DER OPERNFREUND - 51.Jahrgang
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Der Barbier von Sevilla

15.10.2020 – Theater Altenburg Gera

 

„Einen Moment. Desinfektion für alle bitte“, ruft Offizier und Notar Kai Wefer mitten in Rossinis „Barbier von Sevilla“ (Premiere: 10.10.2020) im Theaterzelt Altenburg und bringt Desinfektionsmittel. Die Pandemie lässt einen nicht los, auch nicht im Theater.

Rossinis Opera buffa in zwei Akten „Der Barbier von Sevilla“ hatte in halbszenischer, auf 100 Minuten gekürzter Form (Inszenierung: AnnaLisa Canton) und reduzierter Orchesterfassung von Gerardo Colella als poetisches, witziges Kabinettstück in Altenburg Premiere.

Der Eintritt in das Altenburger Theaterzelt, - das Theater wird bis Januar 2021 renoviert -, erfolgte zu je vier Personen und wie inzwischen üblich geworden mit Mund-Nasen-Schutz bis zum Sitzplatz. Eine Reihe vor und hinter der jeweiligen Sitzreihe blieb frei und drei Sitzplätze zwischen den verschiedenen Haushalten waren unbesetzt. Da das Publikum teilweise zu spät den Saal betrat, konnte auch die Aufführung erst verzögert beginnen.

Das pandemiebedingt sechzehn Mitglieder umfassende Philharmonische Orchester Altenburg Gera saß aus Abstandsgründen auf der Bühne, hinter den Solisten. Auf den Chor wurde komplett verzichtet. Das Bühnenbild prägten verschiedene, in unterschiedlichen Distanzen und Größen aufgestellte Minihäuser zumeist im Stile des Rokoko (Bühne: Elena Köhler), die als Wohnorte den jeweiligen Charakteren zugeordnet waren. Der Dirigent Stefan Sanderling, aus der bekannten Dirigentendynastie, erschien ungewöhnlich für einen Dirigenten im Rokokokostüm mit weißer Perücke und übernahm neben seiner Dirigententätigkeit die Rolle des Sprechers und Conferenciers, indem er in verständlicher und unterhaltender Weise die Handlung der Oper erklärte und zusammenfasste, da die Rezitative komplett weggelassen wurden. Während der Ouvertüre liefen alle Solisten in Rokokokleidung in unterschiedlichen Farben und Perücken über die Bühne und öffneten ihre Häuser mit einem Schlüssel. Der südkoreanische Tenor Isaac Lee, Ensemblemitglied am Theater Altenburg Gera seit der Spielzeit 2019/20, als Graf Almaviva, anfangs im grünen Rokokomantel (Kostüme: Elena Köhler), sang die Cavatine „Ecco ridente in cielo“ für seine Angebetete Rosina konzertant ins Publikum in gefühlvollem brillantem Wohlklang mit tenoralem Schmelz bis ins Schlussfortissimo, zart vom Orchester und der Gitarrenbegleitung des Fiorello (Kai Wefer) unterlegt. Der mexikanische Bariton Alejandro Lárraga Schleske, seit 2017/18 Ensemblemitglied am Theater Altenburg Gera, als Figaro, mit oranger Perücke und grünem Mantel, beeindruckte mit voluminöser, fast den Bühnenraum sprengender Stimme in seiner fröhlichen Cavatine „Largo al factotum“ mit sonorer Tiefe und perfektem Legato, spielend mit zwei Brillanten.

 

Alejandro Lárraga Schleske beeindruckte als Figaro

 

Bassbariton Kai Wefer als „Stargitarrist“ Fiorello begleitete Isaac Lees (Graf Almaviva) Gesang, dessen undeutliche Diktion als bittender Liebhaber, das Textverständnis störte. Miriam Zubieta, seit 2017/18 Ensemblemitglied am Theater Altenburg Gera, die auch schon als Olympia brillierte, sang die Arie „Inutil precauzione“ mit hellem Koloratursopran, statt wie eigentlich vorgesehen auf dem Balkon, auf ihrem Minihaus stehend.

