fühlt man sich in einen Rohzustand zurückversetzt, wie man ihn von der Bochumer Jahrhunderthalle aus den 90er Jahren kennt: So befindet sich das Foyer in einer anderen Werkshalle, von der man sich über frisch aufgeschüttete Schotterwege zur Kohlenmischanlage begeben muss.

Der Aufwand für Ton und-Lichttechnik muss gigantisch gewesen sein, um die Halle bespielbar zu machen. Außerdem wurde eine steil ansteigende Tribüne mit 20 Reihen von je 60 Plätzen errichtet, so dass hier 1200 Zuschauer Platz finden. Das Drumherum ist spektakulär, die Aufführung jedoch nicht.

In „Accattone“ geht es um junge Leute, die keine richtige Arbeit finden wollen. Die Männer schicken die Frauen auf den Strich und schlagen die Zeit tot. Die Langeweile der Figuren überträgt sich aber schnell auf den Zuschauer. Bereits nach 30 Minuten wünscht man sich, dass bald mal was passiert oder die Vorstellung langsam zum Ende kommen könnte, dann folgen aber noch weitere zwei Stunden ödes Theater.

Die Darsteller spielen ihre Figuren natürlich und beiläufig. Selbst Anna Drexler oder Sandra Hüller, die von der Zeitschrift „Theater heute“ ausgezeichnet wurden, fallen nicht besonders auf. Steven Scharf, der den Accattone gibt, darf sich im Laufe des Abends immer wieder auf dem Schotterboden wälzen, so dass er am Ende total verdreckt ist. Übrigens lässt Regisseur Simons die Akteure immer wieder durch den Schotter viel Staub aufwirbeln, der dann zum Chor und Orchester Collegium Vocale Gent geweht wird. Ob das den Stimmen und Instrumenten gut tut?

Der ganze Abend wird nämlich immer wieder mit Arien und Chören aus Kantaten von Johann Sebastian Bach durchsetzt, was dazu führt, dass dieses Stück im Festivalprogramm unter der Rubrik „Musiktheater“ eingeordnet ist. Stardirigent Phillipe Herreweghe, lässt Bachs Musik meist ruhig mit stoischer Gelassenheit erklingen, trotzdem bildet Bachs Musik kleine emotionale Lichtblicke, in dem ansonsten tristen Abend. Nur um Herreweghe und sein Ensemble zu erleben, muss man sich diese Produktion aber nicht anschauen, denn das Collegium Vocale gibt im Rahmen des Festivals auch zwei Konzerte mit Bach-Kantaten.

Eigentlich will Intendant Johan Simmons mit solch einer Aufführung Menschen ins Theater locken, „die sonst nie ins Theater gehen“. Stattdessen ist das übliche Triennale-Publikum angereist und hat Verstärkung von Simons niederländischen Fans bekommen. Die Reaktionen des Triennale-Publikums sind immer wieder überraschend: Während dieser Abend am Düsseldorfer Schauspielhaus vor halbleerem Parkett stattfinden würde und eine Diskussion über die Zukunft des Intendanten auslösen würde, ist die Lohberger Halle ausverkauft und das Publikum spendet tosenden Beifall und trampelt wie wild.

Da fragt man sich: Fanden die Zuschauer diesen öden Abend wirklich so toll, oder gilt der Beifall der Halle, den Schauspielern, die sich im Schotter gewälzt haben oder der Tatsache, dass man zweieinhalb Stunden durchgehalten hat? Traut man sich überhaupt, wenn man 80 Euro für eine Karte ausgegeben hat, zu sagen, dass das man Geld zum Fenster rausgeworfen hat?

Rudolf Hermes 16.8.2015

Bilder Ruhrtriennale, Röder

 

 

Heiner Goebbels:

SURROGATE CITIES

Kraftzentrale des Landschaftsparks Nord in Duisburg

Premiere: 20. September 2014

Besuchte Vorstellung: 21. September 2014

Als komponierender Intendant hat sich Heiner Goebbels bei der Ruhrtriennale mit der Präsentation eigener Werke sehr zurückgehalten: Im letzten Jahr gab es „Stifters Dinge“, nun zeigt er in der Kraftzentrale des Duisburger Landschaftsparks „Surrogate Cities“ mit den Bochumer Symphonikern und Darstellern aller Alterstufen.

