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NEW YORK MET

 

DER RING DES NIBELUNGEN

WA - 6.-11. Mai 2019

 

Nach sechs Jahren Abstinenz hat sich Peter Gelb, General Manager der New Yorker Metropolitan Opera entschlossen, den „Ring des Nibelungen“ von Richard Wagner in der Regie von Robert Lepage in drei Zyklen wieder aufzunehmen, mit Hilfe des Revival Stage Directors J. Knighten Smit, der sich den Job ab der „Walküre“ mit drei weiteren Kollegen teilte. Teilweise ist die lange Pause damit zu erklären, dass die sog. machine, eine Rotationsachse mit 24 Planken, die auf zwei Aufzugstürmen fixiert ist und durch vielfache Bewegungen vor und zurück und von oben nach unten bei stets variierender Beleuchtung und Bebilderung das zentrale Element des Bühnenbildes von Carl Fillion darstellt, technisch nicht in den Griff zu bekommen war. Es knarzte oft zu viel. Andere sagten mir in New York, die Produktion zu spielen sei schlicht sehr teuer und somit nicht in jeder Saison möglich. Wie dem auch sei, wenn ein Direktor der Wiener Staatsoper dem Publikum sagen müsste, es gäbe - aus welchen Gründen auch immer - in einer und noch einer weiteren Saison keinen „Ring“, obwohl er im Repertoire ist, dann würde er wohl die dritte Saison nicht mehr im Amt sein. Für ein Haus wie die Met ist es auch unverständlich, dass relativ wenig Wagner gegeben wird und das, obwohl die New Yorker den Bayreuther Meister zu lieben scheinen. Dies zeigte jedenfalls der nahezu frenetische Applaus an allen vier Abenden - leider regelmäßig schon in die Schlusstakte hinein.

Ich habe diese Produktion bereits 2012 gesehen und eingehend besprochen, ein Jahr nach der Premiere, als alle noch euphorisch waren mit der machine. (Wer will, kann die Rezension hier einsehen: https://www.klaus-billand.com/files/2012-newyork-ring.pdf). Dann hat sich diese Euphorie etwas gelegt, denn es stellte sich heraus, dass sie den Mikrokosmos des „Ring“ allzu sehr dominiert mit zwar oftmals interessanten und auch beeindruckenden Effekten, aber eben manchmal einfach mit zu viel Technik, ja mit einer gewissen Aktionsverliebtheit, wie es Regisseuren mit solchen Einfällen oft passiert, wenn sie ein brandneue Idee haben. They simply get carried away. Dabei ist der „Ring“-Kosmos so vielfältig und selbsttragend, dass er gar nicht ständig eine technisch imposante Bühenbildveränderung durch 24 rotierende Planken benötigt, die immer in neuen Positionierungen, Bildern und Stimmungen erscheinen. Oft ist bei guter Personenführung die Präsenz von zwei oder drei Sängern auf der Bühne, die ein starkes Spannungsverhältnis untereinander zu schaffen in der Lage sind, viel intensiver, wie ich in der „Walküre“ von Julia Burbach kurz nach New York in Bordeaux erleben konnte. Die machine lief aber nun im wahrsten Sinne des Wortes wie geschmiert, beherrschte aber weiterhin das Bühnenbild und damit die ganze Produktion so sehr, dass eine erkennbare und dramaturgisch ausgefeilte Personenregie, insbesondere was die Spannungsverhältnisse zwischen den Akteuren angeht, nicht recht zum Tragen kommt.

Dabei ist jedoch auch zu sagen, dass das Regietem mit dem Lichtdesigner Etienne Boucher und den Videokünstlern Boris Firquet („Rheingold“ und „Walküre“), Pedro Pires („Siegfried“) und Lionel Arnould („Götterdämmerung“) sich ständig bemühte, den Vorgaben Richard Wagners wenigstes optisch zu folgen. Die Bebilderung der Planken passte somit meist zum jeweiligen Geschehen auf der Bühne. So ist dieser „Ring“ ein klares story telling und beabsichtigt nicht, sich auf irgendein Thema einzuengen, sei es politisch, sozialorientiert, historisch, modernistisch oder Ähnliches. Es kam und kommt den Verantwortlichen wohl in erster Linie auf die Demonstration der technischen Möglichkeiten an, welche die um die 16 Millionen US$ teure und 40 Tonnen schwere machine bietet und damit im Publikum Verwunderung, Bewunderung und Aha-Effekte auszulösen. Mir erscheint das für einen wirklich spannenden „Ring“ zu wenig, wenngleich bei der Personenregie einigermaßen nachgebessert wurde gegenüber 2012. Damals war sie kaum vorhanden, und gerade sie ist in einem Bühnenbild, das immer mit denselben sets arbeitet, absolut zwingend. Man hat das nun gerade wieder bei der neuen Wiener „Frau ohne Schatten“ des offenbar noch recht unerfahrenen jungen französischen Regisseurs Vincent Huguet erleben können bzw. müssen, der ebenfalls in einem Einheitsbühnenbild (bis auf das Färberhaus) kaum Personenregie führte.

