DER OPERNFREUND - 50.Jahrgang
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GRAND HOTEL

Premiere: 28. Juli 2017

Nach Vicki Baums Roman „Menschen im Hotel“

Es gibt Musicals, die es einfach nicht bis nach Wien schaffen – „Grand Hotel“ zum Beispiel, vor ein paar Jahren in Linz, ist jetzt in Baden bei Wien noch ein Stückchen näher gerückt, mehr wird es wohl nicht werden. Und wenn man es sehen will, muss man hierher fahren. Was sich durchaus lohnt – wenn auch nicht um des Werks selbst willen.

Woran liegt das? Nun, die Sache ist einfach nur ganz routinierte Konfektion, eine Vorlage, die im Glücksfall – wie diesmal – einiges von sich her machen kann, aber letztlich nicht von der Substanz lebt, sondern nur von der Interpretation abhängig bleibt. Weder ein total flaches Libretto noch eine gänzlich uninspirierte Musik ohne den geringsten Ohrwurm und den geringsten zündenden Einfall machen „Grand Hotel“ zu dem, was es sein könnte…

Dabei hätte es die Vorlage in sich. 1929 hatte Vicki Baum, die geschickte Wienerin mit der großen Berliner Karriere, die Großmeisterin der Kolportage, mit „Menschen im Hotel“ einen ihrer größten Erfolge. Alles drin – die alte Tänzerin, der Graf, der auch ein Dieb ist, der brutale, angeberische Industrielle, der sterbende Buchhalter und schließlich das kleine Mädchen mit den großen Träumen von Hollywood… Das alles im verrotteten und finanziell wie moralisch in sich zusammen brechenden Berlin von 1928 – da war Hollywood schnell dabei.

„Grand Hotel“ 1932 war ein Garbo-Film, so sehr, dass man sich kaum gemerkt hat, dass an ihrer Seite Joan Crawford (nicht so ideal besetzt) das arme kleine „Flämmchen“ spielte und sich gleich zwei Barrymores in der Besetzung fanden. Die deutsche Verfilmung 1959 war zumindest in den Männerrollen (O.W.Fischer elegant und melancholisch, Gert Fröbe als der hässliche Kapitalist, Heinz Rühmann als der rührende sterbende „kleine Mann“) noch stärker. Und dann musste eben das Musical kommen, ab 1989 am Broadway, 1992 in London, aber so richtig um die Welt ging es nicht. Das Buch von Luther Davis und die Musik von Robert Wright, George Forrest und Maury Yestonzu eigenen Songtexten (viele Köche haben den Brei nicht wirklich schmackhaft gemacht) sind einfach zu dürftig.

Doch es ist ein mitreißendes Tanzmusical, wenn man es richtig auf die Bühne bringt, und Baden (wo man trotz Sommers hier im Stadttheater und nicht in der Sommerarena spielt) hat sich mit Regisseur Werner Sobotka den ausgewiesenen Fachmann für das Genre geholt, der die richtige Entscheidung traf, das Ganze in eindreiviertel pausenlosen Stunden geradezu über die Bühne zu jagen. Er weiß auch, welchen Raum der der Choreographie einräumen muss: Bei Natalie Holtom läuft es mit dem Hotelpersonal zicke zacke flott, und das Ensemble (dann immer auch in Mini-Rollen eingesetzt) tanzt sich Beine werfend und temporeich schier die Seele aus dem Leib. Das ist es, was den Abend fraglos immer weiter treibt und verhindert, dass das Publikum zum Denken kommt.

Denn die Szenen mit dem zentralen Darsteller-Quintett bleiben flach, aber dafür hat man ja seine Besetzungen, um dem entgegen zu wirken. Und Wiener Theaterfreunde werden zweifellos nach Baden pilgern, um den raren Fall zu genießen, dass eine Schauspielerin, die auch eine vorzügliche Sängerin ist, eine Rolle in zwei Versionen gestaltet.

Denn Sona MacDonald hat die Elsaweta Gruschinskaja, die alternde Ballerina (bei der man unweigerlich an Margot Fonteyn denkt…) schon im März vorigen Jahres an ihrem Josefstädter Stammhaus gespielt, genauer, in den Kammerspielen, wo eine Dramatisierung von „Menschen im Hotel“ in Szene ging. Die Theaterfassung (Regie: Cesare Lievi) gab ihr die Möglichkeit, die Demontage der Figur, die Tragödie des Alters, die herzzerreißende Sehnsucht nach noch einmal Liebe, noch einmal Erfolg gnadenlos und ohne jeglichen Schönheits-Effekt auszuspielen… Im Musical sind die Anforderungen anders, das ist wie Kino, das verlangt glatte Klischee, die gefällige Tragik.

Man kann auf YouTube sehen, wie 1991 Leslie Caron als ätherische Gruschinskaja durch die Berliner Aufführung im Theater des Westens schwebte, wunderbar – aber singen konnte sie so etwas von nicht! Sona MacDonald sieht vielleicht nicht ganz wie eine Ballerina aus, wohl aber wie eine Diva, sie tremoliert die Rolle absolut herrlich (man muss sie in diesem Rahmen tremolieren, anders geht es gar nicht, auch die Garbo tat es auf der Leinwand) – und sie singt wunderbar. Es ist schon etwas Besonderes – eine Schauspielerin / Sängerin, die zweimal dieselbe Rolle mit den jeweils so anderen Anforderungen so fabelhaft bewältigt. Sie ist das funkelnde Juwel dieser Aufführung.

Und Bettina Mönch als „Flämmchen“ ist die Bombe, die ununterbrochen explodiert und kein Unheil anrichtet, sondern nur für atemberaubendes Tempo und sogar ein wenig für ein Schicksal sorgt. Man hat die Darstellerin weniger aus den „Producers“ (2008 im Ronacher), sehr stark aber aus der Volksoper in Erinnerung, wo sie zu Saisonbeginn in „Axel an der Himmelstür“ ihre perfekte Zarah-Leander-Version abgeliefert hat. Hier ist sie nicht die Diva, sondern das Musical-Pendant der Soubrette, unendlich gelenkig und ein Hingucker im kurzen roten Kleidchen (mit Traumfigur, als sie sich von dem lüsternen Generaldirektor Preysing ausziehen lassen muss), ein Schicksal, das tapfer mit hektischer Fröhlichkeit über sein Elend hinwegsingt und –tanzt. Die zweite Besetzung des Abends, um derentwillen man sich in Richtung Baden bei Wien in Bewegung setzen sollte.

