DER OPERNFREUND - 50.Jahrgang
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Schwungvolle Tage bei den Bad Reichenhaller Strauss Tagen 2017

Besuchte Vorstellungen am 15., 16. und 17.09.2017

Erneut Deutsche Johann Strauss Gesellschaft bei den Strausstagen in Bad Reichenhall

Nachdem die Jahreshauptversammlung 2016 in Bad Reichenhall ein bombastischer Erfolg war, was vor allem an dem glänzenden musikalischen „Beiprogramm“ lag, war es nur logisch, auch in diesem Jahr wieder bei den Strauss Tagen in Bad Reichenhall zu verweilen und ein zweites Mal hintereinander die Jahreshauptversammlung der Gesellschaft, eingebettet in musikalische Köstlichkeiten, abzuhalten. Dazu kommt, dass der verantwortliche Generalmusikdirektor Christian Simonis Vorstandsmitglied der Gesellschaft ist. Also fährt man mit über 45 Freunden aus allen Teilen Deutschlands, Österreich und der Schweiz nach Bad Reichenhall. Aus England kommt der Vorsitzende der dortigen Straussgesellschaft John Diamond mit seiner Frau Mina und als Gast ist Kammersänger Prof. Dr. Bernd Weikl bei den Straussianern. All das ist Voraussetzung für ein weiteres einmaliges Erlebnis mit der unsterblichen Musik von Johann Strauss. Fast ist die Stimmung innerhalb der Gesellschaft noch besser wie im letzten Jahr, vollauf zufrieden sind alle und niemand hat die zum Teil doch recht lange Reise nach Bad Reichenhall bereut. Und wenn auch die nächste Jahreshauptversammlung der Gesellschaft in Coburg sein wird, verspricht man den Reichenhallern auch bei den Strausstagen 2018 wieder dabei zu sein. Dann ohne Ansprachen und großen Versammlungen – sondern sich ausschließlich dem Rausche der Musik hingebend. Was in diesem Jahr wieder geboten wurde, ist mehr als einmalig und wird es so schnell woanders mit Sicherheit nicht geben. Ein Mekka für die herrliche Musik von Strauss, aber auch Robert Stolz, Franz Lehár, Leo Fall und den wunderschönen Klängen spanischer Operetten. Mehr als zufrieden und beseelt von wunderbaren und einmaligen Erlebnissen trat man nach den drei Tagen wieder die Heimreise an. Doch nun im Einzelnen zu den Programpunkten.

Es beginnt am 15. September 2017 im Theater Bad Reichenhall. Auf dem Programm steht die halbszenische Aufführung von Johann Strauss „Wiener Blut“. Einen hochinteressanten Einführungsvortrag gibt es vor Beginn der Operette. Der stellv. Leiter der Musiksammlung der Wienbibliothek im Rathaus und wissenschaftliche Leiter des Wiener Instituts für Strauss Forschung, das Mitglied der Deutschen Johann Strauss Gesellschaft, der Wiener Prof. Norbert Rubey, hält

Prof. Norbert Rubey

einen hochinteressanten Einführungsvortrag, der auf die Besonderheiten dieser letzten Operette von Johann Strauss eingeht. Die herrliche Partitur der Operette wurde durch den hervorragenden Kapellmeister, den Wiener Adolf Müller jun. zusammengestellt, er stellte die Handlung mit einer Vielzahl von überwiegend Instrumentalwerken von Johann Strauss (man spricht von 31 verschiedenen) zusammen. Die berühmten Autoren Victor Léon und Leo Stein haben mit Müller zusammen dieses Operette zusammengestellt, davon dass sie eigentlich zusammengestückelt wurde, merkt man gar nichts, so wundervoll hat man hier gearbeitet. Johann Strauss jr. konnte die Uraufführung, die am 26.10.1899 im Carltheater in Wien stattfand nicht mehr erleben, da er bereits am 03.06.1899 in Wien verstarb. Verstarb als Coburger und damit deutscher Bürger. Zwischenzeitlich zählt „Wiener Blut“ zu den vier meistgespielten Stücken des großen Schanis.

Die Regie hat der in Bayreuth geborene Claus J. Frankl übernommen, der auch gleichzeitig als Premierminister von Reuß-Schleiz-Greiz gekonnt durch die Operette führt. Die teilweise doch sehr verworrene Handlung hat er in glänzender Weise aufbereitet, führt alles zusammen, stimmig und beeindruckend. Hier merkt man, dass mit ihm ein Vollblutkömodiant, ein Vollblutsänger, ein Vollblutregisseur, einfach eine „Wunderwaffe“ der Operette auf der Bühne steht. Er ist auf der Bühne der Dreh- und Angelpunkt, er hat alles im Griff und ist dabei auch ein exzellenter Darsteller und Sänger. Mehr kann man einfach nicht haben und der Applaus zeigt ihm, dass das Publikum dieses Allroundtalent nicht nur schätzt, sondern ihm mit stürmischem Beifall auch seine ganze Zuneigung zeigt. Das heitere Verwirrspiel um einen liebestollen Grafen, der am Schluss doch brav bei seiner Gemahlin landet. Die Geschichte seines ergebenen Dieners Josef, der am Ende seine Probiermamsell in die Arme schließen kann und des Premierministers, der am Ende die Tänzerin Cagliari als Theaterstar mit sich nimmt, ist so verworren, da sich die Paare öfter wechseln, wie gleichzeitig hinreißend – von der Musik brauche ich hier gar nicht zu reden, diese redet für sich allein. Fast vergisst man, dass es sich „nur“ um eine halbszenische Aufführung handelt.