Die Komposition aus dem Jahr 1994 ist eine klangliche Annäherung an Großstädte und benutzt auch einen Sampler, der Geräusche beisteuert. So gibt es eine große Suite für Sampler und Orchester, in der die Klänge der Stadt mit dem Sinfonie-Orchester kombiniert und konfrontiert werden.

Die Musik erinnert in ihrem starken rhythmischen Impetus oft an Strawinskys „Sacre de printemps“. Gleichzeitig haben viele Passagen die Energie der Rockmusik, so die Vertonung von Hugo Hamiltons „Surrogate“. Vokalist David Moss entwickelt hier im Zusammenspiel mit dem Orchester eine starke Sogwirkung.

Moss, den man von seinen virtuosen Grunz-, Schnauf-, Ächz – und Hechel-Attacken kennt, die er beispielsweis in Helmut Oehrings „Sehnsuchtmeer“ im Düsseldorfer Opernhaus improvisieren durfte. Diesmal geht er dem Publikum nicht ganz so extrem auf die Nerven wie sonst.

Starke Kompositionen sind die „Drei Horatier-Songs“ auf Texte von Heiner Müller, welche von Soul-Sängerin Joselyn B. Smith interpretiert werden. Die Sängerin stürzt sich mit viel Herzblut in die Musik, welche gleichzeitig Dramatik und Pathos ausstrahlt.

Die tänzerische Umsetzung in der Choreographie von Mathilde Monnier war schon 2008 mit den Berliner Philharmonikern unter Simon Rattle in der Berlin zu sehen. Ausstatterin Annie Tolleter hat eine große Spielfläche entworfen, die auf zwei Seiten von Tribünen mit jeweils 550 Zuschauern umgeben ist. In der Mitte sind die Bochumer Symphoniker unter Steven Sloane platziert, die so Teil des Bühnenbildes werden.

Dass hier Grundschüler, Hip-Hopper, Kampfsportler und ein Tanzsportclub gemeinsam auftreten, ist zwar ein schönes Symbol für das Miteinander der Generationen und den Zusammenhalt des Ruhgebiets. Jedoch fehlt der tänzerischen Umsetzung oft der Biss und die Energie der Musik.

Da bauen die Kinder eine Stadt aus Pappverpackungen oder sie umwandern das Orchester. Die Jugendlich zeichnen auf Papierflächen ihre Schattenrisse oder Körper nach, während die Kampfsportler zu den Horatier-Songs eine Übung abhalten. Das ist alles gut gemeint, wirkt aber nur wie freundliches Kunstgewerbe. Zudem gibt es in jeder Gruppe Unkonzentriertheit und mangelnde Synchronität.

Meist lässt Monnier alle Tänzer eine Gruppe sowie nur für sich agieren. Natürlich soll dies die Vereinzelung in der Gesellschaft widerspiegeln, optisch entstehen aber nur verwuselte Bilder und kein großes Gesamtszenario. Den stärksten tänzerischen Eindruck hinterlassen dann aber die Senioren der Aufführung, nämlich die Damen und Herren vom Tanzsportclub Dortmund e.V..Hier wird dann sogar von einer Gruppe gemeinsam und sogar synchron getanzt.

Geradezu nervig ist das Verhalten des Publikums: Weil viele Verwandte und Freunde der Akteure zuschauen, wird dauernd fotografiert und gefilmt. Die Blitzlichter und Displays lenken dauernd vom Bühnengeschehen ab. Erstaunlich, dass die Platzanweiser und Ordner der Triennale da nicht eingreifen.

„Surrogate Cities“ ist noch am 26. und 27. September in Duisburg zu sehen. Wer die Vorstellung verpasst, kann sich demnächst wahrscheinlich ein Video bei „Youtube“ anschauen.

