DER OPERNFREUND - 51.Jahrgang
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Rossini „Le Comte Ory“

ein fast vergessenes Kleinod - dreimal neu entdeckt!

Ich hätte nie geglaubt, dass ich nach über 60 Jahren intensivster Beschäftigung mit der Oper noch etwas Neues und mich so Begeisterndes entdecken könnte, wie dieses vergessene Kleinod, das Rossini aus Einzelstücken der „Reise nach Reims“ zusammengebastelt hat. Und davon gibt es auch noch gleich 3 überaus herrliche Aufnahmen, die mich, den nun fast 80 jährigen Opernnarren, wieder in schon vergessen geglaubte   jugendliche Begeisterung versetzen konnten. Es gibt sie also doch noch, diese vor Glück fast närrisch machenden Opernwunder! Diese Begeisterung macht mir aber eine kritische Besprechung jetzt sehr schwer: ich halte nämlich alle drei Aufnahmen mit nur kleinen Unterschieden für sehr gut gelungen.

 

1.Warner: 0825646054503, 1Bluray, New York 2011:

„Opulenz in allen Bereichen: eine echte MET “                         

Wie bei der MET üblich, weist auch diese Einspielung eine Opulenz auf, die sich andere Bühnen wohl kaum leisten können. Das gilt nicht nur für das wunderschöne Bühnenbild und die verschwenderisch prachtvollen Kostüme sondern auch für das Staraufgebot. Gleich drei Weltstars werden bemüht: Diana Damrau, Joyce di Donato und Juan Diego Flores! Wobei mich bei allen dreien die völlig unerwartete komödiantische Brillanz noch mehr begeisterte, als die ja erwartete Fähigkeit zur Stimmakrobatik. Und die Regie von Bartlett Sher löst sogar die verzwickte Aufgabe, einen Tenor in Nonnenkleidung mit einem Mezzo in Männerkostüm und einem Sopran im Nachthemd ein Terzett im Bett singen zu lassen, von allen Einspielungen am besten. Und schafft es sogar noch, dabei ebenso dezent erotisch wie auch herrlich witzig zu sein. Dass die drei bei dem geforderten Körpereinsatz auch noch prachtvoll singen, versteht sich in dieser Gagenklasse natürlich von selbst. Ein toller Spaß mit ebenso schwieriger wie anspruchsvoller Musik.

 

2. DECCA 074 3468, 1Bluray, Zürich 2012:

„Ein Kreuzzug mit de Gaulle im Nachkriegsfrankreich.“

In die fünfziger Jahre und in die Französische Provinz verlegt die Regie hier die Handlung, was zumindest im 1. Akt erstaunlich gut aufgeht. Das ist vor allem der großartigen stimmlichen und darstellerischen Präsenz Javier Camarenas als Titelhelden zu verdanken. Der aber auch vor Klamauk und Unfug nicht zurückschrecken muss. Um ihn herum ein ebenso spielfreudiges Ensemble, mit so vielen witzigen Details, dass sich ein wiederholtes Ansehen unbedingt lohnt, um alle Köstlichkeiten auszukosten. Cecilia Bartoli mit ebenso viel Mut zu Hochtönen wie zur Darstellung der hier ältlichen Gräfin und Rebecca Olvera als Page in Uniform bleiben ihren Rollen gar nichts schuldig. Und als Running Gag dazu das riesige Bild des heldenhaften De Gaulle. Die bei aller Komik ebenso wertvolle wie anspruchsvolle Musik Rossinis wird übrigens auch hier, wie bei allen 3 Aufnahmen, sehr „ernst“ genommen.


3. Naxos 2.110388,1 DVD, Malmö 2015:

Ein weniger bekanntes Theater zeigt Flagge - und wie!

Diese DVD mit relativ unbekannten Sänger/innen ist ein überzeugendes Plädoyer dafür, dass auch ohne die oft hochgejubelten Opernstars äußerst gelungene Aufnahmen möglich sind. Die Malmö Opera vollbrachte somit fast ein kleines Opernwunder. In der höhenvertrackten Rolle des Grafen Ory bleibt Leonardo Ferrando mit geradezu jubelnder Hochtonlust keines der vielen Hohen Cs und Ds schuldig. Und spielt auch noch überzeugend. Auch Erika Miklosa als Gräfin Adele spielt und singt hin- und mitreißend und die Cherubin-Hosenrolle des frechen Pagen wird von Daniela Pini herrlich dargeboten. Jubel beim Publikum und beim Rezensenten ist die Folge. Doch auch die Inszenierung, angesiedelt in einer Art kunstvollem Pseudomittelalter, begeistert. Und der Dirigent Tobias Ringborg gibt diesem witzigen und melodienreichen Werk, das völlig zu Unrecht fast vergessen war, natürlich alles, was zum Rossiniglück nötig ist. Und das ist bei dieser anspruchsvollen Partitur gar nicht so leicht. Ich bin mir absolut sicher, dass sich diese Aufnahme unter den 7 bei Amazon genannten, (von denen es aber bei den Labels nur noch 3 gibt), sehr gut behaupten wird.

 Fazit: da jede der Aufnahmen andere interessante Schwerpunkte setzt, empfiehlt es sich wirklich, alle 3 zu kaufen.   Ich verspreche: es wird ein dreifaches Vergnügen werden!                                                                        2. September 2018

 

 

 

„Selige Vielfalt auf sonniger Höh!“

8 Mal Wagners „Siegfried“ 

DGG 073 4062, 2DVDs Bayreuth 1980/2005

Chereau ein hochgejubelter Nachahmer ?  

Wie man wohl ausgerechnet Manfred Jung an so prominentem Ort als Siegfried wählen konnte, ist mir immer noch ein Rätsel. Vielleicht, weil Wolfgang Wagner eben erst den Kollo aus Bayreuth vergräzt hatte, wie Kollo in seinen Memoiren ausführlich beschreibt? Da musste halt ein braver Jasager als Ersatz her, auch wenn er weder optisch noch stimmlich auch nur im entferntesten selbst bescheidenen Siegfried-erwartungen entsprach. Doch nicht nur an ihm liegt es, wenn die Enttäuschung groß war. Denn auch Chereau lieferte eigentlich nichts Neues oder Sensationelles. Denn die  guten Ideen kannte jeder, der es wissen wollte, schon von der wunderbaren Inszenierung Ulrich Melchingers aus Kassel von 1972(!!!). Bei dem die sozialkritische Komponente sogar noch viel schärfer und weniger putzig daherkam, als bei Chereau. Aber damals blieb das verdiente Presseecho aus und so wurde alles wieder vergessen. Einschließlich des Wanderers im Gehrock, der Rückverwandlung des Drachen Fafner in einen Menschen, und fast aller Gags des Mime. So jubelte die Kritik nun einen gar nicht neuen Jahrhundertring ahnungslos hoch. Natürlich: unbestritten bleiben da noch eine grandiose Gwyneth Jones und der fast legendäre Mime Zedniks. Aber leider auch der knochentrockene  Boulez als Dirigent eines nüchternen Schmalspurwagners, der die Tiefenauslotung der Partitur genauso schuldig bleibt wie ihre Gefühlswerte.

 

DGG 073 0379, 2 DVDs MET 1990

Schenks Ring für Senioren: ein Klassiker ohne Kamillentee!

Kapitalismuskritik und soziologische Tiefenbohrung gibt’s hier natürlich nicht, aber   psychologisch ausgefeilte bühnenwirksame Personenführung schon. Und es muss wirklich schon ein schwer an der Adorno-Seuche Leidender sein, der sich  von diesem Bühnengeschehen nicht mehr mitreißen lassen kann. Optisch  hätte Wagner sich das wohl auch so ähnlich vorgestellt. Und der hatte sich ja auch schon einiges Kluge gedacht beim Schaffensprozess, ganz ohne die modernen Regisseure zu befragen. Besonders hinreißend der erste Akt, den Jerusalem und Zednik zu einem singschauspielerischen Meisterstück ohnegleichen machen. Kein anderes Duo erreichte das in dieser ästhetischen Perfektion. Schon wegen dieser Szenen ist es jammerschade, dass die Aufnahme nun gestrichen wurde. Aber wahrscheinlich hat sie ja jeder Opernfreund ohnehin schon und den anderen geschieht es Recht!

 

Warner Classic  2564 62320, 2 DVD Bayreuth 1992

Musikalisch Gold, Regie nur „Kupfer“!

Da hat einer einen tollen Siegfried in bester Stimmverfassung und was macht er mit ihm, der Herr Regisseur? Er lässt ihn an einer alten Lok dauernd rauf und runter klettern, bis ihm die Puste ausgeht. Auch Mime und Wanderer killt so er durch seine Klettermanie. Schon oft fragte ich mich, wie Harry Kupfer zu seinem Ruf kam. Und wenn er dann im 2. Bild dem Wanderer gar einen Waldvogel aus der Hosentasche ziehen lässt, frage ich mich weiter, ob er seinen Wagner überhaupt  mal gelesen hat: Wotan darf eben doch gerade nicht dazu beitragen, dass Siegfried seinen Weg geht, der muss ihn selber finden, um die Welt retten zu können. Und aus dem grandiosen Graham Clark macht er als Mime im Woody Allen Stil, ist eher ein armes Schwein als einen bösartigen Zwerg. Aber es bleibt  ja noch das Musikalische. Und da ist alles aufs Best bestellt, nicht nur wegen Barenboims grandiosem Dirigieren, auch wegen der Top Sänger: Tomlinsons Wanderer und Jerusalems Siegfried dürften bis heute ziemlich unerreicht sein.

 

Euroarts 2052088, 2DVD, Stuttgart 2002

Der Gesang der Schmuddelspießer vor dem Weltuntergang

Also das Ereignis dieser DVD ist für mich nicht optischer sondern akustischer Art, nämlich  das Orchester unter Zagrosek. Das funkelt und jagt und hat einen nie nachlassenden Drive, mit erstaunlichen und ganz  neuen Klangeffekten. Großartig! Und ein unbedingt nötiger Gegensatz zum Breitspur-Wagner eines Thielemanns. Die dazu gelieferte Optik finde ich zwar keineswegs neu (welcher Bühnenbildner verlegt die Handlung denn heutzutage nicht in Tiefgaragen und Hinterhöfe), doch aber auch passend zu der von Schopenhauer übernommenen Weltuntergangsstimmung Wagners. Die Personenführung dazu ist, wie fast immer im  Regietheater, wirklich gekonnt. Doch zu Spießern und Proleten passt halt nun wiederum die gewaltige Musik so gar nicht, und  das Ganze wird schnell zur Parodie, zum Beispiel wenn sich zum 1Sound eines 100 Mann Orchesters nur zwei Gammler ankeifen. Aber zum Anhören finde ich es unbedingt zu empfehlen, auch wenn die Sänger kaum übers Mittelmaß hinauskommen. Wer sichs dennoch auch unbedingt anschauen will, kann wieder Mal erkennen, dass Wagner nicht umzubringen ist, selbst von neuzeitlichen Regisseuren nicht.

 

Arthaus Musik, 101 357, 2 DVDs, Weimar 2008

Wäre Wagner doch nur in Weimar geblieben!

Neben so manchem albernen Herumgekaspere, wohl um ein modernes Konzept zu beweisen, gelang so ganz nebenbei eine recht packende Aufführung mit großartiger Personenführung und eindrucksvollen Szenen: so mit dem allerliebsten Fräulein Waldvogel. Da kommt ganz plötzlich sogar romantische Stimmung auf, als ich schon alles verloren glaubte. Die intensive Darstellung im Schlussduett wurde durch die alberne Idee, alles auf der schon gedeckten Hochzeitstafel spielen zu lassen, dann doch ziemlich gestört. Tiefpunkt war im 2. Akt die unappetitlich dickwabbelige nackte alte Frau, die wohl Fafner sein sollte. Gesanglich überragte Catherine Foster als grandiose Brünnhilde das Ensemble, und der Siegfried Johnny van Halls überzeugte voll, nicht nur als spielfreudiger und intensiver Darsteller, sondern er bewies ganz nebenbei, dass man diese Monsterpartie auch sehr schön lyrisch singen kann, wenn denn der Dirigent kein unsensibler  Krachmacher ist. Und das ist der großartige Carl St. Clair nun ganz und gar nicht. Sein Orchester spielt sehr knapp und scharf zeichnend, wodurch genau das neue aufregende Klangerlebnis entsteht, das zu einer modernen Inszenierung hervorragend passt. Viele neue Aspekt und spannende Szenen bewiesen, dass es die Provinz oft besser  kann, als die Hochburgen. Und wo Topstimmen mal fehlten, ließ totale Rollenidentifikation das schnell vergessen. Wahrlich: dem guten alten Wagner wird sein altes Weimar diesmal gerechter als das hochgejubelte Bayreuth.

 

DGG 073 4845, 2 DVDs, MET 2011

Ganz große Oper mit Disneys Drache im Bretterwald

Also das mit dem Bilderbuch-Eidechsen-Drachen hätte selbst an der MET nicht passieren dürfen! Dass es da keine Lacher gab? Aber sonst: eine großartige, zur Handlung  passende, musikalisch stimmige Inszenierung, mit den besten jetzt denkbaren Sängern. Was will man mehr, wenn man nicht als Fan des Regietheaterstils halt Opernzertrümmerung erwartet. Nein, die gibt es hier nicht, auch keine neuen sozio-politischen Denkansätze, dafür aber die sehr  gekonnte Umsetzung der Wagnerschen Ideen. Und die sind allemal genial genug, um einen großartigen Abend zu gewährleisten. Und auch immer noch „in“, denn nicht umsonst war Wagner ja ein steckbrieflich gesuchter linker Aufrührer. Etwas gewöhnungsbedürftig ist die Kostümierung des Wanderers als Ostasiatischer Guru mit zu kleinem Hut. Dafür singt er bombastisch wie immer, der Bryn Terfel und Josef Siegel bietet eine meisterhaft ausgefeilte Psychostudie eines hinterfotzigen Angsthasen, stimmlich  mit wahrer Siegfriedröhre. Damit würde er andere Tenöre glatt an die Wand nageln! Der aus dem Nichts aufgetauchte toll singende und spielende Heldentenor  James Hunter Morris aber kann ihm standhalten, und das auch im Schlussduett. Denn auch die ausgeruhte Deborah Voigt als liebevolle hellstimmige Brünnhilde kann ihm das Fürchten nicht lehren. Er allein wäre den Kauf dieser DVDs schon wert. Warum lässt sich Bayreuth denn diesen Wundermann entgehen? Mauscheln da die Agenturen wieder mal? Fabio Luisi ist ein feinsinnig begleitender Freund der Sänger, der aber auch die Spannung hält und Gefühlstiefen schön ausleuchtet. Und anders als unter seinem Vorgänger, der ja alle Längen ermüdend auskostete, spielt das Orchester an der MET nun endlich mal wieder flotter!

 

Arthaus Musik 101 695, 2 DVDs, Scala Milano 2012

Geglückter  Kompromiss von Alt und Neu.

Guy Cassier geht einen recht guten Weg: Da sind zunächst die sehr schönen Projektionen von Enrico Bagnoli, die auch die  Romantiker erfreuen, die ja sonst bei den modernen Inszenierungen mit politischer Ausrichtung stets zu kurz kommen. Aber sie überrollen den Zuschauer auch nicht derart mit Bildeindrücken, dass die Musik kaum mehr Beachtung finden kann, wie im „Ring“ aus Valencia. Sie geben aber auch dem Intellektuellen, der seinen Wagner gerne grübelnd betrachtet, mit ihrem philosophisch-psychologisch durchdachten Hintergrund viel Stoff zum Nachdenken. Außerdem stellt die Inszenierung mit ihrer auch handwerklich perfekten Personenführung den Theatermenschen in uns zufrieden. Aber auch musikalisch gibt es viel Positives zu melden. Da wäre zum ersten die  gefühlsbetonte Auslegung unter Barenboim, die mir sehr gut gefällt. Bei den Sängern überzeugte mich in erster Linie die sehr liebevoll und fast mädchenhaft scheue Darstellung der Brünnhilde durch die auch stimmlich großartige Nina Stemme. Der Wanderer Terje Stansvold ist der beste Darsteller den man sich wünschen könnte, aber stimmlich leider nicht auf diesem Niveau. Lance Ryan singt und spielt den Siegfried mit viel Mut und Zuversicht, lässt mich aber weder Kollo noch Jerusalem vergessen, und hat in James Hunter Morris (siehe die  neueste DGG Aufnahme) einen Rivalen, der ihm wirklich das Fürchten lehren könnte.

 

CMajor 703 904, 2 DVDs, Valencia

FURA DEL BAUS - Ein Ring für Technikfreaks und Opernmuffel.

Der Flug des Wanderers über Eisgebirge zur Wala-Erda ist das Beste der Aufnahme, die für meine Begriffe in technischen Spielereien und Multimediaunfug erstickt. Das lässt kaum Chancen für die Sänger, auf die in der rauschenden Bilderflut wohl kaum mehr einer achtet. Wie schrieb ein Fan: „Endlich war Wagner mal nicht langweilig!“ Na freilich, die Bilder boten genug Abwechslung von der langweiligen Musi! Selbst der auch hier überwältigende Gerhard Siegel als Mime ging beinahe unter. Uusitalos Wanderer singt großartig ist aber albern kostümiert, was auch für Jennifer Wilsons Brünnhilde gilt. Lance Ryan kämpft wie in Mailand tapfer gegen die Probleme der Monsterpartie an, die ihm schon das Fürchten lehren konnte. Man merkt schon: meine Lieblings-Aufnahme ist das nicht, trotz oder sogar  auch wegen Zubin Metha am Pult.