Bad Reichenhaller Philharmonie mit Christian Simonis

Ja, und neben Claus J. Frankl hat man noch weitere Pfunde, mit denen man wuchern kann, die Bad Reichenhaller Philharmonie mit ihrem Chef, dem Leiter und Lenker, dem geborenen Wiener, GMD Christian Simonis und dem hervorragenden Sängerensemble. Das Publikum geht begeistert mit, ständiger stürmischer Zwischenapplaus und am Ende ein fast nicht enden wollender Beifallssturm zeugen davon, dass es auch in diesem Jahr wieder gelungen ist, das Publikum mit Strauss zu verzaubern. Die Bad Reichenhaller Philharmonie spielt an diesem Abend so, als wenn sie persönlich von Johann Strauss ausgewählt und eingesetzt worden wäre, leicht, locker, zupackend, zurückhaltend, alles ist an diesem Abend perfekt. Und dies liegt vor allem auch an ihrem Leiter Christian Simonis, der am Dirigentenpult richtig auflebt. Er fiebert mit, er weist an, er hält seine Musiker zurück, wenn es erforderlich ist und es die Sänger verlangen und er peitscht sie auch wieder nach vorne, wenn es notwendig ist. Er hat die Zügel im wahrsten Sinne des Wortes in der Hand und bringt sich und seine Musiker gemeinsam zu Höchstleistungen. Eine ganz beeindruckende Leistung von ihm und jedem seiner Mitglieder der Philharmonie. Toll, was hier in der eigentlich beschaulichen Stadt Bad Reichenhall doch abgeht.

Als Balduin Graf Zedlau glänzt der gebürtige Tiroler Eugene Amesmann. Sein voller, weicher, schmelzender, in der Höhe metallisch glänzender und vollkommen sicherer Tenor beeindruckt nicht nur die drei Damen auf der Bühne, sondern mit Sicherheit die Vielzahl der anwesenden Damen im Publikum. Glänzende Augen sind noch das wenigste, was sie bei den Auftritten des charmanten und auch darstellerisch beeindruckenden Tenors bekommen, der seine beeindruckenden Spitzentöne wie kleine Pfeile zu setzen imstande ist. Er reißt das Publikum förmlich mit und dieses dankt es ihm mit donnerndem Applaus. Als seine Frau Gabriele steht die Dresdnerin Gabriele Rösel auf der Bühne. Eine schöne klangvolle, alle Feinheiten der Partie auskostenden Stimme erlaubt ihr, die ganzen Facetten dieser Partie auszuleuchten und ihrem ungetreuen Balduin heimzuleuchten. Auch in ihren Duetten können sie brillieren und das Publikum mehr als überzeugen. Die in Münster in Westfalen geborene Thea Schuette gibt die Tänzerin Demoiselle Franziska Cagliari. Mir ist sie ein kleines bisschen zu zurückhalten, zu gebremst in ihren Aktionen, sie schäumt nicht gerade vor Leidenschaft über – bei der Cagliari erwartet man eigentlich etwas mehr feuriges. Aber das ist nun sicher auch Auffassungssache, ihr Sopran weiß wohl zu gefallen und sich auch in den Duetten entsprechend einzubringen.

Eugene Amesmann - Gabriele Rösel - Christian Simonis

Als Probiermamsell Pepi ist die Wienerin Christine dell´ Antonio (früher Holzwarth) eine Augen- und Ohrenweide. Im letzten Jahr habe ich sie einfach zur Coburgerin gemacht (da war wohl wieder einmal der Wunsch der Vater des Gedankens), aber sie ist natürlich eine waschechte Wienerin. Sie hat einen leuchtenden und warmen silbrig flirrenden Sopran, besticht mit zartem aber dennoch durchsetzungsfähigen Tönen, bezaubert ihr Publikum, darstellerisch ist es eine Freunde ihr zuzusehen, fast würde ich despektierlich sagen, sie ist ein richtiger weiblicher Lausbub, im schönsten Sinne des Wortes. Sie hat und macht einfach Spaß und gute Laune und das überträgt sich auf das Publikum. Ebenso Spaß und Freunde bereitet der Oberösterreicher Harald Wurmsdobler. Sein wunderschön geführter, zurückhaltender aber dennoch durchschlagskräftiger Tenor weiß zu gefallen, rund, weich und stimmschön. Ebenso ist bei ihm die Spielfreunde zu betonen und in den gemeinsamen Duetten sind er und Christine dell´Antonio einfach unschlagbar, anders ausgedrückt, man freut sich als Publikum, wie die beiden dort oben auf der Bühne agieren. Das macht einfach Spaß, so wie das gesamte Ensemble enormen Spaß bereitet und es muss deshalb auch verdienten langanhaltenden Applaus über sich ergehen lassen.

Am nächsten Tag ist am Vormittag die Mitgliederversammlung der Deutschen Johann Strauss Gesellschaft und nach dem Mittagessen geht es in das Hotel Klosterhof in Bayerisch Gmain. Hier ist der ideale intime und anheimelnde Hintergrund für das nächste Highlight. In Zusammenarbeit mit der Deutschen Johann Strauss Gesellschaft interpretiert am Klavier Nina Scheidmantel „Pianistische Kaskaden“ über die Musik von Johann Strauss. Nina Scheidmantel, die in Lichtenfels geboren ist war von 2002 bis 2011 am Gymnasium Albertinum in Coburg, wo sie das Abitur erfolgreich abschloss. Von 1998 bis 2007 erhielt sie Klavierunterricht bei Prof. Alla Schatz, 2002 bis 2011 Klarinettenunterricht beim Soloklarinettisten des Philharmonischen Orchester Coburgs, Edgar Eichstätter. Ihre vielen gewonnenen Wettbewerbe und mannigfaltige Auftritte aufzuzählen, würde den Rahmen sprengen. Die Künstlerin ist auch sozial stark engagiert, Benefizkonzerte, Kulturbotschafterin der Gemeinde Seßlach, Stipendiatin des Richard-Wagner-Verbandes Coburg, sind nur einige ganz wenige Steine auf dem bereits langen Weg der jungen Künstlerin, die längst aus ihren musikalischen Kinderschuhen herausgewachsen ist. Und dann ist sie auch zweifache Stipendiatin der Deutschen Johann Strauss Gesellschaft. Der Hausherr des Klosterhofs, Dr. Andreas Färber begrüßt mit launigen Worten die Gäste im bis auf den letzten Platz gefüllten Saal und Christian Simonis moderiert den überaus gelungenen Nachmittag mit der jungen hochbegabten Künstlerin, gibt Informationen zu den Stücken, streut Anekdoten ein und es gelingt ihm, die Übergänge zu den Einsätzen von Nina Scheidmantel fließend und äußerst interessant, aber auch humorvoll zu gestalten. Und dann zeigt Nina Scheidmantel, was in ihr steckt.