Einige starke Momente der Fillion-machine seien hier aber genannt, denn einige Bilder waren wirklich beeindruckend. Im „Rheingold“ bestach das „Schwimmen“ der Rheintöchter auf den fast vertikal stehenden blauen Planken, den Rhein andeutend, weniger allerdings das albern wirkende Bemühen Alberichs, sie zu erreichen. Lächerlich wirkte auch das Wedeln Alberichs mit einem Drachenschwanz bei seiner Verwandlung mit dem Tarnhelm - doch etwas zu viel des Guten mit dem Naturalismus! Der fast imaginär wirkende Abstieg von Wotan und Loge nach Nibelheim über die treppenartig abgestuften und ins Dunkel führenden Planken schuf die Illusion, als würden beide wirklich nach unten gehen. Großartig sah auch der Aufstieg der Götter nach Walhall durch eine Öffnung in den Planken aus. In der „Walküre“ gelang der Auftritt Wotans im 2. Aufzug eindrucksvoll, ebenso der Walkürenritt, in dem die Plankenenden zu symbolischen Pferdeköpfen mutieren, sowie ein in der Tat phantastisch inszenierter Feuerzauber mit einer Stunt-Brünnhilde - wirklich unerreichbar - mitten drin. Wenig aufschlussreich war allerdings das Einsammeln sackartiger Fetzen vom Boden durch die Walküren. Im „Siegfried“ wurde es weniger spektakulär. Die Waldszenen mit Siegfried wirkten recht romantisch, der Drache dagegen eher wie im im Kasperltheater. Sowohl im „Rheingold“ wie im „Siegfried“ hätte man den Drachen doch wunderbar mit einer Bebilderung der Planken zeigen können. In der „Götterdämmerung“ schließlich konnte die Nornenszene vor rötlich schimmerndem Horizont beeindrucken. Sie vertrauen das Schicksalsseil den Planken an, die es dann mit wilder Rotation angesichts der betrüblichen Lage der Welt zerreißen. Auch der Aufstieg Siegfrieds zum Brünnhilde-Felsen geriet farblich fantasievoll. Einen gewissen tristen Charme drückte die Gibichungenhalle mit ihrer streng in Naturholztönen gehaltenen Ästhetik aus. Das Finale ließ leider zu wünschen übrig, denn der sichtbare Sturz der Gips-Götter gelang nur unvollkommen… Das hätte man viel stärker mit Bild- und Lichteffekten machen können.

Ein besonderes Wort sei den Kostümen von Francois St-Aubin gewidmet. Sie bewegen sich insbesondere im „Rheingold“ in einer Archaik, dass man meint, man säße in einer Produktion aus den 1950/60er Jahren. Aber auch die anderen drei Stücke sind bei den Kostümen von einer Altbackenheit gekennzeichnet, die man in Europa so kaum noch bringen kann und die im Übrigen auch gar nicht zu der relativ abstrakten und geometrischen Optik der machine und der auf sie projizierten Farben und Bilder passen. Der Wanderer sieht beispielsweise aus wie ein Schuster, der all seine Ledervorräte auf seine Schulter geworfen hat, als wolle er zu Fuß in ein anderes Atelier umziehen. Im „Rheingold“ herrschen bei den Göttern schwere altrömische Brustpanzer vor. Sicher wurde hier dem relativ konservativen Publikum der Met ein gewisser Zoll gezahlt. Andererseits hätten gerade in diese Inszenierung bestens modische Kostüme gepasst, welche stärkere ästhetische Akzente gesetzt hätten, die einen Gegenwartsbezug ermöglicht und zur Geometrie der machine gepasst hätten. Das story telling wäre auch so möglich gewesen. Ich denke zum Beispiel an die exzellenten Kostüme, die Clémence Pernoud soeben für die „Walküre“ in Bordeaux aus Leder geschnitten hat. Vielleicht könnte man sie für eine weitere Wiederaufnahme anheuern…