Der Rest ist so gekonnt und routiniert wie die Inszenierung, wobei ein armer Otto Kringelein alle Herzen gewinnen muss, wenn er sein Schicksal so berührend offeriert wie Hannes Muik. Als Baron spielt Julian Looman mehr den eleganten Charmeur als den Mann, der über dem Abgrund tanzt. Martin Berger ist ein zurückhaltender Preysing, Wolfgang Pampel kommentiert als einäugiger Oberst das Geschehen auf der Bühne, Katja Berg sticht als lesbische Sekretärin der Tänzerin hart ins Ohr, und einer Schar von Nebenfiguren wird eiserne Präzision abverlangt, die sie perfekt auf die Bühne bringen.Das Orchester ist hinter der Szene verortet, Michael Zehetner leitet die Begleitmusik – und der Abend tanzt über alles hinweg, was an der Vorlage dürftig ist. Mit großem und verdientem Erfolg.

Bilder (c) Bühne Baden

Renate Wagner 18.8.2017

 

 

VICTOR / VICTORIA

von Blake Edwards und Henry Mancini

am 12.3.2017

Es fing alles an mit einem deutschen Film namens Viktor und Viktoria, der 1933 sogar Gnade vor den Augen des Völkischen Beobachters fand. 1982 brachte Blake Edwards ein äußerst erfolgreiches Remake (mit seiner Gattin Julie Andrews) in die Kinos, und 1995 folgte eine nicht minder umjubelte Musical-Version am Broadway.

Als letzte Produktion der Intendanz von Sebastian Reinthaler hievte die Regisseuse Alexandra jetzt Victor/Victoria auf die Bühne des Stadttheaters Baden, und es handelt sich dabei – das sei vorausgeschickt – um eine rundum geglückte Inszenierung.

In der Titelrolle der Sängerin, die sich als Mann verkleidet, der sich als Frau verkleidet, glänzt wieder einmal Bettina Mönch, in Wien bekannt und beliebt seit ihrer „Ulla“ in „The Producers“ und zuletzt zu sehen als in „Axel an der Himmelstür“ an der Volksoper. SIe verfügt ja, wie man weiß, nicht nur über eine tolle Stimme und eine perfekte Diktion, sondern auch über die längsten Beine Mitteleuropas. Alle ihre Assets zusammen stellt sie hier rückhaltlos in den Dienst dieser turbulenten Verwechslungskomödie.

Als ihr Macho-Lover King Marchan, der angesichts seines „Flugerls“ auf diese ambivalente Kreatur sehr an seiner Gangster-Männlichkeit zu zweifeln beginnt, macht Matthias Kostya eine hervorragende und glaubwürdige Figur. Ab und zu kann es vorkommen, dass den beiden Elisabeth Ebner als blondierte Tussi Norma (wer denkt da nicht an Norma Jean ?) glatt die Show stiehlt. Denn die Ebnerin ist einfach eine Wucht, eine Naturgewalt, eine Energiebombe, die dieses Trutscherl – ohne je zu outrieren – mit einer Fülle von (auch schrillen) Tönen, Gesichtsausdrücken, Gesten und Körperhaltungen ausstattet, das es einen nur so mitreißt.

Ebenfalls – bis in die kleinsten Details – absolut großartig Martin Niedermair als die alte herzensgute Tunte Toddy, die „Victor“ überhaupt erst erfindet und am Ende sein Glück mit dem sich outenden Gangster-Bodyguard Squash (genauso überzeugend: Artur Ortens) findet. Überhaupt gibt es in dem ganzen Ensemble, selbst bei bösestem Willen, keine Schwachstellen zu entdecken. Also seien gerechterweise auch noch Franz Josef Koepp, Alexander Kuchinka und Alexander Mueller erwähnt. 

Unterstützt werden die Protagonisten von einem der großen Atouts des Stadttheaters Baden, dem Ballett. DIe ausnahmslos schlangenhaft agilen, spagatkundigen, liebreizenden und entzückenden, unentwegt lächelnden Tänzerinnen und Tänzer sind auch in dieser Produktion mit sich nicht schonendem Einsatz bei der Sache und sind sich sogar nicht zu schade, Requisitenabtransporte tänzelnderweise zu erledigen. EIne Augenweide.

Eine Ohrenweide hingegen das unter der Leitung seines Chefs Franz Josef Breznik schwungvoll und beschwingt bigbandmässig aufspielende Orchester der Bühne Baden.

Gar keine Einwände ? Nun ja, wenn man unbedingt will, kann man feststellen, dass Victor/Victoria musikalisch vielleicht nicht das beste Musical ist, das je geschrieben wurde, und dass die ganze Geschichte – mit thematischen Zitaten aus „Käfig voller Narren“, „Tootsie“, „Some like it hot“ und einigen Shakespeare-Komödien – ein wenig banal und irgendwie „pointless“ ist. Sodass dann unterm Strich so etwas wie eine familientaugliche Regenbogenparade aus dem Prä-Conchita-Zeitalter mit kitschigem Happy-End herauskommt…Aber was solls…es ist ein äußerst vergnüglicher, hochprofessioneller, in jeder Hinsicht gelungener Abend..dessen Besuch(noch bis 25.März) nur wärmstens anempfohlen werden kann…

PS: wenn ich dieser ohnehin schon so wahnsinnig positiven Besprechung noch eine Beobachtung hinzufüge, möchte ich nicht, dass sie den Badenern zu Kopf steigt: aber wenn man sich auf youtube die Aufzeichnung der Broadway-Premiere zu Gemüte führt, so wirken auf den ersten Blick zumindest die Kostüme (Friederike Friedrich) und die Choreographien (Marcus Tesch) in der „provinziellen“ Kurstadt weitaus geschmackvoller und passender und origineller als in der Metropole New York…

Copyright (c) Christian Husar / Bühne Baden

Robert Quitta 14.3.2017

Besonderer Dank an unseren Kooperationspartner MERKER-online (Wien)

 

 

 

Johann Strauß

DER CARNEVAL IN ROM

Vorstellung am 5.1.2017

Operetten-Rarität in Baden

TRAILER

Die Operetten-Metropole Baden, die immer wieder auch selten gespielte Werke auf ihrem Spielplan hat, nahm sich nun im Stadttheater einer Rarität von Johann Strauß an: „Der Carneval in Rom“. Seine zweite Operette hatte im Jahr 1873 im Theater an der Wien ihre vom Publikum und der Presse bejubelte Uraufführung. Seit 2004 steht sie auch an der Staatsoperette in Dresden auf dem Programm.

Der Inhalt der Operette, deren Libretto Joseph Braun nach der Komödie Piccolino von Victorien Sardou schrieb, wobei die Gesangstexte Richard Génée verfasste: Marie, ein junges Mädchen aus einem Kärntner Bergdorf, wartet seit einem Jahr auf den Maler Arthur Bryk.

Er hat sie auf seiner Durchreise nach Italien gemalt und ihr die Ehe versprochen. Die beiden reisenden Maler Hesse und Raffaeli haben sich in amouröser Absicht auf die Fersen des Grafenpaares Falconi geheftet. Von ihnen erfährt Marie, dass Bryk sich in Rom aufhält, worauf sie ihm als junger Mann verkleidet nachreist. – Im Trubel des Carnevals in Rom treffen sich alle Beteiligten wieder. Nach Verwicklungen und Täuschungen gelingt es Marie, Arthur Bryk von ihrer unabdingbaren Liebe zu überzeugen. Im Römischen Carneval, der sie in seinem heiteren Sog mitreißt, werden sie ein Paar.