Rudolf Hermes 23.9.14

Bilder: Ruhrtriennale / Wonge Bergmann

 

 

 

Morton Feldman

NEITHER

Premiere: 6. September 2014

Besuchte Vorstellung: 7. September 2014

Eigentlich will Heiner Goebbels, der Intendant der Ruhrtriennale, im Bereich des Musiktheaters vor allem solche Werke spielen, die auf anderen Bühnen keine Chance haben. Mit Orffs „Prometheus“, Partchs „Delusion of the Fury“ oder Andriessens „De Materie“ ist ihm dies tatsächlich gelungen. Morton Feldmans Anti-Oper „Neither erlebt mit ihrer Premiere in der Bochumer Jahrhunderthalle jedoch ihre dritte Produktion im Rhein-Ruhr-Gebiet innerhalb von gerade einmal fünf Jahren. Damit wird „Neither“ häufiger gespielt als Aubers „Fra Diavolo“ oder Lortzings „Undine“. 

Bei allen bisherigen Aufführungen hat man sich die Frage gestellt, was die Intendanten bewogen hat, „Neither“ auf den Spielplan zu setzen? Der Text von Samuel Beckett erzählt keine Geschichte, sondern ist so kryptisch, dass bisher nie versucht wurde ihn szenisch zu entschlüsseln. Stattdessen greifen Regisseure und Choreographen die Stimmung von Morton Feldmans in Zeitlupe dahinschwebenden und pulsierenden Klängen auf.

Bei „Neither“ kann der Regisseur auf der Bühne jedes nur erdenkliche Spektakel realisieren, ohne dabei etwas falsch zu machen: 2009 hatte Annett Göhre in der Gelsenkirchener Kirche St. Georg auf einem transparenten Vorhang Filme von Tänzern projiziert, 2010 hatte Martin Schläpfer im Düsseldorfer Opernhaus seine gesamte Tanzcompagnie in unzähligen Parallelszenen über die Bühne wogen lassen.

Während in Gelsenkirchen und Düsseldorf die Sopranistin Alexandra Lubschansky stets vom szenischen Geschehen ausgeschlossen war, integriert Romeo Castellucci in Bochum die Sängerin, hier ist es die großartige Laura Aikin, in die Inszenierung und entwickelt dabei starke Bilder.

Denn Castellucci macht genau das, was im Frühjahr bereits in der Programmvorschau der Triennale angekündigt worden war: „Die vielfältig verschränkten Gegensätze im Text (…) transformiert Castellucci in bedrohlich theatralische Bilder voll unaufgelöster Spannung. Es entsteht eine rätselhafte Atmosphäre, die sich an der Intensität (…) des amerikanischen Film noir erinnert.“

Mit einer Vielzahl von Statisten kreiert der Regisseur surrealistische Bilder und kleine Szenen voll bedrohlicher Stimmung: Da findet ein Mord an einem lesenden Mann statt, eine Gangsterbande dringt in ein Haus ein, ein Mädchen wird entführt, die Mutter sucht nach ihrem Kind. Die Angst einer Mutter um ihre Tochter scheint auch die ersten zwei Drittel der Inszenierung zu bestimmen. Manchmal wird die gleiche Szene mit alternativen Enden gespielt.

Für starke Effekte sorgt ein Scheinwerfer, der von einem Kran über dem Dach der Halle geschwenkt wird, was magische Lichträume schafft. Fulminant ist auch das Finale mit einer Lokomotive, die sich in Zeitlupe auf das Publikum zubewegt. Damit das Gefährt auch noch mitten in die ersten Zuschauerreihen fahren kann, wird dann sogar die Tribüne drei Meter nach hinten gefahren. Während bei Schläpfers Düsseldorfer Aufführung, beim Schlussakkord ein erleichtertes Aufatmen durch das Publikum ging, folgt das Publikum in Bochum gespannt und neugierig, lässt sich von Castelluccis Bildern und Morton Feldmans Musik faszinieren.