Nina Scheidmantel

Sie beginnt furios mit der Konzertparaphrase über Walzer-Motive aus „Aschenbrödel“ von Alfred Grünfeld, danach „Espenblätter – Salonstück“ von Imre Székely und die Konzertparaphrase über Walzer-Motive aus „Geschichten aus dem Wienerwald“. Mit enormer Fingerfertigkeit, einem bestechenden Anschlag, mit warmem und einfühlsamem Ton, zeigt Nina Scheidmantel, dass sie jetzt schon zu den ganz großen Pianistinnen gehört. Danach kommt „Valses nobles et sentimentales“ von Maurice Ravel und den offiziellen Teil beschließt die Ausnahmekünstlerin mit einer blitzsauber und gekonnt gespielten Improvisation „An der schönen blauen Donau“ von Max Reger. Gefühlvoll, einfühlsam und mit exzellenter Anschlagkultur meistert sie alle Unbillen der Kompositionen mit ihrem gefühlvollen und virtuosen Spiel. Fast nicht endend wollender Beifall für die junge sympathische Künstlerin. Sie kann gar nicht anders als noch eine besondere Zugabe zu spielen. Traumhaft sicher mit weichem Anschlag bringt sie noch den „Liebestraum“ von Franz Liszt zu Gehör und zeigt, dass sie heute schon zu den ganz Großen ihrer Zunft gehört. Sie beweist mit dem eindrucks- und ausdrucksvollen Konzert, dass sie die Herzen eines musikbegeisterten Publikums im Sturm erobern kann. Wir werden noch viel von dieser jungen und doch schon so reifen Künstlerin hören.

Am Abend geht es ins Königliche Kurhaus. Dort findet eine ganz besondere musikalische Veranstaltung statt. Die Operettengala mit dem Untertitel: „Robert Stolz und seine Zeit“ bringt Melodien der sogenannten Silbernen Operettenära zu Gehör. Und zwei Besonderheiten gibt es bei diesem Konzert. Der Großneffe von Robert Stolz, der Grazer Hans Stolz moderiert den Galaabend und er stellt einen ganz besonderen Draht, eine persönliche Verbindung und ein ausgeprägtes Hintergrundwissen zu dem letzten großen Operettenkomponisten Robert Stolz dar, dessen Musik praktisch zum Volksgut geworden ist und dessen Melodien auch heute noch in den Herzen seiner Zuhörer weiterlebt. Hans Stolz würzt seine Moderation mit einem enormen Hintergrundwissen über den Großmeister und mit einer riesengroßen Portion Humor, streut Bonmots in die Moderation ein und singt auch bei einigen Liedern mit. Dazu kommt, dass er eng befreundet ist mit dem Kapellmeister des heutigen Abends – und hier ist aus meiner Sicht eine kleine Sensation gelungen. Unser Mitglied Roland Seiffarth, war über 30 Jahre lang der Oberleiter und Chefdirigent der Musikalischen Komödie in Leipzig. Er ist Ehrenmitglied der Leipziger Oper, Ehrendirigent des Orchesters der Musikalischen Komödie und Kunstpreisträger der Stadt Leipzig. Darüber hinaus ist er einer der liebenswürdigsten Menschen, denen ich in den letzten Jahren begegnet bin. Und eigentlich wollte er den Dirigentenstab weglegen und seinen Ruhestand, den er sich mit 76 Jahren wahrlich verdient hat, genießen. Im letzten Jahr war er als Gast bei der Mitgliederversammlung und im Gespräch mit Christian Simonis, der ähnlich euphorisch und voller Herzblut sein Dirigat betreibt, hat er nach langem Zögern zugesagt, als ausgewiesener Stolz Kenner, das Konzert zu dirigieren – und dies war eine Bombenentscheidung. Wie er mit den Philharmonikern und mit den Sängern zurechtkommt, sucht seinesgleichen. Wie ein Junger agiert er am Dirigentenpult, kennt jede einzelne Note, gibt seine Einsätze und bringt das Orchester zur Höchstleistung. Zügig, rasant dirigiert er das Orchester, als wenn er nie in den Ruhestand getreten wäre. Er agiert am Pult, als wäre er noch 20 und selten habe ich einen Dirigenten erlebt, der sich mit solcher Leidenschaft praktisch in die Partitur hineinwirft. Flott, mitreißend mit einer tollen Klangfülle spielt das Orchester und überdeckt die Sänger in keinem Moment, denn Seiffarth nimmt bei den leisen Passagen auf der Bühne, die Lautstärke heraus und lässt die Sänger stimmschonend begleiten. Eine furiose Leistung und man möge mir meine Euphorie etwas verzeihen, denn ich habe Roland Seiffarth viele Jahre während seiner aktiven Zeit in Leipzig erlebt – und er hat sich seine Frische, seine grenzenlose Freude am Musizieren, seine Liebenswürdigkeit, seine Bescheidenheit und seinen Enthusiasmus erhalten und es gelingt ihm dadurch ein glänzendes Dirigat.