Monika Steiner gelang zur mitreißenden Musik eine flotte Inszenierung, wobei sie die Idee hatte, während der Ouvertüre Marie als alte Dame mit Stock ihren Enkelkindern das verwaiste Atelier ihres verstorbenen Ehemannes, des berühmten Malers Arthur Bryk, zeigen zu lassen. Die Handlung der Operette läuft danach als Erinnerung an ihre große Liebe ab. Die pompöse Ausstattung der Bühne mit vielen großen Werken des Malers und der Ansicht eines römischen Klosters schuf Friedrich Despalmes. Für die kreative Choreographie der vielen Tanzszenen des – wie immer großartigen – Balletts der Bühne Baden sorgte Michael Kropf.

In der Rolle der Marie begeisterte die junge slowenische Sopranistin Jerica Steklasa sowohl stimmlich wie schauspielerisch, wobei sie besonders in ihrer Verkleidung als junger Mann Pepino durch ihre burschikose Art zu gefallen wusste. Man darf ihr ohneweiters eine große Karriere prophezeien. Erst kürzlich wurde sie vom Fachmagazin Das Opernglas zum Publikumsliebling in der Sparte „Debut“ bezeichnet.

Der Wiener Tenor Sebastian Reinthaller, seit 2014 Künstlerischer Leiter der Bühne Baden, brillierte als Maler Arthur Bryk vor allem durch seine kräftige Stimme und seine starke Bühnenpräsenz. Mit viel Humor stattete er seine Rolle in der Szene als verkleideter Kapuzinermönch aus. Mit Sinn für subtile Komik agierten auch der britische Tenor Stephen Chaundy und die in Krems geborene Sopranistin Barbara Payha als Graf und Gräfin Falconi, die ihren Ehestreit auf köstliche Art und Weise zelebrierten. Er gipfelte darin, dass der gehörnte und ewig eifersüchtige Ehemann seine leicht verführbare Gattin in ein Kloster zu sperren beabsichtigt. Gesanglich bot vor allem Barbara Payha mit ihren Koloraturen eine exzellente Leistung.

Für viel Gelächter sorgten auch der Wiener Bariton Sebastian Huppmann und der Wiener Buffo-Tenor Beppo Binder in den Rollen der Maler Robert Hesse und Benvenuto Rafaeli. Ebenso die Kärntner Schauspielerin Kerstin Raunig als Braut Therese und Nonne Sofronia sowie der Wiener Bariton Michael Fischer als Bauernbursch Toni und Kellner Enzio.

Dem Orchester der Bühne Baden gelang es unter der Leitung von Franz Josef Breznik, die musikalisch launige und schmissige Partitur, die von großer Vielfalt geprägt ist, in allen Nuancen wiederzugeben. Das begeisterte Publikum dankte allen Mitwirkenden mit lang anhaltendem Applaus. Baden wurde einmal mehr seinem Ruf als Operetten-Metropole Österreichs gerecht.

Bilder (c) Theater Baden / Christian Husar

Udo Pacolt 8.1.2017

Besonderer Dank an unseren Kooperationspartner MERKER-online (Wien)

 

OPERNFREUND-CD-TIPP

 

 

DAS FEUERWERK

Premiere: 14. Dezember 2013,

besucht wurde die Nachmittagsvorstellung am 15. Dezember 2013 

O mein Papa...

„Feuerwerk“ ist das Zwitterwerk einer Spätzeit, nicht mehr Operette, aber auch nicht Musical, als „musikalische Komödie“ ganz richtig bezeichnet, „holprig“ entstanden, wie man im Programmheft des Stadttheaters Baden nachlesen kann, dann aber 1950 doch auf die Bühne gekommen und seither nicht mehr verschwunden. Teils wegen der witzigen, eingängigen Musik von Paul Burkhard. Teils, weil er erkannt hat, was in einem schlichten Lustspiel eines Züricher Bürgers steckte, das „Der sechzigste Geburtstag“ hieß.

Die Konfrontation der „braven“ und unerträglichen Bürgerwelt, die am Beginn des ersten Aktes so ausführlich entfaltet wird, mit der Zauberwelt des Zirkus als Symbol des „Anderen“, funktioniert nämlich unweigerlich. Zumal zwei berühmte Rollen, der Zirkusdirektor Alexander Obolski und seine Gattin Iduna, nur richtige besetzt werden müssen, um den Erfolg zu garantieren.

Im Stadttheater Baden besetzt man elegante Herren von gestern immer gern mit Kurt Schreibmayer, der erfahrungsgemäß beste Figur macht, auch wenn er gesanglich mitunter schwächelt. Und für die Iduna hat man sich gewissermaßen eine Pointe ausgedacht. Noch vor etwas mehr als zwei Jahren wäre der Name Dagmar Schellenberger hierzulande kaum jemandem ein Begriff gewesen, doch ihre Kürung zur Intendantin von Mörbisch und ihre heiß umstrittene erste Saison (nicht gerade ein Erfolg) und die noch heißer umstrittene nächste haben ihr jede Menge Publicity gebracht. Nun, die Dame hat einen Zweitberuf, wenn’s auf die Dauer nicht klappt mit der Intendanz, kann sie immer noch – wie in ihrem früheren Leben – als Sängerin reüssieren. In Baden geht man vermutlich davon aus, dass viele kommen, um sich die medial so präsente Intendantin als Iduna anzusehen…

Sie versteht, sich in Szene zu setzen, rot das Kleid, blond die Locken, divenhaft das Auftreten. Und eine Opernsängerin wie sie hat keine Probleme, in dem doch recht kleinen Haus „O mein Papa“ und andere Schlager zu singen, die jeder mitsummt. Was an Dagmar Schellenberger seltsam anmutet, ist die absolute Künstlichkeit von allem, was sie tut – sie macht in Charme, macht in Souveränität, macht in Herzlichkeit, macht in Eleganz, und irgendwie glaubt man ihr nichts wirklich. Besonders schlimm, was sie als „Akzent“ darbietet, der wohl französisch gedacht ist, aber irgendwie immer wieder in eine Art von undefinierbarem Kauderwelsch abrutscht. Die genuine Bühnenpersönlichkeit, die kommt und ein Publikum erobert, ist Dagmar Schellenberger nicht. Nur mit einiger spürbarer Anstrengung gelang es ihr, die willigen Besucher der ausverkauften Nachmittagsvorstellung dann doch noch einzufangen…

Baden besetzt stets – mit Blick auf Wien – so gut wie möglich, und für den kränklichen Onkel Gustav, der am Ende als Clown zum Zirkus geht und dabei gesundet, gibt es gar keine idealere Besetzung Heinz Zuber, der als Clown die volle Glaubwürdigkeit mitbringt: „Enrico“ jubelte das Publikum verzückt. Der braucht nichts „machen“, der hat alles von selbst.