Besonders viel Beifall gibt es für die Sopranistin Laura Aikin. Sie singt die weitgespannten Melodien ohne außer Atem zu kommen, wodurch die Musik eine meditative Kraft ausstrahlt. Auch Dirigent Emilio Pomàrico und die Duisburger Philharmoniker werden mit viel Beifall bedacht. Grau-silbern schallt die Musik durch den Raum der Jahrhunderthalle und dem Dirigent gelingt das Kunststück, dass die Pausen besonders spannungsvoll klingen.

Mit „Neither“ gelingt der Ruhrtriennale eine sehens- und hörenswerte Produktion einer Anti-Oper, deren Besuch man nur empfehlen kann. Bis zum 20. September ist dazu noch in vier weiteren Vorstellungen Gelegenheit.

Rudolf Hermes 9.9.14

Bilder: Stephan Glagla / Ruhrtriennale

 

Jahrhunderthalle Bochum

I AM

Premiere (deutsche Erstaufführung) am 28.8.2014

Ein Kartenkauf bei der Ruhrtriennale ist immer mit einem gewissen Risiko verbunden. Sofern man den Regisseur einer Produktion nicht einordnen kann, ist es kaum möglich einzuschätzen, was einen in einer der alten Industriehallen des Ruhrgebiets erwartet. Die Werktitel ermöglichen zudem auch nicht immer eine klare Prognose, und manchmal ändert ein Stück von seiner Konzeption bis zur Premiere auch noch gänzlich die Zielsetzung. 

So heißt es in der Jahresvorschau der Triennale, wo „I AM“ in der Rubrik „Theater/Performance“ eingeordnet ist, der Titel „I Am“ „verweist auf die biblische Offenbarungsgeschichte“. Mittlerweile ist das Stück, das bereits in Avignon und Edinburgh gespielt wurde, aber eine „Gedenkfeier“ für die Opfer des 1. Weltkriegs geworden.

Eine durchgehende Geschichte wird nicht erzählt, stattdessen Bilder und Situationen aneinander gereiht. Dabei gelingen Panifasio mit den Tänzern und Sängern seiner Kompagnie „MAU“ immer wieder eindrucksvolle und schöne Bilder. 

 

Da gibt es einen muskulösen Mann, der mit expressiven Gesten seiner Trauer und Verzweiflung Ausdruck gibt. Eine Gruppe von vier Tänzern wechselt mit marionettenhaften Bewegungen immer wieder vom Dunkel in eine Lichtbahn. Eine Frau rezitiert mit rollenden Augen und flatternden Fingern einen Text. Ein hochgewachsener Transvestit im weißen Nachthemd spricht Heiner Müllers „Das Europa der Frau“ und wird dann von 12 Akteuren mit Blut bespuckt.

 

So schnell die 45 Minuten des bildstarken Abends vergehen, so zäh ist das Finale des gut zweistündigen Stückes. Man hat sogar oft den Eindruck, dass Panifasio, der sein Stück im Programmheft als „eine Zeit der Stille“ charakterisiert, mehrfach den passenden Schlusspunkt verpasst hat. Da zerrt das Stück dann doch an den Nerven.

Außerdem würde man sich wünschen, dass dieses Stück, das immerhin in samoanischer, maorischer, arabischer, kiribatischer, javanesischer, französischer und englischer Sprache gesungen und rezitiert wird, mit Übertitel versehen worden wäre. In den Beiträgen des Programmheftes wird deutlich, dass dieser Abend eine Botschaft hat, nur wird diese so metaphorisch-assoziativ umgesetzt, dass sie nicht mehr erkennbar ist.

Das Schlussbild mit einem gekreuzigten Nackten, der von einem projizierten Wasserfall umtost wird, ist wunderschön und versöhnt etwas. Insgesamt ist dieses Stück aber nur etwas für hartgesottene Zuschauer, die sich von einer Aufführung gerne in die Mangel nehmen lassen.