Die fabelhafte Miriam Zubieta als Rosina

 

Alejandro Lárraga Schleske als Figaro, der sich als Liebesmanager für Graf Almaviva einsetzte, gestaltete dies in deutlicher Diktion und passender szenischer Darstellung im sehr stimmig interpretierten Duett „All’idea di quel metallo“ mit Isaac Lee als Graf Almaviva, der an den unpassendsten Stellen atmete. Graf Almaviva verkleidet sich auf den Rat von Figaro als Soldat und tanzt dazu. Da Figaro dem Grafen rät, sich besser vor Betreten des Hauses zu betrinken, hängte sich Almaviva eine Tasche, eine Weinflasche beinhaltend, um. Miriam Zubieta als Rosina, im rosa Kleid mit Reifrock und pompöser weißer Perücke, sang „Una voce poco va“ sanft und innig mit warmem Timbre und Leichtigkeit bis in die Höhe, in deutlicher Diktion bis ins pianissimo. Ihre sanft perlenden Koloraturen und der schwerelose Vortrag gemahnten an Olympia in „Hoffmanns Erzählungen“. Ihr verliebtes und seliges Spiel voller Sehnsucht mit einem Brief als einziges Requisit, zeigte glaubhaft das naive Mädchen. Bass Ulrich Burdack, seit 2016/17 Ensemblemitglied am Theater Altenburg Gera, als Basilio, der einen Schlachtplan aushecken soll, in schwarzem Hut und Kostüm, weißen Handschuhen und mit Dirigentenstab, dirigierte ins Publikum, und begeisterte in seiner Arie „La calunnia è un venticello“, gesungen in Deutsch, in klar verständlicher Aussprache.

Ulrich Burdack begeisterte als Musiklehrer Basilio

 

Beim Wort „Kanonen“ verdunkelte sich die Bühne, grünes Licht blitzte auf zum Donnerklang des Orchesters. Es ist ein Wunder, welch intensiven Klang ein so kleines Orchester zu erzeugen vermag, eine große Leistung von Stefan Sanderling. Miriam Zubieta als Rosina und Alejandro Lárraga Schleske als Figaro sangen im gut aufeinander abgestimmten deutschsprachig vorgetragenen Duett „Dunque io son… tu non m’inganni?“. Figaro rät Rosina an den Grafen Almaviva zu schreiben und Rosina gedenkt ihres Glückes: „Ach, wie glücklich werde ich werden“. Bariton Johannes Beck, seit 2012/13 Ensemblemitglied am Theater Altenburg Gera, mit grünem Mantel und schwarzen Schuhen, agierte eifersüchtig und sich betrogen fühlend in der Arie „A un dottor de la mia sorte“ in sehr deutlicher Diktion, „um mich ernstlich zu betrügen, rat ich früher aufzustehen“. Bartolo will Rosina aus Eifersucht einsperren, worauf Rosina genervt reagiert. Mezzosopranistin Eva-Maria Wurlitzer, die bekannt ist für ihre Wagnerinterpretationen, als Berta und Isaac Lee als Graf Almaviva, kamen hinzu. Bartolo erkennt den gekonnt betrunken spielenden Isaac Lee als Almaviva nicht wieder, der Verkleidungscoup gelang. Also stellte sich Graf Almaviva vor: „Ich bin Hufschmid und Kuriere“. Das erste Finale „Ehi di casa… buona gente“ setzte musikalisch ausgewogen ein, Graf Almaviva kann Rosina den Liebesbrief zustecken. Bartolo fordert Almaviva zum Duell mit Fliegenklatschen heraus. Als der Brief, den Rosina inzwischen verloren hat, entdeckt wurde, spielte sie die Unschuld: „S`ist nur der Waschzettel“. Figaro rät dem Grafen zur Ruhe: „Herr Graf, ich bitt euch, treibt es nicht zu weit“. Offizier und Notar Kai Wefer klopfte deutlich vernehmbar und trat plötzlich herein zur „Abstandskontrolle“, für die er ein großes Metermaß mitgebracht hatte und überprüfte satirisch die Pandemieregeln streifend die Sängerabstände auf der Bühne. Eine gelungene komische Einlage.

Offizier und Notar Kai Wefer überprüft die Abstände auf der Bühne

 