Roland Seiffarth - Hans Stolz

Der Abend beginnt mit der Ouvertüre zu der relativ unbekannten Operette von Oscar Straus „Rund um die Liebe“ und stimmt das erwartungsvolle Publikum im ausverkauften Saal so richtig ein. Mit dem wunderschönen Wienerlied „Im Prater blühn wieder die Bäume“ von Stolz setzt Gabriele Rösel ein überzeugendes Zeichen ihrer stimmlichen Fähigkeiten. Man konnte sich den Prater und vor allem die blühenden Bäume so richtig bildlich vor Augen vorstellen. Ihr weicher klangvoller und in jeder Lage ausgeglichener Sopran bezaubert auch in ihrem zweiten Solo dem Lied „Du sollst der Kaiser meiner Seele sein“ aus der Stolzoperette „Der Favorit. Mit dem Stolzlied aus dem gleichnamigen Film „Das Lied ist aus“ kann Eugene Amesmann seinen vollen, ausgeglichenen stimmschönen, in jeder Lage bombenfest sitzenden Tenor, der keinerlei Höhenschwierigkeiten hat, einsetzen. Eine der Höhepunkte vor der Pause ist das Duett „Lippen schweigen“ aus der Operette von Lehár „Die lustige Witwe“, welches Gabriele Rösel und Eugene Amesmann unvergleichlich zart und gleichzeitig mit vehementem Ausbruch fast zelebrieren. Tosender Beifall für beide Künstler. Dazwischen der Konzertwalzer „Wiener Café“ von Stolz, blendend präsentiert von der Bad Reichenhaller Philharmonie mit ihrem „jugendlichen“ Dirigenten Roland Seiffarth. Und dazwischen immer wieder Geschichteln und Bonmots von Hans Stolz, vielfach auch im Zwiegespräch mit Roland Seiffarth. Aus dem Film „Zauber der Boheme“ singt dann Eugene Amesmann das Walzerlied von Robert Stolz „Ich liebe dich“ und dabei werden so manche Augen der im Publikum sitzenden Damen mehr als feucht. Und als er durch die Reihen gehend noch rote Rosen verteilt, gibt es kein Halten mehr. Dass er dieses wunderschöne Lied stimmlich bis zum letzten auskostet, brauche ich wohl nicht extra zu erwähnen. Und dann singt er noch gemeinsam mit Gabriele Rösel aus dem „Im weißen Rössl am Wolfgangsees“ das Duett „Mein Liebeslied muss ein Walzer sein“. Wunderschön, zart, schmetternd in den Höhen, einfach zum Genießen. Und so sieht es auch das Publikum, welches aus dem Klatschen gar nicht mehr herauskommt. Dazwischen vom herrlichen Orchester mit seinem Dirigenten, der in Leipzig als Stolzspezialist nicht nur galt, sondern es auch war, der Marsch aus der gleichnamigen Stolzoperette „Frühjahrsparade“. Und da ist ja auch noch Christine dell´Antonio. Sie bezaubert zuerst mit dem Stolzlied der Marika „Joj, mámám“. Und es macht einfach Spaß ihr zuzuhören und vor allem auch zuzuschauen. Und nach der Pause setzt sie noch einen drauf. Das Lied „Im Casino, da steht ein Pianino“ aus dem Singspiel von Stolz „Wenn die kleinen Veilchen blühen“ zelebriert sie förmlich.

Mit keckem, geläufigem und zartem, aber dennoch durchschlagenden Sopran verzaubert sie die Zuhörer und mit einer Spitzentanzeinlage zeigt sie, was sie nicht nur beim Gesang drauf hat. Einfach toll. Mit dem ausgezeichneten Tenor Harald Wurmsdobler, der mehr für die zarten zurückhaltenden Töne zuständig ist und mit seiner samtenen weichen Stimme mehr als punkten kann, bringt sie – ebenfalls aus dem „Weißen Rössl“ das schwungvolle Lied „Die ganze Welt ist himmelblau“ zu Gehör. So toll dargeboten, dass man es am liebsten gleich noch einmal hören möchte. Die beiden geben ein erstklassiges aufeinander abgestimmtes Paar ab, wo man nicht weiß, bei wem man nun mehr klatschen soll. Beide sind schnell in das Herz des Publikums eingedrungen, wie auch das andere Sängerpaar. Harald Wurmsdobler hat dann auch noch zwei wunderschöne Solis, eine vor und eine nach der Pause. Mit dem fast melancholischen Lied „Jeder tragt sein Pinkerl“ aus der Leo Fall Operette „Der fidele Bauer“ weiß er stimmlich zurückhaltend für wohliges Gefühl unter den Zuhören zu sorgen und mit dem Wienerlied „A klane Drahrerei“ aus der Stolzoperette „Das Sperrsechserl“ kann er das Publikum ein weiteres Mal begeistern. Ja – und dann treten unsere beiden Tenöre im Duett auf, der eine zurückhaltend, weich, gefällig, der andere etwas massiver mit strahlender Höhe, singen sie aus dem Film „Ich liebe alle Fraun“ das wundervolle Stolzlied „Ob blond, ob braun, ich liebe alle Frauen“. Und das nimmt man den beiden ungesehen ab, stürmischer und langanhaltender Applaus für beide Künstler.

Im Finale vereinen sich die Stimmen der vier Ausnahmekünstler in dem feurigen Lied von Robert Stolz „Gib´s in Wien a Hetz, a Drahrerei“, bei welchem das ausgelassene Publikum mitgeht und nicht aufhören will zu klatschen. Es bleibt nichts anderes übrig, als Zugabe vereinen sich die vier Stimmen in dem wunderschönen Lied „Zwei Herzen im Dreivierteltakt“. Die Zuhörer lassen die Interpreten nicht von der Bühne, bis sie, zusammen mit Hans Stolz den Auszug mit dem mitreißenden Lied „Jung san ma, fesch san ma“ andeuten. Mehrfaches Zurückholen auf die Bühne und zu endgültigen Schluss nochmals „Jung san ma ….“, gemeinsam mit dem begeistert mitgehenden Publikum. Ein Abend, bei dem alles gepasst hat, das Orchester natürlich, der geniale Dirigent, der stilvolle Moderator und natürlich die vier Sänger, die man gerne bald wieder auf einer Bühne erleben möchte. Und natürlich das Andenken an Robert Stolz, dem unvergessenen Musiker.