Bis zum 31. August wird „I AM“ noch täglich um 20,30 Uhr in der Bochumer Jahrhunderthalle gespielt. 

Rudolf Hermes 30.8.14

© Ruhrtriennale, Foto: Jörg Baumann, 2014

 

 

 

Gebläsehalle des Duisburger Landschaftsparks

SACRE DU PRINTEMPS

Premiere: 15. August 2014

Besuchte Vorstellung: 17. August 2014 

Im Vorfeld dieses „Sacre“ hatte ich einige Gewissensbisse: Soll ich mir als Vegetarier eine Aufführung anschauen, in der Knochenasche die Hauptrolle spielt? Nach Besuch der Vorstellung in der Gebläsehalle des Duisburger Landschaftsparks muss ich sagen: Die Optik dieser Produktion ist sensationell.

Aus riesigen Behältern lässt Regisseur Romeo Castellucci Knochenasche fallen, macht dies aber mit höchster Virtuosität. Mal rieseln kleine Gaben hinab, dann werden gigantische Staubwolken freigesetzt. Die Maschinen pendeln, fahren und rotieren, um immer neue Staubbilder entstehen zu lassen, die genauestens mit der Musik synchronisiert werden. Dass muss man Castellucci nämlich bescheinigen: Er hat Strawinskys Partitur genauestens studiert und setzt sie perfekt in Bilder um, bei denen jeder Rhythmus stimmt.

Nachdem man sich fast 25 Minuten an den Bildern berauscht hat, wird man dann aber mit der harten Realität konfrontiert: Auf einem weißen Vorhang klären Texteinblendungen über die Herstellung von Knochenasche und ihre Verwendung auf. Selbst wenn man sich bisher an dieser Aufführung begeistern konnte, kommen jetzt wieder die Gewissenbisse: 75 Rinder sind hier zu 6 Tonnen Staubasche verarbeitet worden!

Na gut, ich bin ja Vegetarier denke ich. Dann lese ich aber: Knochenasche wird als Düngemittel in der Landwirtschaft verwendet. Wie vegetarisch ist mein Gemüse da noch? 

Nach dem Verklingen der Musik wird wieder der Blick auf die Bühne freigegeben, wo jetzt Arbeiter in Schutzanzügen und mit Atemmaske die Knochenasche wegschaufeln. Einige Zuschauer spenden Beifall, der aber schnell verebbt. Für wen soll man hier applaudieren? Für den Regisseur, die Technik oder 75 tote Rinder? 

 

DE MATERIE

Premiere: 15. August 2014

Besuchte Vorstellung: 17. August 2014

Danach wartet Louis Andriessens Oper „De Materie“ in der riesigen Kraftzentrale auf mich. Vorher ist noch ein Abstecher zur Kunstinstallation „Melt“ von Rejane Cantoni und Leonardo Crescenti möglich. Metallplatten, die auf Sprungfedern installiert wurden, werden zu einem begehbaren Metallstrom, der an die Geschichte dieses stillgelegten Stahlwerkes erinnern. Einige Besucher hüpfen, einige laufen über den Metallweg, andere bleiben einfach stehen. Eine schöne Erfahrung mit interaktiver Kunst. Bis zum 28. September kann die Installation täglich von 10 bis 23 Uhr besucht und begangen werden. 

In der Kraftzentrale bleiben einige Plätze frei, was wohl daran liegt, dass Andriessen, der in diesem Jahr 75 wurde, in Deutschland ein Unbekannter ist. Während der Aufführung von „De Materie“ wird schnell klar, dass dieses Stück nichts mit einer herkömmlichen Oper zu tun hat. Der Komponist hat historische Texte aus unterschiedlichen Bereichen kombiniert, die nichts miteinander zu tun haben.

Los geht es mit der Unabhängigkeitserklärung der Niederlande von 1581: Dazu hat Ausstatter Klaus Grünberg einige flache Zelte im gigantischen Raum der Kraftzentrale platziert. Darüber kreisen gleich drei kleine Zeppeline. Was das mit dem Text zu tun hat? Keine Ahnung. Im ersten Teil gibt es dann noch eine Anleitung zum Schiffsbau und eine Vorlesung über den Atomismus.