Als Almaviva von Basilio verhaftet werden soll, bittet Notar und Offizier Kai Wefer: „Einen Moment. Desinfektion für alle“, wieder wurde die Opernhandlung parodistisch gelungen ins Hier und Heute gezogen. Almaviva hatte sich inzwischen als Don Alonso verkleidet und sollte den Musiklehrer vertreten, er trat perfekt näselnd vor Bartolo. Als Almaviva den wahren Dirigenten vom Pult verjagt hatte und selber zu dirigieren versuchte, ließen sich nur noch schiefe Klänge hören, die ihn als „falschen“ Musiker enttarnten. Stefan Sanderling übernahm wieder das Pult. Miriam Zubieta als Rosina gestand ihrem Geliebten Almaviva in brillanter Technik ihre Liebe in der Bravourarie „Contro un cor che accende amore“ mit samtweicher, leichtgängiger Stimme, während Almaviva als zweiter Dirigent hinter Stefan Sanderling das Orchester zu leiten schien. Während Bartolo kurzzeitig in Schlaf versank, dialogisierten Almaviva und Rosina in gekonnter szenischer Interaktion als Liebende, über Rosinas Rettung. Bartolo gefiel Rosinas Arie, auch wenn sie ihn langweilte, er wollte ihr zeigen, wie man besser singt in seiner Arietta „Quando mi sei vicina“, ein parodistisches Spiel voller Komik entfaltete sich. Das Quintett von Figaro, Rosina, Bartolo, Almaviva und Basilio „Don Basilio!.../ „Cosa veggo!“, dessen deutscher Text teils auf die aktuelle Pandemiesituation bezogen wurde, schloss sich an. Mehrmals wurde geäußert: „Ihr müsst gleich in Quarantäne“ und „Geht, er steckt uns alle an“, um Basilio den Kranken vortäuschen zu lassen, damit das falsche Spiel des Almaviva nicht enttarnt würde. Alle winkten Basilio und verbeugten sich, er ging von dannen. Figaro sollte Bartolo frisieren, der aber pandemiebedingt den Rasierschaum selber aufzutragen hatte. Eva-Maria Wurlitzer als Berta öffnete ihr Minihaus und sang mit warm timbrierter dunkler Altstimme mit erdigem Klang in verbesserungswürdiger Diktion die Arie „Il vecchiotto cerca moglie“ indem sie zu den Worten „Liebe als Tollwut und Fieber“ mit dem Publikum schäkerte. Ein Gewitter zog auf, es knallte und donnerte und Blitze durchzuckten die Bühne. Rauch stieg auf, die reinste Unwetterstimmung. Figaro und Almaviva kamen durch ein Seil verbunden zu Rosina, die mit einem farblich passenden rosa Schirm über die Bühne schritt und sich ebenfalls am Seil befestige. Dies verdeutlichte die beabsichtige Entführung Rosinas und gleichzeitig die Überprüfung der pandemiebedingten Abstände. Im Terzett „Ah qual colpo inaspettato!“ agierte Rosina leicht spöttisch mit glitzernder Stimme, Almaviva gab seiner Freude Ausdruck und alle drei drehten sich am Seil im Kreis. Figaro parodierte ironisch das Geschehen und drängte die beiden zur Eile. Nach Unterzeichnung des Ehevertrages verzichtet Almaviva auf Rosinas Mitgift und Bartolo darf sein Gold behalten, es kommt zum Happy End. Das zweite Finale „Di sì felice innesto“ aller Solisten setzte ein. Rosina und Almaviva wurden aneinander gebunden, ein Herz erschien.

Happy End von Rosina (Miriam Zubieta) und Graf Almaviva (Isaac Lee)

 

Dieser unterhaltsame und witzige Querschnitt durch Rossinis Oper „Barbier von Sevilla“ in einem Wechsel aus deutschen und italienischen Passagen, der aufgrund überwiegend gutverständlicher Diktion, Über- oder Untertitel überflüssig machte, mit gut integrierter Moderation durch den fabelhaft rezitierenden Stefan Sanderling, hätten mehr Applaus verdient, als das coronabedingt halbvolle Haus, mit einem übersättigten, wenig schwungvollen und humorlosen Publikum zu bringen im Stande war.

 

Claudia Behn, 17.10.2020

Fotos (c) Ronny Ristok

 

 

 

 