Ein wahrer Triumph war das Rollendebut von Michael Volle als Wotan, der mit dieser Partie schon in „Ring“ II  in der Vorwoche debütiert hatte. Endlich, das war ja so lange überfällig! Aber man musste nach New York reisen, um es zu erleben. Trotz seiner eher heldenbaritonalen Lage konnte Volle auch im 3. Aufzug der „Walküre“, wo der Bassbariton des Wotan besonders gefragt ist, voll überzeugen, sodass die Wagner-Welt sich nach dem Abgang von James Morris und Falk Struckmann nun endlich wieder über einen Weltklasse-Wotan freuen kann, freilich neben Bryn Terfel, Greer Grimsley und Aris Argiris. Herrlich Volles Diktion und Phrasierung bei enormem Rollenverständnis, und damit auch bei exzellenten darstellerischen Qualitäten. Die haben wir ja schon bei seinem Hans Sachs in Bayreuth erlebt. Ich kann mich noch gut an 2012 erinnern, als Deborah Voigt als Brünnhilde groß für alle drei Abende angekündigt wurde und sich die Rolle für sie dann als zu fordernd erwies. So musste Katharina Dalayman im „Siegfried“ - auch nicht zufriedenstellend - einspringen. Diesmal wurde nun die US-amerikanische Sopranistin Christine Goerke mit ihrem Met-Rollendebut ebenso groß als Brünnhilde angekündigt. Sie kommt aus dem Lindemann Young Artist Development Program der Met. Für mich zumindest wurde sie eine Enttäuschung. Goerke konzentrierte sich auf die dramatischen Momente und sang die Höhen durchaus kräftig und beeindruckend. Wenn es aber nach unten ging, deutete sich ein Registerbruch an. In der Tiefe neigte sie gar immer wieder zu reinem Sprechgesang, bei generell unzureichender Diktion. Darüber hinaus klingt ihr Timbre oft guttural und bisweilen nasal. Darstellerisch wurde Goerke der Rolle gerecht und konnte durchaus gute emotionale Momente schaffen. Insgesamt blieb sie aber hinter dem zurück, was man an der Met, die Peter Gelb in der Abschlussparty der Saison nach der „Götterdämmerung“ „as the greatest opera house in the world“ bezeichnete, als Brünnhilde erwarten sollte. Man hörte gerüchteweise, dass sie die neue Brünnhilde in Bayreuth 2020 werden soll. Dem im Vergleich zum europäischen nicht allzu kritischen New Yorker Publikum gefiel sie jedenfalls!

Stefan Vinke, weltweit und auch in Bayreuth ein bewährter Siegfried, spielte diese Rolle nun auch an der Met neben Andreas Schager, der sie in „Ring“ II sang. Vinke besticht weiterhin durch seine beeindruckenden Höhen und sein emphatisches Spiel. Bei dem hohen C des „Hoi-he“ im 3. Aufzug der „Götterdämmerung“ konnte man sich fast die Schuhsohlen wechseln lassen, so ausgiebig modulierte er es. In der Mittellage klingt die Stimme aber nicht immer rund und ist vielleicht bereits etwas abgenutzt von den vielen Siegfrieden, die er weltweit singt. Gerhard Siegel war sein Mime und recht baritonal timbriert, mit einer Tendenz zum Charaktertenor. Er gestaltete die Rolle mit großer Intensität.

Jamie Barton sang mit der Fricka ihren ersten Wagner an der Met, mit einer nicht allzu großen Stimme und einem nicht gerade schönen Timbre. Tomasz Konieczny gab an allen drei Abenden den Alberich mit durchschlagskräftigem Bariton, wenn auch bekanntlich nicht immer mit Schönklang aufgrund einer gewissen Gutturalität und Vokalverfärbungen. Aber Wohlklang ist beim Schwarzalben ja auch gar nicht so gefragt. Somit scheint diese Rolle für ihn gut geeignet. Wie ich am Rande der Aufführungen hörte, sang er ihn nun an der Met allerdings zum letzten Mal.

Eva-Maria Westbroek als Sieglinde ist zur Zeit wohl eine der besten Darstellerinnen dieser Rolle und fiel nicht nur durch ihren kräftigen und ausdrucksstarken Sopran auf, sondern auch durch ihre Empathie zu Siegmund. Dieser wurde wieder von Stuart Skelton verkörpert, denn mehr kann man bis auf seinen guten und kräftigen Tenor nicht sagen. Seine Darstellung war schon wie 2012 nahezu völlig charismafrei mit stereotypen Gesten - das ist auch bei guter Stimme für einen Siegmund einfach zu wenig. Gut, dass Günther Groissböck als Hunding neben Westbroek starke schauspielerische und erwartungsgemäß auch stimmliche Akzente setzte. Groissböck spielte auch einen kantablen Fasolt. Eric Owens war zwar ein stimmkräftiger, aber viel zu unscheinbarer Hagen, der in dem so bedeutenden 2. Aufzug der „Götterdämmerung“ kaum die gewohnten dramatischen Akzente setzen konnte. Aber das war schon 2012 bei Klaus-Peter König der Fall. Die Met hat mit ihren Hagen scheinbar kein gutes Händchen. Evgeny Nikitin sang hingegen einen sehr agilen Gunther, ebenso wie Edit Haller die Gutrune. Michaela Schuster war die gewohnt ausdrucks- und stimmstarke Waltraute in der „Götterdämmerung“. Die Erda von Karen Cargill klang zu guttural und war auch darstellerisch nicht ihrer Bedeutung entsprechend eingesetzt. Norbert Ernst sang einen stimmlich guten Loge, wirkte aber etwas steif in der Rolle, von der man doch eine gewisse mafiöse Geschmeidigkeit erwartet.

