DER OPERNFREUND - 51.Jahrgang
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Puccini-Rarität in Thüringen
La Rondine

Premiere: 02.03.2020

 

Lieber Opernfreund-Freund,

Puccinis 1917 uraufgeführte La Rondine, vom Komponisten mit commedia lirica überschrieben, wird hierzulande kaum gespielt und war zuletzt vor fünf Jahren am Stadttheater Bremerhaven zu sehen. Und erneut bemüht sich ein kleineres Haus um dieses Werk: Die Schwalbe, so der deutsche Titel, hatte im November vergangenen Jahres am Schwesterhaus in Meiningen Premiere und wurde am Samstag erstmals am Landestheater Eisenach gezeigt. Dass Puccinis Beinahe-Operette zu Unrecht so selten auf deutschen Spielplänen zu finden ist, verdeutlicht neben der intelligenten Lesart von Bruno Berger-Gorski die exzellente Ensembleleistung der Meininger Sänger und Musiker.

Wie La Traviata 2.0 mutet die Story der Oper an: Magda lässt sich im Paris der beginnenden zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts vom reichen Bankier Rambaldo aushalten, sehnt sich aber eigentlich danach, sich noch einmal richtig zu verlieben. Auf einem Ball, den sie als Grisette verkleidet besucht, während ihre Zofe Lisette sich als Adelige ausgibt und zusammen mit dem Dichter Prunier feiert, begegnet sie Ruggero, einem jungen Mann vom Lande, und die beiden verlieben sich. Magda gibt dem Bankier den Laufpass und verlebt mit Ruggero eine schöne Zeit an der französischen Riviera, bis das Geld knapp und Ruggeros ernste Absichten klar werden: er hat seinen Vater um die Einwilligung zur Heirat Magdas gebeten. Die aber taugt nach ihrer Einschätzung nur zur Geliebten und nicht zur Ehefrau und verlässt den armen Ruggero, obwohl der beteuert, dass ihre Vergangenheit für ihn keine Rolle spielt.

Die Wahl zwischen Geld und Liebe stellt Bruno Berger-Gorski in den Mittelpunkt seiner Inszenierung; Magda flieht in ihr altes Leben, sobald es Ernst wird, entlohnt den verlassenen Ruggero noch für seine Dienste, so wie es Rambaldo auch mit ihr gemacht hat, als sie ihn verließ. Der Verlassene ist in Thüringen dann so verzweifelt, dass er sich, zum Toy Boy degradiert, das Leben nimmt, während Magda vor einem brennenden Flügel steht. Das ist ein interpretatorischer Paukenschlag des Regisseurs, der dem sanften, unprätentiösen Ausklingen von Puccinis Musik entgegensteht – und gerade deshalb seine Wirkung nicht verfehlt. La Rondine sollte erst eine Operette werden – und das merkt man vor allem im zweiten Akt, der klingt, als hätten der Maestro aus Lucca und Johann Strauß ein Tête-á-tête gehabt: nicht nur der Herrin-Zofe-Rollentausch erinnert an die Fledermaus, auch musikalisch ist „alles Walzer“, wenngleich Puccini seiner Partitur, bedingt durch den Spielort der Handlung, einen französischen Touch mitgibt. Die schwelgenden Melodienbögen des Italieners sind jedoch unverkennbar und treten ebenso deutlich hervor wie Puccinis gereifter Kompositionsstil. Ideale Voraussetzungen für einen wirkungsvollen Auftritt des Ballettensembles des Landestheaters – doch hätte ich von einem Profiensemble eine gehörige Portion mehr Präzision bei der Umsetzung der kurzen, nicht sonderlich anspruchsvollen Choreografie von Andris Plucis erwartet. Stattdessen wirken die Tänzerinnen und Tänzer beinahe wie der nächstgelegenen Tanzschule entlehnt. Großes Kino hingegen sind die detailverliebten und variantenreichen Kostüme von Françoise Raybaud, der das Kunststück gelingt, die nur aus den Farben Schwarz und Weiß geschneiderten Roben kein bisschen uniformiert aussehen zu lassen. Das eine oder andere rote Accessoire Magdas bleibt der einzige, wirkungsvolle Farbtupfer in der durch verschiebbare Versatzstücke wandelbaren Bühne von Helge Ullmann, auf die immer wieder stimmungsvolle Videosequenzen von Jae-Pyung Park projiziert werden.