Fazit: Mit der neuen Einspielung aus der MET kann jeder Wagnerianer voll zufrieden sein, wenn er noch nicht allzu von der Regie geschädigt ist. Wenn doch, so empfehle ich die Stuttgarter. Oder als guten Kompromiss für Beide, vielleicht die aus Weimar.

 

Peter Klier, 23. Juni  2018

 

5 1/2mal „Freischütz“ von brav über kalt bis witzig und überladen und kaputt .

Arthaus Musik, 127 195: DVD, Hamburg1968: Eine echte Opernfilmlegende!

Arthaus Musik hat sich sehr verdient um den Freischütz gemacht: gleich 4 der 6 Aufnahmen sind bei diesem Label zu haben. Und noch mehr Lob dafür, dass diese wunderschöne ältere Einspielung aus der Pionierzeit auch weiterhin im Programm belassen wurde. Andere Labels dagegen sind immer sehr schnell im Aussortieren. So blieb erfreulicher Weise auch dieses historische Dokument erhalten. Mit Staunen kann seine fast zeitlose Gültigkeit festgestellt werden. Natürlich ist die Personenführung etwas sehr antiquiert und schauspielerische Untalente, wie zum Beispiel Gottlob Frick oder Ernst Kozub, bleiben sich selbst überlassen mit ihren antiquierten Operngesten. Dafür singen beide singulär gut, Kozub war ja sogar als Siegfried im Solti Ring vorgesehen, scheiterte aber an den Noten. Doch auch die anderen Sänger, bis zu den Nebenrollen, sind ein Querschnitt durch die Sängerelite der damaligen Zeit. Man denke nur an Edith Mathis als herrliches Ännchen. Und die Wolfsschluchtszene ist bis heute nicht übertroffen an romantischem Flair und dramatischem Zunder. Natürlich bietet die Regie keine psychologische Tiefenbohrung der Charaktere an, wie heute üblich. Keine ideologische Denkarbeit fürs Hirn aber viel Freude fürs Herz. Ist auch mal wieder ganz schön.

Arthaus Musik, 109 195: 1 DVD, Zürich1999: Als wär‘s von Berthold Brecht

Das ganze Gegenteil bietet diese Aufnahme: nämlich viel fürs Hirn und wenig fürs Herz. Ruth Berghaus zeigt nur fast abstrakte tiefschwarze Figuren, vor allerdings farblich sehr reizvollen Flächen. Daraus hätte sich schon was machen lassen. Aber nicht für den Freischütz! Sehr geeignet wären zum Beispiel Fortners „Bluthochzeit“, Bergs „Wozzeck“ oder Janaceks „Totenhaus“. Aber ausgerechnet der arme Freischütz wird so radikal von Romantik gesäubert! Wo sie doch aus jeder Note herausgrüßt! Adorno und Brecht zum Trotz sei es gesagt: Aus lauter Angst vor dem, was einige Kopffüssler für Kitsch halten könnten, sollten Stimmungen und Emotionen nicht derartig radikal vermieden werden! Ich bin überzeugt, dass hier wieder mal nach dem Reclamheft inszeniert wurde und nicht nach der Partitur. Schade, gerade bei diesem Ensemble, denn selbst Matti Salminen als bassgewaltige Inkarnation des Bösen schlechthin, wird ausgebremst und nur das Ännchen von Marlin Hartelius durchdringt manchmal den ideologischen Kältepanzer mit weicher Stimme. Peter Seiffert als stimmstarker und -schöner Max mit Intellektuellenbrille (!) ist szenisch kaum vorhanden und auch Inga Nielsen kommt nur schwer gegen den Regiefrost an. Schade, denn diese Inszenierung hätte eigentlich wirklich großen Stil, das ist in jeder Szene zu spüren, aber sie passt halt gerade zu dieser Oper leider so gar nicht.

 

Arthaus Musik, 100 107: 1 DVD, Hamburg 1999: Regietheater, das wirklich Freude macht!

Wer hätte das vom Opernzertrümmerer Konwitschy erwartet: eine witzige, beinahe liebevoll- ironische Inszenierung, fast immer am Werk entlang, mit Stimmung und Gefühl! Und das Bühnenbild von Gabriele Koerbl passt geradezu wie angegossen zur Regie. Kommt als drittes noch die wirklich kongeniale musikalische Umsetzung durch Ingo Metzmacher hinzu, der sich hinter Thielemanns Dresdner Einspielung überhaupt nicht zu verstecken braucht: musikalischer Drive und Spannung sind bei ihm in gleichem Maße zu finden, aber hinzu kommt noch eine geradezu beglückende Durchhörbarkeit des Orchesterklangs. Und auch die Sänger sind hervorragend: allen voran Simon Yangs mokanter und nicht salbadernder Eremit, dann das überwältigende Ännchen Sabine Ritterbuschs und der in raumgreifender Schönheit badende Sopran von Charlotte Margione, als gar nicht so steife Agathe. Was dem Kaspar Albert Dohmens an schwarzen Bassdominanz fehlen mag, ersetzt er reichlich durch Dämonie. Und Jorma Silvasti als Max müsste nur sein starkes Vibrato in den Griff kriegen, um zur ersten Garde der Tenöre zu gehören. Insgesamt wohl die überzeugendste und geschlossenste Einspielung, wenn man nur bereit ist, sich auf die ironisch-witzige, aber gar nicht verstörende, Sichtweise des Regisseurs einzulassen. 

Arthaus Musik, 169 294: Bluray, Filmoper 2010: Agathe ist die „The Hunters Bride“.

Man sollte es nicht glauben, was ein Maskenbildner alles anrichten kann: aus dem Max, wurde eine grässliche Mischung zwischen Rasputin und unappetitlichstem Pennbruder gemacht, so hat er keine Chance mehr, die Rolle irgendwie noch zu retten. Geschah das auf Wunsch der Regie? Die drängt mit einer verwirrenden und unaufhörlichen Bilderflut die Musik ohnehin völlig in den Hintergrund. So gibt’s während der paar Minuten von „Leise, leise fromme Weise…“ gleich ganze 10 wechselnde Einstellungen! Darunter auch, man staune, eine Leichenwäscherei! Da hat dann selbst ein Daniel Harding keine Chance mehr, dessen ungemein spannenden Drive, ansonsten für Musikspannung pur sorgt, ohne die Gefühlswerte der Partitur zu vernachlässigen. Großartig! Das Solistenensemble ist sicher in erster Linie nach optischen Präferenzen für den Film ausgesucht, überzeugt aber trotzdem auch stimmlich! Als Kaspar dominiert, wie in allen seinen Rollen, natürlich auch hier, der Vollblutkünstler Michael Volle. Erfreulich das Wiedersehen mit dem unverwüstlichen Urgestein Franz Grundheber als noch immer stimmmächtigen und ausdrucksstarken Ottokar. Der Eremit von Rene Pape ist von der Bassesschwärze her nicht mehr ganz so überzeugend wie einst, die Wotan-Ausflüge haben da wohl einiges verändert. Juliane Banse als Agathe singt und spielt sehr sensibel und stilvoll, und Regula Mühlemann als Ännchen   ist halt einfach süß, keine Frage. Ob durch diesen Film wirklich neue Besucher für die Oper gewonnen werden? Für gediegene Opernfreunde ist es eher ratsam einfach das Bild auszuschalten und die Musik als CD genießen: dann hört man wahre musikalische Opernwonnen, herrlich!

Warner Classic 22 EF J8: 1 DVD Stuttgart 1981/ 2004: Achim Freyers witziges Meisterstück

Nicht nur die Wege des Herrn sind unerforschlich, auch die der Produktpolitik mancher Labels. Da hat man bei Warner die interessanteste und witzigste Inszenierung dieser Oper, seit über 30 Jahren ein Geheimtipp mit Kultcharakter, und nun, wo sie in Stuttgart ab Mai sogar als Wiederaufnahme zu sehen sein wird, streicht man sie dummerweise aus dem Katalog! Schade drum, denn auch im Handel ist sie kaum mehr aufzutreiben! Wer fündig wird, der sollte nicht zögern!

C Mayor 733 204: 1Bluray, Dresden 2015: Freischütz in Dresdens Kriegsruinen

Wie kommt ein Regisseur wohl auf die hirnrissige Idee, eine Oper, die im Märchengenre und im Wald angesiedelt ist, nun ins zerbombte Dresden zu verlegen? Glaubt er wirklich, dass die Leute 1945 nichts anderes im Sinn hatten, als ausgerechnet Jungfernkränze zu flechten? Oder Freikugeln zu gießen? Vielleicht um die Bomber abzuschießen? Oder spekulierte er einfach auf den Beifall der Adorno-verseuchten Kritikerkaste? Oder auf ein skandalträchtiges Gebuhe für die Medien nach 2 Stunden deprimierenden Trübsinns? Dabei ist die Personenführung eigentlich so gut, dass man zu Recht einen echten Operkönner (Axel Köhler) dahinter vermuten kann! Auch musikalisch sorgt Thielemann natürlich für Niveau, wenn die Wahnerschwere auch manchmal zu lastend wird. Bei den Sängern dominiert nicht nur stimmlich ein absoluter Spitzen Bass (Zeppenfeld), Christine Landshammer und Sara Jubiak versuchen erfolgreich, die triste Szene unter Zeltplanen und Ruinenresten, etwas aufzulockern. Michael König als Max gibt sicher sein Bestes, aber ein romantischer Held ist er halt weder stimmlich noch vom Aussehen. Dass er nun gleich in 2 der 6 Aufnahmen eingesetzt ist, sagt viel über die Einfallslosigkeit der Besetzungsbüros oder die Tüchtigkeit seines Agenten aus.

Fazit: Die romantischste Aufnahme ist sicher Nr.1 von 1968 bei Arthaus, da liebten die Regisseure noch die Partitur. Die etwas steife Personenführung nimmt man halt in Kauf. Witzig und spannend, in ganz neuer Sichtweise Nr. 3, ebenfalls Arthaus von 1999. Wegen Daniel Harding ist auch Nr. 4 zum Anhören interessant, schon wieder Arthaus, ja dieses Label hat sich um den Freischütz äußerst verdient gemacht. Mein Rat: am besten man nimmt gleich alle drei.

Peter Klier, 14. April 2018

 

 

Siebenmal „Ariadne auf Naxos“: fünfmal zum Freuen, zweimal zum Fürchten.

1.      Arthaus Musik 197 255:  1 DVD, Festspiele Salzburg 1965: Rückblick in eine „heile“ Opernwelt

Man kann Arthaus Musik nicht genug danken, dieses wertvolle Zeitdokument erhalten und zugänglich gemacht zu haben. In klassisch eindrucksvollen schwarzweißen Bildern erhält man so einen schönen Einblick in die fast vergessene Welt der Opernseligkeit. Altmeister wie Günther Rennert und Karl Böhm waren die Garanten. Die Besetzung ist eine Liste der besten Strauss-Sänger dieser Zeit. Und hätte Christa Ludwig nicht im letzten Moment Angst vor den Höhenflügen der Ariadne bekommen, wäre dieses Zeitdokument um eine echte Sensation reicher. Wer das alles noch miterlebt hat, wird froh sein, diese Aufnahme trotz ihrer akustischen Mängel erleben zu dürfen. Und Jüngeren sei ein Einblick in eine Zeit gegönnt, in der die Welt der Oper noch nicht, wie heute leider so oft, von der Regie verunstaltet worden ist. Und dennoch lebendiges quirliges Theatererleben geboten wurde.

2.      DGG 00440 073 4370 1 DVD, Wiener Staatsoper 1978: Opernlegende im Playback      

Eigentlich wäre das ja die Referenzaufnahme. Hätte sie nicht einen kleinen Schönheitsfehler: sie wurde im Play-Back-verfahren im Studio aufgezeichnet und die Sänger machen halt brav den Mund auf und zu, die Spannung einer Liveaufnahme aber ist dahin. Ansonsten ist alles erste Sahne: Rene Kollo und Edita Gruberova sind in ihren Rollen sogar unübertroffen bis heute, ja noch nicht einmal auch nur annähernd erreicht. Und auch Janowitz und Berry sind ja echte Legenden. Karl Böhm bietet als Dirigent das absolute non plus Ultra. Der herrlich kitschig schöne Sternenhimmel zum Schluss, der lässt natürlich jedem Nostalgiker Wonneschauer über den Rücken rieseln. Wer würde da schon eine politisch ideologische Überhöhung vermissen?

3.      Arthaus Musik 100 171: 1 DVD, Dresden 2000: Adorno zum Trotz: Oper darf auch schön sein!

Den finalen Zauber der Verwandlung am Schluss der Oper traut sich wohl kaum noch ein heutiger Regisseur in solch einer herrlichen Bilderwelt darzubieten, wie Marco Arturo Marelli. Das überrascht schon nach dem äußerst karg-modernen Interieur im Vorspiel. Der traut sich was, dachte ich mir, angesichts einer Kritikerkaste, die alles gefühlvoll Zauberhafte wütend als bildungsbürgerlichen Kitsch geißelt. Und auch Colin Davis erfreut uns mit überströmenden Gefühlswonnen im Orchester. Susan Anthony, die mir aus ihrer Frühzeit in Coburg noch in bester Erinnerung ist, kann da ebenso jubelnd mithalten wie der strahlende Bacchus von John Villars. Und steht dann  noch gar Sophie Koch als herrliche Inkarnation des jungen Komponisten auf der Bühne, bleiben die Wonneschauer höchsten Operngenusses nicht aus. Adorno und den wilden Regisseuren der Gegenwart zum Trotz: Oper darf auch schön sein und muss nicht nur zur ideologischen Agitation missbraucht werden. Bravo!    

4.      Warner 186 795: 1 DVD,MET New York 2003: Üppig und pompös- wie die alte Tante MET

So üppig pompös liebts die MET halt, nicht nur musikalisch (Levine kostet die herrlichen Melodien mit endlosen Bögen wahrlich betörenden Wohlklangs aus) sondern auch szenisch, wenn im klassisch echten Kulissenzauber fast ein Zuviel an Menschengewimmel vom Hauptgeschehen etwas ablenkt. Deborah Voigt passt auch optisch in diesen Rahmen. Ihrer kraftstrotzenden Opulenz glaubt man allerdings die Todessehnsucht ebenso wenig wie dem nicht minder umfangreichen Richard Margison den griechischen Gott. Womit nichts gegen ihren, den Riesenraum füllenden, Gesang gesagt sein soll. Der Komponist Susanne Metzners steht den beiden an unbekümmert vokaler und körperlicher Wucht nicht nach. Auch Wolfgang Brendel erfüllt den Musiklehrer mit angemessen verorteter Stimmwucht. Ein machtvolles Stimmfest, sicher gut passend zu den Riesenausmaßen der MET. Die zierliche Natalie Dessay führt dagegen sensibel vor, wie filigran Straussgesang sein könnte. Ein machtvolles Stimmfest bis zum opulenten orange leuchtenden Finale.

5.      Arthaus Musik 107 249: 1 DVD, Zürich 2006: Eine  DVD – die besser eine CD wäre!

Wie schon oft beim  zeitgenössischen Regietheater auf DVDs dachte ich mir auch hier: Was für eine herrliche CD wäre diese beinahe perfekte musikalische Darbietung, wenn man das Geschehen auf der Bühne nicht sehen und ertragen müsste. Denn zuzusehen, wie Klaus Guth diese herrliche Oper verschandelt, das sollten sich nur hartgesottene Regietheaterfans antun. So, wenn die arme Ariadne sich als torkelnde Säuferin in einer Züricher Gaststätte dem Oberkellner anbietet, der Musiklehrer blind über die Bühne tappt und sich der arme Komponist erschießt, statt besser den Regisseur! Negatives Trumpfass aber ist der Intendant Pereira, als  zweifellos weitaus schlechtester Haushofmeister aller Einspielungen. Mein Rat: Diese DVD mit ausgeschaltetem Bildschirm anhören. Das lohnt sich wirklich: denn Robert Sacca ist der einzige nach Kollo, der den Bacchus wirklich gepflegt und schlank singt, Emily Magee erfreut als äußerst gefühlvolle Ariadne, und Michael Volle wuchtet seinen Musiklehrer effektvoll in Wotansnähe. Christoph Dohnanys schlanker sensibler Orchesterklang könnte sogar glatt süchtig machen

6.       DECCA 074 3809: Baden-Baden 2012: Fliegende Stühle und ein Hochglanz Finale

Das Haus des reichsten Mannes von Wien ist offenbar von einem hypermodernen Architekten entworfen. Aber das ist schnell vergessen und das Finale ist dann so zauberhaft, wie es sich halt auch von der Musik her gehört. Besonders, wenn endlich die albernen Stühle zum Himmel fliegen. Auch in dieser Aufnahme triumphiert wieder Sophie Koch als Inkarnation des Komponisten, ja und Eike Wim Schulte gibt einen wunderbar geschäftig wuseligen Musiklehrer, mit beinahe tenoralem Höhenglanz. Renee Fleming als recht kühle schönstimmige Ariadne und Robert Dean Smith als wagnergestählter pausbäckiger Bacchus überzeugen ebenso wie Jane Archibald als flotte Zerbinetta ohne Höhenangst. Rene Kollo brilliert in kluger Selbsteinsicht jetzt mit der Sprechrolle des Haushofmeisters. Wäre ein anderer Spitzentenor von einst nur ebenso klug, bevor er die letzten wunderbaren Erinnerungen an seine einstigen Glanzzeiten im falschen Baritonsound ertränkt. Thielemann ist mir im Vorspiel zu wenig leicht und flott, das wuchtet alles mit Parsifalschwere einher. Die Aufschwünge in der Opera-seria dagegen, die zaubert er dann wirklich genial mit endlosem Atem. Insgesamt also eine so spannende Aufnahme, dass sie auch am Bildschirm noch zum Liveerlebnis wird.

