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 ROYAL OPERA HOUSE COVENT GARDEN

 

DER FLIEGENDE HOLLÄNDER

am 24.2.2015

Eine psychologische Studie

 

Das war ein besonderer Abend im Royal Opera House Covent Garden. Mit sechs Reprisen war Tim Alberys Inszenierung des „Fliegenden Holländer“ aus dem Jahre 2009, die auch schon einen Preis gewonnen hat, im Februar zum zweiten Mal wieder aufgenommen worden (Regisseur der WA Daniel Dooner). An diesem letzten Abend jedoch wurde die Aufführung landesweit in viele britische Kinos übertragen, und so standen im Zuschauerraum einige große TV-Kameras, welche die Spannung hinsichtlich des kommenden Geschehens noch verstärkten. Spannung und musikalisch erstklassige stürmische Wogen wurden aber auch von Andris Nelsons sowie einer Starbesetzung mit Bryn Terfel als Holländer, der auch 2009 die Premiere gesungen hatte, Adrianne Pieczonka als Senta und Peter Rose als Daland erwartet. Und die Erwartungen wurden in großem Stil bestätigt.

Als würde er mit dem Taktstock persönlich die See vor Sandwike aufwühlen, startet Nelsons in die Ouvertüre, die ungemein packend, spannend und bei aller Dynamik äußerst transparent geriet. Sein emphatisches Dirigat und die hohe musikalische Intensität, der er an diesem Abend dem Orchester des Royal Opera House entlockte, waren besonders aus der 1. Reihe des Parketts im Schatten einer Kamera eindrucksvoll zu verfolgen. Erstklassig die Hornrufe des Holländer-Motivs, dann wie Nadelstiche beim langsamen Erscheinen seines Schiffes die präzisen Streicher. In den Szenen mit den Chören ließ Nelsons dann auch musikalisch die hier angezeigte Ausgelassenheit zu. Im Mittelakt gab es hingehen viel musikalisch-psychologische Feinzeichnung.

Denn die Inszenierung von Albery stellt die scheinbar ausweglose Lage Sentas in der Tristesse einer an jene Billigproduktionshops aus Fernost erinnernden Näherei von T-Shirts in den Vordergrund, in der sie klaustrophobisch gefangen scheint. Sie hat aber immer das Schiffsmodell des Holländers vor Augen - welches die anderen eben nicht sehen. Bereits beim Monolog des Holländers zieht sie langsam mit diesem Schiff, von diesem unbemerkt - und ihn auch nicht bemerkend - über die Bühne. Damit ist die Inszenierung ganz auf die Psychologie der Figur der Senta abgestellt, betont in einer intensiven Personenzeichnung des Holländers aber auch dessen große menschliche Einsamkeit.

Gegen diese Aspekte tritt das Bühnenbild von Michael Levine in seiner in dieser Wagner-Oper ja oft zu beobachtenden navalen Opulenz zurück. Die Norweger bewegen sich auf einer fast die ganze Bühne bedeckenden, an der Seite konvex aufgewölbten Schiffsplanke mit einigen Bullaugen. Hinten eine Leiter, von der aus der Steuermann singt, das Ganze zu Beginn gespenstisch von einigen Scheinwerfern beleuchtet. Das stets zur Stimmung passende Lichtdesign liegt in den Händen von David Finn. Das Holländer-Schiff ist erst gar nicht zusehen, es wird lediglich ein immer größer werdender Schatten sichtbar, der sich langsam über die Norweger-Szenerie legt. Recht traditionall hält man es mit den Anlege-Details. Wie so oft ziehen die Norweger ein dickes Tau mit vereinter Kraft aus dem Bug ihres Schiffes. Dass ein solches auch aus dem Holländer-Schiff kommt, in der Gegenrichtung, wirkt dann doch etwas ernüchternd…

Gut gelöst ist im 1. Akt die Verhandlung Dalands mit dem  Holländer, in deren Verlauf dieser ihn langsam aber sicher mit dem Zücken blinkender Ketten zum angestrebten Deal bewegt. Die Nähmaschinenbatterie der Näherinnen kommt im 2. Akt in einem Satz von der Decke herunter und verschwindet später auch wieder dort hin. Im Duett zwischen Holländer und Senta tritt auf der dann leeren Bühne doch etwas Langeweile mit Rampenstehen auf, hier hätte die ansonsten gute Personenregie Alberys intensiver sein können. Vieles wurde aber von den großartigen Sängerdarstellern wieder gut gemacht. Beim Steuermannschor im 3. Akt hebt sich die Schiffsplanke zum Teil und gibt eine vertiefte Spielfläche für die ausgelassenen Norweger mit ein paar alten Sofas frei. Allerdings kommen aus dieser Versenkung später auch die Holländer, die zum Schrecken der Norweger auf ihre Weise Senta für sich zu vereinnahmen suchen. Beide Ensembles, von Renato Balsadonna einstudiert, singen mit durchschlagskräftigen Stimmen und agieren darstellerisch mit großer Intensität. Die Kostüme von Constanze Hoffmann bewegen sich in klassisch biederer Seefahrerästhetik.

 Wenn Bryn Terfel, sicher einer der größten Holländer unserer Tage, mit letzter Verzweiflung aus dem Schiff kommt und seinen Monolog beginnt, dann ist er unmittelbar das Zentrum dieser Aufführung. Mit seinem klangvollen Heldenbariton singt er einen durch Mark und Knochen gehenden Monolog, mit authentisch gespielter Verzweiflung in seinen emotionalen Ausbrüchen, aber auch mit herrlichem Legato, wenn er "den gepriesnen Engel Gottes“ fragt. Auch mit seinem fulminant gespielten und gesungenen Finale hinterlässt der Waliser stärksten Eindruck. Adrianne Pieczonka ist ihm ein ebenbürtige Senta, die mit der klangvoll, total höhensicher und wortdeutlich gesungenen Ballade viel Wert auf emotionale Feinzeichnung legt.

Sie singt und spielt die Rolle mit großer Empathie. Im Finale bricht sie mit dem Schiff allein gelassen verzweifelt in der Bühnenmitte zusammen - eine Erlösung gibt es bei Albery nicht. Peter Rose hatte sich als Daland wegen einer Erkältung ansagen lassen, konnte aber mit seiner großen Routine eine dennoch gute stimmliche Leistung bringen - darstellerisch ist ihm der Daland ohnehin auf den Leib geschrieben. Der britische Tenor Ed Lyon debutierte in dieser Serie als Steuermann mit einer eher lyrischen Note, obwohl die Stimme auch eine kräftige tiefere Lage aufweist. Der deutsch-kanadische Tenor Michael König debutierte als Erik ebenfalls in dieser WA, wirkt jedoch allzu bieder und ist vokal nicht sehr flexibel. In der Höhe klingt sein Tenor auch etwas eng. Catherine Wyn-Rogers singt eine gefällige matronenhafte Mary.

Diese WA des „Fliegenden Holländer“ am Royal Opera House lebte in erster Linie von den großen Sängerdarstellern und Andris Jansons am Pult des Orchesters des Royal Opera House. Mit einer solchen Spitzenbesetzung kann man sie sicher wieder sehen.                                                                                         

Klaus Billand, 28.3.2015

Fotos: Clive Barda/ROH

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