DER OPERNFREUND - 51.Jahrgang
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www.theatremarigny.fr

 

GALA-KONZERT 10 JAHRE PBZ

Théâtre des Champs-Elysées am 7.10.2019

Zum zehnjährigen Jubiläum des Palazzetto Bru Zane ein Galakonzert und eine erstaunliche CD Box mit zehn Platten voller französischen (Opern)Raritäten.

Es ist kaum zu glauben, was in zehn Jahren schon alles passiert ist. Als vor zwölf Jahren der Dirigent Hervé Niquet eine der vermögendsten Frauen Frankreichs Dr Nicole Bru darauf aufmerksam machte, das es viele Stiftungen gibt, die sich erfolgreich für Barockmusik einsetzen (wie das staatlich unterstützte „Centre Musique Baroque de Versailles“), aber gar nichts für die romantische Musik, entstand die Idee dieses Forschungszentrums für französische Musik, beginnend mit der Gluckschen Opernreform um 1780 und endend mit dem Ausklang der Belle Epoque um 1920. Der logische Platz für eine solche Stiftung wäre eines der vielen leerstehenden Theater oder Opernhäuser in Paris gewesen, doch Mme Bru entschied sich für ein Palazzo mit Musiksaal in Venedig, um dem Projekt eine internationale Dimension zu geben. Und da das Palazzetto keinen eigenen Theater-Saal besitzt, touren seine Opernproduktionen durch die Welt, inzwischen auch schon durch Deutschland und Österreich, worüber wir oft lobend im Merker berichtet haben. Von den über 100 Publikationen ganz zu schweigen und den Tonnen Musik-Material, das sich inzwischen frei zugänglich auf der Data-Base bruzanemediabase.com befindet und das man sich jeden Tag 24/24 Stunden auf dem Webradio bruzane.com anhören kann. Für diese riesige Arbeit bekam das Palazzetto dieses Jahr den „Opera Award“ in London, von den vielen Plattenpreisen ganz zu schweigen: im letzten Monat noch den „ Gramophone classical music award“ in London für die „Reine de Chypre“ von Halévy und den ersten „Oper! Award“ in Berlin für das beste Soloalbum „Offenbach Colorature“ von Jodie Devos.

Der künstlerische Leiter des Palazzetto Alexandre Dratwicki bekam nun die schwierige Aufgabe, soviel Verschiedenes unter einen Hut zu bringen, in einem großen Galakonzert in Paris und in einer CD Box mit zehn dick gefüllten Platten. Für das zweistündige Galakonzert, das live im Radio übertragen wurde, wählte er 16 Sänger, die dem Palazzetto seit Jahren verbunden sind unter Leitung von Hervé Niquet, der mit dem Münchner Rundfunk Orchester und dem Brussels Philharmonic viele seltene Opern für das Palazzetto aufgenommen hat. Jetzt trat er an mit dem Orchestre de Chambre de Paris, mit dem er auch gerade den „Preis der deutschen Schallplattenkritik“ für die „Reine de Chypre“ von Halévy bekommen hat. Sie eröffneten den Abend mit der Ouvertüre von Offenbachs „Madame Favart“, im Juni zu seinem 200. Geburtstag zum ersten Mal seit über 100 Jahren wiedergegeben (wir haben darüber berichtet). Es folgte eine große Trauerarie aus der „Phèdre“ (1786) von Jean-Baptiste Lemoyne, womit die französische Musik aus ihrem klassischen Rahmen ausbrach. Wunderbar gesungen durch Judith van Wanroij. Einer der großen Opern des französischen „Wagnérisme“ war „Lancelot“ von Victorin Joncières (1890 komponiert, aber erst 1900 an den Pariser Oper gespielt und seitdem nie wieder aufgenommen). Eine großartige Szene, dramatisch verkörpert durch Véronique Gens und Cyrille Dubois. Weiter gab es noch eine Arie aus der Oper „Charles VI“ (1843) von Fromental Halévy, das dramatische Finale des ersten Aktes der Oper „Adrien“ (1791 und später für Napoleon neu bearbeitet) von Etienne-Nicolas Méhul und das für ein deutsches Publikum besonderes lustige Finale des ersten Aktes der „Mystères d’Isis“ von Ludwig Wenzel Lachnith. Denn das war die erste und lange Zeit einzige Fassung von Mozarts „Zauberflöte“ in Frankreich, in der man sich nicht scheute umdeutend in die Handlung einzugreifen und die Königin der Nacht ganz vergnüglich mit ihrem drei Damen und Monostatos auch Arien aus den „Nozze di Figaro“ und dem „Don Giovanni“ singt. Der Opern-Höhepunkt des Abends war ein Duo aus der Oper „Dante“ (1890) von Benjamin Godard, mit der den ganzen Abend überall hervorragenden Veronique Gens und dem ebenso überall hervorragenden litauischen Tenor Edgaras Montvidas (der im Februar die Titelrolle in der neuen UA „Egmont“ von Christian Jost im Theater an der Wien singen wird).