Am Vormittag des leider letzten Tages der Strauss Tage gibt es wieder etwas Außergewöhnliches. In der Konzertrotunde am Kurpark steht der „Spanische Operettenzauber“ auf dem Programm unter dem Beititel „Virtuose Kastagnettenklänge und Lieder aus den spanischen Zarzuelas“. Allzu begeistert gehe ich nicht zu diesem Abschlusskonzert, denn Kastagnetten und spanische Zarzuelas, was kann mich da schon erwarten. Ja, man soll halt nicht so voreingenommen sein. Es erwartet mich ein musikalischer Vormittag vom Feinsten. Ich bin einfach hingerissen, von dem was ich hier geboten bekomme und was noch lange in mir nachhallt. Zuerst sei die Bad Reichenhaller Philharmonie genannt. Dieses zeigt sich wieder einmal von seiner besten Seite, musiziert teilweise überwältigend, frisch, schwungvoll, mitreißend. Unter dem feurigen, spritzigen, schwungvollen, leidenschaftlichen und einfühlsamen Dirigat von Christian Simonis erwachen die Bad Reichenhaller Philharmoniker richtiggehend zu spanischen Toreros. Christian Simonis, der sein Orchester mit festen Zügeln führt, die er aber, wenn es darauf ankommt auch entscheidend lockert und so mitreißend dirigiert, mit dem ganzen Körper mitgeht, seine Musiker zu Höchstleistung bringt, das ist schon einmalig. Diese Musiker, die ihm willig und in völligem Einklang folgen. Auch moderiert er in seiner launigen, charmant-wienerischen Art auch eindrucksvoll den Ablauf an diesem Vormittag und gibt viel über die spanische Operette und vor allem über die Kastagnetten preis, ein Thema, welches bei den wenigsten der Konzertbesucher bekannt sein ist. Das Orchester beginnt mit der Paso doble aus „La Alegria de la Huerta“ von Frederico Chueca. Simonis weckt die Zuhörer mit dieser rasant gespielten Komposition richtig auf und fragt dann natürlich auch, ob jetzt alles wach sei. Man merkt ihm auch an, dass es Spaß macht durch diese Art der Musik zu führen. Als weiteres Solostück für das Orchester kommt dann noch das Preludio aus „La Gran Via“ von Frederico Chueca. Zum zweiten Stück, der Canción de Paloma aus „El barberillo de Lavapies“ von Francisco Asenjo betreten die beiden Solokünstler die Bühne. Das sind einmal Friederike von Krosigk mit ihren Konzertkastagnetten und die zauberhafte Sopranistin Eva Maria Schinwald. Christian Simonis erzählt von der Begegnung mit Friederike von Krosigk, die – Spanien ist weit weg – im Bayernland, bei Miesbach aufgewachsen ist. Sie gehört zu den ganz wenigen Künstlern, die auf der Bühne diese beiden unscheinbaren Holzhalbkugeln einsetzt. „Sie werden nur über den Daumen gespannt und dann sind meine vier Finger da und mehr brauche ich nicht“, erläutert sie und man kann kaum glauben, welche Klangfülle sie damit erzeugen kann. Eva Schinwald zelebriert ihre spanischen Zarzuelas mit klarem, leuchtendem, beweglichem und äußerst stimmschönem Sopran dem Publikum zur Freude und ist auch von der optischen Erscheinung eine Ausnahmekünstlerin. Eindrucksvoll mit Koloraturfeuer singt sie ihre operettenhaften Arien. Dazu praktisch immer die Kastagnetten, die natürlich sehr stark durch die Außergewöhnlichkeit die Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Die beiden Künstler zusammen treten dann noch auf in De Espana Vengo aus „El nino judio“ von Pablo Luna. Friederike von Krosigk interpretiert allein mit dem Orchester noch Danza espanola Nr. 2 von Joaquin Rodrigo, Fandango aus „Dona Francisquita“ von Amadeo Vives und schließlich Intermedio aus „La Boda de Luis Alsonso“ von Jerónimo Giménez. Eva Maria Schinwald kann noch alleine glänzen in Carceleras aus „Las Hijas del Zebedeo“ von Ruperto Chapi Y Lorente. Der Beifallsturm am Ende des Vormittags will gar kein Ende nehmen, immer wieder müssen die Künstler auf die Bühne zurückkehren. Vielleicht würden wir heute noch klatschen, wenn nicht die Musiker der Bad Reichenhaller Philharmonie die Sache und ihre Instrumente in die Hand genommen hätten und das Podium verlassen haben. Ein außergewöhnlicher Vormittag, mit einer wunderschönen Musik, die man in dieser Form sicherlich nicht so kennt, geht zu Ende.

Drei Tage mit vielen wunderbaren Eindrücken und vier sehr unterschiedlichen Konzerten, die aber alle exzellent in den Rahmen passten und das Publikum verzauberten, auf die eine wie auf die andere Art und Weise. Für jeden war an diesem Wochenende etwas dabei und alles, was geboten wurde, war außergewöhnlich. Im nächsten Jahr werden wir mit Sicherheit wieder nach Bad Reichenhall pilgern. Dann wird für die Musikfreunde der Operettenwelterfolg von Franz Lehár „Das Land des Lächelns“ in halbszenischer Aufführung auf dem Programm stehen. Eine Operettengala widmet sich dann der goldenen Ära der Wiener Operette und es werden Melodien von Johann Strauss, Carl Millöcker und Franz von Suppé erklingen und zum Abschluss wird es in der Sonntags-Matinée eine Hommage auf Nico Dostal geben. Ihm, einem der bedeutendsten Operetten- und Filmmusikkomponisten ist der Abschluss im Jahr 2018 gewidmet. Ich gebe ehrlich zu, dass ich mich riesig freue, im nächsten Jahr all dies in Bad Reichenhall erleben zu dürfen.

Manfred Drescher 23.07.2017          

Bilder (c) Der Opernfreund

 

 

Drei beschwingte Tage bei den Bad Reichenhaller Strauss Tagen 2016

Besuchte Vorstellungen am 16., 17. und 18.09.2016

Deutsche Johann Strauss Gesellschaft bei den Strausstagen in Bad Reichenhall

Die deutsche Johann Strauss Gesellschaft hält ihre Jahreshauptversammlung 2016 ab, und was liegt näher, als sie in die Bad Reichenhaller Strauss Tage einzubinden, noch dazu, da der verantwortliche Generalmusikdirektor Vorstandsmitglied der Gesellschaft ist. Also macht man sich mit über 50 Freunden aus allen Teilen Deutschlands, Österreich und der Schweiz nach Bad Reichenhall auf, um nicht nur zu tagen, sondern in erster Linie Musik zu erleben. Und das kann man hier zur Genüge. Die Gesellschaft ist begeistert von dem, was hier geboten wird und – um es vorwegzunehmen – erstmals in der Geschichte der Gesellschaft beschließt man die nächste Jahreshauptversammlung 2017 nochmals nach Bad Reichenhall zu legen, denn auch im nächsten Jahr wird es dort wieder Bad Reichenhaller Strauss Tage geben. Und was hier in diesen Tagen auf die Beine gestellt wird, sucht seinesgleichen.

