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OKSANA LYNIV und ELENA PANKRATOVA mit den GRAZER PHILHARMONIKERN

5. Juni 2019

 

 

Die Grazer-Philharmoniker sind nicht nur das Orchester der Oper Graz, wo sie alle Sparten (Oper, Operette, Ballett und Musical) spielen, sondern sie können auch auf eine intensive Konzerttätigkeit verweisen. So spielten sie beispielsweise in dieser Saison elfmal mit großer Besetzung und dreimal in Kammerorchester-Besetzung in den Konzertzyklen des Musikvereins für Steiermark und  sie bestreiten auch immer wieder Konzerte im Grazer Opernhaus. Seit der Saison 2017/18 ist Oksana  Lyniv  Chefdirigentin sowohl der Oper Graz als auch der Grazer Philharmoniker und seither gastiert das Orchester auch regelmäßig im Musikverein-Wien. Im großen, dem sogenannten „goldenen“ Musikvereinssaal in Wien tritt das Orchester mit seiner Chefdirigentin schon demnächst am 9.Juni auf - und da werden auch  zwei Werke erklingen, die nun gleichsam als Generalprobe bei jenem Grazer Konzert auf dem Programm standen, über das hier zu berichten ist.

Das Grazer Konzert wurde unter dem Titel Lebenslinien für einen Auftritt der russischen hochdramatischen Sopranistin Elena Pankratova genutzt.

Ihre  Agentur schreibt über Pankratova:  Der internationale Durchbruch gelang ihr 2010 in der Rolle der Färberin (Die Frau ohne Schatten) beim Maggio Musicale Fiorentino - diese Partie sang sie erneut mit überwältigendem Erfolg an der Mailänder Scala (2012), so wie am Teatro Colon in Buenos Aires (2013), gab damit ihr fulminantes Debüt an der Bayerischer Staatsoper in München (2013), an Covent Garden in London (2014), an der Royal Danish Opera in Copenhagen (2015) und an der Staatsoper Unter den Linden in Berlin (2018). Dank ihrer besonderen stimmlichen Veranlagung, hat sich Elena Pankratova gleichermaßen im deutschen und im italienischen dramatischen Fach international etabliert. 2016 gab sie als die erste russische hochdramatische Sopranistin in der 140-jährigen Geschichte der Bayreuther Festspiele ihr sensationelles Debüt als Kundry (Parsifal) und wiederholte ihren Erfolg 2017 und 2018.  2019 warten in Bayreuth gleich 2 Rollen auf sie: Kundry und Ortrud (Lohengrin)

Und eben konnte man sie in München in der vieldiskutierten Castellucci-Inszenierung als Venus erleben - hier ein Videoausschnitt.

Der aktuelle Graz-Bezug von Elena Pankratova ist rasch erklärt:

Sie leitet seit 2015 eine Gesangsklasse an der Kunstuniversität Graz (KUG ). In der Konzertankündigung liest man: Elena Pankratova gibt mit diesem einmaligen Graz-Auftritt – spät, aber umso eindrucksvoller – ihr Antrittskonzert als Professorin an der Kunstuniversität Graz. Ihre Gage spendet die Künstlerin deren Fonds für bedürftige Studierende.

Aber tatsächlich gab es schon vor 16 Jahren - also lange vor Pankratovas internationalem Durchbruch - einen einzelnen Auftritt an der Oper Graz. Im Jahre 2003 gastierte sie (anstelle der Premierenbesetzung Tamar Iveri ) als Adriana Lecouvreur. Und entsprechend dem jüngst erschienenen und lesenswerten Interview wurde damals der Grundstein dafür gelegt, warum sich die Pankratova viele Jahre später um die Gesangsprofessur in Graz beworben hatte und mit ihrem Mann Graz als Wohnort gewählt hat. Und man kann vermuten, dass es auch bereits einen persönlichen Kontakt zwischen Pankratova und Lyniv gegeben haben könnte. Bei der Silvester-Fledermaus 2016 in München feierte nämlich Elena Pankratova als Rosalinde ihr 20-jähriges Bühnenjubiläum. Dirigent war damals Kirill Petrenko - und in dieser Zeit war Oksana Lyniv Petrenkos Assistentin in München.

Das Grazer Konzert begann mit Richard Wagners Siegfried-Idyll - also mit einem Stück, das ursprünglich nicht für den Konzertsaal gedacht war. Cosima schreibt in ihren Tagebüchern:

Wie ich aufwachte, vernahm mein Ohr einen Klang, immer voller schwoll er an, nicht mehr im Traum durfte ich mich wähnen, Musik erschallte, und welche Musik! Als sie verklungen war, trat R. mit den fünf Kindern zu mir ein und überreichte mir die Partitur des „Symphonischen Geburtstagsgrußes“ - in Tränen war ich, aber auch das ganze Haus; auf der Treppe hatte R. sein Orchester gestellt und so unser Tribschen auf ewig geweiht.