Stimmungsvoll tönt es auch aus dem Graben, in dem Harish Shankar die Meininger Hofkapelle zu rauschhaftem Puccini anfeuert und dabei die Sänger auf der Bühne nicht vergisst. Unter der Leitung des die Stimmen leidenschaftlich zusammenführenden malaysischen Dirigenten kann die Partitur ihren vollen Glanz entfalten, während der Chor des Meininger Staatstheaters unter der Leitung von Manuel Bethe präzise singt, aber da und dort ein wenig dünn über die Rampe kommt. Voluminös hingegen ist der Tenor des jungen Südkoreaners Alex Kim, der den Ruggero mit allerhand Gefühl ausstattet und zudem mit brillanter Höhe überzeugt. Jeannette Wernecke ist eine quirlige, in der Höhe bewegliche Lisette, während Robert Bartneck dem Dichter Prunier seinen feinen, ausdrucksstarken Tenor leiht. Tomasz Wija ist ein eindrucksvoller Rambaldo und aus dem Gespann der Freundinnen sticht die Neuseeländerin Imogen Thirlwall mit klarem Sopran heraus, der feinste Lyrik verströmt.

Überstrahlt aber wird die auch ansonsten engagiert aufspielende Sängerriege von der aus der Türkei stammenden Elif Aytekin, die die Magda in all ihren Facetten Leben einhaucht. Sie ist ebenso glaubhaft die nach Liebe suchende junge Frau wie die auf ihren Vorteil bedachte Kurtisane, überzeugt mit immensem stimmlichem Ausdruck, eindrucksvoller Kraft und feinsten Piani gleichermaßen. Dass die am Samstag nur durch ein halbvolles Theater klingen, ist traurig und hoffentlich zumindest ein Stück weit der Corona-Hysterie zuzuschreiben. Denn ich bin vom Abend restlos begeistert und kann ihn allen Eisenacherinnen und Eisenachern wärmstens empfehlen; bis Mai haben Sie noch dreimal Gelegenheit, diese Rarität zu erleben.

Ihr
Jochen Rüth

02.03.2020

 

Die Fotos stammen von Marie Liebig.

 

 

TANNHÄUSER

Vorstellung am 3. Oktober 2019

 

Langsam fährt das Taxi durch den herbstlichen Wald der Wartburg entgegen, und natürlich kommen mir sofort die ersten Takte der „Tannhäuser“-Ouvertüre in den Kopf. Ich schaue ungeduldig durch die Bäume neben der ansteigenden Strasse, ob sie denn endlich auftaucht ganz oben, die wunderschöne und so geschichtsträchtige mittelalterliche Wartburg. Da öffnet sich der Wald auf einmal, und sie wird frei – „Freie Gegend auf Berges Höhen“, wie es so schön im „Rheingold“ heißt, auf 411 m über Normal Null, als „Warte“ über die Gegend. Sogar das Kupferdach des sog. Pallas mit dem langgestreckten Sängersaal ist klar zu erkennen.

Oben angekommen hat das Wetter umgeschlagen, es ist neblig, und nun steht sie vor mir, fast schemenhaft beleuchtet im Nebel, mit ihrem charakteristischen Turm und dem langen Wehrgang zum Torhaus. Es ist ein erhebendes Gefühl. Nun könnte es heißen „auf wolkigen Höh’n…“. Auch wenn der berühmte „Sängerkrieg auf der Wartburg“ hier nicht stattgefunden hat - der vermögende und kunstliebende Hermann I. soll die Sänger 1207 an seinen Hof in Thüringen zu einem solchen Wettstreit eingeladen haben - so muss man als Liebhaber des Wagnerschen Oeuvres einfach einmal hier gewesen sein!

Und das erst recht, wenn in eben jenem Sängersaal Wagners romantische Oper „Tannhäuser“ gespielt wird. Der wundervolle Saal erhielt seine jetzige Form auch durch Mithilfe von Franz Liszt, der 1849 in Weimar die erste Produktion des „Tannhäuser“ nach der UA in Dresden leitete. Mit dezenter Ornamentik, einer akustisch sehr guten und mit viel Holz auch optisch bemerkenswerten Decke sowie mittelalterlichen Bogenelementen an den Seiten und einer fantasievoll braun-rötlichen Farbgebung zieht einen der Sängersaal unmittelbar in seinen Bann. Er erhebt das Erlebnis des „Tannhäuser“ auf einer schlichten Bühne vor dem Orchester mit einem kleinen Aufbau für Sitzgelegenheiten des Landgrafen und Elisabeths im Mittelakt in eine ungewohnte und überaus authentisch wirkende Dimension. Hier braucht man eigentlich gar kein Bühnenbild – der Saal ist das Bühnenbild!