7.      Opus Arte OA 1135 D: Glyndebourne 2013/14: Zerbinetta in der Zwangsjacke

Und schon wieder ein Opfer einer ausgeflippten Regie, die unbedingt originell sein will! Im Vorspiel geht’s zunächst ja noch einigermaßen, bis dann am Schluss die Granaten der Tiefflieger (!!!) einschlagen. Nach der Pause wird’s aber wirklich schlimm: Krankenschwester Ariadne liegt im Lazarett-Bett mit dem verwundeten Gefreiten Bacchus, und Hilfsschwester Zerbinetta wird während ihrer schweren Arie in einer   Zwangsjacke in die Psychiatrie gebracht. Das hätte man lieber rechtzeitig mit der Regisseurin tun sollen. In Garmisch aber bebt der Friedhof, weil Richard Strauss so heftig in seinem Grab rotiert. Nur schade um den wirklich großartigen Musiklehrer des seriösen Thomas Allen und den dramatisch engagierten Komponisten Kate Lindseys.

 

Fazit:

Eine Qual der Wahl gibt es hier eigentlich nicht: Wegen der enormen künstlerischen Qualitäten bei Nr. 1 und 2 lohnt es sich wirklich, auch für Technikfreaks, mal Kompromisse beim Sound einzugehen! Und  Nr. 4 wird Liebhaber großer Stimmen sehr glücklich machen. Auch Nr. 5 und 7 werden zumindest Anhänger des modernen Regietheaters dennoch spannend finden. Aber meine Lieblingsaufnahmen wären Nr.3 und 6, wegen der traumhaften Sophie Koch und vor allem wegen der herrlichen Finali in beiden Fällen.

Peter Klier, 12.2.2018

 

„Nozze di Figaro“

Neuere Versuche zu Mozarts herrlicher Oper 

1.      Euro Arts 2072954  1Blu-ray, Festspiele Salzburg 2015: Der Graf als geiler Lord

Das große Handicap dieser Aufnahme ist das verkorkst-verschachtelte Bühnenbild, das in quälender Enge weder Stimmung schafft und kaum Raum für Bewegung gibt. Wollte das die Regie so?? Und dann im 4. Akt, wo ja intime Nähe sinnvoll wäre, spielt die Szene in einem riesigen kahlen Wintergarten mit der Ausstrahlung einer alten Bahnhofshalle um 3 Uhr Nachts. Die vielen kleinen Zimmer im Querschnitt bieten allerdings viele Spielräume und Sven Eric Bechtholf bemüht sich redlich sie mit neuer Sichtweise und noch viel mehr   Aktionen alle dauernd wieder zu benützen. Also langweilig wird es nie. Etwas mehr  an psychologischer Deutung der Personen und der Handlung hätte ich schon erwartet, ohne damit gleich die ganze Kiste oft überzogenen Blödsinns aus dem Regietheaters einzufordern. Ob nun aber gerade die Verlegung ins 20. Jahrhundert viel brachte? Ohne die geht es wohl heute nicht mehr? Dabei fehlt dann gerade die echte Bedrohung durch das brutale „Jus primae Noctis“, das der Graf ja nur wieder anzuordnen bräuchte. So aber wird die Story auf das Anbaggern eines Dienstmädchens durch seinen geilen Chef reduziert. Sie bräuchte ja nur „NEIN“ zu sagen und die Oper wäre aus. Musikalisch ist alles bestens! Dan Ettinger schafft auch musikalisch die Spannung, die den Zuschauer aufmerksam hält, und hat ja auch noch so großartigen Sänger! Allen voran die herrliche Mozartsopranistin Anett Fritsch als jugendliche Gräfin. Meiner Meinung nach wäre sie allerdings jetzt eher die ideale Susanne, vom tollen Aussehen bis zur stimmlichen Entwicklung. Luca Pisaroni ist ein derartig umwerfend männlich verführerischer Graf, mit herrlichem Bariton gesegnet, dass es fast unverständlich ist, wieso sich die etwas ältliche, aber großartig singende Susanna (Martina Jankova), gar so gegen ein Techtelmechtel sträuben sollte. Der Figaro Adam Plachetka singt ebenso volltönend gut wie sein Herr, wirkt aber durch die blödsinnige Chauffeursuniform eher wie ein General als ein pfiffiger Diener! Cherubino ist von der Regie her sehr erotisch angelegt und Margarita Gritskova bleibt der Rolle wirklich nichts schuldig. Dass die Gräfin dennoch gar so spröde reagiert, erschein uns heute etwas antiquiert. Ein Wiedersehen mit der früher in allen großen Rollen so oft gefeierten Ann Murray, jetzt als elegante Marcellina, freute den Nostalgiker in mir.

2.      DGG 00440 073 4245 2DVD    Festspiele Salzburg 2006   „Sex im Treppenhaus“

Klaus Guth geht recht umkrempelnd ans Werk und von  Mozart bleibt außer der Musik eigentlich nichts übrig. Wie später in seiner Fidelio-Inszenierung 2015 verfremdet er dauernd, lässt schwarze Schatten tanzen, friert die Bewegungen immer wieder ein, erfindet Figuren, wie den albernen Engel der dauernd durch die Handlung stolpert und lauter unlösbare Rätsel aufgibt, ja und dann besonders blöd: Grafens wohnen wohl im Treppenhaus? Was der ganzen Regie-Albernheit vor allem dann die Krone aufsetzt, ist, wenn es dauernd auf den Treppen zu beischlafähnlichen Handlungen kommt. Nichts gegen die Erotik, die ist ja mitkomponiert und fehlt zum Beispiel gerade in der oben besprochenen Aufnahme. Aber dass es alle so öffentlich treiben, wo sie doch gleichzeitig bemüht sind, es vor den anderen zu verbergen! Das Ganze erinnert eher an Strindbergs schwarze Dramen als an Mozart und seine Leichtigkeit! Aber auch Hornoncourt dirigiert mit bleierner Erdenschwere eher Brahms. Für den Kenner ergeben sich dennoch einige recht verblüffend neue Arrangements. Neulinge allerdings, und das waren bei der TV Ausstrahlung wohl die meisten, werden sicher ratlos und enttäuscht die Oper in Zukunft noch verständnisloser meiden. Eine Riege von hervorragenden Sängerdarstellern macht das Ganze dann aber doch zum Erlebnis, dem Bemühen der Regie zum Trotz. Dabei kann Anna Netrebko als Susanna und wohl gedachter Star der Aufführung gar nicht so recht punkten. Ob sie eher schon eine Gräfin wäre? Christine Schäfer läuft ihr tatsächlich absolut den Rang ab als pubertierend schüchterner Cherubino. Auch Bo Shovhus würde als Rollenstudie eines verkrampften  Psychopathen recht überzeugend wirken - in einem Ibsen Drama. Aber bei Mozart? Als eigentlich geplante Karikatur eines dummen Adligen? Aber für diesen Regieunfug kann der grandiose Schauspieler und Sänger nichts. Natürlich fehlt der beim Regietheater unvermeidliche Rollstuhl nicht, und wenn der Dr. Bartolo damit umkippt, dann ist der absolute Höhepunkt des Komödiantischen in dieser traurigen Inszenierung erreicht. Ildebrando d Arcangelos wirkt hier sonderbar blass, so kennt man ihn gar nicht. Auch er ein Opfer der „Guthen Regie“? Dorothea Röschmanns Gräfin ist noch am ehesten im Rollenklischee erkennbar, als traurig sich selbst auflösende Ehefrau des schwitzenden Gräflichen Psychopathen. Na ja!

 

3.      Accentus AC 20307: 2 DVDs, Bejing 2016    „Der Chinesische Cherubino“

Ich kaufte sie mir gleich bei Amazon, weil sie da, noch nicht mal ein Jahr nach Erscheinen, schon für 0,89 Cent verramscht wurde und ehrlich gesagt: mehr ist sie auch nicht wert.

Fazit: Die Aufnahme aus Salzburg 2015 ist wirklich sehr gut anzusehen und ein recht interessanter Kompromiss zwischen Neu und Alt. Die von 2006 dagegen erfreut sicher nur die Neuerer. Dabei war  ja die alte von John Dew aus Leipzig (Unitel AO 5009686) eigentlich schon sehr viel moderner. Ja und mein Favorit ist über all die Jahre die alte Ponnelle Inszenierung von 1976 geblieben (DGG 00440 073 4034). Da stören mich nur die „geschwiegenen“ Arien als inneres Erlebnis. Wie konnte so ein enorm kluges Theatergenie nur auf so einen enorm dummen Einfall kommen?

Peter Klier, 17.12.2017

 

 

 

„Cosi fan tutte“

Sieben Mal sehenswerte Aufnahmen

1.      Arthaus Musik 102309, 1 DVD, Glyndebourne 1975: Eine Überraschung aus dem Opernmuseum

Grundsolide so müsste man diese 42 Jahre alte Aufnahme nennen, denn da ist eigentlich alles richtig. Aber eben doch auch irgendwie antiquiert, was natürlich auch wieder seinen eigenen Charme hat. Das Bühnenbild ist typisch für diese Zeit: sparsamst aber doch stimmungsvoll. Und auch die Personenführung stimmt, ist aber doch, bei allem Respekt, sehr altmodisch. Musikalisch sorgt John Pritchard fürs richtige Niveau und einen tollen Drive, wie er höchstens noch von Muti geboten wird. Und die beiden Damen (Helena Doese und Sylia Lindenstrand) brauchen sich vor den heutigen Stars überhaupt nicht zu verstecken. Leider ist der Sound recht schwach, da merkt man das Alter der Aufnahme schon deutlich. Für ältere Opernfreunde trotzdem eine schöne Nostalgiereise zurück, wie es früher mal war, für Jüngere eine Lehre, dass nicht alles Neue unbedingt besser sein muss.   

2.      Arthaus Musik 107 219, 2DVDs, Festspiele Salzburg 1983: 34 Jahre Augenweide und Hörgenuss

Riccardo Mutis schwungvolles Dirigat und das wunderschöne Bühnenbild sind die großen Pluspunkte dieser Aufnahme. Psychologische Durchdringung der Charaktere oder gar Brechungen waren aber damals weder üblich noch erwünscht. Es wurde halt sinnenfreudiges Theater gemacht und das hat ja auch was. Die Darsteller werfen sich mit sichtbarer Freude in ihre Rollen und bieten genau das bisschen Übertreibung, das Mozart vielleicht vorgeschwebt haben mag. Stimmlich hat der Guglielmo des späteren Wotans James Morris fast schon zu viel Power. Francisco Araiza, der Mozarttenor seiner Zeit, und Kathleen Battle  als der Despina- Koloraturstar sind weitere Berühmtheiten, die man heute zu Unrecht schon weitgehend vergessen hat. Und Sesto Bruscantini, der großen Sänger-Legende aus den berühmten Fritz Busch Einspielungen, hier als Alfonso nochmals zu begegnen, ist ja schon fast ein historisches Ereignis. Ann Murray und Margaret Marshall sind zwar geradezu antiseptisch unerotisch, bieten aber soliden Gesang. Überraschend: Von ihrer Frische hat diese Aufnahme bis heute nichts verloren

3.      Medici Arts 2072368, 2DVDs, Wiener Festwochen 1996: Gibt’s das noch? Da stimmt ja alles!

Das ist die zweite ebenso ideale Einspielung von Riccardo Muti. Und es macht Spaß zu vergleichen, wieviel er doch, in den 13 Jahren, die dazwischen liegen, reifer und tiefer geworden ist, ohne an Charme und Elan zu verlieren. Auch hier hat er ein ideales Sänger Ensemble, das auch recht spielfreudig ist. Nur strengste Anhänger des Regietheaters stört es da noch, dass die Regie kein Risiko eingegangen ist, psychologische Deutungen nur im Ansatz probiert und Brechungen schon überhaupt nicht wagt. Dafür gibt’s das reinste Mozart-Glück vom Feinsten. Herrliche Bühnengemälde bieten viel Abwechslung und den Augen jede Lust. Und witzig ist es auch noch. So wenn Barbara Frittoli eine überzogene Parodie der großen klassischen Oper mit ihrer Felsenarie bietet. Deren Tiefe wird dabei natürlich leider nur noch vom Orchester ausgelotet. Ebenso spielfreudig und mit weicher Mezzostimme singend Angelika Kirchschlager als Dorabella und Monica Bacelli als handfeste Despina. Michael Schade und Bo Skovhus bleiben den beiden Kavalieren weder stimmlich noch an leicht überzogener Komik etwas schuldig und der skurrile Alfonso Alessandro Corbellis bietet eine köstliche Mozarttype.

      4. Erato/ Warner 0094634471695, 2DVDs, Aix en Provence 2005: Beinarbeit als Regiekonzept?

1976 erregte Chereaus Jahrhundertring viel Aufsehen, wobei ganz vergessen wurde, dass schon einige Jahre vorher in Kassel und Leipzig fast dieselben Ideen realisiert worden waren. Nun ein leere hässliche Theaterruine, wohl ein Symbol für die seelische Zerstörtheit der 2 Paare am Ende der Oper? Aber vorher 3 Stunden ein optischer Langeweiler! Unruhig belebt durch das dauernde Herumgelaufe als eine Art Trimm- Dich-Programm mit Operngesang. Diese Choreografie der Seelen zeigt vor allem todernste Verstörtheit, was ja der heutigen Werksicht voll entspricht. Auf der Strecke bleiben das Lachen Mozarts, die Selbstironie und die lockere blitzschnelle Fluktuation zwischen Ernst und Heiterkeit. Daniel Harding dagegen beherrscht mit seinem modernen Mozartdrive diesen augenzwinkernden musikalischen Ernst ganz ungezwungen. Und er hat großartigen Sänger. Elina Garanca mit ihrem samtweichen Singen, und die großartigen Fiordiligi Koloraturen von Erin Walls. Auch Shawn Mathey und Stephane Degout überzeugen ganz locker und Ruggiereo Raimondi als alter Casanovaverschnitt erst recht. Barbara Bonney als unkonventionelle Despina ohnehin. Musikalisch wirklich eine der besten Einspielungen überhaupt!

5.      Euro Arts 2072534, 1 Blu-ray, Festspiele Salzburg 2009: Guths toller Opern-Psycho-Thriller.

Schon wieder ein modernes kaltes Wohnzimmer, schon wieder banale Alltagskleider, wie stimmungslos. Aber dann zaubert die Bühne fast unheimliche Beleuchtungseffekte und die Regie denkt sich intelligente Aktionen aus. Zum Beispiel bei den sonst so peinlich unglaubwürdigen Verkleidungsszenen. Oder wenn die beiden Damen ihre langen langen Arien singen. Prompt werden sie zu den spannenden Höhepunkten. Aber das muss man selber sehen, es elektrisiert sofort, auch noch nach 7 x Cosi Hören-am-Stück. Der Dirigent (Adam Fischer) und die 6 Sänger bieten besten Mozart. Allen voran Bo Skovhus als magisch zynischer Alfonso. Einfach Großartig! Die Dorabelle der schönen Isabel Leonard balanciert auch noch beim herrlichsten Singen schwindelfrei auf hohen Geländern und Miah Persson singt und spielt die sonst so steife Fiordiligi mal ganz überzeugend sexy. Ebenso wie Patricia Petibon als Despina in hautengen Jeans. Florian Boesch und Topi Lehtipuu bleiben auch beim kultivierten Mozartsingen Macho- Playboys erster Güte. Ich fand diese Aufnahme als bei weiten am spannendsten von allen.

       6.Euro Arts 2072748, 2 DVDs, Festspiele Salzburg 2013: Spitzenensemble und lahmes Leitungsteam

Bei der vierten hier besprochenen Aufnahme war der Dirigent der Lebensretter. Hier dagegen ist er fast der Totengräber. So unflexibel und ohne Charme hörte ich Mozart selten. Dabei war Christoph Eschenbach als Pianist doch der feinsinnigste und sensibelste Gestalter der Klaviersonaten von Mozart. Was ist da nur schiefgelaufen? Dabei hat er ein wirklich sehr gut singendes und spielfreudiges Ensemble. Allen voran überzeugen Malin Hartelius und Luca Pisaroni durch totale Identifikation mit ihren Rollen und mit ihren tollen Stimmen. Der Ferrando Martin Mitterutzner hat leider nicht den allerschönsten Mozartsound in der Stimme, singt aber wirklich sehr ausdrucksvoll. Aber dass dann der sympathische Alfonso Gerald Finleys am Schluss vergiftet werden muss, ist das große Rätsel, das uns der Regisseur Sven Eric Bechtholf leider nicht löst. Und das, obwohl er sich ja sonst überhaupt nicht um eine neue Sichtweise oder um Charakterisierungen bemüht, sondern eher um amüsanten Klamauk. Das ist zwar unterhaltsam, neue Erkenntnisse erhalten wir so aber nicht und schon gar keine Stellungnahme zu den ja recht krassen Vorgängen zwischen den Liebespaaren. Mit der so guten Sängerriege hätte man mehr erreichen können!

