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CASCIANA

http://de.wikipedia.org/wiki/Casciana_Terme

 

LA CIOCIARA

Aufführung am 1.12.17 (Premiere am 24.11.)      

Eine richtige Oper!

Zu berichten ist von einem recht seltsamen Ereignis, nämlich dass eine zeitgenössische Oper vom Publikum vorbehaltslos stürmisch gefeiert wurde. Bezeichnenderweise wurde das Werk dem 1954 geborenen Marco Tutino von der Oper San Francisco in Auftrag gegeben, haben in den USA viele Opernkomponisten doch nicht den Drang, sich in Elfenbeintürmen zu verschanzen und vor dem ach so ungebildeten Publikum die Nase zu rümpfen. Dieser Auftrag war übrigens der erste aus den Staaten an einen italienischen Künstler nach Puccinis „Fanciulla del West“.

2015 in San Francisco uraufgeführt, erfolgte nun die europäische Erstaufführung in derselben Produktion in der Hauptstadt Sardiniens. Es handelt sich um den Auftakt einer in sperriger Bürokratensprache „Progetto di internazionalizzazione del Teatro Lirico di Cagliari tra Italia e Stati Uniti“ bezeichneten Kooperation, die hoffentlich weiterhin so erfolgreiche Ergebnisse generiert.

Das von Turin gemeinsam mit Fabio Ceresa geschriebene Textbuch basiert auf dem 1957 erschienenen gleichnamigen Roman von Alberto Moravia, der 1960 von Vittoria De Sica verfilmt wurde und Sophia Loren in der Titelrolle einen Oscar einbrachte. Eine „ciociara“ ist eine Frau, die aus der Ciocaria stammt, einer im Latium südwestlich von Rom gelegenen Landschaft mit dem Hauptort Frosinone (und da schon vom Film die Rede ist: Gina Lollobrigida ist aus Subiaco und damit eine echte „ciociara“, auch wenn ihr Geburtsort administrativ nun zum Großraum Rom gehört). Der Roman erzählt von der in Rom lebenden, verwitweten Cesira, die 1943 mit ihrer 16-jährigen Tochter Rosetta vor den Bombenangriffen der Alliierten in ihr Heimatdorf Sant'Eufemia in der Ciocaria flüchtet. Dort werden die beiden Frauen von marodierenden marokkanischen Soldaten, den sogenannten goumiers, die zu den französischen Streitkräften gehörten, vergewaltigt. (Es handelt sich um historische Tatsachen, denn der General Alphonse Juin gab diesen Spezialeinheiten nach der Rückeroberung der von deutschen Truppen besetzten Gebiete ausdrücklich die Erlaubnis für Plünderungen und Schandtaten aller Art).

Das Textbuch entnimmt den Hauptstrang der Erzählung dem Buch, inspiriert sich zum Teil auch am Film, entwickelt aber die ursprüngliche Nebenfigur Giovanni weiter, der ein in Cesira verliebter Wendehals ist, der den pazifistischen Lehrer Michele aus Eifersucht erschießt, weil zwischen diesem und Cesira eine Liebesbeziehung begonnen hat. Giovanni wird schließlich den amerikanischen Truppen für eine gerechte Bestrafung ausgeliefert. Dass die Handlung dramaturgisch so gut funktioniert, ist auch Luca Rossi zu verdanken, der seine Mitarbeit als die Erstellung einer „sceneggiatura“ bezeichnet, also etwas Ähnliches wie ein Drehbuch.

Wir haben es nicht nur hinsichtlich der Textqualität mit einer ausgezeichnet gebauten Oper zu tun, sondern auch vor allem was die Musik anbelangt. Großes Orchester, Arien, imposante Chöre, alles auf einem Niveau, das den Opernfreund glücklich macht. Ich hatte von Tutino bereits „Vita“, „Senso“ und „Le braci“ gehört und auch darüber berichtet, aber keines dieser Werke kommt an den großartigen Eindruck heran, der an diesem Abend entstand.