Solide Regiearbeit ohne Aufreger

LA BOHÈME

Premiere am 14.12.2014                            Premiere in Gera am 07.12.2014

Mit besonderem Blick auf die Personen

„Scènes de la vie de bohème“ war ein Feuilleton des frz. Schriftstellers Henri Murger, das Alltagsgeschichten aus dem Leben von Studenten im Vormärz im Pariser Quartier Latin beschrieb. 1851 erschien eine Auswahl dieser um 1840 spielenden Geschichten als Sammelband, den später auch Giacomo Puccini zu lesen bekam und sich danach für diesen Stoff als Oper interessierte. Hatte er doch selber aus seiner Studienzeit im Mailänder Konservatorium ähnliche „Szenen“ in Erinnerung. Sein Verleger Giulio Ricordi, der bereits prächtig an Puccinis erster Erfolgsoper Manon Lescaut verdient hatte, brachte ihn mit den Librettisten Giuseppe Giacosa und Luigi Illica in Verbindung. Diese unterlegten den „Szenen“ eine Handlung, in welcher einige der in den Geschichten beschriebenen Personen auftreten. Anders als bei der typischen italienischen Opernkonstellation mit einem Liebespaar und einem Gegenspieler, treten in der Bohème zwei Paare auf, deren völlig gegensätzliche Verhaltensmuster zur Spannung des Stücks beitragen. Die Bohème wurde 1896 in Turin uraufgeführt und zu Puccinis bis heute anhaltendem größten Erfolg. Leoncavallos unabhängig entstandenes gleichnamiges Werk auf ein eigenverfasstes Libretto mit dem gleichen Stoff kam ein Jahr später zur Uraufführung, konnte aber Puccinis „Meistermachwerk“ nie das Wasser abgraben.

Anne Preuss (Mimì), Max An (Rodolfo)

Von keiner drei typischen Möglichkeiten, eine Opernhandlung zu verorten (Originalzeit der Handlung, Zeit des Entstehens oder Gegenwart der Aufführenden) macht der Regisseur Anthony Pilavachi  ("Echo-Klassik-2012"-Preisträger) Gebrauch, sondern lässt die Handlung in Kostümen der 20er Jahre spielen. Markus Meyer entwarf die Ausstattung, bei welcher mit dem Bühnenbild historisch nicht ganz korrekt umgegangen wird. Die Oper beginnt mit dem Bild eines kleinen Ateliers über den Dächern von Paris mit großen Dachfenstern. Innen stehen ein alter Stutzflügel und ein Kanonenofen. Hier führen die vier Bohémiens, die sich Literatur, der Malerei, der Musik und der Philosophie verschrieben haben, ein ärmliches, aber freies Leben. Zum zweiten Bild wandelt sich die Szene zum bühnenbreiten Bankett-Saal des Café (hier: Catering) Momo mit Straße davor, ehe sie im dritten Bild zu einer verschneiten Ecke in Paris neben dem Wirtshaus und vor der Zollstation verwandelt wird. (Das entspricht, wenn auch sehr stilisiert, einer porte d’octroi, an welcher die Reisenden nach Paris eine Warensteuer zu entrichten hatten; in der Nähe dieser Tore befanden sich in der ersten Hälfte des 19. Jhdts. auch die guinguette genannten Vorstadtkneipen. Erst 1943 unter der deutschen Besatzung wurden die portes d’octroi endgültig abgeschafft.) Soweit inszeniert Pilavachi ziemlich genau am Libretto und detailgenau an den Szenenanweisungen. Erst im vierten Bild nimmt er eine Änderung vor und lässt sie nicht mehr im Studio der vier Bohémiens spielen, sondern auf der Straße davor, wohin sie aus ihrer Wohnung wegen verweigerter Mietzahlung von Vermieter Benoît gesetzt wurden. Welch sozialer Zug des Vermieters, mit dem Hinauswurf bis ins Frühjahr gewartet zu haben!

auf dem Boden liegend:  Akiho Tsujii (Musetta); Chor, Kinderchor

Pilavachi interessiert sich nicht für moderne „Deutungsmuster“. Textilarbeiterin Mimi ist kein Ausbeutungsopfer der Industrie; die Bohémiens nutzen nur eine ganz traditionelle Droge, den Wein. In der eher einfach gezeichneten Szenographie werden mit Mimì und Rodolfo sowie Marcello und Musetta die beiden Paare herausgearbeitet, die ganz andere Wege gehen, den des frivolen Lebens einerseits und den zu tiefer Liebe andrerseits. Dier vier Bohémiens treten in weißen Hosen, weißem Pullover und mit vier verschiedenfarbigen Schals, Handschuhen und Strickmützen wie eine Kasperle-Truppe auf. Was an denen erst ganz zuletzt ernst genommen werden kann, sind künstlerische Ambitionen. Über fundierte physikalische Bildung verfügen sie nicht, da sie glauben, mit ein paar Blättern Papier im Kanonenofen ein Dachstudio heizen zu können. Aber daran lassen sich immerhin ein paar Regieeinfälle aufhängen.