      7. Cmajor 714508, 2 DVDs, Madrid 2013: Großartiges Regietheater mit Generalpausen

Eine Riesenhype gab es, als der berühmte Filmregisseur Michael Haneke sich mal zur Oper herab ließ. Aber wenn dem allmächtigen Herrn Regisseur die Musik zu kurz für seine Aktionen war, musste der willfährige Dirigent halt den alten Mozart mit Generalpausen verlängern. Das zerhackstückt vor allem die ja eigentlich spritzigen Rezitative. Es ist ein trauriges Zeichen der heutigen Übermacht der Regie, dass selbst ein Dirigent wie Sylvain Cambreling da mitmachen muss. Gibt es einen Gewinn der Löchertaktik? Na ja, die Regie ist schon vom Feinsten, wenn sie auch vieles recht modern offen lässt. Auch vom Sängersextett her ists bestens. Anett Fritsch singt und spielt ganz großartig und sieht auch noch sehr sexy aus. Und Paola Gardina stellt ihre Emanze im kühlen Businessdress ganz überzeugend vor. Auch die beiden Kavaliere sind als Sänger-Typen bestens gecastet: Juan Gatell und Andreas Wolf ! Viel Mühe gab sich die Regie mit Despina, als Harlekin. Das passt zur Commedia del Arte, ist aber sonst nicht sehr erhellend. Kerstin Aveno und William Shimell spielen und singen das immerhin sehr gut und prächtig. Auf den anfangs recht kühl und distanziert geführten Handlungsablauf folgt dann aber ein derart großartiges zweites Finale, dass es schon mächtig unter die Haut geht. Das total verwirrte Doppelpaar bleibt nach dem Partnertauschtrauma wirklich zerstört zurück. Und das wird auch musikalisch recht aufregend realisiert. Bitte mehr davon!

Zum Schluss: Schade ist, dass die Labels einige der interessantesten neuen Aufnahmen nicht mehr auf Lager haben, so die ziemlich verrückte von 2003 bei EuroArts von Doris Dörrie. Oder die schöne bei DECCA 2006 vom Ehepaar Herrmann. Und ewig schade um die meines Erachtens beste überhaupt von Ponnelle und Harnoncourt, allerdings schon von 1988 bei der DGG. Eine Jahrhundert-Aufnahme ohne Altersflecken! Bei JPC und Amazon ist sie allerdings noch zu erhalten. Dann unbedingt zulangen!

Zur Qual der Wahl: Nostalgiker werden mit Mutis erster Einspielung bei Arthaus Musik von 1983 glücklich werden. Wer bereit ist, sich auf Neues einzulassen erlebt bei Klaus Guth 2oo9 spannendstes Regietheater bei Euro Arts. Und wer sich nicht so richtig entschließen kann, dem empfehle ich den Alt/Neu-Kompromiss mit Mutis zweiter Aufnahme von 1996 bei Medici Arts. Und natürlich die vom Ponnelle bei der DGG!  

Peter Klier, 29. 9.2017

Karikatur (c) DER OPERNFREUND / Klier

 

 

7x Tosca

7x Hochspannung! 7x Opernglück ;-)))))))

 

7x Tosca! 7x Hochspannung! 7x Opernglück!

 1.DGG DVD 00440 073 4038    1976   Tosca im Kino:    Ein Opernfilm um Opernmuffel zu bekehren

Ein Opernkrimi als Kinothriller? Warum nicht, wenn es so opulent realisiert wird! Und der Film hat den Vorteil, auch die Vorgänge zu zeigen, die man in der Oper nicht sieht: zum Beispiel die spannende Flucht Angelottis aus der Engelsburg. Für Opernmuffel ein Riesenvorteil zum besseren Verständnis. Und die echten Opernroutiniers haben ja noch die großartige musikalische Realisierung. Denn mit Raina Kabaiwanska, Domingo und Sherill Milnes ist die gesangliche Topliste der damaligen Opernstars aufgeboten, auch wenn Milnes ein schauspielerisches Nulltalent ist. Leider fehlt natürlich die typische Spannung einer echten Opernaufführung „live“, zumal die Regie Lichtjahre vom heutigen Regietheater entfernt ist. Doch die Labels machen ja immer noch bei Tosca einen Riesenbogen um neue und vielleicht umstrittene Inszenierungen. Wahrscheinlich scheuen sie mit Recht das Vermarktungsrisiko. Als Lehrer habe ich mit diesem Film allerdings tatsächlich ganze Generationen von popverseuchten Schülern mal auf die Gattung Oper zumindest aufmerksam machen können. Wirklich schön, dass es ihn immer noch gibt.

2. DGG DVD 00440 073 4100 New York 1988 Ein schöner Operntraum aus der MET für Nostalgiker

Als wir vor vielen Jahren zum ersten Mal in der MET waren, erlebten wir eine herrliche Tosca von Zefirelli mit all dem herrlichen Pomp und Prunk eines großen Opernabends. Wie freute ich mich, nun gerade diese alte Inszenierung als DVD bei der DGG wieder zu finden. Und so verstaubt, wie junge Opernfreunde meinen könnten, ist das alles gar nicht. Natürlich ist heute mehr Drive, aber richtig mitreißend ist es auch so noch, und sicher viel näher an Musik und Handlung als manches Regietheaterexperiment. Sinopoli dirigiert einen spannenden Opernkrimi, Italo Tajo ist der weltbeste Mesner, der damals so junge Domingo wird heute kaum noch auch nur annähernd erreicht (schon gleich gar nicht vom „Herrn Netrebko“) und der Scarpia Cornell Mac Neills ist ein Musterbeispiel, wie man mit einem Minimum von Aufwand ein Maximum an Wirkung erzeugt, wenn man`s halt kann. Und wie er das kann. Bleibt die Tosca selbst: ja dass die Hildegard Behrens als Wagnerheroine das überhaupt machte war ja schon eine kleine Sensation, Birgit Nilsson immerhin traute es sich ja auch, und gar nicht schlecht. Leider fehlt ihr für unsere heutigen Erwartungen leider die nötige erotische Ausstrahlung. Dass sich gleich zwei Männer wegen der korrekten höheren Tochter ins Verderben stürzen sollten, ja das gibt’s halt nur in der Alten Oper. Insgesamt wirklich ein echtes Opernmärchen, zum Genießen und Träumen, träumen wie wunderschön und ideologisch unbelastet man früher mal Opern machte.

     3. Arthaus Musik DVD 107 195  auch Blu-Ray Verona 2006 Tosca in Breitwand mit toller Titelheldin

         Bei Aufnahmen aus der Arena denkt man sofort an kolossale Aida-Spektakel mit Massenszenen und Elefanten. Und der Filmeregisseur Hugo de Ana bleibt dem nichts schuldig. Im Te Deum langt er wirklich voll zu und übertrifft mit echten Kanonen sogar noch den Pomp der bei der Aida. Nur die Elefanten fehlen. Das ist aber schon richtig eindrucksvoll, an diesem Ort auch durchaus gerechtfertigt und wird natürlich dankbar bejubelt. Genau wie der riesige zerbrochene Engelstorso als spektakuläres Einheitsbühnenbild. Ansonsten sind die Sänger, sich selbst überlassen. Marcelo Alvarez und Ruggiero Raimondi, die wie immer großartig singen, ziehen mit viel Routine ihre allerdings überzeugenden Rollen-Klischees ab, was wie immer sehr wirksam ist. Die Tosca der Fiorenza Cedolins dagegen verströmt ihr Herzblut und ist eine wirklich überwältigende und packende Tosca, die sich vor ihren prominenteren Kolleginnen der anderen Aufnahmen nicht im Geringsten verstecken muss. Allein schon ihretwegen lohnt sich diese Einspielung 

    4. Decca DVD 074 3420 Blu-Ray 074 38282 Zürich 2009  Toscas Problem: gleich 2 potente Verführer

Scarpia müsste diese Einspielung eigentlich heißen, wegen der singulären Darstellung durch den faszinierenden Thomas Hampson: ein aalglatter eiskalter Schurke, aber auch mit so viel Charisma, dass man die Tosca in ihrer Standhaftigkeit eigentlich nicht so ganz verstehen kann. Wäre der Sänger des Cavaradossi halt nicht gerade ein solcher Frauentyp wie Jonas Kaufmann, ein Charmeur, der auch noch mit berückender Pianokulur ganz großartig singt. Emily Magee ist so gar nicht der Typ des üblichen Tosca Klischees, doch sie gestaltet sehr mitreißend eine liebende, hingebungsvoll leidende Frau, die in einer vom Schicksal tragisch überfordernden Schreckenssituation zur großen Heroine wird. Das ist so eindrucksvoll ergreifend, zumal sie mit mächtiger Stimme auch der geforderten Dramatik nichts schuldig bleibt und wie immer ihre Rolle emotional äußerst glaubhaft auflädt. Eine großartige Darstellung abseits jeglichen Rollenklischees. Carsen fasst die Story als Theater im Theater auf, weshalb die tote Tosca am Schluss plötzlich putzmunter nochmals auf der Bühne erscheint, bevor dann auch der echte Vorhang fällt. Damit killt er unsensibel die Schlussdramatik des ganzen Stückes!

    5. Arthaus Musik DVD 101 594 auch Blu-Ray Genua 2010

Das Sängerehepaar Daniela Dessi / Fabio Armiliato dominiert diese wunderschöne Aufnahme gekonnt und aufeinander eingespielt. Und sie singen wie die Weltmeister. Vor allem seine großartige Pianokultur bei den berühmten „….blitzenden Sternen“ ist wirklich sensationell. Die „dacapo“ Wünsche danach und nach ihrem ergreifenden „Vissi d`Arte…“ sind voll berechtigt und voll berechtigt ist auch, dass sie beide prompt erfüllt werden und auch in dieser Aufnahme enthalten sind. Denn wie bei allen großen Sängern, singen sie es beim zweiten Mal wieder ganz anders. Wenn es in unserem Opernbetrieb gerechterweise nach der Leistung ginge, müssten sie beide ohne Zweifel zu den ganz großen Superstars gehören. Der Scarpia des mir bisher unbekannten Claudio Sgoura hat einen riesigen Heldenbariton und spielt ebenso eindrucksvoll wie angenehm dezent. Da das Bühnenbild dem der Uraufführung nachempfunden ist, gibt es im dritten Akt auch noch den herrlichen nächtlichen Blick von der Engelsburg auf die Kuppel des Petersdoms und eine unvergesslich schöne Morgendämmerung zu dem beginnenden Glockengeläute im Orchester. Wegen der heute verordneten „neuen Ästhetik“ ist das so verzaubernd in dieser Poesie fast überhaupt nirgends mehr auf einer Bühne zu sehen. In unsrem „Opernkreis“ freute diese Aufnahme nicht nur optisch am meisten.

      6.Warnerclassics DVD50999 4 04639 8, Blu-ray 50999 4 06497 London 2012.Scarpia als „Iwan der Schreckliche in Rom“

Puccini hat den Scarpia ja eigentlich als aalglatten sadistischen Heuchler angelegt. Bryn Terfel dagegen wuchtet eine Art grauslichen „Iwan den Schrecklichen“ auf die Bühne. Aber wie er das macht, das erzeugt schon echtes Gänsehautfeeling. Angela Ghiorghiu hat nach Aberhunderten von Toscas die Rolle so ausgefeilt drauf, dass jede Nuance einfach perfekt ist. Da sie ja auch noch eine sehr schöne Frau ist und mit gesanglicher Brillanz überzeugt, wird sich die Netrebko bei ihrem nächsten Rollendebut schon sehr anstrengen müssen, um diese Konkurrentin zu erreichen, oder gar zu übertreffen. Jonas Kaufmannn, zur Zeit der Cavaradossi vom Dienst, überzeugt dann ebenso mit seinem natürlichen Charme, wie mit   heldentenoralen Vittoria-Rufen und zartester Pianokultur bei den „blitzenden Sternen“. Wuchtig und gewaltig lässt Pappano das Orchester sehr dramatisch aufrauschen. Da kommt man schon ins Schwitzen.

7.Euroarts DVD 2064178 Blu-ray 2064174 Baden-Baden 2017 (erhältlich erst 20.10. 2017) Tosca richtig sexy

Da ist sie nun, die sexy Tosca des 21. Jahrhunderts: Kristine Opolais, und sie zeigt den braven Primadonnen von einst, wie man Männer auch auf der Opernbühne verrückt machen kann, mit viel nacktem (zugegeben hübschen) Bein und körperlichem Totaleinsatz. Ohne Frage die aufregendste Tosca auf allen DVDs! Und sie zerreißt sich geradezu vor Einsatzfreude. Aber auch stimmlich meistert sie ihre Rolle schon souverän. Marcelo Alvarez singt wie immer mit ebenso mächtigem wie geschmeidigem Tenor. Als zeitgemäß moderner Scarpia mit brutaler Eleganz überzeugt Marco Vratonga mit Riesenstimme. Vor allem im 2.Akt kocht es dann zwischen den Darstellern geradezu. Nur eine bessere Regie hätte diese DVD verdient. Was Philipp Himmelmann aufbot, ist so beliebig und ohne Pepp, wie eigentlich alles von ihm. Schon der 1. Akt: soll es eine Kirche sein? Eine Großgarage? Ein TV Studio? Was auch immer, die Stimmung ist gleich Null. Nur zum Schluss hat er sich was Neues ausgedacht: Tosca scheint sich da mit einer Art Bolzenschussgerät zu töten. Na ja, wieder mal ein Regisseur, der meint, er könne alles besser. Trotz allem eine hoch interessante Aufnahme, schon allein wegen der Opolais und natürlich auch noch wegen Simon Rattle am Pult. Das ist wirklich Puccini vom Feinsten. Und es ist die neueste und sicher die erotischste Aufnahme dieses so viel gespielten Stückes.

Fazit: Jede der 7 Aufnahmen ist wirklich sehr gut, letzten Endes liegt’s dann an der persönlichen Sängerpräferenz. Mein persönlicher Tipp wäre die Aufnahme aus Genua, weil`s mal andere Sänger sind als die üblichen top vermarkteten Stars. Oder aber, trotz meiner Regiebedenken, vielleicht auch die neueste von Euroarts, weil sie mal andere Wege geht mit diesem ausgelutschten Stück.

Peter Klier 9.Juli 2017

Karikatur vom Autor

 

 

 

7 x Lohengrin

= 28 Stunden Wagner in einer faszinierenden Bandbreite!

1.      DGG 073 4176 Met New York 1976/1986 Ein theatergeschichtliches Dokument mit der Rysanek

Nach der ersten Aufführung an der MET 1886 wurde Lohengrin über 600 mal gespielt und mir scheint fast, man hat die Kulissen und Kostüme von anno dazumal 100 Jahre lang brav bis 1986 aufgehoben und wieder verwendet. Das macht diese Aufnahme als theatergeschichtliches Denkmal richtig sehenswert: So wurde an der MET 100 Jahre lang Oper inszeniert! Und sogar auch noch von einem der bekanntesten Theatermacher in Europa, nämlich dem August Everding. Vor allem die Wagnerpuristen werden deshalb natürlich bestens auf ihre Kosten kommen. Musikalisch ists sowieso ziemliche Spitzenqualität, denn Levine donnert wahre Wagnerwonnen aus dem Orchestergraben, so dass das permanente akustische Gänsehautgefühl jeden Romantiker begeistert. Und dann brennt im 2. Akt Leonie Rysanek als Ortrud ein stimmliches und darstellerisches Furioso sondergleichen ab, so dass man alle Kulissen und Helme und Ritter vergisst. Und Peter Hofmanns Lohengrin ist nicht nur optisch überwältigend als himmlischer Gralsbote. Alle anderen haben bestes Gesangsniveau, das versteht sich an so prominenter Stelle ja von selbst. Alle Nostalgiker werden jubeln!

2.      Euroarts 2072028 Bayreuther Festspiele 1982 das Meisterwerk des Regie- Altmeisters

Die ja nicht mehr so ganz neue Aufnahme ist so gekonnt zeitlos, dass sie immer noch besticht. In den abstrakten Kulissen des damals so berühmten Nagelkünstlers Günther Uecker zaubert Götz Friedrich ein Opern-Märchen hin, mit so psychologisch durchdachter Personenführung, dass es immer noch richtig aufregend ist. Und das alles, ohne dem Werk einen neuen Inhalt überzustülpen, wie es ja inzwischen üblich ist. Großartig, packend und auch notengetreu werkgerecht. Allen voran realisiert Karen Armstrong die Ideen ihres Ehemannes, ergreifend als rührende Elsa. Und was ihr vielleicht stimmlich zum Weltniveau fehlt, ersetzt sie voll durch ihre Hingabe an das Werk. Wie sie ängstlich zögernd den Traumritter nur vorsichtig mit einem Finger zu berühren wagt, das muss ihr erst mal jemand nachspielen. Peter Hofmann ist wieder Lohengrin, eine optische Inkarnation und er singt auch noch großartig. Elizabeth Connell  und Leif Roar agieren psychologisch durchdacht eher unterschwellig gemein böse, was noch spannender ist. Zeitlos meisterhaft und erhaben über alle Moden.

3.      Arthaus Musik 100 957 Wien 1992 Domingo for ever

Diese Einspielung ist wohl wegen Placido Domingo als Lohengrin entstanden, und der singuläre Sänger hat sicher verdient auch in dieser Rolle dokumentiert zu werden. Er rechtfertigt sie jede Sekunde voll und ganz. An Stimmgewalt und Schönheit kommt ihm keiner gleich und sein spanischer Akzent passt hier sogar zum exotischen Sendboten. Aber er steht nicht allein. Cheryl Studer feine Elsa , Dunja Vejzovic und Hartmut Welker als unglaublich intensives böses Paar und dann der sensible  Claudio Abbado am Pult in der gediegenen Regie von Wolfgang Weber, ein Genuss ohne Reue, zwar oft schon so gesehen aber garantiert ohne Ärger über Regieunsinn.