Den Auftakt macht am 16. September 2016 im Theater Bad Reichenhall die halbszenische Aufführung von Franz Lehár´s „Der Zarewitsch“ in Zusammenarbeit mit der Internationalen Franz Lehár Gesellschaft. Die Regie liegt in den Händen von Prof. Wolfgang Dosch, der auch als Ministerpräsident erklärend durch die Operette begleitet. Er macht dies so professionell, so voller Wärme und innerer Zuneigung zur Operette und den Beteiligten, dass man diese Leistung nicht hoch genug loben kann. Der Sänger, Regisseur und Wissenschaftler ist mit seinem ganzen Herzblut bei der Aufführung (und dies zeigt er eindrucksvoll auch in den kommenden Tagen) und lässt fast vergessen, dass es sich „nur“ um eine halbszenische Aufführung handelt. Und dann hat er ja noch ein weiteres Riesenglück, Glück mit dem Orchester und seinem Dirigenten und Glück mit den Sängern. Das Publikum jedenfalls ist hochzufrieden, ständiger starker Zwischenapplaus und Bravorufe am Ende der Aufführung zeugen davon, dass es ein überaus gelungener Auftakt ist. Die Bad Reichenhaller Philharmonie ist an diesem Abend blendend aufgelegt, spielfreudig und sängerfreundlich eingestellt. Und ihr Leiter, GMD Christian Simonis zeigt wieder einmal, dass in jedem seiner Finger das musikalische Blut pulsiert. Mit Feuer, Übersicht, zupackend und gleichzeitig loslassend, führend, drängend und wiederum zurückhaltend, hat er seine Musiker voll im Griff und bringt sie alle gemeinsam zu einer Höchstleistung.

Zarewitsch-Wolfgang Dosch, Christina Fercher, Christian Simonis, Wongjong Lee

Die Geschichte des einsamen und frauenscheuen Zarewitschs ist schnell erzählt. Durch die Intrige seiner Hof-schranzen soll er die Liebe kennenlernen um dann standesgemäß heiraten zu können. Man unterschiebt ihm die junge Sonja, von der er glaubt, sie sei ein Mann. Rasch durchschaut er den Schwindel, will Sonja davonjagen, doch sie überzeugt ihn, dass es besser ist, alle glauben zu lassen, dass sie ein Liebespaar sind, dann habe er Ruhe. Der Zarewitsch geht darauf ein und – wie es nun halt in der Operette einmal sein muss – verliebt sich unsterblich in sie. Den Trennungswunsch des Hofes umgeht er mit der Flucht mit seiner geliebten Sonja und seinem treuen Kammerdiener Iwan, der endlich auch seine Hochzeit mit Mascha dem Zarewitsch beichten kann. Die herrlichen Zeiten in Liebe und Glück gehen zu Ende, als der Ministerpräsident dem Zarewitsch den Tod seines Vaters mitteilen muss. Sonja weiß, was sie zu tun hat, sie verzichtet auf den Geliebten zum Wohle des Volkes. Der Zarewitsch erkennt, dass er sich nun der Staatsräson fügen muss und verlässt seine erste große Liebe. Ja, eine der wenigen Operetten, bei denen viele Damen im Publikum (teilweise auch einige Herren) mit Tränen in den Augen die Operette verlassen.

Zarewitsch-Harald Wurmsdobler-Christine Holzwarth

Diese Geschichte hat Wolfgang Dosch mit viel Kenntnis der Operette halbszenisch eingerichtet und lässt manchmal fast vergessen, dass es keine „komplette“ Aufführung ist. Er selbst hält als Ministerpräsident alle Fäden in der Hand und führt gekonnt durch die Handlung.

Der Zarewitsch wird von dem jungen südkoreanischen Tenor Wongjong Lee gesungen und gespielt. Anfangs noch ein wenig steif, singt er sich im Laufe des Abends frei und beeindruckt mit einem klaren, höhensicheren weichen und dennoch feurigem Tenor, der auch keine Angst vor Spitzentönen hat und auch nicht zu haben braucht. Eine sehr gute Leistung.

Seine Sonja wird von Christina Fercher gesungen und zwar so wunderschön, dass man fast gehalten ist, die Operette in „Sonja“ umzutaufen. Ihr leuchtender, in jeder Lage brillierender schöner vollmundiger Sopran erobert nicht nur das Herz des Zarewitschs, sondern auch das des Publikums. Eine exzellente Leistung, die richtig Spaß macht, auch deshalb weil man merkt, dass ihr das Singen dieser Partie pure Freude bereitet – und diesen puren Spaß überträgt sich auch auf das Publikum. Ihre Soli sind so wunderschön gesungen, leicht, locker und alles mit silbriger Höhe, so dass man fast merkt, wie das Publikum im Saal die Luft anhält, um ja nichts zu versäumen. In den Duetten mit Wongjong Lee wissen beide ihre Stimmen auf das schönste zu verschmelzen und gewähren so reinen Hörgenuss. Das Buffopaar ist mit Christine Holzwarth und Harald Wurmsdobler ausgezeichnet besetzt. Der Oberösterreicher Wurmsdobler ist kein Stimmprotz, sein wunderschön geführter Tenor ist jedoch weich, tragfähig, ausdrucksstark, vollmundig und macht einfach Spaß. Dazu kommt eine ungeheure Spielfreude, man merkt ihm richtig an, wieviel Spaß ihm das alles macht.

Holzwarth, Dosch, Lee, Fercher

Und diesen Spaß vermittelt auch seine kongeniale Partnerin die Coburgerin Christine Holzwarth, die mit ihrem zarten, aber durchschlagskräftigen, leuchtenden und warmen Sopran das Publikum beeindruckt. Ihr ausgezeichnetes Spiel wird auch von einem natürlichen Liebreiz gekrönt, der ohne Umwege seinen Weg ins Publikum findet. Wenn die beiden über die Bühne wirbeln, weiß man, warum die Operette nach wie vor beliebt ist und nie untergehen wird. Langanhaltender Applaus für alle Protagonisten zeigt, dass das Publikum wieder einmal so richtig schwärmen konnte, in Stimmglanz schwelgen und einfach fröhlich nach Hause geht. Und was will man von einer Operette mehr verlangen.

