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DIE ZIRKUSPRINZESSIN

Gastspiel der Operettenbühne Wien.

Premiere: 15.8. 2014. Besuchte Vorstellung: 17.8. 2014

Zwei Märchenaugen – eine grundehrliche Produktion

Was braucht man für eine gutgemachte Operette? Eine ganze Menge: Ausgezeichnete Sänger (denn Operette ist bekanntlich nicht leichter zu singen als Oper – schon gar nicht vor 2000 Zuhörern), die auch ein bisschen tanzen können und im Übertreiben authentisch „rüberkommen“, komisch begabte Schauspielsänger, einen hervorragenden Dritte-Akt-Komiker, ein gutes Orchester unter einem stilsicheren Dirigenten, eine gute Ausstattung (auf dies es nur bedingt ankommt), einen vortrefflichen Chor und eine ehrliche Regie, die das Werk Ernst nimmt. Meistens mangelt es an mindestens einem Teil: die Regie zerschreddert das Werk, weil es klüger sein will als seine Autoren (wobei die Ausnahmen – siehe Konwitschnys kongeniale Dresdner „Csárdásfürstin, die der Rezensent an einem unvergesslichen Silvesterabend miterleben durfte). Bisweilen scheitern die Sänger an den hohen Ansprüchen der Partie, manchmal singen sie ausgezeichnet, können sich aber nicht bewegen – und wer kann schon elegant über die Bühne tanzen?

Unglaublich, aber wahr: wer 2014 in die großdimensionierte Luisenburg fährt, wo seit vielen Jahrzehnten Sommerfestspiele vor dem unvergleichlichen oberfränkischen Felsenlabyrinth veranstaltet werden, erlebt eine bewegende, weil grundehrliche „Zirkusprinzessin“, die über all das verfügt, was eine „normale“ Operetten-Aufführung verlangt. Die Operettenbühne Wien gastiert nun schon seit 15 Jahren unter ihrem Leiter und Regisseur Heinz Hellberg oben im Fichtelgebirge bei Wunsiedel, wo sich nicht Fuchs und Hase Gute Nacht sagen, sondern vor einem begeisterungsfähigen Publikum in der freien Natur das Beste vom Besten auf die Holzbühne vor den Felsformationen kommt. Akustisch werden die Sänger übrigens begünstigt: denn die Zuschauer sitzen auf den Tribünen unter einem Zeltdach, das nur dann unangenehm wird, wenn der Regen darauf trommelt. Ansonsten trägt hier jeder Ton – und trotzdem ist es eine außerordentliche Leistung: die Töne bis in die oberste Reihe zu tragen, dass noch die letzte, gelegentlich auch etwas schwächere Pointen mit einer unheimlich anmutenden Präzision ihre Ziele erreichen.

Wenn zudem noch mit der Ungarin Judit Bellai (die eine Russin zu spielen hat) und ihrem Kollegen Csaba Fazekas zwei Sänger auf der Bühne stehen, die vokal und schauspielerisch, optisch und sensitiv wunderbar eingespielt sind, wenn zudem noch die Höhe der Operettendiva rund und schmeichelnd und die Tiefe angenehm „mällodrramattisch“ rollt, und wenn der Tenor mit einer schwingenden Höhe und einer flexiblen Festigkeit gesegnet ist: dann ist das Operettenglück schon perfekt. Zwei Märchenaugen – und -stimmen... Sie singen gut, sie spielen gut, sie schauen blendend und aus, sie besitzen eine jugendliche Ausstrahlung, nur geigen kann er nicht – aber wer agiert schon wie Hubert Marischka, der 1926 in seinem Theater an der Wien die Rolle des zum Zirkusreiter herabgefallenen Fedja, der Jahre später seine geliebte „Lustige Witwe“ Fedora wiedertrifft? Fazekas ist und hat nicht nur eine bühnenwirksame Erscheinung, von dem jeder Operettentenor träumen mag. Er erfüllt seinen lyrisch-dramatischen Part auch mit einer Intensität und einer Stimmschönheit, die an den konfliktreichen Höhepunkten der Handlung ins Dramatische wächst. Der Sänger stand jahrelang im Chor der Bayreuther Festspiele – was Drama ist, muss man ihm nicht erklären.

Und gut sehen sie beide aus: Lucya Kerschbaumer hat der Diva einige schöne Kostüme auf den Leib geschneidert. Der Schauwert der Dekoration mag – das sind so die Bedingungen der Freilichtbühne – geringer sein als der einer Produktion in einem „ordentlichen“ Haus: die Kostüme der Sopranistin machen alles wett. Ein blutrotes und ein goldglänzendes Gewand, ein blütenweißes, doch schlichtschönes Hochzeitskleid (für den zweiten Akt mit seinem „tragischen Finale“), schließlich ein edles Teil in Violett: das sind so die Prächtigkeiten, über die die Ausstattung am richtigen Platz verfügt. Ganz zu schweigen vom kleinen, aber mit sechs Profis vollkommen besetzten Operettenballett: die Trikotmädels (mit denen Kálmán seine berühmteren Mädis vom Chantan parodierte) tragen zuerst Haarbekrönungen wie aus Bonbonpapier, bevor sie im dritten Akt, dem Hotel-Akt, sehr reizend als Kellnerinnen und Serviermädel paradieren.