4.      Euroarts 2056008 Barcelona/HH 1998/2006 Lohengrin mal ganz anders

Im Jahre 1996 hatte ich mir für „Der Opernfreund“ eine Glosse als Lohengrin Parodie ausgedacht, die in der Schule spielen sollte. Wie erstaunt war ich, etwas später genau meine Parodie in HH als Inszenierung zu erleben. Und ich habe mich prächtig amüsiert, vor allem im 1. Akt, wenn Elsa dauernd wieder im Schrank verschwindet und die kurzbehosten hehren Helden mit Holzschwertchen aufeinander losgehen. Und dann Elsa und Ortrud, die sich unter den Schulbänken statt vor dem Münster balgen und an den Haaren ziehen. Witzige Ideen meisterhaft ausgeführt. Und ganz allmählich ohne es zu wollen wird man dann aber doch vom wirklichen Drama umfangen und staunt über Konwitschny, der aus dem Ulk unmerklich echtes packendes Theater entstehen lässt. Oder ists doch Wagners Theaterpranke, die da wieder zuschlägt? Ein Theater-Genie, das sogar noch   Klamauk zum packenden Drama werden lässt??? Wer Humor hat und auch über seine Idole (und Wagner ist für mich der Größte) mal lachen kann, der wird sich über die 2 DVDs bestimmt freuen. Zumal die Sängerdarsteller mit allergrößter Begeisterung dabei sind, voran Emily Magee als köstlich naives, aber auch ganz liebes Elsa-Dummchen, der es sogar gelingt, hinter der Parodie das Drama aufzuzeigen. Großartig! Luana DeVol als bezopftes Klassenmonster mit Riesenstimme. Blasser der Telramund  H.J.Ketelsen und sehr solide bei der Sache aber ohne Aufreger der Lohengrin John Treleavens. Alles spannend und verblüffend anders bis zum total überraschenden Schluss!

5.      Decca 074 3387 München 2009      Gralsritter und Zimmermann

Ich habe mich vor 20 Jahren, als es endlich Opern DVDs gab riesig gefreut, jetzt die Opernwunder auch sehen zu können. Aber diese Aufnahme hätte besser nur als CD erscheinen sollen, denn musikalisch ist sie eine richtige Jahrhundert Einspielung. Kein Wunder, bei dem Traum-Ensemble!!! Als DVD jedoch macht diese Inszenierung sicher vielen Wagnerfreunden schwer zu schaffen. Wieder mal ist ein unfähiger Regisseur schuld daran, der unbedingt irgendwie originell sein wollte! Da stimmt dann ja wirklich überhaupt nichts mehr mit Wagners Musik und Handlungsideen überein. Wie kann sich jemand selbst nur so überschätzen, dass er glaubt, es besser zu können als so ein Jahrtausend Genie. Elsa als Häuslebauerin!!! Ja um Gottes Willen hat der nicht begriffen, dass sie von einem Ideal träumt, und nicht von einem kleinspießigen Reihenhaus. So wie Wagner einst ja auch vom Ideal der Kunst als politische Kraft träumte. Naja, was soll‘s, das Musikalische dagegen ist großartig und die Piani von Jonas Kaufmann können glatt süchtig machen. Zusammen mit Anja Harteros haben wir wieder mal ein Traumpaar. Aber auch die beiden bösen Michaela Schuster und Wolfgang Koch überzeugen stimmlich und in der Darstellung total. Natürlich parodieren die Zimmermannskostüme und banalen T-Shirts ganz blödsinnig die hochpathetische gewaltige Musik. Dabei nimmt Kent Nagano Wagner wirklich wunderbar ernst. Augen zu und hören: dann tun sich wahre Wunder auf!

6.      Opus Arte OA 1071 D, 2 DVDs Bayreuther Festspiele 2011 Kein Rattengift nötig!

selten ist mir bei anderen Inszenierungen so deutlich geworden, wie großartig Wagners Komposition ist, da sie ja sogar diese Regie mit all ihrem Unfug grandios aushält. Dabei stören mich gar nicht so sehr die berühmten „Ratten“, denn die passen vor allem im 2. Aufzug zu der Heerruferszene geradezu genial. Nein, unerträglich sind die Mätzchen, die Neuenfels seinem Ruf als „Schocker des spießigen Publikums“ wohl schuldig zu sein glaubt. So das unverständliche Herumtorkeln des offenbar besoffenen Königs. Georg Zeppenfeld führt das mit geradezu selbstloser Disziplin aus und rettet wenigstens ein bisschen Würde durch seine stimmliche Kompetenz. Auch der Brautzug zum Münster soll dann ja wohl in erster Linie provozieren, durch die dämlichen bunten Kleidchen, mit den heraushängenden Rattenschwänzen. Am schlimmsten aber die überaus unsinnigen Comiceinspielungen mit den gezeichneten Ratten, die die Vorspiele zu den Akten verblödeln. Schade, denn zwischendrin gibt’s auch packendes Musiktheater. Zum Beispiel in der furios als Loriotschen Ehekrach inszenierten Brautgemach Szene. Nun hat er aber auch fulminante Singschauspieler. Klaus Florian Voigt gefällt mir als Gralsritter, der wirklich wie nicht von dieser Welt singt,   und Annette Dasch  mit ihrem Totaleinsatz. Das böse Paar ist überzeugend böse mit Petra Lang und Jukka Rasilainen, der leider stimmlich etwas matt klang. Andris Nelsons als sängerfreundlichen und liebenswerten Dirigenten zu loben fällt einem sehr leicht. Fazit: für mich insgesamt doch eine sehr interessante DVD und ein triumphaler Beweis für Wagners unzerstörbare Genialität. Na das allein rechtfertigt ja schon den Kauf dieser 2 DVDs.

7. DGG 07353196 (erhältlich erst ab 7.7.2017) 2 DVDs Dresden 2017: Anna for Elsa!

So wie 1992 einst in Wien extra für Domingo gemacht ist diese Aufnahme wohl für Anna Netrebko jetzt in Dresden entstanden. Man wollte wohl die blödsinnige Hype um dieses Ereignis zeitnah vermarkten und Netrebko als Elsa ist ja wirklich eine eigene Aufnahme wert. Ob man ihr aber was Gutes damit getan hat? Da ärgert man sich so oft über Regieblödsinn, aber ganz ohne Regie, so wie hier, geht’s halt auch nicht. Schon gar nicht mit gleich 2 Rollen-Debütanten. Und das alles in 40 Jahre alten Kulissen! Vor allem der wie immer sehr schön singende aber doch etwas langweilige Darsteller Piotr Beczala könnte durch eine gute (!!) Regie nur gewinnen. Neben der Elsa dominierte Evelyn Herlitzius als wie immer grandiose Ortrud in ihrem ausgefeilten Rollenporträt, Koniezny als Telramund erweckt großes Interesse. Und natürlich verzaubern die Dresdner unter Thielemann, wer hätte es anders erwartet. Also insgesamt ein sehr schönes Dokument eines hochgefeierten Musikevents. Und warum soll Netrebko nicht eine eigene Lohengrin - Produktion wert sein, genau wie Domingo!

Was tun? Wieder ganz einfach: Puristen werden mit den DVDs aus der Met selig werden, Domingofans mit der aus Wien, Netrebkoliebhaber mit der allerneuesten Gabe aus Dresden aber erst im Juli , für Intellektuelle mit Gefühl ist die erstgenannte Aufnahme aus Bayreuth von 1982 ein Muss, für Intellektuelle ohne Gefühl die aus München, und für Wagnerianer, die auch Humor haben kann ich die Gralsritter-Variante in kurzen Hosen aus HH/Barcelona nur empfehlen und den Rattenlohengrin kann man sich ebenfalls mit Gewinn ansehen, schon wegen der Personenregie.

1.6.2017

 

 

5 x IDOMENEO

wird oft als lahm verkannt, aber wenn’s gekonnt gemacht : spannend wie ein Krimi.

Arthaus Musik 102313, Glyndebourne 1974:

44 Jahre alt und kein bisschen leise

Diese Aufnahme dominiert vor allem Josephine Barstow als leidenschaftliche Da aber wurde ich stutzig und bemerkte, wie alt diese furiose Aufnahme doch schon sein muss: tatsächlich schon 1973 entstanden, und immer noch sehr wirkungsvoll. Fast modern auch das halbtechnische Bühnenbild (Roger Butlin) mit dem Trick, alles wie durch einen fernrohrähnlichen Tunnel zu sehen. Dahinter dann romantische Bildvisionen. Welch ein Eindruck! Die recht statische Personenführung (John Cox) zeigt dann allerdings auch deutlich: so würde und könnte man das heute nicht mehr machen. Und das fürchterliche Ungeheuer im 2. Akt dürfte inzwischen von vielen, die ihre naive Freude an der Oper verloren haben, leider doch nur belacht werden, obwohl es, immerhin doch schon als Video, eigentlich recht eindrucksvoll den armen Idomeneo bedroht (mit schöner schlank-lyrischen Stimme Richard Lewis).Den geradezu idealen Mozarttenor Leo Goeke kennt man heute auch nicht mehr. Er gibt einen sehr männlichen Idamantes und erspart mir Gottseidank die heute so modernen Pseudo-Eunuchen. John Pritchard setzt auf einen vollen romantischen Sound, der ist zwar nicht ganz stilrein, aber ungemein wohlklingend im Vergleich zu den kratzenden Geigen des sogenannten historischen Originalklangunfugs. Dass er aber den halben 1. Akt einfach weg ließ, wird ihm Mozart nie verzeihen. Und auch nicht, dass bei den alten Griechen plötzlich Originalpopen(!) auftauchen. Ansonsten: reine Freude und eine Lektion für hochmütige Regietheateranhänger: auch vor über 40 Jahren verstand man schon das Regie Handwerk.

 

NVC Arts 5050467  Glyndebourne 1983:

Ein Schlafmittel ohne Nebenwirkungen

 7 Jahre später wird am selben Ort von der Regie pure Langeweile produziert: lahmes Herumstehen, steife Gesten, plumper Pappfelsenrealismus und viele Umhänge-Bärte. Auf die Idee, Mozart mit dem alt- japanischen No-Theater zu kombinieren, und so die Herumsteherei zu verdoppeln,muss man ja erst mal kommen. Trevor Nunn kam drauf und sein Assistent war, man staune, Robert Carson. Da retten auch die teilweise ganz guten Sänger und Bernhard Haitink am Pult nichts mehr. Hätten sie lieber eine CD gemacht! So ist’s halt Valium brutal geworden. Gute Nacht!

 

ArtHaus Musik102 011 Drottningholm 1986/1991:

Barockes Styling in Perfektion

Das herrliche alte Opernhaus mit der alten Bühnentechnik und den rollenden Bühnenwalzen für schäumende Meereswellen verführte Michael Hampe verständlicher Weise dazu, mal ganz im Barockstil zu inszenieren. Und das tat er dann auch fast ohne Kompromisse, wenn man von dem unpassenden Bart Stuart Kales als sehr empfindsamen Idomeneo mal absieht. Arnold Östman entfachte richtiges Barockfeuer im Orchester, natürlich mit Originalinstrumenten, aber hier musste das wohl so sein. Barockfans werden von der rezeptionsgeschichtlich hochinteressanten Inszenierung begeistert sein. Zumal auch die Sänger fast alle recht überzeugen, es geht also auch ohne das Altus-Gesäusele. Sehr dramatisch David Kuebler als Idamante, Anita Soldh, als rabenschwarze Rachefurie über die Bühne tobend, bleibt der superaufregenden zweiten Elektra Arie nichts schuldig,. Überhaupt diese Arie! Aufregend und packend wie Ebolis „O Don fatale“, beweist sie das dramatische Potential des jungen Mozart doch sehr deutlich.

 

Decca 0743169 2DVDs Salzburger Festspiele 2006:

Extra was für Schöngeister

Aus der Flut der heute oft äußerlich so hässlichen Inszenierungen ragt diese Produktion von Ursel und Karlernst Herrmann geradezu als Insel der absoluten Schönheit äußerst wohltuend heraus. Auch wenn der dramatische Drive manchmal der artifiziellen Optik geopfert wird. Ein ästhetisches Erlebnis ersten Ranges ist es allemal. Und auch der Humor kommt nicht zu kurz, ist doch die Idee, den muschelbehängten Neptun dauernd über die Bühne geistern zu lassen, wirklich einfach herrlich auflockernd. Auch wenn dann im 3. Akt die supergewaltige VOCE des Gottes in der Luxusbesetzung Günther Groissbecks nicht so ganz dazu passt. Überhaupt ist die Sängerriege vom Feinsten und dem edlen Konzept adäquat: Ramon Vargas als schönstimmiger Idomeneo, singt als obs von Verdi wäre und Ekatarina Siurina verwöhnt optisch und akustisch gleichermaßen. Die Besetzung des Idamante mit einem Mezzo wäre für mich ärgerlich, wenn Magdalena Kozena nicht so überaus intensiv singen und spielen würde. Dass sie dabei den Eindruck eines höchstens 14 jährigen Knaben erweckt passt nicht so ganz zum heldenhaften Töter des Ungeheuers. Die Krone aber gebührt meines Erachtens der fulminanten Elektra Anja Harteros, die auch sehr zu bewundern ist, dass sie in dem superengen Kleid überhaupt singen kann. Jedes Mal wenn sie Atem holt meint man, dass oben alles rauspurzeln wird. So kann man auch Spannung erzeugen! Roger Norrington sorgt für schnelle Tempi, die historischen Instrumente stören mich aber dennoch. Ich finde diese modische Masche immer wieder verfehlt. Vor allem, wenn man bedenkt, wie Mozart und Beethoven einst über die damaligen „jämmerlichen“ Instrumente klagten. (Der schöne Witz, dass Harnoncourt bei einer einfachen Blinddarm OP gestorben ist, weil man ihn mit historischen Instrumenten operierte, der muss hier einfach mal wieder erzählt werden, vielleicht kennt ihn ja einer noch nicht.)

 

medici arts 2072448 2DVDs Cuvillies Theater München 2008:

fast so spannend wie ein TV-Thriller

Sogenannte moderne, und ja oft auch zu Recht verschrieene, Inszenierungen können manchmal wirklich kleine Wunder vollbringen: nämlich aus einer als etwas langatmig verkannten Oper, ein atemberaubend spannendes Erlebnis zu zaubern. So geschehen durch Dieter Dorn und seinem überwältigend einsatzfreudigen Ensemble. Da gelingt es zum Beispiel Annette Dasch, aus ihrer Schlussarie eine der aufregendsten und packendsten Szenen der ganzen Opernwelt zu machen, genau so würde ich mir Don Giovannis Höllenfahrt mal wünschen. Juliane Banse und Pavol Breslik bilden das sanfte und ebenso anrührend wie opferbereite Liebespaar und präsentieren so ganz nebenbei die schönsten Mozartstimmen. Die Stimmschönheit ist es bei John Mark Ainsleys Idomeneo nicht gerade, die uns fesselt, sondern seine hingebungsvolle Ausdrucksgewalt und unbedingte Einsatzbereitschaft. Und Rainer Trost ist als Arbace eine absolute Luxusbesetzung an Stimmschönheit und Stimmgewalt. Ist dann noch Kent Nagano am Pult, steht der totalen Begeisterung nichts mehr im Wege. Bei einem Musik-Vortrag habe ich mit dieser Einspielung gleich eine ganze Gruppe ausgesprochener Idomeneo - Ignoranten bekehren können.

Zur Qual der Wahl: Die gibt es hier eigentlich gar nicht, denn Puristen werden die Barock Version aus Drottningholm bevorzugen, wer es modern und richtig spannend will, kommt an der Münchner Aufnahme nicht vorbei, Schöngeister bevorzugen sicher Salzburg, einen schönen Kompromiss bietet dann die erste Einspielung aus Glyndebourne, ja und wer sich unbedingt langweilen will, kann das bei der zweiten dann von Herzen tun. Wenn es nur immer so leicht wäre, sich zu entscheiden.

Peter Klier, 16.4.2017

 

 

5-mal „Die Meistersinger von Nürnberg“

eine Freude über 23 Stunden!

1. DGG 0440 07341605 GH2 DVD von den Bayreuther Festspielen 1984

Beckmesser singt Schubertlieder

Hermann Prey als Beckmesser war 1984 in Bayreuth die Sensation. Zum ersten Mal kein abgesungener Bassbuffo mit öden Scherzen, sondern ein ernst zu nehmender Konkurrent, der noch dazu den Sprachnonsens im 3. Akt mit der Innigkeit und dem Schönklang des kultivierten Schubertsängers zu etwas ganz Einmaligem veredelte. Wäre als Stolzing nicht der einzigartige Siegfried Jerusalem mit seinem damals noch so strahlend klingenden Wagnertenor gewesen, dann hätte das Evchen (Anne M. Häggander) vielleicht doch statt des Ritters diesen tollen Merker gewählt. Der routinierte Bernd Weikl kann sich neben dieser unerwarteten Konkurrenz dennoch souverän behaupten. Aber die Gewichte verschieben sich schon ein wenig. Was Wagner ja sicher nicht so gemeint hat. Für ihn war der Merker doch die absolute Negativfigur (Hanslick), stellvertretend für eine Kunstdogmatik, die er aufs heftigste zu bekämpfen versuchte. Ansonsten sind in Wolfgang Wagners heiler Welt-Schau kritischen Reminiszenzen natürlich nicht zu erwarten, das war auch damals noch nicht üblich. Die Schwerpunkte liegen dafür in der heiteren psychologischen Charakterisierung der Meister und im Musikalischen. Denn der routinierte Wagnerspezialist Horst Stein bietet da allerbeste Qualität. Ja und außerdem gibt es ja auch noch ein naturalistisch wunderschönes Bühnenbild. Das alles pur zu genießen, vor allem den ganz anderen Beckmesser, ist schon auch mal sehr schön und macht große Freude. Für Regietheateranhänger gibt es ja noch andere Aufnahmen.