Nun - wenn man dieses Werk im großen Haus aufführt, muss man natürlich eine andere Besetzung wählen als bei der Uraufführung im Tribschen Hause. Von meinem Platz rechts vorne im Parterre dominierte allzu sehr der Klang der tiefen Streicher, obwohl auf der anderen Seite 16 Erste Geigen saßen. Unter der präzisen Leitung von Lyniv spielte das Orchester klangschön und üppig. Aber es fehlte mir ein wenig die luzide Klarheit, die Wagner so beschrieb: mit Fidi-Vogelgesang und Orange-Sonnenaufgang.

Dann folgte die letzte symphonische Dichtung von Franz Liszt: Von der Wiege bis zum Grabe. Das Werk ist programmatisch durchaus klug als Ergänzung zu Wagner gedacht, aber ich habe es als ein blasses, zeitgebundenes Werk erlebt, das heute wohl zu Recht kaum mehr aufgeführt wird. Die reservierte Reaktion des Publikums zeigte, dass ich mit meiner Meinung wohl nicht allein bin.

Nun folgte der Auftritt der als „Starsopranistin“ angekündigten Elena Pankratova, wegen der wohl das Publikum primär gekommen war. Sie sang drei Lieder von Richard Strauss: Meinem Kinde, Befreit und Allerseelen - alle drei sind breit ausladende lyrische Gesänge. Richard Strauss hatte den Liedgesang aus dem romantisch-intimen, ja kammermusikalischen Rahmen herausgeholt und in den Raum der großen Konzertbühne gestellt. Richard-Strauss-Lieder sind Podiumslieder, die für das große Publikum gedacht sind. Nicht umsonst hat Richard Strauss viele seiner Lieder selbst orchestriert. Pankratova ist für mich die Repräsentantin einer Primadonnen-Attitüde, die manchem heute vielleicht etwas antiquiert, ja vielleicht auch nicht mehr zeitgemäß erscheint. Aber sie macht dies mit prächtig-üppigem Stimmmaterial und großer Bühnengeste - ich musste dabei daran denken, was sie nach ihrem Dienstantritt an der Kunstuniversität Graz selbstbewusst in einem Interview gesagt hatte: Ich nehme mir die Freiheit, mich in meiner Kunst so auszudrücken, wie es mir passt. Ich singe die größten, schwersten, die dramatischsten Rollen der Opernliteratur Und ich nehme mir die Freiheit, sie so zu interpretieren, wie ich sie sehe und verstehe. Zeige deinen eigenen Weg und überzeuge damit. Das gilt wohl auch für ihren Zugang zur Liedinterpretation, der nach meinem Empfinden wesentlich besser zu Modest Mussorgski und seinen Liedern und Tänzen des Todes in der Orchesterfassung von Dmitrij Schostakowitsch passte als zu den Strauss-Liedern.

Da war die russische Primadonna in ihrem Element und plötzlich hörte man diese Lieder geradezu neu - nämlich in jener Version, die Mussorgski wohl vorgeschwebt war, hatte er den Zyklus doch für seine Freundin und Gönnerin, die dramatische Altistin Daria Leonowa geschrieben, in deren Landhaus er seinen letzten  epileptischen Anfall erlitt und an dessen Folgen er im 42. Lebensjahr starb. Da brillierte Elena Pankratova mit plastischem und bühnenwirksamem Vortrag. Das Publikum war begeistert.

Als Abschluss erklang die Ouvertüre Große Russische Ostern von Nikolai Rimski-Korsakow - ein ungemein effektvolles Stück, bei dem Oksana Lyniv ganz in ihrem Element schien und die Grazer Philharmoniker mit strahlendem Blech, aber auch mit schönen Soli (z.B. des Konzertmeisters) brillierten durften, Man darf vermuten, dass dieses Stück wohl als Zugabe beim Musikvereinskonzert in Wien gedacht sein dürfte. Das Publikum hatte wohl noch auf eine Zugabe der Pankratova gehofft, etwa auf die Turandot, die sie eben in Barcelona gesungen hatte - aber dieser Wunsch wurde nicht erfüllt.

 

6.6.2019, Hermann Becke

Aufführungsfotos: © Johannes Gellner

 

Drei Hinweise:

-         Die Sopran-Originalfassung von Mussorgskis Lieder und Tänze des Todes mit Elena Pankratova auf CD

-         Und der Liebhaber historischer Aufnahmen kann es nicht lassen und muss auf zwei Referenzaufnahmen hinweisen:

Jessye  Norman mit Richard-Strauss-Orchesterliedern

Mariana Lipovsek mit den Mussorgski-Liedern

 

 

 

Unterkirche der Herz-Jesu-Kirche

DIE ENTHAUPTUNG VON JOHANNES DEM TÄUFER

Barockoratorium - szenisch überzeigend belebt

26. 5. 2019 (3. Vorstellung nach der Premiere am 23.5.2019)

 