Johannes Beck (Marcello), Max An (Rodolfo), Anne Preuss (Mimì)

Derer gibt es dann sehr viele im turbulenten zweiten Bild vor dem Café Momo mit der gelungenen Volksszene, in deren Mitte Alcindoro vorgeführt wird, dem schließlich die Zeche auf einem langen Leporello überlassen wird. Scharfer Kontrast zur einsamen Szene des dritten Bilds im Schnee und dann hier ein weiterer starker Moment der Inszenierung mit der Gegenüberstellung der beiden Paare. Natürlich rührt das vierte Bild und wird das wohl noch mit Generationen von Opernliebhabern tun. Trotz der Ausschweifungen im zweiten Bild macht die Regie deutlich, wie letztlich alles auf das vorbestimmte Ende Mimis hinläuft. Im Ganzen gesehen, ist es keine feine Federzeichnung, die Pilavachi abliefert, sondern eher ein Holzschnitt, aber in sich geschlossen, stimmig und wirkungsvoll durch nachdrückliche Personenzeichnung; eine solide Regiearbeit ohne Aufreger.

Johannes Beck (Marcello), Yaegyeong Jo (Schaunard), Kai Wefer (Colline), Max An (Rodolfo)

Puccini hat zu La Bohème Musik auf der Höhe seiner Zeit geschrieben. In Harmonik und Instrumentierung hatte er schon fast den Gipfel seiner Kunst entwickelt, die er später hin zu herberen Tönen und größerer dramatischer Durchschlagskraft entwickelte und sich vom Süßlichen der Bohème-Partitur wieder entfernte. Niemand kann heute Puccini mehr fragen, wie er das musiziert haben wolle; möglicherweise würde er antworten: „publikumswirksam“. Das tat auch Laurent Wagner am Pult des Philharmonischen Orchesters Altenburg-Gera. Er zeichnete einerseits subtil und gekonnt die feinen Passagen der Partitur mit ihren Personenbeschreibungen und gestaltete den thematischen Zusammenhalt der Partitur im Sinne guter Zugänglichkeit. Andrerseits scheute er nicht vor süßlichem Schmelz mit angeschleiften Violintönen zurück und ging auch richtig in die Vollen. Mit der Bläserlastigkeit der Orchesterbesetzung gab er dem Klang hier und da reichlich Schärfe und ließ es auch richtig krachen – manchmal zu laut für das kleine Theater (etwa 50 Orchestermusiker im Graben). Der von Ueli Häsler gut präparierte Opernchor hatte im zweiten Bild - hier auch szenisch stark gefordert – seinen starken Auftritt, „unterstützt“ von dem frisch und lebendig agierenden Kinderchor von Theater & Philharmonie Thüringen. Indes war die Abstimmung zwischen Graben und Bühne im turbulenten zweiten Bild nicht immer vorn steriler Präzision.

Anne Preuss (Mimì), Ma An (Rodolfo)

In den Hauptrollen wurde durchweg beachtlich gesungen. Die Mimì von Anne Preuß bestach durch ihre Interpretation zwischen Leidenschaft und Verzweiflung, zwischen inniger Lyrik und glühendem Volumen. Pilavachi lässt sie im ersten Bild  eroberungslustig zu Werke gehen. Rodolfo lässt es sich gefallen. Max An sang diese Rolle mit kräftigem bronzenem Tenor und strahlenden sicheren Höhen. Johannes Beck gab den Marcello mit kultiviertem tiefem lyrischem Bariton. Seine (wiedergefundene) Partnerin Musetta ist gewissermaßen der Gegenentwurf sowohl zu ihm als auch zu Mimi. Die kleine zerbrechlich wirkende Japanerin Akiho Tsujii verlieh ihr stimmlich und darstellerisch bewundernswert Gestalt. Mit quirligem Spiel, und glockenreinem beweglichen Sopran begeisterte sie ihr Publikum. Unter den Nebenrollen gefielen besonders Mark-Bowman-Hester als klangvoller, gut gestützter Tenorbuffo und Salomón Zulic del Canto vom Thüringer Opernstudio in den beiden Rollen des Hausherrn Benoît und des Staatsrats Alcindoro mit kräftig-deutlichem Bassbariton. Angenehm strömend der Bass von Kai Wefer als Philosoph Colline.

Herzlicher Beifall aus dem sehr gut besuchten Haus. Die nächsten Aufführungen der Bohème finden in Altenburg am 21.und 26.12., und in Gera am 23.12. statt.

Manfred Langer, 16.12.2014                                        Fotos: Stephan Walzl

 

DER OPERNFREUND  | opera@e.mail.de