 

2. DGG 0440 0730949 OGH2 DVD aus der MET 2001

Beckmesser im Romantiker Himmel

Diese optisch so schöne Inszenierung von den Altmeistern Otto Schenk und Günther Schneider-Siemssen zeigt die MET noch heute, und erst 2014 wurde sie weltweit im Kino ausgestrahlt. Und das zu Recht. Für ein Kinopublikum, das vielleicht nicht so erfahren ist wie die Opernbesucher, wäre doch eine modern-kritische Inszenierung nur verwirrend und vielleicht sogar abschreckend gewesen. Hier dagegen bezaubern herrliche Bilder von einer heilen Welt, die es so sicher nie gegeben hat. Und die Wagner auch so nicht gemeint hat, mit seiner doch recht giftigen Kritik an allen steifen Kunstregeln und ihren verbohrten Verfechtern der damaligen Zeit. Optisch ist es aber sicher die schönste und opulenteste Inszenierung, die auf DVDs überhaupt zu haben ist. Und wer sich daran nicht auch einmal freuen kann, für den hat die Welt der Oper ohnehin schon viel von ihrem eigentlichen Zauber verloren. Soll nicht heißen, dass moderne kritische Lesarten auch nötig sind. War doch vieles im Text vor 160 Jahren wirklich ganz anders gemeint und wurde damals auch ganz anders verstanden als heute. Die Personenführung allerdings ist hier für moderne Erwartungen schon recht statuarisch. Vor allem Ben Heppner, der sehr schön und schlank auf Linie singt, steht halt meistens nur dekorativ herum und hebt hie und da mal einen Arm etwas an. Das war‘s dann. Das entzückend naiv gespielte und schön gesungene Evchen von Karita Mattila hätte er sicher so nicht erobert. James Morris als souveräner Sachs ist da schon beweglicher. Und auch der Beckmesser Thomas Allen überzeugt, wenn er auch mit dem ja nun wirklich singulären Prey nicht zu vergleichen ist. Der immer schon sehr langsam dirigierende James Levine braucht diesmal geschlagene 21 Minuten mehr als alle anderen, dafür baut er aber, wann immer es geht, gewaltige Crescendi auf. Ansonsten gilt auch hier: keine Aufnahme für Fans des Regie Theaters, aber sicher eine ganz herrlich für alle, die in der Oper auch mal träumen und nicht nur denken wollen


3. ARTHAUS Musik 102318 DVD aus Berlin 1995 auch Blu-ray

Der echteste Beckmesser

Eine zeitlos gültige und geradezu geniale Gratwanderung zwischen Tradition und Moderne ist Götz Friedrich gelungen. Seine wirklich ausgefeilte Personenregie, mit sehr vielen Ansätzen zu echter Charakter-Komik, zeugt ebenso von perfektem Können, wie von einer humanen und philosophisch klugen Denkweise, die ja im Werk auch geradezu zwingend vorgegeben ist. Wenn Sachs am Schluss den Beckmesser in die Arme schließt und zurückholt, ist das hier nicht nur eine schöne Geste sondern tief erlebt. Auch die umstrittenen und immer wieder so falsch verstandenen Textpartien in der Schlussansprache werden hier genial entschärft: indem sie eben nicht voller Pathos herausgeschmettert werden. Da hat der Sachs nämlich einen kleinen Schwächeanfall, nachdem Stolzing die Meisterwürde zurückgewiesen hat, greift sich ans Herz und singt fast tonlos und gar nicht großkotzig von der Deutschen Kunst. Und dieser humane Sachs findet in Wolfgang Brendel den geradezu kongenialen Interpreten. Humorvoll und sympathisch und stimmlich wirklich bis zum Schluss voll präsent. Der richtige Partner für diesen Sachs ist der klug-komische Beckmesser Eike Wilm Schultes. Sicher würde ihn die kesse Eva der charmant-aufgeweckten Eva Johannsson bestimmt nicht erwählen. Nein, niemals! Aber genau so war er doch von Wagner ja auch gedacht: als negativer Gegenpol zum Sachs! Und eine böse Karikatur aller Kritiker im allgemeinen und von Hanslick im Besonderen noch dazu. Dass er hier bei aller Boshaftigkeit, noch gar nicht mal so unsympathisch erscheint, ist die Leistung dieses großartigen Singschauspielers. Für alle als Einzelcharaktere herrlich herausgearbeiteten Meister sei Ivan Sardi als schwerhöriger, verärgerter und wunderbar skurriler Typ genannt. Etwas zu sehr auf Lautstärke setzt mir Gösta Winbergh als überaus kräftiger Stolzing. Sicher, er kann sich‘s stimmlich auch leisten. Das Bühnenbild von Peter Sykora zeigt eine riesige herrlich gotische Fensterrosette im ersten Akt, wie es sie in der Katharinenkirche (eigentlich müsste es ja historisch richtig die Marthakirche sein) zwar nie gegeben hat, wie sie aber schöner nicht erfunden werden konnte. Und zu Beginn des 2. Aktes schwirren sogar die Glühwürmchen aus dem Wahnmonolog herum. Sollte es denn Kitsch sein, könnte er schöner nicht erfunden werden. Zum Schlussbild erscheint die Nürnberg Kulisse zum senkrecht aufgestellten Riesen-Kreis hin gewuchtet, geradezu als warnendes Symbol gegen jegliches Pathos und jeglichen politischen Missbrauch.

 

4. Opus Arte OA 1041 D DVD von den Bayreuther Festspielen 2008 auch als Blu-ray

Beckmesser das eigentliche Genie

Im 19. Jahrhundert wurden gerade Wagners Oper gerne parodiert. Nestroy hat da einen herrlichen Tannhäuserklamauk geschrieben, der heute noch Spaß macht und sogar dem Meister selber gefallen haben soll. Die „Meistersinger“ aber, die hat er nicht parodiert. Das holte dann 2009 seine Urenkelin nach. Nein, nicht die vom Nestroy, sondern die vom Wagner selbst. Und sogar noch in Bayreuths Weihestätte. Das Echo war dann auch gewaltig. Die einen sahen des Meisters heiliges Werk besudelt und die anderen wiederum jubelten, dass endlich der braune Sumpf im 3. Akt aufgearbeitet worden sei. Gelacht hat aber wohl keiner. Oder? Sollte womöglich gar das Ganze von der Urenkelin ernst gemeint gewesen sein? Na ja, so lustig war’s auch wirklich nicht. Vieles war einfach plump, so, wenn das neue Schöpfergenie Stolzing wie ein Halbstarker alles und jeden mit Farbe beschmiert. Anderes wiederum war schon sehr an den Haaren herbei gezogen, so, wenn Sachs im 3. Akt plötzlich der altmodisch bewahrende Kunst-Funktionär sein soll und Beckmesser der avantgardistische Neuerer, der ein Event mit 2 Nackten macht, während er sein geklautes Preislied stottert. Na ja, dachte ich, ist ja ganz lustig, das alles mal so zu sehen. Vor allem der Cancan der großköpfigen Geistesgrößen, statt des sonst immer endlosen Einzugs der Handwerksinnungen, war wunderbar. Aber ist das schon eine neue Werksicht? Und eine, die laut Feuilleton auch noch dringend nötig sein soll? Wegen der paar umstrittenen Zeilen in der Schlussansprache? Aber dann die Festwiese: das war schon gekonnt. Und ging auch unter die Haut. Sicher ist damit die umstrittenste aber wohl auch interessanteste Aufnahme des Werkes auf DVDs entstanden. Und unbedingt sehenswert, auch wenn‘s noch so herbei gezogen erscheint. Denn Star ist hier mal nicht der Sachs, sondern der Beckmesser. Zumindest wie ihn Michael Volle so schwergewichtig und großartig singt und spielt. Daneben zu bestehen, hat´s dann natürlich jeder Sachs schwer. Franz Hawlata aber schafft das ganz erstaunlich souverän. Sein Portrait des kettenrauchenden Schusters, ausgerechnet ohne Schuhe, ist einfach überzeugend. Auch die in dieser Deutung unterstellte Wandlung zum routinierten Kunstfunktionär macht er erschreckend nachvollziehbar. Klaus Florian Voigt gefällt mir stimmlich und vom lyrisch schönen Ausdruck her ganz ausgezeichnet, was schadet es, wenn er in den Ensembleszenen zu leise ist. Die anderen, ebenso wie der Dirigent, sind sicher sehr guter Durchschnitt, wie halt in Bayreuth schon länger üblich. So ist diese Inszenierung eine sehr interessante Alternative, und sei‘s nur, um wieder mal zu staunen, dass Wagners Genie nicht unterzukriegen ist. Auch nicht von seiner Urenkelin.

Außerdem ist diese Einspielung halt wirklich die einzige auf DVDs, mit neuem, wenn auch umstrittenen Deutungsansatz. Offensichtlich trauen alle anderen Labels, außer OPUS ARTE, dem Markt wenig Akzeptanz für das Regietheater zu. Die Inszenierung von Stefan Herheim aus Salzburg von 2013 ist zwar recht originell in ihrer Verzwergung der Darsteller vor haushohen Möbeln, aber doch kein neuer Deutungsansatz.

 

5. Coviello Classics COV 81201 DVD/Blu-ray vom Staatstheater Nürnberg 2014

Beckmesser der schöne Mann

Und es gibt sie doch: die Einspielung in moderner Optik und ohne Beschädigung des Werkes durch die Regie. Und besonders erfreulich ist, dass so eine schöne Aufnahme aus einem mittleren, früheren Stadttheater, ganz ohne die hochgejubelte Starelite, entstanden ist. Und so viel Neues bringt. In der Nürnberger Inszenierung von David Mouchtar-Samorai machen Elfen und Faune die manchmal recht rüde Prügel-Szene zum zauberhaftesten Sommernachtstraum. Und das ist nicht an den Haaren herbei gezogen, denn im Wahnmonolog singt Sachs ja in Erinnerung an die Prügelei im 2. Akt doch von einem Kobold! Das durchwegs abstrakt moderne und trotzdem stimmungsvolle Bühnenbild ist ein zweiter Pluspunkt: Endlich mal die Meistersinger nicht in örtlich deutlich festgelegter Nürnberg Kulisse, auch nicht in einer Schuhfabrik, wie neulich in Erfurt, sondern als allgemeingültige Parabel in abstrakter Umgebung. Das öffnet ganz andere Perspektiven auf das Werk, das frei von örtlichen und zeitlichen Festlegungen endlich die Allgemeingültigkeit erfährt, die Wagner ja auch meinte. Denn er wollte ja nicht nur die kulturelle Enge im Mittelalter Nürnbergs anprangern. Der dritte Vorzug, und etwas ganz Besonderes noch dazu, ist, dass hier der Beckmesser mit Jochen Kupfer recht attraktiv besetzt ist, und zwar sowohl stimmlich als auch vom Aussehen, so dass Eva eigentlich ihn erwählen müsste, zumal der Stolzing hier nicht so ganz überzeugt. Der vierte Vorzug ist der Sachs von Albert Pesendorfer, der völlig ohne Pathos einen sympathischen Schuster gibt, der allerdings wie Attila frisiert ist. Der fünfte und nicht geringste ist die musikalische Leitung von Marcus Bosch. Da hörte ich Nuancen, die mir noch nie aufgefallen sind: so zu Beginn der Kirchenszene die Cello- und Oboen-soli. Einfach herrlich.

Die Wahl unter den 5 Einspielungen ist dennoch gar nicht so schwer: wer’s ganz modern haben will, der wird die neuere Bayreuther Einspielung wählen. Und wenn ihm dabei die Poesie des Werkes verloren geht, die ja auch dazugehört, geschieht es ihm recht. Wer das nicht will, kann mit der Nürnberger Aufnahme zwei Fliegen mit einer Klappe treffen: Poesie und recht moderne Optik. Für Romantiker, die träumen und schauen wollen, sind die zwei erstgenannten aus dem älteren Bayreuth und der Met nicht zu toppen. Mir persönlich ist die Berliner Inszenierung mit ihrem herrlich ausbalancierten Mittelweg die sympathischste.

 

Sechsmal „Die Entführung aus dem Serail“

...als ob es 6 verschiedene Opern wären!

ARTHAUS Musik 102310 aus Glyndebourne von 1980

Osmin und die weiße Friedenstaube

Nicht nur weil er großartig singt und spielt steht Osmin (Willard White) im Mittelpunkt dieser klassischen Inszenierung von Peter Wood, er hebt sich vom Ensemble auch ab weil der Sänger ein Farbiger ist. Ein Inszenierungsgag, der heute sicher am Einspruch der Political-Correctness-Hüter scheitern würde, verbieten sie doch sogar, dass der Otello „schwarz“ ist. Und der Osmin ist ja nun auch nicht gerade ein Guter. So unverkrampft wie man damals mit solchen Problemen umging, ist die ganze Inszenierung. Und das hielt sie jung, obwohl sie doch schon 37 Jahre alt ist. Viele wunderschöne Ideen, so zum Beispiel, wenn Konstanze gleich zu Beginn einen jungen Sklaven befreit, der dann später dem lauernden Osmin die Lampe ausbläst. Aber auch der Pedrillo (James Hoback) als witziger Besserwisser mit Brille, der seinem weltfremden Belmonte wohltuend behütet, ist ein herrlich erfundener Typ. Außerdem hat er auch noch ein grandioses Hohes A drauf. Reichlich steif wird die sterile Konstanze (Valerie Masterson) aufgefasst, wie es damals halt üblich war. Keine Idee, dass ihr der Bassa vielleicht gefährlich werden könnte, wie das ja in heutigen Inszenierungen immer wieder zu Recht unterstellt wird. Aber auch keine Idee, dass sich der ebenfalls etwas sehr lahm dargestellte Bassa überhaupt für sie interessieren könnte. Und auch die Blonde (Lillian Watson) wirkt wie ein biederes Hausmütterchen. Das heißt nicht, dass beide Damen nicht trotzdem vorbildlich singen. Ähnliches gilt auch für Ryland Davies als, wie früher halt immer üblich, recht steifer Belmonte. Da grüßt dann doch das Opernmuseum recht deutlich. Für die damalige Zeit typisch ist jedoch das wirklich wunderschöne, opulent türkische Bühnenbild. Die Wahl von Gustav Kuhn am Pult überrascht mich dann aber doch sehr. Denn alles kommt so schwergewichtig daher, und es perlt so gar nichts im Orchester. Da scheint er seinen Wagner ja noch tüchtig im Kopf gehabt zu haben! Seine dramatischen Steigerungen allerdings haben es dann wirklich in sich. Da staunt man schon, was im Mozart alles drin steckt. Die beste Idee hat sich die Regie dann noch für den Schluss aufgehoben, da lässt nämlich der Bassa zum Jubelchor tatsächlich eine echte weiße Taube steigen. Heute für viele als naturalistischer Kitsch unvorstellbar, aber doch ungeheuer eindrucksvoll.

 

ARTHAUS Musik 107109 Maggio Musicale Fiorentino von 2002 als DVD/Blu-ray

Osmin und das Krokodil

Running Gag in dieser wunderschönen und witzigen Inszenierung ist ein riesiges Krokodil, das dem Osmin bei der Verfolgung der Fremden hilft und sich am Schluss sogar auch vor dem Vorhang verbeugen darf. Diese Idee ist allein noch nicht typisch für die Regie von Eike Gramss, denn er bietet auch noch die beste und ausgefeilteste Personenführung aller vier Aufnahmen. Und auch hier ist der Osmin wieder der Star: fast unverzichtbar wieder mal Kurt Rydl, mit dröhnender Bassgewalt und rollentypischem Gehabe, der allerdings dem Temperament seines quicklebendigen Blondchens (überwältigend lebhaft und putzig: Patrizia Ciofi) überhaupt nicht gewachsen ist und zum Pantoffelhelden mutiert. Das ist wunderbar gespielt. Sympathisch der freche Pedrillo Mehrzad Montazeris. Auch das ernste Paar (Eva Mei und Rainer Trost) kommt so locker daher, wie es diese Rollen überhaupt nur zulassen und singen mit etwas dramatischerem Ausdruck als sonst üblich, was der Spannung recht dienlich ist. Und Markus John gibt einen so sensiblen Bassa, der richtig erschrickt, als er der widerspenstigen Konstanze Gewalt androht, und den Rest der langen Marter-Arie mit stummen Demutsgesten um Verzeihung fleht. Das sympathischste und eindrucksvollste aller vier Bassa-Rollenportraits. Blieb zum völlig geglückten Eindruck dieser Aufnahme noch Zubin Mehtas Dirigentenleistung zu loben: man merkt immer wieder mit welcher Begeisterung er bei der Sache ist, und wie der Funke wunderbar auf die ganze Vorstellung überspringt. Ja und dann das Bühnenbild von Christoph Wagenknecht, der mit orientalischen Klischees geradezu genial zu spielen fähig ist, sie ironisch bricht und dennoch für jede Szene die genau richtige Stimmung zaubert. Man wird am DVD Markt keine bessere und werktreuere Einspielung finden. Wer aber eine moderne gebrochene Werksicht will, der wird vielleicht mit einer der beiden nächsten Aufnahmen glücklich werden.