Das Meininger Staatstheater, welches einst die meisten Musiker für Richard Wagners Festspielorchester stellte, spielt hier den „Tannhäuser“ schon seit 2002 mehrmals im Jahr, in der Regie des Intendanten Ansgar Haag, mit dramaturgischer Unterstützung von Klaus Rak. Die Aufführungen sind, wenn man es salopp sagen will, eine Art Blockbuster auf der Wartburg geworden, fast immer, wie auch dieses Mal, ausverkauft. Für die Gestaltung im Raum, besonders wichtig in diesem speziellen Falle, ist Kerstin Jacobssen verantwortlich. Sie lässt die Sänger immer wieder aus dem Mittelgang auf- und abgehen, auch die Pilgerchöre ziehen so singend langsam mitten durch das Publikum zur Bühne. Und Jacobssen positioniert den hier so wichtigen Chor auf der Galerie, der von dort oben auch wegen der Gestaltung der Decke eine ausgezeichnete Akustik erfährt.

Stephanie Geiger schuf für die Chöre und die Protagonisten im 1. und 3. Akt schlichte Kostüme und versah die Roben der Sänger, Landgraf Hermanns und Elisabeths mit modernistisch gestylter mittalterlicher Ornamentik. Venus bekam natürlich das tiefrote wallende Kostüm. Die Personenregie war gut und eher moderat, wenn es auch fast zu einer handgreiflichen Auseinandersetzung zwischen Biterolf und Tannhäuser kam. Sehr schön war der Moment, als Elisabeth bei ihrer Klage im 3. Akt Wolfram ihr stets innig umklammertes Kreuz an einer Perlenkette übergibt – und damit wohl ihre letzte Hoffnung…

Brit-Tone Müllertz war als Elisabeth und auch Venus die sängerische Offenbarung des Abends. Sie verfügt über einen ausgezeichnet geführten vollen Sopran, der mit einer guten Attacke und nicht nur mit in der berühmten Hallen-Arie mit erstklassigen Spitzentönen aufwartete. Wie auch am Rande der Aufführung vernahm, soll sie wohl im neuen Bayreuther „Ring“ eine der Walküren singen. Michael Siemon konnte trotz seiner kräftigen Stimme nicht ganz auf diesem Niveau mithalten. Sein meines Erachtens immer wieder zu kraftvoll gesungener Tenor hat keine ausreichende Resonanz, sodass hier wohl technische Fragen eine Rolle spielen. Man merkte ihm die Erschöpfung nach der Rom-Erzählung an. Die baritonale Färbung seines Tenors und die gute Diktion lassen jedoch ein interessantes Potenzial erkennen, zumal er darstellerisch in den verschiedenen Ausformungen der Partie sehr beeindruckte und auch äußert engagiert spielte.

Der Koreaner Shin Taniguchi brillierte als Wolfram mit einem samtenen Bariton bei guter Resonanz, schönem Timbre und exzellenter Diktion. Eine hervorragende Besetzung dieser so wichtigen Rolle. Ernst Garstenauer als Landgraf Hermann verfügt zwar über einen voluminösen Bass mit guter Klangentwicklung. Die Stimme wirkt aber nicht allzu stabil. Er mimte jedoch einen souveränen Landgrafen. Remy Burnens als Walther von der Vogelweide überzeugt mit einer warmen und klangvollen Stimme und der kämpferische Biterolf von Tomasz Wija mit einem kraftvollen Bass. Stan Meus als Heinrich der Schreiber und Mikko Järviluoto vervollständigten das gute Ensemble der Sänger des Wettstreits. Elif Aytekin sang einen lieblich klingenden Hirten. Die vier Edelknaben waren Dorothea Gerber, Cordula Rochler, Rosica Vogel und Uta Müller. Manuel Bethe hatte den stimmkräftigen Chor und Extrachor des Meininger Staatstheaters dramaturgisch akzentuiert sowie mit großer Transparenz und Wortdeutlichkedit einstudiert. Im Ensemble befinden sich auch viele Asiaten, ein weiterer Beweis für die auf fast allen europäischen Gesangswettbewerben sichtbare Entwicklung des lyrischen Gesangs in diesem Erdteil, vor allem in der Republik Südkorea und China.