Die Bewunderer der Darmstädter Schule und ihrer Folgen rümpfen sicherlich die Nase, aber was zählt, ist immer noch das Publikum, und das war begeistert (persönlich wäre ich am liebsten sitzen geblieben und hätte mir die Oper gleich nochmals angehört). Über Puccini und Mascagni hinaus darf man beim Hören auch an Mahler denken (prachtvoll das Intermezzo vor der letzten Szene) oder an Schostakowitsch in der skurrilen Szene eines Anwalts, der ein Kollaborateur ist, mit seiner Mutter, die von der Situation keine Ahnung hat. Es fehlt aber auch nicht das Zitat des 1943 entstandenen Liedes „Una strada nel bosco“, das durch den damals populären Bariton Gino Bechi bekannt wurde.

Die Regie von Francesca Zambello sah schon vor Beginn und während der Überleitung von der ersten zur zweiten Szene die Projektion von Originalaufnahmen mit kurzen Texten vor, um dem Publikum die geschichtlichen Grundlagen bewusst zu machen, etwa die Zerstörung der aus dem 6. Jahrhundert stammenden Benediktinerabtei Montecassino durch alliierte Bomben.

Das naturalistische Bühnenbild von Peter C. Davidson zeigte den Dorfplatz und die Kirche; es wurde durch Videoeinspielungen von S. Katy Tucker ergänzt, die den Wechsel der Jahreszeiten zeigten.Wichtig auch die Beleuchtung von Mark McCullough, besonders bei sich gleichzeitig abspielenden Szenen, wenn die gerade agierenden Personen herausgeleuchtet wurden. Passend zu den jeweiligen Personen die Kostüme von Jess Goldstein.

Dass die Musik hohe Ansprüche an das Orchester stellt, war schon daran zu merken, dass sich ein Hornist mit dem Motiv des „hehrsten Helden der Welt“ einspielte! Giuseppe Finzi am Pult verlor aber nie die Übersicht und führte das Orchester des Hauses zu einer absoluten Höchstleistung. Eine solche erbrachte auch der Chor des Hauses in der Einstudierung von Donato Sivo, ob er nun auf der Bühne stand oder aus dem Off Canzonen im römischen Dialekt zu singen hatte. Der Chor war in seinen Reaktionen von der Regisseurin auch sehr gut geführt und brillierte in der Choreographie von Luigia Frattaroli mit durch die Befreiung bewirkten Freudentänzen.

Cesira wurde, wie in San Francisco, von Anna Caterina Antonacci gesungen, der geborenen Singschauspielerin, die mit ihrer hybriden, zwischen Mezzo und Sopran changierenden Stimme phantasievoll phrasierte und textdeutlich sang. Eine große Leistung in einem Genre, das ihr besonders liegt. Rosetta wurde von Lavinia Bini mit zartem Sopran, der bestens zu dem schüchternen Mädchen passte, und überzeugendem Spiel interpretiert. Giovanni fand in Sebastian Catana mit passend schmierigem Auftreten und seinem starken, etwas rauhem Bariton die ideale Verkörperung. Als Idealist Michele hatte Aquiles Machado kleine Probleme mit den Höhen der Rolle, überzeugte aber mit dem schönen Timbre seines Tenors. Scharfe Charakterzeichnung und starke Persönlichkeit brachte Roberto Scandiuzzi in seiner Szene als erbarmungsloser deutscher Major von Bock ein.

Als verräterischer Anwalt überzeugte Gregory Bonfatti, als seine Mutter brachte Laura Rotili den humoristischen Touch ein. Stellvertretend für alle weiteren ausgezeichneten Solisten seien Nicola Ebau als verwundeter Amerikaner John Buckley und vor allem Martina Serra genannt, die in einer erschütternden Szene die Bäuerin Lena gab, deren Baby umgebracht worden war.

Ein Abend, den man trotz der dramatischen, auch grausamen Handlung in vollen Zügen genießen konnte – Oper eben!                                                                        

Eva Pleus 13.12.17

Bilder: Priamo Tolu / Teatro Lirico di Cagliari

 

 

 

 

LA TRAVIATA

einzige Aufführung am 24.5.15

Die italienische Realität ist immer wieder unglaublich: In dem Land, in dem die Opernhäuser darniederliegen (außer der Scala arbeiten nur Venedig und Turin kostendeckend und mit interessanten Titeln und Besetzungen), findet sich immer wieder die Möglichkeit, mit lächerlich wenigem Geld, aber viel Enthusiasmus und der Unterstützung durch Freiwillige, Opern auf die Bühne zu bringen.