Musikalischer Höhepunkt war für uns alle ganz überraschend das „Konzertstück“ (1903) für Harfe und Orchester von Gabriel Pierné, ein Stück, das wir noch nie im Konzertsaal gehört haben, weil es ursprünglich für die chromatische Harfe komponiert wurde, als man um 1900 versuchte die beschränkten chromatischen Möglichkeiten des Instrumentes zu erweitern. (Auf eine Harfe wird eine Note mit Pedal in allen Oktaven einen halben Ton tiefer oder höhergestellt, so erfand man eine „Piano-Harfe“ mit einer Klaviertastatur und eine doppelbespannte „chromatische Harfe“ mit weißen und schwarzen Seiten wie auf dem Klavier.) Nun werden auch diese Partituren durch das Palazzetto neu erstellt (und umgearbeitet für die Pedal-Harfe, die sich schließlich durchgesetzt hat). Ein wahnsinniges Stück, ganz wunderbar gespielt durch Emmanuel Ceysson, viele Jahre der durch uns öfters gelobte Solo-Harfenist der Pariser Oper und jetzt der „Principal Harp“ an der Metropolitan Opera in New York.

Einziger Minuspunkt war, dass man dem Abend auch noch Operetten-Fröhlichkeit und Champagner-Seligkeit geben wollte mit durch Romain Gilbert inszenierten Slapstick-Einlagen zwischen der „ernsten Musik“. Das war noch lustig, wenn im Liedchen „J’viens d’perdre mon gibus“ („Ich habe meinen Hut verloren“) von Félix Chaudoir (um 1890), große Opern Arien in einem anderen Kontext eingeschoben werden, glitt aber schon nah an die Gürtellinie in dem Lied „Ich habe meine Hosenträger verloren“ in der „Faust“-Parodie von Frédéric Barbier „Faust et Marguerite“ (1869) und entgleiste völlig in die unteren Regionen, in den Travestie-Einlagen des (Opern) Regisseurs Olivier Py, der ein Gedicht von Victor Hugo verballhornte und dabei versuchte den besonders gut aussehenden Harfenisten zu entkleiden. Das war ein erstaunlicher Stil-, Geschmacks- und Taktfehler bei so einem festlichen Anlass, mit solch hochkarätigen Künstlern vor der „haute volée“ der französischen Musikwelt. Doch sobald der Transvestit den Harfenisten in Ruhe ließ und dieser mit dem Bariton Tassis Christoyannis die wunderbare „Melodie für Sänger und Orchester“ von Camille Saint-Saëns „Extase“ (1860) ansetzte, konnte man dies auch wieder vergessen. Der Abend endete mit dem Champagner-Finale aus Offenbachs „La Vie Parisienne“ und einer Standing Ovation aller Beteiligten (Künstler und der ganze Saal) für die sichtlich gerührte Madame Nicole Bru.

Man kann sich dies nun alles im Live-stream und noch viel besser in der dicken CD Box anhören. 10 Platten für 10 Jahre, nicht chronologisch, sondern interessant und vielseitig nach Genre geordnet. Die Oper bekommt den „Löwenanteil“, die beiden ersten Platten. Nach einer wunderschönen Arie aus „La Toison d’or“ von Johann Christoph Vogel (1756-1788), folgen Arien und Szenen aus ebenso wenig bekannten Opern: „Uthal“ von Méhul, „La Mort d’Abel“ von Rodolphe Kreutzer, „Sémiramis“ von Charles-Simon Catel, „Roméo et Juliette“ von Daniel Steibelt und „Lodoïska“ von Luigi Cherubini – der erste Komponist von dem man zumindest schon mal den Namen kennt. Aber wer kennt diese Oper? Diese Frage kann man sich gleich 32 Mal bei den ersten beiden Platten stellen. Auf Opern folgen Operetten, Kantaten, Geistliche Musik, Orchester Musik, Konzerte (Solo-Instrument + Orchester), Kammermusik, Klavier und Melodie. Es ist natürlich nicht möglich, diese über 100 verschiedenen Werke in wenigen Sätzen zu rezensieren. Die größte Überraschung waren für mich die „Kantaten“. Diese sind nicht vergleichbar mit Bachkantaten, sondern kleine Opernszenen, die meist geschrieben wurden für den „Prix de Rome“ (und danach meist in den Archiven verschwanden). Debussy zeigte sich unerwartet dramatisch in „Le Gladiateur“ und Bizet schoss energisch übers Ziel hinaus in „La Vendetta“, die man zurecht wohl nie auf einer Opernbühne sehen wird. Aber die schöne „Velléda“ von Xavier Boisselot, die „Clytemnestre“ von André Wormser oder „La Réligieuse“ von Théodore Gouvy scheinen absolut bühnentauglich. Die andere große Überraschung sind die Melodien für Sänger und Orchester. Die Partitur der im Jubiläumskonzert gespielten „Extase“ (1860), wurde erst 2016 mit 18 anderen Melodien für Gesang und Orchester von Camille Saint-Saëns durch das Palazzetto (wieder)entdeckt. Das sind wirkliche Juwelen, die hoffentlich nun bald wieder auf die Konzertbühnen kommen. Saint-Saëns schrieb, dass es eigentlich verboten sein sollte, um Opernarien auf einer Konzertbühne zu spielen und es doch viel intelligenter sei, um direkt Konzert-Arien zu komponieren. Viele Komponisten folgten seinem Beispiel (u.a. Gounod, Massenet und Raynaldo Hahn – dem der diesjährige Schwerpunkt des Palazzettos gewidmet ist), doch in den Konzertsälen begegne ich nur den Melodien von Berlioz und Duparc. Hoffentlich wird diese CD Box nun viele Musikfreunde aber auch Konzert- und Operndirektoren auf neue unbekannte Werke aufmerksam machen!

