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Foto (c) MuK / Malzahn

 

3. Sinfoniekonzert

Dmitri Schostakowitsch: Violoncellokonzert Nr. 1 Es-Dur op. 107

Peter Tschaikowsky: Symphonie Nr. 5 e-Moll op. 64

 

Leitung: Stefan Vladar

Violoncello: Mischa Maisky

Philharmonisches Orchester der Hansestadt Lübeck

 

Besuchtes Konzert am 25. November 2019 Kongresshalle

…und dann vergißt der Rezensent seine Notizen und merkt, daß er kaum mehr atmet

Das 3. Konzert in der Saison 2019/20 als ein Ereignis zu bezeichnen, ist in jeder Hinsicht angemessen. Zugleich ist in der Retrospektive klar, daß sich vor allem das Spiel Mischa Maiskys kaum beschreiben läßt.

Auf den mittlerweile 71-jährigen Künstler haben sich nicht nur diejenigen gefreut, die ihn bereits in den 80er Jahren in Lübeck erlebt haben. Daß er gerade jetzt, zum Beginn der (hoffentlich langewährenden!) Ära des neuen GMD Stefan Vladar mit den Lübeckern in die Hansestadt kam, verhieß doppeltes Glück. Bereits die ersten Takte ließen keinen Zweifel an der Einlösung der Verheißung.

Es ist viel geschrieben worden über Schostakowitsch als sensibler unterdrückter Antipode des Monsters Stalin. Julian Barnes hat mit „Der Lärm der Zeit“ 2017 ein ungeheuer eindrückliches Stimmungsbild gemalt, in der er die blanke Angst hochdekorierter Künstler vor dem Staats-Terror greifbar macht. Jeden Tag konnte jeder in Ungnade fallen und gestandene Mannsbilder sackten in sich zusammen, wenn man ihnen die Frage „weiß Stalin davon?“ stellte, die nur noch durch die Bemerkung übertroffen wurde: „Stalin weiß davon“.

So gesehen könnte im 1959 komponierten Cellokonzert Nr. 1 der Geist des Aufatmens wehen, aber wer weiß, was psychische Traumata sind, kann darüber nur bitter das Gesicht verziehen. Die Schatten von Diktatoren sind lang und schwarz, noch tot können die Despoten und der Nachhall ihrer Taten das Leben ihrer Opfer verderben.

Das Motiv D-Es-C-H, Schostakowitschs melancholisches musikalisches Monogramm, ist in diesem Konzert teils umgekehrt und die letzten beiden Töne sind vertauscht. Stefan Schickhaus bezeichnet das veränderte Gesicht dieses Motivs, mit dem das Konzert beginnt und das immer darin wieder zitiert wird, im Programmheft als Maskerade mit klagendem Ton. Dennoch ist darin, zumal mit Maiskys entschiedenem und kräftigem Strich, auch aufgebehrender Trotz zu hören und das Selbstbewußtsein eines Komponisten, der einmal gesagt hat: „Selbst wenn sie mir beide Hände abhacken, werde ich weiterhin Musik schreiben, mit einem Stift im Mund.“

Das Bild des Musikers, der eins mit seinem Instrument wird, ist zwar entsetzlich abgelutscht, aber Maisky und sein fast exakt 300 Jahre altes Montagnana-Cello waren zu einem einzigen Klangorgan verwachsen. Daß Schostakowitsch dieses Konzert dem Cellisten Mstislaw Rostropowitsch, dem späteren Lehrer Maiskys widmete, machte eine fast persönliche Anwesenheit des Komponisten ahnbar.

Fast schien das fehlerlos gespielte Horn (dessen Solo-Einsatz im ersten Satz ist hochanspruchsvoll!) von Emanuel Jean-Petit-Matile etwas zu laut zu sein, aber es entspann sich hier eine eigene Korrespondenz auf Augenhöhe zwischen ihm und dem Cellisten. Dieses Miteinander funktionierte deswegen so harmonisch, weil das ganze Orchester wieder großartig war. In den Tutti und Fortissimi spielte es glasklar und kräftig, weitab von jeder Nähe zu einem Klangbrei, in dem Einzelstimmen untergehen könnten, exakt und doch mit viel Wärme und bei Schostakowitsch besonders geforderter Sensibilität.

Ja, und dann ist der erste Satz zu Ende und keiner hustet. Das Publikum verharrte sekundenlang in solch ernsthaftem Respekt, daß man kaum glauben konnte, die übliche Abordnung des Lübecker Lungensanatoriums habe sich endlich einmal zusammengerissen.