Lancelot Fuhry dirigierte die Meininger Hofkapelle mit viel Verve und großer Exaktheit. Schon die Ouvertüre beeindruckte durch einen zurückhaltenden Beginn und dann immer größer werdende Dynamik. Die Hofkapelle stellte ihre große Erfahrung mit diesem Werk Richard Wagners und wohl auch anderen - ich erinnere mich heute noch gern an den Mielitz-Hrdlicka-„Ring“ in Meinigen 2001 - unter Beweis. Zumal die Sänger vor dem Orchester agierten, kam es zu einer guten Balance. Einen besonderen Eindruck machte die 1. Harfenistin, die gleich rechts an der Bühne saß und ihre ganz großen Momente im 2. Akt hatte. Es gab sehr viel Applaus für alle Akteure. Ich verließ die Wartburg mit dem Gefühl, der Kunst des Bayreuther Meisters einmal ganz nahe gewesen zu sein. Das ließ auch die sehr begrenzte Gastronomie in den Pausen vergessen.                                                                                       

Klaus Billand

 

Bilder Nr. 3 und 4: Wartburg.de

Alle anderen: K. Billand

 

 

Tannhäuser

20.05.2013

Tatsächlich auf der Wartburg -  halbszenisch                  

Pfingstmontag 2013, noch zwei Tage bis zum zweihundertsten Geburtstag Richard Wagner ….. Das Meininger Theater präsentiert – tatsächlich auf der Wartburg, im Sängersaal – wieder den „Tannhäuser“ – und setzt auch im „Wagner-Jahr“ die in 2003 zunächst vom Landestheater Eisenach begründete Tradition fort. Hinter der vermeintlich „lokalen“ Aufführung verbirgt sich längst eine Opern-Präsentation von verblüffender Perfektion und Musikalität, auch ohne volle szenische Ausgestaltung – oder gar deswegen! Atemberaubend die räumliche Atmosphäre des prunkvollen Festsaals im Palas der Wartburg, die das Publikum nach steilem Aufstieg erklommen hat. Für den II. Akt geht es nicht authentischer! Historische und Kunst-Szene vermengen sich, für einen Erstbesucher ein erregendes Erlebnis.

Eingang zur Wartburg

Die Meininger Hofkapelle, immerhin mit den Einschränkungen eines B-Orchesters, an der Stirnseite der „Halle“ platziert, davor der Raum für Gesang und das szenische Spiel der Solisten. Mit den ersten Akkorden der Ouvertüre entfaltet der junge Meininger Generalmusikdirektor Philippe Bach einen kräftigen Raumklang, reizt dabei allerdings die melodische Vielfalt teilweise filigran aus. Und als die Solisten, in Stand und Rolle entsprechend schlichten aber treffenden Kostümen, erscheinen und das musikalische Geschehen dominieren, nimmt er das Orchester gekonnt zurück. In den „sinfonischen“ Partien, also den Vorspielen zu den Aufzügen oder dem Auftakt zum Einzug der Gäste trumpft das Orchester wieder auf, ohne an irgendeiner Stelle etwa zu laut zu wirken. Als besondere Leistung entpuppt sich die koordinierende Geschicklichkeit des Dirigenten beim Agieren der Solisten hinter seinem Rücken zwischen Orchester und Publikum und bei der Platzierung der Chöre teils hinter, teils auf der seitlichen Säulenbalustrade des Festsaals. Als Glücksfall muss man wohl die Besetzung der weiblichen Rollen bezeichnen. Mit klarem, zugleich aber kräftigem Sopran gefiel die Wienerin Miria Rosendorfsky als junger Hirt. Am Ende des I. Aktes gab es gezielte Bravo-Rufe für sie. Als brillante Besetzung der Venus zeigte sich Bettine Kampp, gut aussehend, in einer überzeugenden Gestik und in ansprechendem Kostüm verführerisch, beim Gesang schmeichelnd, fordernd und drohend. Ein kräftiger Mezzosopran, teilweise gar zum Alt tendierend, jeweils ganz der Rolle angepasst, verhalf zu einem ausdrucksstarken Profil. Für eine regelrecht beglückende Partie als Elisabeth sorgte, auch mit ihrem ranken Wuchs, die Brasilianerin Camila Ribero-Souza. Mit kräftigem lyrischen Sopran begrüßte sie die Halle, bei der Begegnung mit Tannhäuser eher zärtliche Töne, um dann hochdramatisch das Geschehen in der verstörten Gesellschaft kurz an sich zu reißen. Die Bitte um Tannhäusers Seelenheil dann geriet in zärtlichen-flehenden Klängen zu einem ergreifenden (zweiten) Gebet der Elisabeth. Welch eine stimmliche Wandlungs- und Anpassungsfähigkeit! Und in jeder Situation eine überzeugende Gestik und Mimik. (Von ihr dürfte man zukünftig noch hören.)