Die Geschichte ist bekannt – rund um den 60. Geburtstag von Papa (Franz Josef Koepp) lädt Mama (Ingrid Habermann) die ganze Familie ein. Es kommen drei Tanten, Gabriele Schuchter als die Mondäne, Michaela Mock als die Doofe und Sylvia Rieser als die Zickige, mit ihren Angetrauten, dem besagten Heinz Zuber, Walter Schwab und Beppo Binder. Und dann erscheinen unangesagt die Obolskis, der Bruder, der einst zum Zirkus ging, und seine spektakuläre Frau, der die Onkel im gleichen Maß verfallen wie die Tanten sich empört aufplustern.

Weiters gibt es ein Töchterchen (Katrin Fuchs, hübsch, reizend, aber nicht sehr gut bei Stimme), das kurz vom Zirkus träumt, und einen Gärtner (Andreas Sauerzapf, mit schwärmerischem Tenor sehr gut bei Stimme), der sie bei der Bürgerlichkeit zurückhält. Der Rest ist eine Köchin, die schauerlich singen soll (was Katharina Dorian überzeugend erledigt, nicht nur in ihrer Cissy-Kraner-Parodie).

Der Abend wird von Regisseurin Karina Fibich sowohl in den Szenen um den bürgerlichen Mittagstisch wie in den halb traumhaften Ausrutschern in die Zirkusarena bestens zusammen gehalten, das ist absolut unaufdringliche Qualitätsarbeit in der geschmackssicheren Ausstattung von Roswitha Wilding-Meisel, die jeden an diesem Abend zur Geltung kommen lässt. Choreografin Rosita Steinhauser sorgt für das geschmeidige Einfügen von Zirkusszenen, wobei die Tänzer einspringen müssen, weil es keine echte Zirkuseinlage gibt. Michael Zehetner sorgt für die Ohrwürmer aus dem Orchestergraben, und „Feuerwerk“ hat wieder einmal gezündet.

Renate Wagner 16.12.13

 

 

JESUS CHRIST SUPERSTAR
 

Premiere: 10. August 2013

Seit einigen Jahren verlängert Baden seine (um eine Operette gekürzte) Sommersaison durch eine zusätzliche Musical-Premiere, die im August allerdings wieder im Stadttheater und nicht mehr in der Sommerarena stattfindet. Vielleicht, weil Musical-Lautstärken zu „nächtlicher Ruhestörung“ führen könnten…

Unter den „Oldies“, die man bei solchen Gelegenheiten auf den Spielplan setzt, ist man diesmal bei „Jesus Christ Superstar“, dem abendfüllenden Erstling von Andrew Lloyd Webber gelandet, damals noch zusammen mit Tim Rice geschaffen, den er später, nach der Trennung, nie völlig gleichwertig ersetzen konnte. Mit diesem Musical, das sie „Rock Oper“ nannten, sind sie 1971 schlagartig berühmt geworden. Jesus, der den Hippies schon Haartracht, wallende Gewänder und Sanftmut geliefert hatte, kam hier nun als Hippie-Rocker auf der Bühne.

Das war damals genau die richtige Zeit dafür. Jesus als leblose christliche Ikone wurde auch hierzulande in Frage gestellt – in diesem Jahr 1971 schickte auch Wolfgang Teuschl den „Jesus und seine Hawara“ in die Tiefen des Wiener Dialekts, und Adolf Holl fragte nach „Jesus in schlechter Gesellschaft“ (Wanderprediger ohne Heiligenschein), was ihn schließlich sein Priesteramt kostete. Wenn Webber / Rice aus Jesus einen „Superstar“ machten und zu Rock-Klängen über die Bühne jagten, schlug das zeitgeistig punktgenau ein, ergab einen herrlichen Bürgerschreck, Schocker und logischerweise Erfolg. Heute? Heute hat Baden damit sein sommerliches Pop-Oberammergau, zumal in einer so braven Inszenierung.

Natürlich macht Robert Herzl äußerlich nichts wirklich falsch. An der Ausstattung von Pantelis Dessyllas beispielsweise ist wirklich gescheit, dass er das Orchester in zwei hohe Holzverschläge links und rechts auf die Hinterbühne setzt – der Krach, den zumal dieses Werk in den meisten Szenen (es gibt ein paar „stille“ Momente, aber nur ein paar) programmatisch machen muss, würde sonst die Sänger (trotz Gesichtsmikrophone, trotz gelegentlicher Zusatzmikrophone) vermutlich untergehen lassen: So kann Franz Josef Breznik loslegen lassen, und man hört sie. Auf Englisch, und nicht durchwegs in bestem Englisch. Aber diese Geschichte von Jesus’ letzten Tagen ist im christlichen Abendland Allgemeingut: Da weiß jeder, was los ist, auch wenn er akustisch nichts versteht.

Pantelis Dessyllas hat ein Riesentor hinten in die Mitte gebaut, durch das man immer wirkungsvoll einziehen kann, und den verlorenen Bühnenraum durch das überdeckte Orchester und bekletterbare Podeste vor den Seitenlogen wett gemacht. So zieht er das Geschehen nach vorne, zumal die Tanzszenen (Choreografie Michael Kropf), und es müsste demgemäß alles in bester Ordnung sein.

Aber ganz geht die brave Umsetzung des doch großteils so frech gemeinten Werks nicht auf, und auch wenn es nur zwei knappe Spielstunden sind, zieht sich das Ganze. Zumal, wenn in Gestalt von Darius Merstein-MacLeod kein jugendlicher Superstar auf der Bühne steht, sondern ein verdienter Operettenkünstler, der einem Kammersänger viel näher ist als einem glaubhaften Rock-Jesus. Chris Murray als Judas fetzt einigermaßen kompetent herum, ist auch der einzige der Besetzung, der mit der Besonderheit des hier verlangten Gesangsstils – die bewusst immer wieder kippende, kreischende Stimme – zurecht kommt: Die anderen kriegen es nicht wirklich hin. Thomas Markus darf die genuine Musical-Szene des spottenden Herodes in Boxershorts einigermaßen amüsant gestalten – so wie hier wäre ein bisschen mehr Mut und Pepp angesagt gewesen. Erwin Windegger ist ein so seriöser Pontius Pilatus, als spielte er im Drama. Die hübsche Maria Magdalena der Karin Seyfried bleibt blass. Der Rest, ob Solisten, ob Chor, selbst Tänzer (außer sie dürfen im „echten“ Musical-Stil agieren, der ist allerdings nur zweimal, bei der Szene des Herodes und der letzten des Judas, gefragt) sind schlicht lebende Dekoration ohne Ausdruckskraft.