Die Regie hat Triennale-Intendant Heiner Goebbels übernommen. Er macht aber nicht klar, was ihn an diesem Stück gereizt hat, es auf die Bühne zu bringen. Worin seine Regiearbeit bestand, fragt man sich auch, denn die Optik dieser Aufführung wird lediglich von den beeindruckenden Bildern Grünbergs bestimmt. Das szenische Geschehen ist sparsam wie die Musik, die sich innerhalb eines der vier Teile kaum entwickelt. Wenn man mal zwei bis drei Minuten hingeschaut hat, weiß man was in den nächsten 20 Minuten passiert.

Im zweiten Teil besingt eine Nonne aus dem 13. Jahrhundert ihre erotischen Sehnsüchte, im dritten Teil singt der Chor den Text eines Mathematikers über eine „vollkommen gerade Linie“. Dazu hat Andriessen einen minimalistischen Boogie-Woogie mit Anklängen an Steve Reich komponiert. Das Programmheft verrät, dass die Instrumentation von einem Bild Piet Mondrians inspiriert wurde. Immerhin ist diese Musik das abwechslungsreichste Stück des Abends.

Im vierten Teil vertont Andriessen ein Sonett des niederländischen Dichters Willem Kloos, wozu Heiner Goebbels eine ganze Schafherde über die Bühne laufen lässt. Für jedes „Mäh“ gibt es einen Lacher aus dem Publikum.

Auch wenn sich das Konzept dieses Stückes nur schwer erschließt, bestechen die Bilder Klaus Grünbergs durch ihre Schönheit, die gut mit der Musik korrespondieren, auf die man sich leicht einlassen kann. Mal schreibt der Niederländer härtere Klänge und die 144-fache Wiederholung des Anfangs-Akkordes am Beginn der Oper ist auch nicht nach jedermanns Geschmack. Dennoch besitzt seine Musik einen herb-schönen Reiz, der einen immer wieder fasziniert. Das „Ensemble Modern Orchester“ unter der Leitung von Peter Rundel bringt das schön auf den Punkt und spielt mit atmosphärischer Dichte auf.

Trotz aller Rätselhaftigkeit wird die Aufführung vom Publikum mit getrampelten Beifall gefeiert, dem ich mich nicht anschließen kann.

 

 

VERKLÄRTE NACHT

Premiere: 16. August 2014

Besuchte Vorstellung: 17. August 2014

Den Abschluss dieses Kultur-Marathons bildet am Abend schließlich Anne Teresa De Keersmakers Choreographie zu Arnold Schönbergs „Verklärte Nacht“.

Die Belgierin bleibt bei der Geschichte um eine Frau , die ihren Mann nicht verlieren will, obwohl sie von einem anderen ein Kind erwartet. Sehr dicht ist das Zusammenspiel von Bewegung und Musik. Expressiv und Verzweifelt tanzt Samantha van Wissen die Frau, Bostjan Antonovic gibt den Mann mit abweisender Eleganz.

Zwar dauert diese Aufführung gerade einmal 40 Minuten, man erlebt aber ein gelungenes Handlungsballett, das ohne klassische Posen auskommt und trotz seiner hohen tänzerischen Anforderungen ganz natürlich wirkt. 

Das Resümee dieses Tages:

„Sacre du Printemps“ ist sensationell. So wird man Strawinskys Klassiker nicht noch einmal erleben! Einige der Vorstellungen bis zum 24. August sind schon ausverkauft.

„De Materie“ ist ein rätselhaftes Stück in schönen Bildern. Hier kommen Opernsammler auf ihre Kosten, die gerne Raritäten sehen. „Verklärte Nacht“ wäre unbedingt empfehlenswert, ist aber schon abgespielt. 

Rudolf Hermes 10.8.14

 

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