Maisky hat zu Konzentration gezwungen und zwar völlig unprätentiös. Mit der von ihm sehr persönlich gestalteten, minutenlangen Kadenz am Ende des zweiten Satzes schaffte er einen wahrhaft soghaften optischen und klanglichen Fokus auf die Intimität dieses Soloparts, der schon ein eigenständiges Stück Musik ist. Die beiden kurzen Zitate aus dem Trauermarsch in Beethovens Dritter paßten sich in den melancholisch-klagenden Duktus. Um jetzt gar nicht erst versuchen zu wollen, all den Schmerz, die Sehnsucht, die Liebe und immer wieder Verwundung beschreiben zu wollen, die Maisky aus seinem Instrument hart herauskratzte, sanft schmiegend mit ihm wob oder spielerisch leicht aus dem uralten Corpus streichelte, sei auf jemanden verwiesen, der das besser konnte. Als Heinrich Heine 1830 Paganini in Hamburg hörte, verewigte er seine Eindrücke in den „Florentinischen Nächten“. Wenn ihn sein Sitznachbar, der nur für den Schein kulturbeflissene Pelzmakler, nicht durch sein Gequassel nervte, konnte der Dichter sich der Musik hingeben und Paganini wahrnehmen als „Mensch-Planet, um den sich das Weltall bewegte“.

Genauso durften die Lübecker einen der größten Cellisten der Welt erleben, der zwischen den intensivsten Einsätzen störende gerissene Roßhaare aus dem Bogen zupfte, als hätte er minutenlang dazu Zeit. Seelenruhe in Sekundenbruchteilen – in solchen Details offenbaren sich die Größten.

Nach dem dynamischen Schlußsatz mit seinem musikalischen Seitenhieb auf Stalins spießiges Lieblingslied tobte der Saal und der Meister gab drei Zugaben. Wann hat man sowas in Lübeck gehabt? Nach Tschaikowskys Nocturne spielte er zweimal Bach, wobei Maisky demonstrierte, daß man durch einen Cello-Suitensatz sogar galoppieren kann, ohne zu straucheln.

In der Pause hatte man sich gerade an eine der langen Schlangen zur Getränkeversorgung angestellt, als schon die erste Klingel ertönte. Es war klar, daß die „MuK“ voll würde und man wunderte sich darüber, daß die üblichen großen Theken vom zuständigen Unternehmen nicht bespielt wurden.

Aber man war ja nicht zum Trinken gekommen, sondern zum Hören und Sehen. Tschaikowsky mochte seine Fünfte nicht besonders, „zu bunt, zu massiv, zu künstlich, zu lang, überhaupt unsympathisch“ empfand er sie, aber was kümmert das die liebende Nachwelt? Sicher, man kann diese Symphonie verkitschen und ihr ein schmieriges Pathos geben, aber nicht, wenn man Stefan Vladar heißt. Um jetzt mal die Distanz der kühlen Beschreibung fahrenzulassen: Man möchte den neuen GMD küssen und herzen dafür, wie er mit tänzerischer Leidenschaft das Orchester mitreißt in seine Begeisterung und sofort wieder in die ernste Konzentration zurückfindet, von einem Moment zum anderen. Wenn da eine Fermate steht, dann herrscht wirklich Ruhe, und zwar lange genug, um Struktur zu geben.

Die oft beschworene Schicksalsmotivik der Symphonie gesellt sich so schön zum Klischee der russischen Seele. Da sind Pathos und Schmäh nicht fern. Aber der liegt dem Wiener Maestro, der in seinen dynamischen Bewegungen immer wieder an den großen Gustav denken läßt, so gar nicht. Vielleicht wäre Mahler tatsächlich ähnlich an das Werk gegangen wie Vladar: Vergeßt die jahrhundertelange Rezeption – wir spielen das Ding jetzt mal so, als wäre es zum ersten Mal! Diese Rechnung ging auf und so war ein Stück, das man gefühlt mindestens 580mal gehört hat, zu erleben, als sei es etwas völlig Neues. Das ungemein transparente Spiel des Orchesters und zwar aller Instrumente bzw. Gruppen erlaubte die Wahrnehmung jeder Stimme und man ertappte sich bei der Bemerkung, daß man eigentlich gedacht hatte, gerade diese Symphonie wirklich zu kennen. Toll, wenn da immer noch Überraschungen möglich sind.

Und so geriet jeder der vier Sätze in der differenzierten Wiedergabe zu einer eigenen kleinen Symphonie, mit Passion und Leichtigkeit, sofern das Leichte bei Tschaikowsky überhaupt jemals ungebrochen daherkommen kann. Natürlich dominiert das Schicksalsmotiv, aber es wird doch immer wieder relativiert wie zum Beispiel durch das dritte Motiv des ersten Satzes, die abfallende Quinte A-D, A-D, A-D, die an den Ruf einer Meise erinnert und möglicherweise ein „Adé!“ eher kindlich intoniert. Mag dies ein Gedankenspiel sein – der dritte, der Walzersatz läßt zumindest etwas Licht scheinen in das Dunkel von Tschaikowskys verzweifelter Seele und entsprechend haben die Lübecker mit Vladar diesen Satz in den Saal getanzt.

In der Final-Coda reißt Tschaikowsky gleichsam einer Beschwörung das musikalische und damit emotionale Ruder herum, in der Zuversicht, dem beständig drohenden Schicksal doch etwas entgegensetzen zu können. Hier verschafft sich die Hoffnung Gehör und die brach sich am 25. November triumphierend Bahn in die Halle.

Tosender, langanhaltender Applaus. Zu Recht.

 

Andreas Ströbl, 26.11.2019

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