Kurz, es ist Robert Herzl nicht wirklich gelungen, der Sache Leben einzuhauchen, eine Art fahler Temperamentlosigkeit liegt über dem Ganzen. Andererseits – wie sagen die Engländer? „It makes no sense flogging a dead horse.” Dass dieser „Jesus” in Superstar-Version heute noch wirklich und wahrhaftig zu revitalisieren ist, müsste erst bewiesen werden. Das Ganze schmeckt hier jedenfalls gewaltig schal und gestrig.

Renate Wagner 11.8.13                                      Fotos: Christian Husar

 

 

DER OPERNBALL   (Richard Heuberger)


Barbara Payha und Thomas Sigwald / Julia Koci und Matjaž Stopinšek
Fotos: Stadttheater Baden, Christian Husar


Premiere: 12. Juli 2013 in der Sommerarena / Baden

„Der Opernball“ scheint zwar regelmäßig alle paar Jahre (oder Jahrzehnte) im Spielplan der Volksoper auf (einmal sang sogar die junge Angelika Kirchschlager den flotten Kadetten), aber sonst wird diese Operette von Richard Heuberger (er ist übrigens 1914 gestorben, also fast eine Jubiläumshuldigung in Baden) selten gespielt.

1898, also ein knappes Vierteljahrhundert nach der „Fledermaus“ uraufgeführt, sind die Anleihen am Vorbild gewaltig – nur musikalisch ist nicht ganz so viel los. Eine Menge guter, gekonnter Musik, aber eigentlich nur ein definitiver Hit: „Komm mit mir ins Chambre Separée“ – das summt man einfach mit, das Orchester unter Oliver Ostermann machte es leicht.

In Erinnerung hat man auch die Verfilmungen, vor allem jene von 1956 – weniger wegen der Glanzbesetzung der Herren mit Johannes Heesters und Josef Meinrad als wegen Hans Moser und Theo Lingen… da lacht man noch in der Erinnerung Tränen.

Nun ist der „Opernball“ an einem kühlen Abend in der Sommerarena in Baden gelandet und vom Publikum warm aufgenommen worden, obwohl das Regie-Team Volker Wahl / Michaela Ronzoni in der nicht sonderlich inspirierten Ausstattung von Stefanie Stuhldreier (am besten gelang noch der dritte Akt in der Küche der Herrschaftsvilla) nicht eben ein überwältigendes Feuerwerk guter Laune entfachten. Die nötige Spritzigkeit entfaltete sich am ehesten, wenn das von Michael Kropf witzig und ironisch geführte Ballett agieren durfte.

Immerhin hatte man in Baden mit hier bekannten Publikumslieblingen gut besetzt (und wenn einem Tenor mal die Stimme davonläuft, ist es zwar keine Freude, aber es kann passieren). Matjaž Stopinšek als der mächtige und Thomas Sigwald als der schmächtige Tenorheld (bezogen auf die Staturen…) waren spitzbübisch zum Ehebruch entschlossen, der nicht gelang, Elvira Soukop spielte den Kadetten nett, mit den Stimmfreuden war es nicht so weit her.


Heinz Zuber und Edith Leyer / Julia Koci und Elvira Soukop

Bei den Damen dominierte Julia Koci (die ja auch in der Volksoper eine wirklich witzige, höchst präsente Frau Luna gewesen ist) als intrigantes Stubenmädchen, Gabriele Kridl nützte ihre Chancen als vergnügte Halbwelt-Dame, Frauke Schäfer und Barbara Payha gaben die Ehefrauen.

Stark war das komische Paar mit Edith Leyrer als wahrem Drachen (mit Sandrock-Tönen) und Heinz Zuber als ihrem verzweifelt durchs Leben tänzelnden Gemahl – immer auf der Suche nach ein bisschen Freiraum – besetzt. KS Josef Forstner (assistiert von Robert Sadil) kann man wohl kaum vorwerfen, nicht Hans Moser zu sein, aber die große „Kabarett“-Nummer ist sein Oberkellner nicht geworden. Das Publikum ließ sich – wenn auch leicht fröstelnd – seinen programmierten Sommerspaß nicht nehmen. Bester Gag des Abends: „Man kann sich Männer auch schöntrinken…“

Renate Wagner

 

 

DIE SCHÖNE HELENA                        (Jacques Offenbach)
Premiere: 21. Juni 2013

Es war ein Eröffnungsabend, wie man ihn sich erträumten konnte, ein heißer Tag mündete in einen milden Abend, das Dach der Badener Sommerarena konnte offen bleiben und dennoch haben sich die Insekten nicht über willige Operettenbesucher gestürzt. Die einleitenden Reden zum Auftakt der diesjährigen Sommersaison waren nicht unerträglich lang, und dann ging’s los – mit der „Schönen Helena“ von Jacques Offenbach. Womit man es sich nicht wirklich leicht gemacht hat.

Offenbach und die Deutschen (jetzt einmal abgesehen davon, dass er selbst gebürtiger Deutscher war – aber französischer als er konnte man gar nicht sein): Man versteht schon, dass man dieses Problem gerne umgeht, indem man stets vor allem „Hoffmanns Erzählungen“ spielt. So schwierig das ist, so stellt es doch ein zu bewältigendes Problem dar. Aber seine Operetten? (Gar nicht zu reden von den halsbrecherischen Einaktern!) Und unter den Operetten die Antike-Parodien? Das müsste Nestroy auf musikalisch sein, so schnell, so frech, so aktuell, dabei so leicht und schwerelos, wie die Musik klingt (und dabei so schwierig ist). Das gelingt selten und auch in Baden nicht.

Doch man bekommt in der Regie von Robert Herzl hier eine Alternative, nämlich das, was ein bemühtes Ensemble unter animierter Leitung leisten kann, wobei das Bühnenbild von Pantelis Dessyllas schön und praktisch ist (ein griechischer Tempel, mit seiner Stufenkonstruktion gut zu bespielen, das scheinbar „griechische“ Bildnis im Hintergrund bei genauer Betrachtung jene moderne Parodie eines solchen, die das Werk gänzlich trifft). Seine Kostüme geraten gelegentlich in die Nähe des Fetzen-Karnevals. Die Spitzen-Unterhöschen der Balletteusen, denen man einen CanCan aus dem „Orpheus“ herübergerettet hat, wirken so albern wie vieles andere auch. Aber lustig darf es ja sein.

Herzl inszeniert eine schwankhafte Antikenparodie, die sich kaum in die Satire auf aktuelle Zustände umsetzt, wie bei Offenbach gemeint – ein paar wohlfeile Griechenland-Finanzwitze schleichen sich ein, haben aber keine Bedeutung. Die Klamotte mit Gesang, mehr deftig als luftig, greift einigermaßen und kann, wie gesagt, als Offenbach-Ersatz genommen werden, wenn mehr nicht zu erzielen ist.