 

Waldemar Kamer, 9.10.2019

 

 

 

Jacques Offenbach

LES DEUX AVEUGLES

19. Januar 2019

Viele Raritäten in Paris im Rahmen des Offenbach-Jahres des Palazzetto Bru Zane

Das Palazzetto Bru Zane – das wir inzwischen nicht mehr vorzustellen brauchen - feiert den 200. Geburtstag von Jacques Offenbach (am 20. Juni 1819 in Köln geboren) mit vielen kleinen und großen Überraschungen. Nach der „großen romantischen Oper in vier Akten“ „Die Rheinnixen“ (in der nun zum ersten Mal gespielten französischen Fassung „Les Fées du Rhin“) in Tours und danach in Biel (siehe Merker 11+12/2018) und der vollkommen verschollenen und nun erstmals wieder ausgegrabenen opéra-bouffe „Barkouf ou un chien au pouvoir“ in Straßburg (siehe Merker 1/2019) gibt es nun unbekannte kleine bouffoneries musicales in Paris. Alexandre Dratwicki, der wissenschaftliche Direktor des Palazzetto, erklärt uns, dass mehr als zwei Drittel des gesamten französischen Opernrepertoires des 19. Jahrhunderts aus kleinen Opern und Operetten in einem Akt bestand, die oft als „Vorspeisen“ dienten, um dem gesamten Opernabend die gewünschte Länge von 3-4 Stunden zu geben. Da sich unser „Opern-Menü“ seitdem vollkommen verändert hat, sind diese Werke nun größtenteils verschollen. Außer den Einaktern, die in den kleinen Theatern als „Hauptspeise“ serviert wurden.

Dazu gehören „Les deux aveugles“ von Offenbach, mit denen er 1855 sein erstes und bald weltbekanntes Theater Les Bouffes-Parisiens vor den Türen der Weltausstellung auf den Champs-Elysées eröffnete. Auf dem gleichen Platz steht nun das Théâtre Marigny - ein idealer Ort um sich an Offenbachs Anfänge in Paris zu erinnern. Das heutige Theater ist natürlich sehr viel größer als die kleine Holzbude von Offenbach, so spielt man in der kleinen Studiobühne, die ganz mit Holz getäfelt ist. Wegen der großen Theater- und Opernreform Napoleons in 1807 durften auf den kleinen Bühnen nicht mehr als zwei oder drei Sänger auftreten und waren Chöre und Ballette dort verboten. Deshalb hat Offenbach den gleichen Sängern oft mehrere Rollen gegeben, Puppen und Marionetten eingesetzt und größere Handlungen außerhalb der Bühne verlegt. Die Mittel waren beschränkt, aber die Ambitionen groß!

„Les deux aveugles“ (auf Deutsch „die beiden Blinden“) ist eine Parodie auf die damals (und auch heute noch) in Paris weit verbreiteten Bettler, die fantasievoll immer wieder neue Verkleidungen und Rührgeschichten erfinden. In diesem Fall sind es der Trombonist Patachon und der Gitarrist Giraffier. Vom Namen her: Dick wie eine Kartoffel und lang wie eine Giraffe (lange bevor „Laurel & Hardy“ erfunden wurden). Beide streiten wie Waschweiber um den besten Bettel-Platz auf dem Pont-Neuf und erfinden dabei haarsträubende Geschichten, warum sie blind geworden sind. Patachon berichtet, wie er angeblich von einem Pariser Regenschirmfabrikanten nach „Kon-Kon-stan-stan-tiopele“ geschickt wurde, dort wegen einer Revolution vertrieben wurde, unter widrigsten Umständen die Beresina überqueren musste, dort durch Krokodile angegriffen wurde, die sich anscheinend besonders für Pariser Regenschirme der allerletzten Mode interessierten.