Und die Choristinnen, die weder an die Uraufführungskleidung der 20er noch an die Spielzeit von 1912 erinnern, sondern sich noch ein bisschen im glänzenden Fin de Siècle tummeln (übrigens mit einem hauchzart-charmanten Anklang an die Wiener Moderne), tun ihr Bestes, um zusammen mit den „schneidigen“ Offizieren und Husaren (berühmter Marschchor!) den Geist der Operettenwelt von anno 1900 auf die rohe Bühne zu holen. Den Rest erledigen die zwei zurückhaltend und poetisch erscheinenden Weißclowns, die auf mit ihren Pantomimen das Glück und das Unglück des Operettenpaares geschmackvoll akzentuieren.

Musikalisch aber ist das Werk so tief in den Zwanzigern angesiedelt, sodass das Wort von der angeblich verstaubten Operette fehl am Platz ist. Schlager mit Unsinnstexten – ein Spezialfach der Operettenbuchfabrik Brammer und Grünwald -, ein ungarischer Shimmy, Foxtrottrhythmen: da ist vor allem das „niedere“ Paar zuhause, das auch a bissl „obszöner“ agieren kann - also ganz im leicht „frivolen“ Geist der modernen Kálmán-Operette (für die auch ein offensives Hinternschwenken der Dame einsteht. Der Szenenapplaus sollte nicht mit der politisch korrekten Lupe betrachtet werden). Für die herzbewegenden Sentimentalitäten, die tiefen Gefühle im Takt eines schön gemachten, getanzten und gesungenen Walzerduetts ist ja traditionell das „hohe Paar“ zuständig. Susanne Hellberg aber ist eine ganz entzückende Wiener Soubrette, die zusammen mit David Hojsak als Toni (dem pseudoadligen Sohn des „Erzherzog Karl“) einfach ideal agiert. Wunderbar, mit welcher Leichtigkeit die beiden akrobatisch begabten Sänger den immer noch zündenden Witz der „niederen“ Gesellschaftsklassen bringen, den die Librettisten ihren Rollenvertretern einschichtig-lustvoll auf den beweglichen Leib und in die frechen Kehlen schrieben.

Bleiben zu loben: Viktor Schilowsky, der mit ausgesprochen authentischer Aussprache den komisch aufgeregten Fürsten Sergius Vladimir macht, der sich, ein bisschen wie der Oberst Ollendorf im „Bettelstudenten“, für die Schmach der Zurückweisung durch die Operettendiva rächt. Sehr komisch, weil sehr trocken, agiert der Komiker, also der Oberkellner Johann Pelikan: Peter Erdelyi lässt die (mögliche) Erinnerung an den Uraufführungs-Pelikan Hans Moser erst gar nicht aufkommen. Sylvia Denk ist eine wunderbar wienerische, halb raunzende, halb sentimentale Clara Schlumberger, die das Liebesglückerl ihres Sohnes schließlich mit einer sentimentalen Erinnerung legitimiert: ist doch die Frau ihres Sohnes rein zufälligerweise die Tochter des Mannes, den sie einst geliebt hat. Ui jöh...

Auch die Operette ist ein Genre, das man lieben muss, wenn Werke wie „Die Zirkusprinzessin“ gut gemacht werden. Letzten Endes muss auch die Operettenbühne Wien nicht auf ein authentisch spielendes Orchester verzichten: Dorian Molhov sieht mit Dinnerjackett und Sonnenbrille zwar nicht aus wie ein „typischer“ Dirigent – aber er hat das gar nicht so kleine Orchester gut unter Kontrolle: samt ungarischer Klarinette, Roaring-twenties-Schlagwerk und Altwiener Geigen. Ein Stück Wien, exportiert in die Tiefen des Fichtelgebirges – auch so kann ein Werk, das einst im „Bayreuth der Operette“ uraufgeführt wurde, in der Nähe der Festspielstadt seine bezwingende Lebendigkeit beweisen: mit einem äußerst harmonischen Ensemble von Sängern, Musikern, Tänzern und einem Regisseur, der sein Handwerk versteht.

Wer angesichts der relativ sparsamen Dekoration und der überzeugenden Sänger und Spieler den „Glanz“ vermisste, hat einfach nicht hingehört. Mehr ist für Kálmáns schönes Stück (an das die Librettisten selbst aufgrund der dramaturgischen Verwandtschaft zur vorangegangenen „Mariza“ nicht ganz geglaubt haben) vielleicht nicht zu machen.

Frank Piontek 18.8.14

Fotos: Hannes Bessermann (Luisenburg-Festspiele) und Claudius Schutte. Die Fotos zeigen nicht durchgehend die Hauptrollensänger der besuchten und besprochenen Vorstellung. Nicht abgebildet werden konnte Csaba Fazekas als Mr. X.

                                                                                                              

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