Dann muss der schöne Paris auch kein schlanker Jüngling mit ebensolcher Stimme (und dazu bitte hohe Töne à la Florez!) sein, sondern darf von einem leicht fülligen Kammersänger verkörpert werden, der losschmettert, wie er es von anderen Operetten gewohnt ist und dann von selbst die Parodie der Vorlage ergibt: Das Publikum liebt Sebastian Reinthaller bekanntlich immer, auch wenn er – Kompliment – keine Scheu davor hat, sich lächerlich zu machen. Und wenn auch die Helena anstelle anderer Qualitäten Ironie und guten Gesang bietet wie Elisabeth Flechl – dann hat eben die Volksoper die bewährte Garde nach Baden geschickt…

Offenbach’sche Schärfe könnte von René Rumpold kommen, der weniger „Menelaos der Gute“ als Menelaos der Grimmige ist und sich vermutlich doch geärgert hat, dass man ihn nicht den Priester Kalchas singen ließ, der in der Gestaltung durch den nachdrücklichen Andreas Jankowitsch den Eindruck erweckte, die bessere Rolle zu sein.

Zwei flotte Damen am Rande rückten sich immer wieder in den Vordergrund, Kerstin Grotrian als flotte, rotschopfige Dienerin der Juno und Kateryna Pacher, die ihren östlichen Akzent reizvoll einsetzte, als blonde Dienerin der Helena. Die Rolle des Orestes quasi als „Festarrangeur“ wurde mit einer animierten jungen Dame besetzt (Christina Sidak), die nicht allzu viel zu tun hatte. Der Agamemnon des Daniel Ohlenschläger führte ein Krieger-Dodel-Quartett an, dessen erster Auftritt in witzigen Uniformen aus verschiedenen Epochen erfolgte (Thomas Markus, Beppo Binder, Walter Schwab). Und wo es lauter Komiker gibt, kommt einer, der meist für Zeus den „Donner“ scheppert (Franz Födinger) nur am Rande zur Geltung.

Schade, dass diesmal das meist so glänzende Badener Ballett unter der Leitung von Raquel Lopez Ogando vordringlich wie ziellos hopste. Franz Josef Breznik am Dirigentenpult passte sich der leicht gröblichen Ausfertigung des an sich so lockeren und eleganten Offenbach mit dem Orchester an. Solcherart wurde es ein geschlossener Abend, den man nur manchmal leise die Mühe anmerkte, die er allen bereitet haben muss. Das Publikum sparte dennoch nicht mit Beifall.

Renate Wagner

 

IM WEISSEN RÖSSL

Premiere: 16. Februar 2013,
besucht wurde die zweite Vorstellung am 17. Februar 2013

Es galt ein „Rössl“ zu retten, nachdem es im Volkstheater von Michael Schottenberg so übel malträtiert worden war. Das Stadttheater Baden schien zur Ehrenrettung von Benatzkys „Im weißen Rössl“ unbedenklich der richtige Ort, zumal Chef Robert Herzl für die Regie verantwortlich zeichnete. Aber in der Welt des Theaters gibt es keine Sicherheiten, und so erscheint der Drei-Stunden-Abend in Baden nicht als die – hier durchaus zu erwartende – optimale Umsetzung des Werks. Sollte es daran liegen, dass man die „verloren geglaubte Originalpartitur“ spielt, kann man nur feststellen, dass sie Bearbeitung vertrüge…

Spartanisch im Vergleich zum sonst Gewohnten die Szene: diesmal hat Pantelis Dessyllas nur einen Hintergrund-Prospekt und einen Zwischenvorhang gemalt, im übrigen ist die Bühne leer. In den Kostümen versucht er, den an sich unmöglichen – aber in der holden Unsinnswelt natürlich möglichen – Spagat zu schaffen, einerseits Kaiser Franz Joseph auf die Bühne zu schicken, der 1916 gestorben ist, andererseits jene Zwanziger Jahre zu spiegeln, in denen das Werk entstanden ist. Tatsächlich aber bleibt die Geschichte optisch gewissermaßen unentschieden, Dirndl und Tracht sind das zeitlose einigende Band.

Was die „leere“ Szene betrifft, so schaffen ein paar Bühnenarbeiter im ländlichen Kostüm von nicht vorhandener Verwandlung zur nächsten ein paar Versatzstücke her. Das sollte neben der Nüchternheit den Vorzug haben, dass das Geschehen schnell laufen kann, aber das ist leider nicht der Fall. Ganz ungewohnt für Robert Herzl, der für sein Timing berühmt ist, läuft die Geschichte extrem langsam, vor allem in den Spielszenen. Sie wurden auch noch ziemlich sinnlos verlängert, etwa durch die Figur der „Kathi“, die als eine Art „Conferencière“ fungiert – und selbst, wenn Kerstin Raunig das nett macht (Jodelkünste inbegriffen), ist es doch vor allem ein retardierendes Element statt ein bindendes, wie offenbar vorgesehen.

Natürlich ist das Ballett immer eines der nachdrücklichsten Asse in Badens Opernettenaufführungen (das „Weiße Rössl“ ist ja da ein rechtes Zwitterwerk zwischen noch-operettig und schon musikalisches Lustspiel), und Michael Kropf hat sein knappes Dutzend Tänzer auch gut im Griff, aber diesmal scheinen sie ein paar Mal zu oft zu hopsen, wobei man natürlich versteht, dass ein Schuhplattler dabei sein will – es geht schließlich um die Parodie des Salzkammergut-Tourismus, darin sind sich wohl alle einig.

Noch nie hatte man wie hier das Gefühl, wie überladen mit Figuren und Handlung dieses „Weiße Rössl“ eigentlich ist, vielleicht, weil allen viel zu breit Raum gegeben wird, anstatt die zentrale Geschichte um Zahlkellner Leopold und seine Rössl-Wirtin voran zu treiben. Immerhin, eines muss man der Sache zugestehen: Auf Zerstörung des berühmten Originals ist Herzl nicht aus (wie es Schottenberg im Volkstheater tat), und natürlich kommen Sänger-Darsteller am leichtesten zur optimalen Wirkung, wenn sie nicht gegen Regieideen der falschen Art ankämpfen müssen. Und besetzt hat Baden wieder bemerkenswert hochkarätig.

Sebastian Reinthaller, der künftige Intendant des Hauses, ist zweifellos eine Idealbesetzung für den Leopold (und die Rolle ist ideal für ihn): Er kann sein gutes Aussehen und seinen lockeren Charme ungehindert einbringen (das ist wirklich eine Art Peter-Alexander-Charisma, das er hier verströmt), und in tenoraler Geberlaune ist er auch – wenngleich man in dem ohnedies kleinen Haus mit ans Gesicht geklebten Verstärkermikrophonen arbeitet, woran sich alte Puristen einfach nie gewöhnen werden… Seine Wirtin ist Ulrike Steinsky und bietet volle Gesangspower. Im übrigen wirkt sie ein bißl sehr herb und resch und sieht auch, das dürfte die Maske sein, gar wie Hilli Reschl aus. Wie dem auch sei, blonde, jugendliche, liebliche Waltraut Haasinnen laufen nicht im Dutzend billiger herum.