Palasfestsaal

Auch die männlichen Hauptrollen sind vorzüglich besetzt. Ernst Garstenauer, von kräftiger Statur, gibt einen überzeugenden Landgrafen mit einem volltönenden und raumfüllenden Bass. Spiel, Gestik und klare Diktion überzeugen in ihrer Wirkung als jagdlicher Gastgeber, als verständnisvoller Oheim, als bejubelter Landesfürst und als Klärer der aufgeheizten Stimmung der Festgesellschaft. Einen überzeugenden Walter von der Vogelweide liefert der Mexikaner Rodrigo Porras Garulo, der mit klarem Tenor und beherzter Mimik zeigte, dass er als Minnesänger die Krise zwischen den Beteiligten kurzum zu glätten glaubte. Mit dem Koreaner Dae-Hee Shin verfügt die Meininger Bühne über einen überzeugenden Bariton, der mit vielfältigem Wechsel der kräftigen Stimme die Situations- und Stimmungsänderungen, die die Rolle als Wolfram von Eschenbach erfordert, ausdrucksstark präsentiert. (Immerhin, er wurde 2010 durch Opernwelt als „Sänger des Jahres“ nominiert.) Beachtlich auch seine Mimik und Gestik des freudigen Jagdgesellen, des der Liebe entsagenden Verehrers und des besorgten und letztlich rettenden Freundes. Da passte alles.

Eine bemerkenswerte Besetzung der Titelrolle gewährleistet der Amerikaner Richard Decker. Er verleiht mit klangschöner, volltönender, nirgends überforderter Tenor-Stimme mit breiten Facetten, mit Gestik und Mimik dem Tannhäuser eine geballte Leidenschaft mit zügellosen Momenten, mit Phasen der Überheblichkeit, auch des Nachdenkens und am Schluss Verständnis suchender Verzweiflung. Er überzeugt, dass Tannhäuser ein Rastloser ist, ein schwieriger Charakter, hochbegabt, zwischen Sanguiniker und Choleriker. Richard Decker wird dieser Herausforderung in seiner Rollengestaltung gerecht. Und der Chor? Trotz seiner dezentralen, teils verdeckten Platzierung lieferte er einen melodisch anrührenden Klang im Festsaal. Der Einzug der Gäste geriet nicht allein von der Partitur her zu einem Höhepunkt der Aufführung.

Schlussapplaus

Auch ohne die szenische Gestaltung einer Bühne gelangen dem prächtig aufspielenden und musizierenden Ensemble aus Meiningen zeitweise berauschende Klangmomente. Das fröhliche Septett zum Finale des I. Aktes schuf eine klangschöne Heiterkeit. Die Zuschauer gingen angeregt in die Pause, gespannt auf Weiteres. Am Ende des II. Aktes bereits, als sich durch Elisabeths Intervention gar Versöhnliches andeutet, gerät die Szene bereits zu einer musikalischen Apotheose. Ergriffenheit, ja Rührung machten sich bei vielen Besuchern breit. Und beim großartigen Schluss-gesang der Chöre und Sänger am Ende des III. Aktes verspürte man schier knisternde Spannung und Stille beim Publikum. Das entlud sich dann auch eher als Jubel denn als bloßer Beifall, der für lange Minuten aufbrandete, immer wieder durchbrochen von zahllosen, teils emphatischen Bravo-Rufen. Eine verständliche, aber auch verdiente Reaktion! (Für mich konnte ich feststellen, dass die „nur“ halbszenische Aufführung in hohem Maße Gelegenheit gab, die Darbietungen/ Leistungen von Orchester, Solisten und Chor sehr intensiv in musikalischer und gestalterischer Hinsicht wahrzunehmen. Dieser Besuch bei Wagners „Sängerkrieg auf Wartburg“ hat sich mehr als gelohnt.)

Kein Wunder, dass Wagners „Tannhäuser“, dargeboten tatsächlich auf der Wartburg, mittlerweile unter Kennern als Geheimtipp gilt. Die Vorstellungen dieses Jahres waren schon seit dem vergangenen Jahr ausverkauft. Aber im nächsten Jahr sind wiederum Aufführungen geplant, im zweiten Quartal jedenfalls vier an der Zahl.

Hans-Hermann Trost, 27.05.13                                 Fotos: Wartburg-Stiftung

 

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