Dr. Eduard Strauss, Thomas Strauss

Am nächsten Tag ist am Vormittag die Mitgliederversammlung der Deutschen Johann Strauss Gesellschaft und nach dem Mittagessen schließt sich ein hochinteressanter Vortrag mit Dr. Eduard Strauss und seinem Sohn Thomas an. In Zusammenhang mit dem Wiener Institut für Straussforschung geben sie im Vortragssaal des Parkhotels Luisenbad unter dem vielschichtigen Titel: „Was geh ich mich an – die zwei Gesichter des Johann Strauss Sohn und seiner Familie“ ein Bild des „Familienunternehmens Strauss“ im 19. Jahrhundert. Die 60 Stühle, die man im Hotel aufgebaut hat, langen bei weitem nicht, es müssen weitere drei Reihen aufgebaut werden und auch hieraus ist ersichtlich wie hochinteressant diese Ausführungen für die Straussianer, aber auch für ein weiteres interessiertes Publikum sind. Viel Interessantes wird aufgezeigt, aus dem Nähkästchen geplaudert und auch manche problematische Entscheidung nicht verschwiegen. Es macht auch hier Spaß den beiden zuzuhören, vor allem zu erleben, wie sie sich in der Informationsgestaltung gegenseitig die Bälle zuwerfen. Und eines ist es mit Sicherheit nicht, ein langweiliger einschläfernder Vortrag. Nein, das Publikum geht mit, ist überrascht über vieles, was vorher nicht bekannt war und geizt am Ende nicht mit langanhaltendem verdientem Applaus.

Gala-Fercher, Wurmsdobler, Holzwarth, Dosch

Am Abend geht es ins Königliche Kurhaus. Dort findet in Zusammenarbeit mit der Deutschen Johann Strauss Gesellschaft eine Operettengala unter dem Titel „Die Fledermaus und Eduard Strauss“ statt. Und auch dieser Abend wird zu einem ganz besonderen Abend. Zum einen gibt es immer wieder halbszenische Szenen aus der „Fledermaus“ und diese werden immer wieder unterbrochen von den Werken von Eduard Strauss. Der jüngste der drei Strauss-Brüder, der immer ein bisschen im Schatten des „großen Bruders“ stand, hat wunderschöne Musik geschrieben und dies bekommt man auch am heutigen Abend zu hören. So wie auch während des Konzertes der Urenkel von Eduard Strauss, der Senatspräsident Dr. Eduard Strauss, auf die Bühne kommt und einige Informationen und Anekdoten zum Besten gibt. Dabei geht er auch auf die Verbrennungsaktion des Archivs der Strauss Kapelle im Jahr 1907 ein, der ein großer Verlust war, und bei der man bis heute nicht richtig weiß, warum Strauss dies getan hat. Vieles, vor allem der unterschiedlichen Arrangements ist damals unwiederbringlich verloren gegangen. Generalmusikdirektor Christian Simonis hat seine gute Laune vom Vortag nicht verloren, im Gegenteil. Er lässt die Bad Reichenhaller Philharmonie nicht nur wieder leidenschaftlich, feurig und mit großem Stilbewusstsein spielen, sondern er moderiert den Abend auch so leidenschaftlich wie er dirigiert. Der gebürtige Wiener lässt seinen ganzen Charme spielen, und davon hat er eine Menge, um mit hochinteressanten abwechslungsreichen und stimmigen launigen Worten die damalige Zeit auferstehen zu lassen. Er geht auch auf die Reihenfolge der Konzertauswahl ein und vermittelt einen Hintergrundblick auch auf einer streng wissenschaftlichen Ausrichtung. Prof. Hans Swarowsky sagte einmal über Simonis „Eine wienerische Urbegabung“, und dem habe ich nichts hinzuzufügen. Die Philharmoniker beginnen „Mit Vergnügen“, einer Polka schnell von Eduard Strauss und stimmen so das Publikum feurig, leidenschaftlich auf den Abend ein. Und auch heute merkt man jedem einzelnen Musiker an, wie sehr man sich mit der Musik und dem Programm identifiziert. Die Polka „Schneesternchen“, der Walzer Doctrinen und die Polka schnell „Ohne Bremse“ von Eduard Strauss sind weitere Highlights des Abends. Die Polka schnell „Mit Extrapost“ und die Polka Mazurka „Die Träumerin“ schließen die Musikstücke von Eduard Strauss ab. Allein durch diese wenigen Beispiele kann man erkennen, welche riesige Begabung in dem „kleinen Bruder“ steckte. Dazwischen immer wieder Ausschnitte aus „Die Fledermaus“. Mit dem Auftrittslied der Adele „Was schreibt meine Schwester Ida“ kann Christine Holzwarth auf ihre vorzügliche Leistung vom Vortag noch eine Schippe drauflegen. Klar, durchschlagskräftig, mit wunderschön zarter, aber dennoch leidenschaftlicher Führung überzeugt sie auf der ganzen Linie, ebenso wie mit der kokett gesungenen Aufforderung „Mein Herr Marquis“. Christina Fercher kann ebenfalls erneut nicht nur voll überzeugen sondern auch begeistern. So wie mit dem Csárdás „Klänge der Heimat“, den sie so überzeugend auf die Bretter, die die Welt bedeuten bringt, dass man fast glaubt, eine leidenschaftliche Ungarin vor sich zu haben. Dann ist hier noch ihr Eisenstein Harald Wurmsdobler, der diesen Eisenstein richtig mit allen Facetten auslebt. Im Uhrenduett mit seiner ungarischen Gräfin, halt, seiner Rosalinde, begeistern beide ihr Publikum, welches starken und stetigen Szenenapplaus gibt und vollauf zufrieden und glücklich ist. Der Tenor Wonjong Lee ist leider nur mit dem Auftritt des Alfred „Glücklich ist, wer vergisst“ zu hören und kann auch hier wieder voll mit seiner metallischen, hohen und gut geführten Tenorstimme überzeugen. Ja und dann ist noch der Tausendsassa Wolfgang Dosch zu nennen. Er übernimmt alle Rollen, die sich da anbieten. Der Anwalt Dr. Blind wird ebenso dargeboten wie der Freund Dr. Falke, der ja alles inszeniert um sich bei Gabriel Eisenstein zu rächen, der ihn einst im Fledermauskostüm dem Gespött der Leute preisgab, als auch der Gefängnisdirektor Frank. Er macht aus all diesen Rollen kleine Kabinettstückchen. Ja und dann ist auch noch der einzige Nichtstrausskomponist vertreten, nämlich Richard Genee (übrigens der Librettist der „Fledermaus“). Er hat eine köstliche Soloszene geschrieben, der „Sänger mit drei Tönen“. Und aus diesem Kabinettstückchen holt Wolfgang Dosch alles heraus. Es ist köstlich mitanzusehen und anzuhören, wie hier Mozarts Tamino, Verdis Manrico und viele andere mit drei Tönen ihre Bravourarien bewältigen.