Was die Rolle des Kaisers Franz Joseph betrifft, so ist Peter Uray ideal, hier Noblesse, Freundlichkeit und Lebensweisheit zu verströmen. Im Bewusstsein dessen, dass es beim Auftreten des „Kaisers“ in anderen Vorstellungen immer fast peinliche Monarchie-Nostalgie gegeben hat, mit Rührung des älteren Publikums, hat Herzl diese Szenen so spartanisch und nüchtern gehalten wie nur möglich. Aber ohne den Kaiser geht es nun einmal nicht…

Wie gesagt, es gibt – wie es an diesem Abend scheint – viele, fast zu viele Nebenrollen, und um allen Darstellern Raum zu geben, wälzt sich die Aufführung in voller Breite einher. Nikolaus Hagg jüdelt den schönen Sigismund souverän, manchmal meint man sogar, er sähe Karl Farkas, dem Interpreten der Uraufführung, richtig ähnlich. Sein lispelndes Klärchen ist an sich eine Traumrolle, aber für die Fähigkeiten der Johanna Arrouas eher eine Nummer zu klein. Als ihr sächselnder Vater, Prof. Dr. Hinzelmann, bringt Heinz Zuber tatsächlich ein paar seiner alten Enrico-Scherze mit.

Die Berliner Seite des Geschehens ist mit Jürgen Trekel als Wilhelm Giesecke vertreten, der fast eine Spur zu diskret agiert (da könnte man lauter pointiert, sagen wir es: klamottiger sein), Maricel Wölk als seine Tochter Ottilie ist eine mondäne Blondine, wie sie im Buch steht, Darius Merstein-MacLeod als Dr. Siedler der leicht komische tenorale Held, wie er gemeint ist. Schade, dass Gustl, der Pikkolo (Timo Verse), nicht viel Spielraum bekommt, für Beppo Binder als Portier ist es eine Spur mehr, und warum man Kaiser Franz Joseph seinen legendären Kammerdiener Ketterl mitgibt und ihn aussehen lässt wie den Frauenmörder Landru (Franz Josef Koepp), das wissen die Götter.

Einigen Schwung erhält das Ganze aus dem Orchestergraben, wo Franz Josef Breznik seines Amtes waltet, aber ziemlich lang und immer wieder etwas lahm wirkt die Aufführung doch. Fazit: Man würde, wenn man darf, gerne raten, den Abend um eine gute halbe Stunde zu kürzen und das Tempo um einiges anzuziehen. Das „Weiße Rössl“ ist schließlich keine besinnliche, langsame Schnulze, sondern sollte flotte Unterhaltung sein. Doch seien wir ehrlich: Das Publikum applaudierte dankbar und lebhaft und hat auch schon die erste Vorstellung nach der Premiere bis auf den letzten Platz gefüllt.

Renate Wagner

 

TAUSEND UND EINE NACHT

Premiere 15. Dezember 2012

Wiens Walzerkönig Johann Strauß hatte fast immer ein Gespür für den aktuellen Publikumsgeschmack, was ihm seinen grandiosen Erfolg schon zu Lebzeiten sicherte. Nur bei der Auswahl seiner Librettisten für Bühnenwerke griff er mehr als einmal daneben. So auch bei seiner allerersten Operette des Jahres 1871 mit dem Titel „Indigo und die vierzig Räuber“, zu der Maximilian Steiner die Textvorlage geliefert hatte. Die zahlreichen Überarbeitungen machten die Sache auch nicht besser, auch nicht die nach dem Tod von Johann Strauß erarbeitete Neufassung des Jahres 1906 auf der Grundlage des neuen Textbuches von Leo Stein und Carl Landau mit dem Titel „Tausend und eine Nacht“.

Die Geschichte des Sultans Suleiman, der nach einer Europareise an seinem orientalischen Hof Reformen durchsetzen möchte (allen voran die Abschaffung der Vielweiberei) und seiner Liebe zu Leila, der Nichte des Magiers Ormuz, die diese Liebe nur erwidern möchte, wenn der Sultan alle anderen verstößt, ist auch heute nicht der große Bühnenhit. Daran ändert auch das obligate Buffopaar (der Sekretär des Sultans, der aus Wien die junge Wally mitgebracht hat) nicht viel. Eine obskure Verwechslungsmaskerade stellt sich nur als Märchen heraus und der Sultan kann am Ende seine Leila heiraten.

Aber diese Musik! Eine Melodie zündet mehr als die andere, grandiose Duette und Ensembles, dazu Strauß-Walzer als Grundlage für temporeiche und wunderbare Balletteinlagen. Besonders gelungen: die Europareise mit Dudelsack und Frühlingsstimmenwalzer. Die Inszenierung Christa Ertls, die ja vom Ballett kommt, verzichtet auf alle Mätzchen und verlässt sich auf die Kraft der Musik, manchmal gefährlich in der Nähe von reinem Stehtheater. Manfred Wabas konservatives Bühnenbild und die Kostüme Gerlinde Brendingers, die doch allzu sehr in den orientalischen Klischees verhaftet blieben, bilden das solide Gerüst, die Tanz-Choreographie von Michael Kropf das Zuckerhäubchen für diesen Abend.

Das größte Lob gibt es für die musikalische Leitung durch Franz Josef Breznik, der mit dem hochmotivierten Stadttheater-Orchester die richtige Sprache für Johann Strauß fand und auch alle Ensembles perfekt einstudierte. Katja Reichert fühlte sich als Fellachen-Mädchen Leila auch bei den allerhöchsten Tönen wohl, zarte piano-Stellen berührten nicht nur ihren Geliebten, sondern auch die Besucher. Der bewährte Tenor Matjaz Stopinšek ging da schon handfester zur Sache, aber seine Bühnenpräsenz war unbestritten. Andreas Sauerzapf (Sekretär Edin) und Katrin Fuchs (Wally) wirbelten durch die Handlung, auch Josef Forstners Magier konnte trotz Libretto-bedingter Seichtheit der Texte punkten. Mehr Feuer hätte man sich hingegen von Beppo Binders Haremswächter erwartet, während Ingrid Habermann als überwuzelte Zoraide positiv überraschte.

Dass diese Premiere nicht der ganz große Triumph wurde, war wohl auf das doch grenzwertige Buch zurückzuführen, wer aber nicht nur beim Neujahrskonzert sich an den wienerischen Melodien mit orientalischen Variationen erfreuen möchte, der ist im Stadttheater Baden bestens aufgehoben.