In Casciana Terme, einem in der Öffentlichkeit nicht sehr präsenten Kurort, steht ein 1912 errichtetes Jugendstil-Theater, das von der Gemeinde sorgfältig restauriert wurde und mit seinen 324 Plätzen auf Publikum wartete. Dem Bassisten Paolo Pecchioli gelang es 2012, den „Barbier von Sevilla“ herauszubringen, und der Erfolg war so groß, dass es heuer bereits eine kleine Stagione mit drei Titeln gab, bei vollem Haus und enthusiastischer Stimmung.

Diese „Traviata“ stand Produktionen an mittleren Häusern in keiner Weise nach. Das begann schon mit den Bühnenbildern von Emiliana Paoli, deren Besonderheit war, dass sie von Hand gemalte Wände zeigten (hier kommen auch wieder die freiwilligen Helfer ins Spiel), die dem jeweiligen Ambiente die richtige Atmosphäre verliehen. Die Szene bei Flora war genial gelöst, denn der Spieltisch wurde im Verlauf der Handlung schräg hinaufgezogen und zeigte einen Spiegel, wodurch die sehr genaue Personenführung von Regisseur Renato Bonajuto besonders zur Geltung kam. Auch andere Einfälle, wie die Rückkehr Alfredos am Ende des 1. Akts oder die saftige Ohrfeige von Germont Vater für den ungehörigen Sohn gefielen. Da das Haus für seine Dimensionen über eine relativ große Bühne verfügt (Breite 15,7 x Tiefe 9,5 und Höhe 10 Meter), konnte Bonajuto auch den von Maurizio Preziosi einstudierten Coro Schola Cantorum Labronica sehr bewegt führen. (Ein Chorist hatte seinen großen Moment, als er sich im Stil entfesselter Nachtclubbesucher das Hemd vom Leib riss und über seinem Kopf schwenkte).

Auch musikalisch stand alles zum Besten, da es Pecchioli gelungen war, für die Leitung der Vorstellung und zwei Protagonisten anerkannte Künstler (und für den dritten Hauptinterpreten einen absolut vielversprechenden Tenor) zu finden, die – wie alle anderen auch – aus Liebe zum Metier nur einen Spesenersatz verlangten. So dirigierte Matteo Beltrami Verdis Oper schön ausbalanciert zwischen den Klängen gieriger Lebenslust und den dramatisch-tragischen und dann verlöschenden Momenten. Eine Lesart, die vom Orchestra Festival Pucciniano mit großer Überzeugung mitgetragen wurde. Die Titelrolle wurde von Patrizia Cigna verkörpert, die normalerweise im leichten Koloraturfach unterwegs ist, aber in dem kleinen Haus zeigen konnte, was eine perfekt projizierte Stimme auch in lyrischen Gebieten zu leisten vermag. Soweit das Technische, aber besonders beeindruckte ihre Gestaltung, die den Lebenshunger der Violetta ebenso überzeugend interpretierte, wie ihre aufrichtige Liebe und schlussendliche Verzweiflung. Der letzte Akt wurde von ihr in Zusammenarbeit mit dem Dirigenten auf Gäsehautniveau interpretiert. Als Vater Germont war Carmelo Caruso der nicht nur gesanglich elegante Interpret, der mit seinem langsamen Begreifen von Violettas Tragödie stark beeindruckte. Der junge Sizilianer Angelo Fiore ließ ein hochinteressantes Stimmmaterial hören, dem nicht nur brillante Spitzentöne, sondern auch immer wieder schöne Piani zur Verfügung standen. Arbeitet der junge Mann noch an seiner Expressivität, müsste ihm eine vielversprechende Karriere offenstehen. Unter den Nebenrollen, dem beweglichen Gaston von Giampaolo Franconi, der Annina von Maria Gaia Pellegrini, dem Grenvil von Massimiliano Galli, dem Douphol von Michele Pierleoni und dem Marquis von Romano Franci möchte ich zumindest die spritzige Flora von Mirella di Vita hervorheben.

Diese Aktion war neuerlich ein schlagender Beweis dafür, dass es für mitreißende Opernvorstellungen keineswegs Milliardenbudgets braucht.

Eva Pleus 28.5.15

Copyright Bilder: Teatro Verdi, Casciana Terme

 

 

 

 

 

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