Beim Anblick der zerfetzten Schirme übermannte ihn eine solch eine starke Rührung, dass er das Augenlicht verlor... Das alles wird mit unzähligen kleinen Anspielungen und Witzen erzählt, wobei alles was in Paris um 1855 als hoch und heilig galt durch den Kakao gezogen wird: die tragische Überquerung von Napoléons „grande armée“ der Beresina, der alte blinde General Bélisaire auf dem berühmten Bild von David etc. Bei den großen Philosophen angekommen, erklärt er, dass Descartes hauptsächlich ein Kartenspieler war („des cartes“). Es wird also mehr gesprochen und gewitzelt als gesungen, beide Figuren haben jeweils zwei Arien, die sie zum Teil mit den eigenen Instrumenten begleiten. Die Regisseurin Lola Kirchner inszenierte dies als eine musikalische Clownsnummer, in der Raphaël Brémard (Patachon) und Flannan Obé (Giraffier) mit beinahe jedem Satz das sehr gut gelaunte Publikum zum Lachen brachten. Musikalisch gibt es wenig zu berichten, denn die vier Arien sind ein früher Offenbach - deutlich erkennbar, aber nicht so unverwechselbar genial wie in seinen späteren Werken.

Deshalb wurde diesem halbstündigen Einakter gleich noch ein weiterer angehängt, mit einem musikalischen Inhalt: „Le compositeur toqué“ (auf Deutsch „Der verrückte Komponist“) von Hervé, von dem das Palazzetto Bru Zane vor kurzem die Vaudeville-opérette „Mam’zelle Nitouche“ ausgegraben hat (siehe Merker 1/2018). Der „romantische Komponist“ Fignolet (wieder Raphaël Brémard - „fignoler“ heißt im Künstlerjargon: immer noch überall weitere Änderungen/Verzierungen anbringen) sitzt am Klavier (nun sehen wir endlich mal den Pianisten des Abends Christophe Manien), um uns seine neue Symphonie zu erklären (so wie Berlioz das allererste Programmheft der Musikgeschichte geschrieben hat, um seine „Symphonie fantastique“ dem Publikum zu erläutern). Doch sein Diener Séraphin – fabelhaft gespielt und gesungen durch Flannan Obé - verheddert sich in den Verzierungen und Kadenzen, versteht nicht warum in einer Symphonie in Mol 99 Dur-Zeichen stehen und macht aus einer „note filée“ ein Kotelett (ein „filet“).

Ein „Amüsement für Insider“, könnte man denken. Doch der Saal, in dem sicherlich nicht nur Komponisten und Musik-Spezialisten befanden, hat wieder bei jedem falschen Ton von Séraphin gelacht, genauso wie die Kinder, die neben mir saßen, die zum ersten Mal in ihrem Leben in einer Oper waren. Sie meinten danach, dass sie alles verstanden hatten und konnten erstaunlich viele Witze nacherzählen – Beweis dafür, dass man diese verschollenen Einakter mühelos einem heutigen französischen Publikum als amüsantes „Hors d’oeuvre“ anbieten kann. Für meine deutschen Kollegen im Saal, die kein französisch sprechen, war es offensichtlich schwieriger. Denn der spezifisch französische „esprit“ lässt sich genauso wenig ins Deutsche übersetzen, wie viele Begriffe des deutschen Denkens ins Französische (das Begriffe wie „Heimat“, „Sehnsucht“ oder selbst „Gemütlichkeit“ und „Schweigen“ nicht kennt).

Das Festival „Les Opéras Bouffes Bru Zane“ im Théâtre Marigny wird im März fortgesetzt mit „Le retour d’Ulysse“ von Hervé, im Mai mit „On demande une femme de chambre“ von Robert Planquette, gekoppelt mit „Chanteuse par amour“ von Paul Henrion und im Juni mit „Sauvons la caisse“ von Charles Lecocq, zusammen mit „Faust et Marguerite“ von Frédéric Barbier. Im Juni folgen dann als „Hauptspeise“ die großen Opéra Bouffes von Offenbach „Maître Péronilla“ im Théâtre des Champs-Elysées und „Madame Favart“ in der Opéra Comique (beides vollkommen vergessene Spätwerke aus 1878). Wir sind schon gespannt!

 

Waldemar Kamer 22.1.2019

Bilder (c) Palazzetto Bru Zane

 

Palazzetto Bru Zane : www.bru-zane.com

 

OPERNFREUND CD TIPP dazu

Mehr als diese Silberscheibe fanden wir leider nicht für unsere leser

 

Aber hier zum Reinhören die wunderbare Ouvertüre ;-)))

 

DER OPERNFREUND  | opera@e.mail.de