Ernst Kopica                    Bilder-Copyright: Christian Husar/Stadttheater Baden

 

DIE DUBARRY

nach Carl Millöcker von Theo Mackeben

(Premiere: 20. Oktober 2012)              Vorstellung am 21. Oktober 2012 

Die „Pompadour“ hat die Volksoper kürzlich etwas mühsam abgefeiert, die nächste Geliebte von Frankreichs Ludwig XV., die Dubarry, bekommt im Stadttheater Baden entschieden mehr Schwung. Wie man hörte, kam auch Volksopern-Direktor Robert Meyer zur Premiere. Das ehrt ihn. Der Mann weiß offenbar, wo er was lernen kann. Etwa bei Robert Herzl, wie man Operetten anpackt, damit sie einem nicht unter den Händen verenden wie der unsägliche „Walzertraum“ der Volksoper.

„Die Dubarry“ stammte ursprünglich von Carl Millöcker (der übrigens am letzten Tag des Jahres 1899 hier in Baden bei Wien starb), wurde 1879 im Theater an der Wien uraufgeführt und war nicht ganz so erfolgreich wie der „Bettelstudent“ von 1882. Tatsächlich hat aus dem recht üppigen musikdramatischen Oeuvre des Künstlers am Ende außer den genannten Werken nur noch „Gasparone“ überlebt, auch eher selten gespielt. Millöcker, ein Meister, der im Grunde mit einem Werk – dem „Bettelstudenten“ – in der Geschichte des heiteren Musiktheaters steht.

Als Theo Mackeben, der eifrig damit beschäftigt war, das an Vergnügungssucht unersättliche Berlin der Zwischenkriegszeit zu füttern, die „Gräfin Dubarry“ hernahm und aus der Distanz von mehr als einem halben Jahrhundert „aufpeppte“, wie man gut und gern sagen kann, wurde daraus „Die Dubarry“, und die geschmackvolle „Modernisierung“ hat dem Werk nicht geschadet. Vermutlich ist es vor allem die Rhythmik, an der gearbeitet wurde, ironisches Zitieren von Musik anderer Epochen, das Dazudichten eines Hits („Ich schenk mein Herz“) – und was mit dem griffigen Schlager „Ja, so ist sie, die Dubarry“ endet (der zudem der geläufigen Gurgel der Interpretin einiges abverlangt), kann eigentlich nicht schief gehen – wenn man es richtig anpackt. Da ist Baden, das Biotop des Mutes zur Operette, der richtige Ort.

Schade nur, dass die Neufassung nach dem alten Zell / Genée-Textbuch (Genée ist übrigens 1895 auch in Baden gestorben, aber es ist zweifellos auch eine Stadt zum Leben…) nicht etwas straffer ausgefallen ist – vielleicht hätte man auch in der Badener Dramaturgie ein wenig „holzen“ können, es hätte angesichts des geringen Bekanntheitsgrades des Werks niemand bemerkt… So wälzt sich die Geschichte „von der in einen Maler verliebten Hutmacherin über die Halbweltdame über die Gräfin Dubarry zur Mätresse von König Ludwig XV.“ recht ausführlich und mit einer großen Zahl von Personen über die Bühne. Immerhin, die Regie von Robert Herzl hat den Vorzug, dass er wirklich ein Stück inszeniert, eine Geschichte erzählt, dafür sorgt, dass jede Rolle stimmig gespielt wird, dass das Tempo nie durchhängt – die Musik ist da zwar weit mehr als nur Begleitung, aber man wartet keinesfalls ungeduldig von einer Musiknummer auf die nächste, weil die Spielszenen so unerträglich wären (dergleichen soll vorkommen). Nein, das ist bemerkenswert durchgeformt.

Der Abend gewinnt auch mit einer Ausstattung, die wieder zur Gänze das Qualitätszeichen Pantelis Dessyllas trägt, der feste „barocke“ Rahmenelemente mit leichten Zeichnungen und ein paar hübschen Möbeln kombiniert, immer angenehm fürs Auge, ebenso wie die prächtigen Kostüme. Es wird zwar ein bisschen viel Ballett gehopst (Michael Kropf), vordringlich in Rokoko-Kostümen, aber Herzl geht auch damit dramaturgisch geschickt um, wenn er etwa ein halbes Dutzend an sich gleich gestrickter Intrigen-Szenen der Marschallin von Luxemburg immer wieder durch kleine Tanzeinlagen unterbrechen lässt. Auch weiß er um die Ungeduld eines Publikums von heute, das Umbaupausen auch dann schwer erträgt, wenn sie mit Musik unterlegt sind: Im Zeitalter der Computer ist es einfach, da den Zwischenvorhang mit scheinbar leichter Hand mit dem Bühnenbild des nächsten Bildes „bezeichnen“ zu lassen…

Diese flotte Operette braucht eine Hauptdarstellerin, die in allen Stationen ihrer Entwicklung überzeugt, von der kleinen Hutmacherin bis zur souverän politisch agierenden Dame, und man glaubt Julia Koci nicht nur (wie immer wieder versichert wird), dass sie klüger ist als die meisten Männer. Sie ist auch eine Augenweide (im schwarzen Negligee ebenso wie in der großen Robe), eine spritzige Darstellerin, und man wünschte nur, sie hätte eine ebenso leichte elegante Stimme, wie es ihr Aussehen nahe legt. Aber eigentlich verfügt sie über eine Röhre, die auch als solche eingesetzt wird, technisch allerlei kann, aber im forte und in der Höhe doch hörbar an Qualität verliert. Doch der Abend dreht sich mühelos um sie, denn alle anderen müssen sich die weiteren Rollen brav teilen – eine weitere genuine Hauptrolle gibt es nicht.

Nicht ihren Maler, denn die Partie ist zu klein (Reinhard Alessandri donnert mit seinem Bariton los und klingt mit der Schmetterhöhe wie ein Tenor); nicht der König, denn der kommt überhaupt erst im zweiten Teil (Alexander Helmer näselt ihn sehr abgehoben); nicht der Graf Dubarry (Robert Herzl, der sich offenbar weigert, ein „Junior“ an den Namen zu hängen, nicht der Regisseur-Papa ist, aber ein sehr präziser Darsteller und Sänger mit vielen Schattierungen zwischen Vis Comica und hintergründigen Zwischentönen); nicht der überintrigante Minister, der auch erst im zweiten Teil kommt (eine viel zu kleine Rolle für einen René Rumpold).

Nicht so eindeutig wie sonst ist das etwas an den Rand gestellte Buffopaar von Kerstin Grotrian und Thomas Markus definiert. Als höfische Salondame intrigiert Gabriele Kridl, ihre üblichen kräftigen Töne lässt Michaela Mock hören, und unter den zahlreichen Nebenrollen fällt noch Wilhelm Seledec auf, der als nicht sehr frommer Priester in einem Don-Basilio-Gewand amüsiert.

Die Millöcker-Mackeben-Mischmusik, die perfekt zusammen gewachsen ist, erhält von Franz Josef Breznik jenen Schwung, den sie verdient und den der ganze Abend ausstahlt. Operette, wie sie einst war und wie sie in Ausnahmefällen à la Baden immer noch sein kann – wer das mag, kann gar nicht besser bedient werden.

Renate Wagner

Copyright der Produktionsbilder: www.christian-husar.com

 

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