Wendy Bryan Harmer war eine Freia mit kräftigem Sopran und großem Engagement. Dmitry Belosselskiy als Fafner, Adam Diegel als Froh und Michael Todd Simpson als Donner machten ihre Sache ebenfalls gut. Erin Morley zwitscherte gekonnt als Waldvogel aus dem Off. Rheintöchter von dieser stimmlichen und auch optischen Qualität bekommt man im Allgemeinen kaum zu hören und sehen. Amanda Woodbury als Woglinde, Samantha Hankey als Wellgunde und Tamara Mumford als Flosshilde waren einfach in jeder Hinsicht Weltklasse. Leider kann man das vom Walküren-Oktett nicht sagen, denn es war stimmlich doch recht uneinheitlich besetzt. Ronnita Miller als Erste, Elizabeth Bishop als Zweite und Wendy Bryan Harmer als Dritte Norn konnten ebenfalls gefallen, insbesondere Ronnita Miller mit ihrem exzellenten Deutsch und vollem Mezzo. Der von Donald Palumbo geleitete Chor der Metropolitan Opera sang mit großer Zahl und auf einem Niveau, das jenem des Bayreuther Festspielchores nahe kam. Sein Auftritt im 2. Aufzug der „Götterdämmerung“ wurde so zum Ereignis!

Nach einem noch nicht so ganz runden „Rheingold“ wurde „Die Walküre“ zu einem Triumph für den zukünftigen Wiener Chefdirigenten Philippe Jordan und das Metropolitan Opera Orchestra. Schon vor dem 3. Aufzug bekam er mit dem Ensemble frenetischen Applaus, so dass sich die Musiker sogar erheben mussten. Der musikalische Höhepunkt des Abends waren Wotans Abschied und der anschließende Feuerzauber. Aber auch das Cello-Solo zur Annäherung der Wälsungen war von größter Harmonie und Wirkung. Leider konnte auch Jordan der recht langweilig inszenierten Todverkündigung im 2. Aufzug kein zusätzliches Leben einhauchen, musizierte aber mit großartiger Dynamik die Schwertschmiedeszenen im 1. Aufzug „Siegfried“. Sein Dirigat zeichnete sich durch eine gute Differenzierung der dynamischen Momente und der kontemplativen Phasen aus, was das bisweilen nicht allzu lebhafte Bühnengeschehen unterstützte. Dabei war immer große Nähe zu den Sängern zu bemerken. Ab der „Walküre“ bekam Jordan mit den Musikern wohl auch deshalb immer begeisterten Auftrittsapplaus. Man merkte ihm die nun doch schon lange Erfahrung mit dem „Ring“ an der Bastille-Oper und seinen Auftritten in Bayreuth an. Er dirigierte fast die ganze Tetralogie auswendig. Wien kann sich freuen, Philippe Jordan bald ständig zu hören.

Der „Ring“ von Robert Lepage ist indes ein vornehmlich visueller, wohl nicht zuletzt auch für die weltweite Kino- und Cineplexx-Vermarktung so gemacht, und er wird es mit der machine immer bleiben. Die New Yorker genossen ihre show, fanden im Prinzip alles gut bis toll und beklatschten es entsprechend. Warum auch nicht, wenn man bedenkt, wie teuer hier die Eintrittskarten sind, die mit den Stehplätzen für den „Ring“ bei 52,50$ anfangen, pro Abend versteht sich. Da will man sich doch nicht eingestehen, dass etwas nicht so gut war. Und im Übrigen bekam man ja seine so geliebten Zwerge und Drachen geliefert, wie es mir ein Besucher nach einer Aufführung des Otto-Schenk-„Ring“ vor einigen Jahren auf der Plaza des Lincoln-Center sagte, “… and this is better than your euro-trash!“ Ein altes Thema…

 

Fotos: Ken Howard / Met Opera; Richard Termine / Met Opera (Walküre)

Klaus Billand, 31.5.2019

 

 

 

 

 

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