 

ARTHAUS Musik 102 189, Stuttgart von 1998, auch als BlueRay

Osmin der Menschenschlächter

Ein großes weißes Huhn wackelt über die Bühne, viele Kinder, als putzige gelbe Küken verkleidet, um tänzeln es, und ein schaurig gruseliger Tod killt eines nach dem anderen, dazu singt dann das weiße Huhn „Welche Wonne welche Lust…“ und Pedrillo brütet ein Ei aus. Eine der typisch verrätselten Neuenfels Szenen, die zu entschlüsseln allmählich müde macht, weil man ja doch keine Chance hat. Aber dann kommen wieder Momente, bei denen einem beinahe das Herz stillsteht vor Betroffenheit, zum Beispiel beim Duett: „Welch ein Geschick“. Das kann er halt auch. Wenn die Protagonisten und ihre Doubles sich da gegenseitig trösten und stumm umarmen. Da wird es dann sehr sehr still im Theater. So auch bei der Arie „Traurigkeit ward mir zum Lose“, wenn er es in dunkler Finsternis schneien lässt! In jeder anderen Inszenierung singt Konstanze das ganz unpassend in freundlichster heller Umgebung! Aber dann knallt er im nächsten Moment schon wieder einen Gag hin, der das verblüffte Publikum zum Buhen und die Feuilletons zum Jubeln bringt. Langweilig wird es also nie. Und die Überfülle von Einfällen motzt die ja wirklich etwas zähe Geschichte recht wohltuend auf. So, wenn beim Janitscharen Chor eine wilde Meute mit aufgespießten Körperteilen und Kinderleichen auf die Bühne stürmt. Oder wenn der geradezu satanische Osmin mit abgeschlagenen Köpfen jongliert! Sicher, das ist alles ironisch gemeint, denn wie passt dieses Gefolge zum kultivierten Bassa? In dieser Rolle läuft Johannes Terne dem großen Moretti auf der Salzburger Aufnahme wirklich den Rang ab, weil er ganz unmanieriert und natürlich bleibt. Drum hat er auch als einziger kein Double. Alle anderen Figuren werden nämlich fast schizophren vielfältig gedoubelt, was allerdings auch wiederum nicht ohne Reiz ist. Dafür verlieren die Darsteller aber die Chance, Individualcharaktere darzustellen. Persönlichkeit über die Rampe zu bringen schafft eigentlich nur Catherine Naglestad als Konstanze. Sowohl Belmonte als auch Blonde bleiben blasse Klischee-Schemen. Gesanglich sind alle bestimmt überm Durchschnitt, ohne aber irgendwie im Gedächtnis zu bleiben. Dafür steht der Regisseur mit seinen Einfällen zu sehr im Mittelpunkt. Fazit: sicher die spannendste der 6 Inszenierungen, wenn man halt bereit ist, sich auf die Ideen des Regisseurs einzulassen.

 

ARTHAUS Musik 102 183, Salzburger Festspiele von 2013 DVD/Blu-ray

Osmin am Flugplatz

Natürlich lässt solch ein altmodischer Stoff zeitgemäßen Regisseure keine Ruhe, bis sie ihn modernisiert haben. Adrian Marthaler verlegt gleich das Ganze in einen Flugzeughangar. Die Stimmung ist damit natürlich unwiederbringlich gekillt. Und die Logik der Handlung auch, denn der unselige Bassa ist hier ein Star-Modeschöpfer. Wie kann der aber nun gleich 3 Personen entführen und gefangen halten? Und warum gehen die nicht einfach aus dem blöden Flughafen nach Hause? Ende der Oper! Und wieso können Konstanze auch hier noch „Martern aller Arten“ drohen? Als Bassa brilliert Tobias Moretti zwar mit seinem von ihm eigens verfassten Texten, bleibt aber zwangsweise als „Modeschöpfer“ nur ein schlecht gelaunter Papiertiger. Doch das stört wohl niemand, denn eine Handlung findet ja ohnehin nicht statt, weil alle halt irgendwo ihre Arien singen und das Publikum von Ort zu Ort brav hinterher läuft. Die ganz vorne stehen, die dürfen sogar was sehen. Ich staune nur, was sich die Leute für hohe Preise alles bieten lassen. Außerdem sorgt die aufgewendete Riesentechnologie auch noch dafür, dass die Sänger wie aus dem Computer klingen und gar nicht mehr „menschlich“. Die riesigen Lautsprecher erzeugen nämlich einen Retortensound. Eine faire Bewertung ist da nicht möglich, zumal sie auch dauernd über ewig lange Gangways gehen müssen und in akustisch ungeschickter Umgebung stehen. Beim finalen Abflug der ja eigentlich gar nicht zu Befreienden findet schließlich noch eine tolle Modenschau statt, und da jubelt dann das Schickimicki Publikum erst so richtig los. Mein Fall ist dieses von Technik und Flughallen bestimmte Experiment nicht und Mozart rotiert bestimmt in seinem Massengrab.

Also doch wieder die Qual der Wahl? Nein, eigentlich ists ganz einfach: wer Mozarts „Entführung“ pur erleben will, für den ist die Florenzer Aufnahme sicher beglückend. Wer aber eine aufregend unkonventionelle vorzieht, wird bei der Stuttgarter von Neuenfels wirklich voll auf seine Kosten kommen. Am besten legt man sie sich aber beide zu und schaut sie abwechselnd an.

(Anhang: Die Neuenfels Inszenierung ist tatsächlich die einzige akzeptable moderne Alternative auf DVD. Denn die Labels scheinen offenbar fürs Regietheater am Markt kaum Verkaufschancen zu sehen. So wagen von den fast 20 Einspielungen der „Entführung“ ,die ich kenne, nur 3 bis 4 neue Wege. Eine ist von Stefan Herheims, dessen musikuntermalte Bilderflut aus Salzburg von 2006 allerdings mit Mozarts Werk fast wirklich nichts mehr zu tun hat. Seine Bildassoziationen sind auch bei wiederholtem Ansehen für mich recht unverständlich. Da er aber auch noch eine so wichtige Figur wie gerade den Bassa (!) einfach weglässt, kommt der Verdacht auf, dass es ihm wohl gar nicht um Mozarts Ideen von Toleranz und Versöhnung geht, die ja gerade heute wieder so wichtig sind, sondern wohl mehr darum, sich und seine verquere Auffassung zu produzieren. Und Loys 2012 im Liceo veranstaltetes ebenso spartanisches wie emotionsloses Getue in kärgster Umgebung und Staffage gibt mir einfach zu wenig. Dann gleich konzertant!)

 

Fünfmal CARMEN

Vergleichender Rückblick auf fast 40 Jahre Regiegeschichte.

I. als beinahe schon historisches Dokument: ARTHAUS-Musik 109096 von 1978

Gewandet wie ein Großadmiral steht er da, der Placido Domingo, obwohl der Don Jose doch eigentlich ein armer gequälter Hund ist, er aber dominiert mit seiner enormen Bühnenpersönlichkeit das Geschehen und singt wie ein Gott. Nur glaubt ihm keiner, dass er wegen Elena Obrastzova, die ebenso aufgedonnert wie er, gleich einer Großherzogin statuarisch herumsteht, zum Mörder werden würde. Zwar singt sie herrlich, aber erotische Ausstrahlung hat sie nicht einen Funken. Die Bühne wird dauernd von riesigem Menschengewutzel überflutet, das Altmeister Zeffirelli gewohnt genial führt, und zeigt, wie ein Bilderbuchspanien seiner Meinung nach auszusehen hat. Und Carlos Kleiber führt den jungen Hupfern von Dirigenten vor, was aus der Carmen Musik noch alles heraus geholt werden kann, wenn man nur so genial ist wie er. Das Finale erreicht dann auch wirklich die gewaltigen Dimensionen einer großen klassischen Tragödie - nur ist das halt nicht Carmens Welt. Trotzdem oder gerade deshalb: ein ungeheuer eindrucksvolles Dokument einer vergangenen großen Opern Ära.

 

II.  das geht schon richtig unter die Haut und zeigt echte Charakterzeichnung.   ARTHAUS-Musik 100096 von 1991

Was sich in den 13 Jahren, die zwischen den beiden Aufnahmen liegt doch alles bewegt hat ist schon erstaunlich. Der Don Jose wird hier als wirklich geschundene Kreatur gezeigt, als eigentliches Opfer nicht nur des ausgefuchsten Luders Carmen, sondern auch der herrschenden Gesellschaftsschicht. Das ist schon ein ganz moderner Ansatz, der nur im pseudo-spanischen Kulissenzauber leider beinahe erstickt, wenn die beiden Protagonisten nicht so hinreißend agieren würden: vor allem Don Jose Luis Lima, als armer getriebener Hund, singt zwar bei weitem nicht so gut wie der Placido, ist aber eigentlich der überzeugendste Darsteller aller fünf Aufnahmen. Das erotische Feuerwerk der so ungeheuer vielseitigen Maria Ewing (vom Cherubin bis zur Salome ist sie gleichermaßen überzeugend) zündet auch heute noch. Zubin Metha dirigiert routiniert und macht nichts falsch, aber so ganz hingegeben bei der Sache scheint er mit nicht zu sein. Facit: Wegen der beiden Hauptdarsteller auch heute noch packendes Musiktheater vor schöner Spanien-Kulisse.

 

III. sehr traditionelle Opernregie aber in sehr modernem Bühnenbild OPUS ARTE OA 1197D von 2006/2010

Wäre da nicht das so moderne und optisch anspruchsvolle Bühnenbild, könnte man diese Einspielung von der Regie her für gut 20 Jahre älter halten. Francesca Zambello bringt kaum Neues oder gar zeitgemäßes, vor allem das Finale scheitert schon am Kostüm der vornehm in Staatsrobe, mit Cul-de-Paris, gekleideten Carmen und erinnert eher an die Auseinandersetzung einer Großfürstin mit einem renitenten Domestiken als an ein tödliches Liebesdrama. Dabei singen und spielen Christine Rice und Bryan Hymel wirklich sehr packend und überzeugend. Der Menschenauflauf auf der Bühne erreicht vorher fast die Dimensionen des seligen Zefirellis, das ist alles sehr schön, aber was trägt es zum Handlungsablauf bei? Wer opulentes Bühnengeschehen liebt, der kommt allerdings voll auf seine Kosten. Das wirklich künstlerisch wunderbar gelungene leicht abstrakte Bühnenbild mit sehr schönen Lichteffekten hebt die Aufnahme weit aus vielen allen anderen hervor.

 

IV. als fesselnde Revue im Freilichttheater OPO Z56042 von 2013

Also allein schon diese Kulisse im Hafen von Sydney vor der gewaltig lichterfunkelnden Hochhauskulisse überwältigt bis zum Schluss immer wieder. Lenkt aber auch vom eigentlichen Drama zwischen den beiden Hauptakteuren sehr ab. Allein was solls, es ist halt wirklich ein toller Hingucker, der bis zum Schluss immer wieder aufs Neue fasziniert und begeistert. Aber auch sonst wird allerhand geboten: da schweben Panzer und LKWs durch die Luft und ein bunter Chorreigen zeigt, was bei einer Freilichtaufführung alles möglich ist. Das Drama kommt dabei nicht zu kurz, denn dafür sorgen schon die beiden sehr engagierten Hauptdarsteller Rinat Shaham und Dmytro Popov. Vor allem der Tenor wagt als einziger in den 5 Aufnahmen das vorgeschriebene Piano beim „Hohen B“ am Ende der Blumenarie. Respekt, bei diesen riesigen räumlichen Dimensionen. Ob das alles aber bis zum Publikum so gut rüber kommt wie auf der DVD? Für meinem kleinen geschichtlichen Rückblick ist jedenfalls interessant, dass die Regie hier doch viel mehr an intimen Ausdrucksebenen wagt, als das in der Arena von Verona immer geschieht, wo ja viel mehr auf plakative und damit gröbere Effekte gesetzt wird. Es geht aber auch anders, wie man hier sieht. Und das macht diese DVD so spannend: als extravagante farbige Revue zum Thema Freiluft-Carmen.

 

V. mal als Beispiel für bestes modernes Regietheater Cmajor 750208 von 2011/16

Vom skandalumwehten Calixto Bieito hätte ich mir eigentlich eine Horrorinszenierung erwartet. Doch er bietet hier eine wirklich werkgerechte und spannende Regie, die unter die Haut geht. Und sie bringt die Handlung zwingend auf den Pinkt, vermeidet überflüssigen Folklorekitsch wohltuend und zeigt auch noch völlig neue, aufregende Aspekte. Nun hat er mit Beatrice Uria - Monzon aber auch eine Vollblut-Carmen, wie man sie sich nicht besser wünschen kann. Da ist jede Geste, jede Bewegung gelebt, spannend und voller Erotik. Der viel zu kultivierte Roberto Alagna macht seine Sache zwar recht gut, doch passt er zu diesem Naturereignis von Partnerin so gar nicht recht. Erwin Schrott ist nicht der lackierte reich kostümierte Opernstar, sondern ein schmieriger Schiebertyp – einfach großartig! Die Bühne als runde Sandarena konzentriert die Handlung auch optisch stimmungsvoll aufs Wesentliche. Der Chor besteht nicht aus edlen Spanierinnen sondern zeigt wirkliche Menschen, die um ihre Existenz kämpfen.

Vergleicht man diese Aufnahme nun mit der ältesten hier besprochenen, wird überdeutlich, welchen Weg die Opernregie in den fast 40 Jahren, die dazwischen liegen, gegangen ist. Man könnte beinahe meinen, es handele sich um zwei ganz verschiedene Opern.

Welche Aufnahme ich mit auf die berühmte einsame Insel nehmen würde? Sicher diese, weil sie mir bei jedem Mal immer wieder neue Aspekte aufzeigte.

 

Zweimal AIDA

einmal neu und einmal alt, und beide hochinteressant!

Der Regisseur Peter Stein hatte den lobenswerten Plan, endlich mal eine Aida ohne den ägyptischen Kunstgewerbeplunder zu inszenieren. Bei dem Label Cmajor erschien das Ganze 2015 auf DVD. Und ist unter den fast zwei Dutzend Aidas auf DVD die einzige derartige, sieht man mal von Wilsons ebenso kraftloser wie ästhetischer Rumstehgymnastik ab. So erkannte Stein auch richtig, dass Aida kein Massenpompstück ist, sondern ein Kammerspiel für 3 bis 4 Personen. Dazu braucht es natürlich singschauspielerisch begabte sensible Darsteller. Und die hatte er beinahe auch gefunden. Was vor allem die beiden Damen an darstellerischer

Ausdrucksgewalt bieten, verdient alle Bewunderung. Aber nun kommt in der Aida ja auch ein Tenor vor. Und damit beginnt der Ärger. Was um Himmelswillen hat die Verantwortlichen nur bewogen, für solch eine Inszenierung ausgerechnet Fabio Sartori zu wählen? Außer unbeteiligt herumzustehen und völlig gleichgültig zu schauen, hat er doch nur noch seine ungeheure Leibesfülle zu bieten. Manchmal erinnert er mich an den seligen Pavarotti. Aber selbst der war geradezu ein Kammerschauspieler neben diesem Phlegma. So groß ist der Tenormangel doch wirklich nicht, dass sogar die Scala keinen Besseren auftreiben könnte. Selbst die „Holde Aida“ blieb ohne Applaus! Und das in Italien! Umso erstaunlicher dann, was zum Beispiel Anita Rachvelishvili als Amneris in dem herrlichen Duett des 4. Aktes leistet. Sie wuchtet im Alleingang eine solch dramatische Stimmung auf die Bühne, dass man den Dicken an ihrer Seite ganz vergisst. Bewundernswert. Aber auch die aparte Kristin Lewis als Aida füllt ihre beiden Duette im 3. und 4. Akt mit leidenschaftlicher Spannung auf. Und das ohne jede Unterstützung des wieder gleichgültig rumstehenden Tenors. Dass sich seinetwegen gleich zwei Frauen fetzen sollten, ist unvorstellbar. Amonasro (George Gagnize) und Ramfis (Matti Salminen) röhren ihre Partien mit beeindruckender Stimmgewalt, zu mehr waren sie wohl nicht in Stimmung. Zubin Metha zelebriert ungeheuer souverän und routiniert seine wohl hunderttausendste Aidavorstellung. Großartig aber auch die konzentriert stimmungsvollen aber schnörkellosen Bühnenbilder von Ferdinand Wögerbauer.

Außerordentlich ist die Entstehung der zweiten Aufnahme, die nun schon 15 Jahre alt ist und immer noch frisch und jung wirkt: zu einem Workshop hatte Carlo Bergonzi 2001 junge Sänger nach Busetto eingeladen, mit ihnen hart gearbeitet und das tolle Ergebnis der Aufführung zum 100. Todestag Verdis als DVD bei ARTHAUS vorgelegt. Und man kommt aus dem Staunen nicht heraus! Sicher, die Stimmen sind alle noch sehr lyrisch und relativ klein. Doch das störte in dem Theaterchen mit gerade mal 380 Plätzen überhaupt nicht. Aber welche künstlerische Ausdrucksreife wurde da erreicht! Da standen die Jungen den großen Stars kaum nach, und das zeigt wieder einmal, wieviel Marketing bei mancher großen Karriere doch mit im Spiele ist. Nun singen und spielen die 4 aber auch als ob es um ihr Leben ginge, dabei sind sie noch nicht mal 25 Jahre alt. Wie die aparte Adina Aaron als Aida im Nil Akt den Radames einwickelt, das ist in keinem erotischen Kinothriller besser zu sehen. Und dieser Tenor macht auch glaubhaft, dass die Damen sich um ihn streiten. Denn Scott Piper singt nicht nur toll, wenn auch damals noch rein lyrisch, was beim dramatischen Schluss des 3. Aktes schon auffällt. Er spielt auch noch fantastisch und sieht zu allem Überfluss auch noch so aus wie einer, der Frauenherzen reihenweise brechen könnte.