Und Wolfgang Dosch kann sich von den Begeisterungsstürmen des Publikums kaum erholen, weil sie immer wieder aufbranden. Zwei Zugaben von Edi und von Johann Strauss beenden das eindrucksvolle Konzert, von dem das Publikum noch gerne mehr gehabt hätte. Viele Applaus, viel Zustimmung und eine tolle Leistung von allen, die auf der Bühne ihr Publikum verzaubert haben.

Am Vormittag des letzten Tages der Strauss Tage gibt es erneut eine Besonderheit. In der Konzertrotunde am Kurpark stehen „Zitherklänge“ auf dem Programm unter dem Beititel „Von Oberbayern bis zum Wienerwald“. Und ich muss zugeben, dass ich mir hier nicht allzu viel erwartet habe. Na ja, Zitherklänge, wo hört man die schon auf der Bühne – und dann ein ganzes Konzert hindurch. Etwas missmutig gehe ich hin und fröhlich und mit der Erkenntnis einem ganz tollen Ereignis beigewohnt zu haben, verlasse ich die Rotunde wieder. Ich bin voll und ganz begeistert, von dem, was ich hier zu hören und zu sehen bekommen habe. Unter dem behutsamen, einfühlsamen Dirigat von Christian Simonis blüht die Bad Reichenhaller Philharmonie richtig auf und unterstützt wird sie an diesem Vormittag von Cornelia Mayer an der Zither. Christian Simonis hat nicht nur seine Musiker im Griff, wobei sie ihm willig und in völligem Einklang folgen, sondern er moderiert in seiner launigen, charmanten wienerischen Art auch das Programm, lässt Farbtupfer aufblühen, bringt Zusammenhänge näher und führt das begeisterte Publikum durch ein Meer von herrlicher Musik. Begonnen mit dem „Grützner-Walzer“ von Franz Lehar, bei welchem die Zither bereits das erste Mal zeigen kann, wie sie sich in den Klangkörper der Philharmoniker einfühlen kann, bzw. eine dem Ohr äußerst zugetane Verstärkung des Orchesters ist. Cornelia Mayer spielt mit zartem, aber dennoch prägnantem Saitenschlag, gefühlvoll, untermalend, wo es angebracht ist, aber auch entsprechend auftrumpfend. Man merkt ihre tiefe Zuneigung zu ihrem Instrument und die Verbindung von Harfe und Mensch bei ihr überdeutlich. Stücke von Herzog Max in Bayern (Oberbayrische Tanzweisen), werden gefolgt von Johann Petzmayers Paulinen-Galopp für Zither Solo, welcher wiederum wunderbar zart von Cornelia Mayer gestaltet wird. Von Joseph Strauss folgt ein Ländler, „Die Nasswalderin“, dem sich von Hans Lanner der Erzherzog-Carl Marsch für Zither Solo anschließt, danach von Hans Christian Lumbye eine Phantasie „Traumbilder“. Dann folgt ein weiterer Höhepunkt im Programm. Wolfgang Dosch interpretiert auf unnachahmliche Weise das berühmte „Wie mei Ahnerl zwanzig Jahr“ aus dem „Vogelhändler“ von Carl Zeller. Und er interpretiert es nicht nur, er zelebriert es förmlich. Mit wunderbar bewegendem Tenor und einer Phrasierung, die seinesgleichen sucht, dazu eine Ausstrahlung und damit auch eine entsprechende Gestaltung dieses Operettenschlagers, verzaubert er sein Publikum, welches den Refrain mit summt und damit einen zusätzlichen Farbtupfer in die Interpretation bringt. Man will ihn gar nicht mehr von der Bühne lassen, so beeindruckend ist dieses leise zart und melancholisch vorgetragenes Paradestück aus dem Vogelhändler. Und dann ein weiterer Höhepunkt mit Cornelia Mayer, die in originaler Länge und mit den originalen Fingersätzen ein Highlight für Zither vorträgt und zwar die Titelmelodie und Zithersolo aus dem berühmten Film „Der dritte Mann“. Man fühlt sich richtig in die Atmosphäre dieses einmaligen Films versetzt und Frau Mayer interpretiert ihn auch meisterhaft. Das offizielle Konzert endet mit den „Geschichten aus dem Wienerwald“ von Johann Strauss. Und hier befeuern sie sich gegenseitig, die Philharmoniker und die Zithervirtuosin. Ein herrlich vorgetragener Beweis dafür, dass der berühmte Wiener Walzer nichts von seiner Ausnahmestellung eingebüßt hat. Das Publikum ist wie aus dem Häuschen und applaudiert minutenlang. Dadurch „erzwingen“ sie sich noch zum Abschluss den Zitherwalzer „Der Leuchtkäfer“ von Anton Karas. Ein Feuerwerk von Aufführungen in diesen drei Tagen geht leider zu Ende, aber man kann sich heute schon auf das nächste Jahr freuen. Dann wird im Rahmen der Bad Reichenhaller Strauss Tage sein Operettenwelterfolg „Wiener Blut“ in halbszenischer Aufführung zum Tragen kommen, Straussparaphrasen nennt sich der nächste Programmpunkt, der pianistische Kaskaden über die Musik von Johann Strauss mit der jungen Konzertpianistin Nina Scheidmantel, einer Stipendiatin der Deutschen Johann Strauss Gesellschaft. Die Operettengala widmet sich dann Robert Stolz und seiner Zeit und Spanischer Operettenzauber steht am letzten Tag auf dem Programm. Ich gebe ehrlich zu, dass ich mich riesig freue, im nächsten Jahr mit der Gesellschaft dies alles in Bad Reichenhall erleben zu dürfen.

Manfred Drescher 25.09.2016          

Bilder (c) Der Opernfreund

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