Die damals gerademal 23 !!! Jahre alte Kate Aldrich als Amneris steht den beiden anderen nicht nach an intensivem Spiel. Natürlich hat sie z.B. für den Beginn des 4. Aktes die großen Töne noch nicht, wie sie ihre Kollegin auf der anderen Aufnahme mühelos aus ihrer Kehle holt. Ihr eindrucksvolles Singen reißt trotzdem mit. Kein Wunder, dass sie inzwischen, wie auch die anderen, an den großen Opernhäusern singt und auch auf DVDs und CDs vertreten ist. Erst neulich feierte sie als Carmen mit Jonas Kaufmann in Orange Triumphe. Und aus dem damals noch sehr lyrischen Scott Piper ist jetzt ein eindrucksvoller Otello geworden. Adina Aaron singt ihren Verdi und Puccini überall noch mit derselben erotischen Spannkraft wie damals. Giuseppe Gara hat es dagegen viel schwerer, eine solch komplexe Persönlichkeit wie den Amonasro als junger Sänger darzustellen und zu singen. Da ist die fehlende Heldenbaritonstimme halt durch noch so große Begeisterung nicht zu ersetzen. Massimiliano Stefanelli holt aus dem kleinen, meines Wissens ad hoc zusammengestelltem, Orchester alle Spannung und allen Schönklang heraus, den Verdi braucht. Man meint der Geist des Alten hätte alle an diesem Ort befeuert. Wie groß Zefirellis Verdienst an dem Wunder ist lässt sich schwer feststellen, seine erfahrene Regiehand hat sicher viel geholfen. Aber das Supertalent haben die 4 wohl schon mitgebracht. Wer das unaufdringlich schöne aber völlig traditionell gestaltete Bühnenbild entworfen hat, geht aus dem Cover nicht so klar hervor, die schicken Kostüme sind von Anna Anni.

Schwer ein Facit zu ziehen? Überhaupt nicht! Einfach beide zu kaufen. Es lohnt sich! Denn beide Aufnahmen haben ja ihre Meriten: Wer junge überrumpelnd eindrucksvolle Singschauspieler fern jeder Routine erleben will, wird von der Aufnahme bei ARTHAUS voll begeistert sein. Ich kenne keine, bei der so oft jubelnder Szenenapplaus ertönt. Und so wie der Funke auf das im Theater anwesende Publikum übergesprungen ist, springt er sogar auch noch beim Ansehen der DVD über. Und man fühlt sich wieder so jung und glücklich wie in den ersten seligen Opernjahren, als wir vor Begeisterung und Opernglück bei jedem Theaterbesuch beinahe gestorben sind und uns beim Applaus heiser gebrüllt haben. Bravo!

Die Aufnahme bei Cmajor wäre dagegen völlig konkurrenzlos als einzige, wenn auch nur halbwegs, „moderne“ Inszenierung ohne Ägyptisches Kunstgewerbekolorit. Wenn es halt das schauspielerische Tenorfiasko nicht gäbe. Sie ist dennoch die einzige Lösung auf DVD für alle, die es wenigstens etwas „moderner“ wollen. (An die neueren Aidadeutungen trauen sich die Labels wohl nicht so richtig ran, offenbar zu Recht befürchtend, dass das Aidapublikum auf sein ägyptisches Kolorit halt nicht verzichten will. Da wäre sonst zum Beispiel die in Leipzig 2008 von Peter Konwitschny wieder aufgewärmte uralte Aida von 1997 aus Meinigen/Graz zu nennen. Oder die von Gürbaca aus Zürich oder…oder....                  

 

Zweimal DON GIOVANNI

Gleich zwei Volltreffer

Von manchen der ganz großen Opern gibt es leider noch nicht mal eine einzige DVD-Aufnahme, die man wirklich ehrlichen Herzens empfehlen kann. Vom Don Giovanni habe ich jetzt gleich zwei sehr interessante gefunden, und die Qual der Wahl ist groß.

Wer eine im besten Sinne klassische Inszenierung ohne modernistische Regie-Mätzchen sucht, der wird von der Opus Arte Aufnahme in der geistreichen Regie von Francesca Zambella begeistert sein. Was sie aber von ihrem Titelhelden an körperlicher Agilität verlangt, könnte wohl kein anderer als der akrobatische Simon Keenlyside leisten, der sogar senkrechte Wände im 1. Finale effektvoll hochklettert, und im Schlussbild splitternackt auftritt. Dass er rein stimmlich bei diesem körperlichen Totaleinsatz nicht auch noch eine absolute Bestleistung erbringen kann, ist ganz natürlich. Das gilt auch für seinen charmanten Diener Kyle Ketelsen, der rein darstellerisch zu den allerbesten gehört, die ich je erlebt habe, und meine Erinnerung geht bis zum legendären Erich Kunz zurück. Eric Halverson ist stimmlich ein wirklich bedrohlicher Komtur, doch die Regie unterstützt das Dämonische in der Schlussszene zu wenig, weil er viel zu tief steht, zumindest scheint es auf der DVD so. Ramon Vargas singt herrlich und was verlangt man von dem so unerträglich edlen Don Octavio schon mehr. Bei den 3 Damen wird stimmlich allererste Sahne geboten: Marina Poplavskaya ist eine schönstimmige und wie überall gewohnt sehr strenge und unnahbare Donna Anna, Joyce di Donato verkörpert die dauernd lyrisch gekränkte Elvira und bei beiden verstehe ich eigentlich nicht so ganz, was sie für den Don so reizvoll machen soll. Bei der Zerline Miah Perssons ist das schon eher nachvollziehbar. Aber das ist ja bei allen Inszenierungen so.

Zum Glücksfall wird die Aufnahme aber auch noch durch die mitreißende Art des Dirigierens von Altmeister Charles Mackerras: das blitzt und blinkt und hat doch den großen Atem. Gäbe es die zweite heute zu besprechende Aufnahme nicht, wäre die Wahl ganz leicht: diese und keine andere!

Doch auch die andere Aufnahme besticht gleich mehrfach: Erstens fährt der Regisseur Pier Luigi Rizzi ein großartiges erotisches Feuerwerk auf, das bei der Premiere sogar einigen prüden Puristen schon wieder zu viel war. Doch der Don ist ja nun mal ein leibhaftiges Erotikon, und da wäre es doch völlig unglaubhaft, wenn er nicht auch so richtig zur Sache käme. Dabei beachtet der Regisseur ja ohnehin die feine Ästhetik der Schäferspiele im Rokoko und wird nie ordinär oder gar plump. Geistreich ist das Ende des Don: er wird von vier Nackten zu Tode geliebt. Zweitens ist die Personenführung derart temperamentvoll, dass es schon eine Wonne ist, schmunzelnd und vergnügt zu erleben, wie es zum Beispiel der vor erotischer Ausstrahlung strotzende Ildebrando d’Arcangelo so treibt. Nun singt er ja auch noch beeindruckend großstimmig, wenn auch oft leider etwas zu grob. Sein Schlitzohr von Diener (Andrea Concetti) steht ihm in keiner Weise nach. Die „Registerarie“ gestaltet er sogar zu einer witzigen Lektion in der Verführung einer dann auch gar nicht mal abgeneigten Dame. Diese Elvira ist ein völlig vom Klischee abweichender Typ: temperamentvoll und explosiv. Carmela Remigo macht das ganz großartig und singt dazu auch noch leidenschaftlich. Und auch Donna Anna ist nicht der übliche strenge Nonnentyp, sondern durchaus erotischen Wesens und dem Don in der Anfangsszene recht zugetan, was von der Idee her ja nicht ganz neu ist, aber voll überzeugt. Mit Myrto Papatanasiu wurde auch hier die ideale Besetzung gefunden. Und noch ein kleines Wunder für mich: endlich mal ein Don Octavio der Temperament zeigen darf, Marlin Miller ist dafür der richtige Sänger-Darsteller. Die Zerline von Manuela Bisceglie ist so hinreißend und unwiderstehlich, wie es sich gehört. Und Enrico Iori orgelt seinen Komtur in schönster Bassgewalt, wenn auch sein Nachthemd nicht allzu dämonisch aussieht.

Drittens und letztens befeuert der Dirigent Ricardo Frizza Mozarts Musik so hinreißend, dass die Wahl zwischen den beiden Aufnahmen wirklich schwer fällt. Da gibt es nur eine und noch dazu ganz einfache Lösung: beide kaufen! Denn zusammen ergänzen sie sich zur wirklich idealen Aufnahme.

 

Zweimal Fidelio

einmal von Beethoven und einmal von Klaus Guth

Für die Regie ist „Fidelio“ sicher eine Monsteraufgabe. Schon allein die Dialoge: Welcher Sänger kann sie überzeugend sprechen? Zumal die Texte völlig antiquiert und auch oft unerträglich naiv sind! Klaus Guth fackelte da nicht lang und ließ sie einfach weg. Darüber könnte man noch reden, aber dass dafür ein elektronisches Brummen und Murmeln ertönte, wollte zu Beethovens erhabenen Tönen überhaupt nicht passen, und so entstand beinahe eine neue Oper gleichen Namens. Zumal das Hin und Hergefahre des schwarzen Ungetüms auf der Bühne die Handlung nicht verständlicher machte. Und dann noch die modisch schicke Verdoppelung der Leonore! Mit penetranter Gestik in einer Art Taubstummensprache gab sie weitere Rätsel auf. Das hielt zwar in dauernder Spannung, was das denn nun wohl zu bedeuten habe, ist aber wirklich nichts für Opernneulinge! Dem erfahrenen Kenner jedoch boten sich wirklich interessante Assoziationen mit häufigen Aha-Erlebnissen, auch durch die dauernd wechselnden Schattenprojektionen.

Da Franz Welser-Möst wie immer spannend auf höchstem Niveau musizieren ließ und die Sängerriege optimal spielte und sang war das Ganze dann doch äußerst eindrucksvoll, und machte sogar mich bereit, einige Unsinnigkeiten halt in Gottes Namen zu akzeptieren. Adrianna Pieczonka sang wie um ihr Leben und Tomasz Koniecny bot eine interessante Spielart des Bösen, abseits aller Klischees. Hier passte sein eigenartiges Stimmtimbre auch hervorragend, besser als zum Wotan. Hans-Peter König überzeugte mit seiner herrlichen Stimme, die Regie ließ ihm aber im Habitus eines Großkonsuls mit Spazierstock keine Chance, irgendwie ein glaubwürdiger Kerkermeister zu sein. Ja und Jonas Kaufmann spielte mit Hingabe wieder mal, wie schon in Guths Lohengrin, einen Epileptiker, der zuckend am Boden liegend, Angst vor dem Jubel hat und prompt zum Schluss stirbt, was so gar nicht zur Musik Beethovens passen will.

Da Jonas Kaufmann auch in der 11 Jahre älteren Aufnahme aus Zürich den Florestan singt, sind interessante Vergleiche möglich. Seine Stimme setzt er jetzt total abgedunkelt im Stile des unseligen Mario del Monacos ein, so dass man den Eindruck hat, ein Bariton singe. Zur Klangbalance der Aufführung trägt das nicht unbedingt bei. Bewundernswert aber ist seine Fähigkeit, dennoch herrliche Pianotöne zu erzeugen, was dem Italiener ja nicht gegeben war. Rein stimmlich gefällt mit der frühere Jonas Kaufmann, als er noch wie ein Tenor klang, viel besser. Flimms Inszenierung ist vergleichsweise frei von Regiemätzchen und erzählt das Geschehen gut verständlich und sinnvoll. Jedes Kind könnte da der Handlung folgen, und so sollte es ja auch sein. Trotzdem: spannender, wenn auch häufig recht unverständlich, das sei eingeräumt, ist Guths Inszenierung. Zumal Hornoncourt in großer Ruhe alle Details herausarbeitet, aber nicht gerade mitreißend flott und packend   spielen lässt. Camilla Nielund ist meine Lieblings-Leonore, da bin ich voreingenommen. Alfred Muff ist der denkbar gemütlichste Pizarro, so stellt man sich eigentlich den Rocco vor, der wiederum mit Laszlo Polgar fast zu interessant besetzt ist. Und Günther Groissböck als Ministers ist purer Luxus, eigentlich nicht zu toppen, wenn da die andere Aufnahme nicht Sebastian Holocek aufweisen könnte.

Nun fällt die Wahl zwischen den beiden Fidelios diesmal nicht allzu schwer: wer Beethoven pur will trifft mit der Arthaus DVD wirklich eine hervorragende Wahl. Wer aber Fidelio schon in- und auswendig kennt und sich auch mal über ein Regie Detail aufregen will, den wird die Sony Aufnahme als wirklich spannende Neuschöpfung begeistern.    

 

Zweimal TRISTAN UND ISOLDE

WAGNER: „Waltraud Meier und Isolde“

Drei Aufnahmen des „Tristan“ mit Waltraud Meier gibt es auf DVDs und alle drei kranken letzten Endes an der Regie. Von der Bayreuther sagte sie selbst, dass Heiner Müller weder die Musik noch sein Handwerk verstand und in der Mailänder hat sie ja nun leider diese hässliche Blutspur dauernd entstellend quer im Gesicht. Ich habe überhaupt nichts gegen das sogenannte Regietheater, so lange das Werk im Vordergrund steht und nicht ein Regisseur meint, es besser zu können als ein Jahrtausendgenie wie Richard Wagner. Bei der DVD Aufnahme von 1999 aus München hat nun ein gnädiger Kameramann den Regieunsinn optisch weitgehend ausgespart und dafür Waltraud Meiers geniale Interpretation in den Vordergrund gestellt. Das mag zwar ungerecht den anderen Sängern gegenüber erscheinen, entspricht aber voll der Singularität ihrer Darbietung. Allein schon zu sehen, wie sich das ganze gewaltige Drama in ihrem Gesicht wiederspiegelt, ist den Kauf dieser DVDs wert.

Dabei werden die Regiemätzchen Konwitschnys mit dem albernen weißen Dampfer und den Longdrinks mit bunten Schirmchen dankenswerter Weise ebenso ausgeblendet, wie das knallgelbe Ikea Sofa, das Tristan im 2. Aufzug hinter sich herschleppen muss. Das alles existiert neben dieser Rollenfaszination einfach überhaupt nicht mehr, hat keine Bedeutung. Hier singt und spielt eine Ausnahmesängerin um ihr Leben, um ihre Liebe um ihren Tod. Um einen dabei völlig mitzureißen, dazu müsste sie noch nicht einmal diese großartige Stimme haben. Ihre Ausstrahlung allein genügt schon. Ich gebe ja zu, dass ich von Waltraud Meier fasziniert bin, schon seit ich die blutjunge Sängerin vor vielen Jahren in Würzburg als „Stimme der Mutter“ in Hoffmanns Erzählungen zum ersten Mal erlebte. Das wird eine Weltkarriere, so war mir sofort klar. Umso kritischer höre ich bei ihr aber deshalb immer wieder zu, um einen akzeptablen Rest von Objektivität zu behalten.

Bei den neueren Aufnahmen kommt ihr im mitreißenden Ausdruck höchstens noch Evelyn Herlitzius gleich. Sie wird aber von Katherina Wagners Inszenierung, beinahe in Ihrer Leistung gekillt, so wie alle anderen ja auch, die da mitwirken müssen. Nur Wagners Musik überlebte diesen inszenatorischen Amoklauf knapp.

Umso erfreulicher also, dass es diese Aufnahme noch gibt.

 Es gibt aber noch zwei andere Gründe, um diese Aufnahme gerade jetzt zu besprechen, nämlich weil Waltraud Meier eben ihr 40. Bühnenjubiläum hat und sie die Isolde jetzt ja nicht mehr singen will. Gott sei Dank bleibt sie uns wenigstens auf diese Weise erhalten.

Neben der schon legendären Aufzeichnung aus Bayreuth von 1991 in der wunderschönen Inszenierung von Ponelle ist diese wohl rein optisch die schönste, die es gibt. Alle Ästheten, die von der Schönheit einer Szene gerne überwältigt werden wollen, müssen einfach begeistert sein. Dabei, und das ist wichtig, dient die Schönheit hier voll dem Gesamt-Ausdruck und ist keineswegs langweiliger Selbstzweck. Allein schon um das herrlich tiefe Blau im Bühnenbild des 2. Akts und beim Liebestod zu sehen, würde sich der Kauf lohnen. Der Bühnenbildner Roland Aeschlimann hat da ganz große Maßstäbe gesetzt. Und die riesige bühnenfüllende Spirale als farbig immer wieder neu erstrahlendes

Einheitsbühnenbild realisiert Wagners Ideal-Vorstellung von der Einheit des Raumes ganz wunderbar. Zum Glücksfall aber wird diese Einspielung, weil sie auch noch musikalisch zu den Besten am Markt gehört. Dafür sorgt der Dirigent Jiri Belohlavek ebenso, wie die durchwegs hervorragende Besetzung. Die jugendlich strahlende Nina Stemme begeistert als Isolde ebenso, wie der mit enorm heldischen Material auftrumpfende Robert Gambill als Tristan, der vielleicht nicht die allerschönste Stimme hat, aber sehr ausdrucksvoll singt, was für diese anspruchsvolle Riesenpartie ohnehin wichtiger ist. Boje Skovhus als stimmstark treuer Kurwenal und Rene Pape als verzweifelt klagender, enttäuschter Marke, ergänzen das Meisterquartett, das durch Katarina Karneus zum überzeugenden Solistenquintett wird. Der erfahrene Regisseur Nikolaus Lehnhoff ist bekannt für sein Understatement auf der Bühne, was sich wohltuend von all dem aufgeregten und doch oft nichtssagenden Gehample unterscheidet, das so mancher seiner neumodischen Kollegen von seinen Sängern verlangt. Welcher Regisseur begreift heute wohl überhaupt noch die gigantische Leistung, die allein schon das reine Singen solcher Monsterpartien darstellt?

Die Kassette enthält neben der Gesamtaufnahme, übrigens luxuriös gleich auf 3 DVDs Akte weise verteilt, auch noch eine Zugabe: Richard Trimborns musikwissenschaftliche Darlegungen zum Werk, die auch sehr erfahrenen Zuschauern noch viel Neues bringt!

Vergleicht man diese Einspielung, die immerhin schon aus dem Jahr 2008 stammt, mal nur rein szenisch, mit der neuesten von 2015 aus Bayreuth, beweist sich überdeutlich die alte Binsenweisheit, dass das Neue bei weitem nicht immer das Bessere ist.

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