In der Reihe OpernKurzgenuss  - einer seit Jahren bewährten Kooperation zwischen der Oper Graz und der Kunstuniversität Graz - hatte man sich diesmal das barocke Oratorio a 5 von Antonio Maria Bononcini (1677 bis 1726) ausgesucht und daraus eine szenische Version gemacht. Die junge Regisseurin Juana Inés Cano Restrepo hat gemeinsam mit der Bühnenbild-Studentin Devin Rebecca McDonough eine überzeugende räumliche Lösung gefunden: die Kirchenbankreihen in der historisierend-neugotischen Unterkirche hatte man mit drei Podien überdeckt, Orchester und Publikum saßen entlang der Podien in den Seitenschiffen und im Altarraum. Die natürlich belassene Ziegelstruktur der Pfeiler und des Spitzbogengewölbes gibt diesem Raum nicht nur eine besondere Atmosphäre, sondern sorgt auch für eine für dieses Werk sehr gut geeignete Akustik. Herodes, Herodias und Salome tragen prächtige Barockkostüme und agieren auf den drei Spielflächen stilisiert und ausdrucksstark.

Die Regisseurin hat zur Belebung der statischen Oratoriensituation zu einem klugen Stilmittel gegriffen und die Titelfigur gleichsam verdoppelt. Johannes erscheint zu Beginn als Astronom, der alle Vorgänge aufmerksam beobachtet und schriftlich aufzeichnet. Für ihn gibt es kein üppiges Barockkostüm - der Astronom ist durch eine einfache schwarze Kutte und eine weiße Halskrause charakterisiert. Im Programmheft werden Galileo Galilei und Giordano Bruno erwähnt, mir drängte sich die Assoziation zu Johannes (nomen est omen!) Kepler auf - man schaue sich sein bekanntes Portrait an. Da ergibt sich schon ein ganz besonderer Bezug - gerade beim derzeitigen 400-Jahr-Jubiläum von Keplers grundlegendem Werk  Harmonices mundi und gerade in Graz, aus deren protestantischer Schule er durch Kaiser und katholische Kirche in der Zeit der Gegenreformation vertrieben wurde.

Mit Ausnahme von Herodes waren alle Rollen mit Studierenden besetzt, die alle ihre Sache sehr gut machten. Die türkische Mezzosopranistin Feride Buyukdentas, die schon einige professionelle Auftritte hinter sich hat, war eine herb-schöne Verkörperung der Titelfigur und bewältigte die für einen Countertenor geschriebene Partie sehr gut. Ebenso expressiv und gut waren die beiden Sopranpartien mit  Marija-Katarina Jukic (Herodias) und Saba Hasanoğlu (Salome) besetzt. Auch über den Engel (bzw. zu Beginn Gehilfe des Astronomen) - die Altistin Justina Vaitkuté - kann nur Erfreuliches berichtet werden. Herodes als eitler Sonnenkönig war der erfahrene Bassbariton Wilfried Zelinka, den man derzeit leider viel zu wenig an der Grazer Oper hören kann. (Wenn man ihn in einer Hauptrolle erleben will, dann muss man ihm zu den Burgfestspielen-Gars nachreisen, wo er im Sommer den Pizarro singen wird). Er passte natürlich sehr gut in diese Koproduktion der Grazer Oper, ist er doch seinerzeit selbst aus der Kunstuniversität Graz hervorgegangen. Mit drastischer Spielfreude, vorbildlicher Artikulation und einer in allen Lagen ausgeglichenen und koloraturensicheren Stimme war er natürlich das Zentrum der Solisten.

Die Geigerin und Professorin für Alte Musik Susanne Scholz leitete das aus Studierenden zusammengesetzte Barockorchester gamma.ut des Universitätsinstituts für Alte Musik und Aufführungspraxis der Grazer Kunstuniversität mit sicherer Hand und sicherem Blick vom ersten Pult aus. Da hörte man viel frische Spielfreude, die so manche Intonationstrübungen vergessen machte. Man hatte jedenfalls den Eindruck einer musikalisch hervorragend einstudierten Produktion und freute sich, die farbenreiche Musik eines weithin unbekannten Komponisten kennenzulernen. Sehr erfreut registrierte man, dass auch im bühnentechnischen Teil die Oper Graz mit der Kunstuniversität eng - und vor allem erfolgreich! - zusammenwirkte. Und nochmals zur szenischen Umsetzung: hier konnte man eine überaus bühnenwirksame Version eines Oratoriums erleben - und das mit sparsamsten Mitteln. Der Tod des Johannes, dem man seinen schützenden Mantel nahm und den man dann aus einer Silberschüssel mit Blut übergoss, war drastisch gestaltet.

Bedrückend das Ende: Herodes, Herodias und Salome zogen schwarze Mäntel über ihre bunten Kostüme, standen gemeinsam mit dem sich nun in Kardinalspurpur hüllenden Gehilfen des Johannes wie eine bedrohliche Front und verfolgten emotionslos den Todeskampf des blutüberströmten Johannes, der durch die weiße Halskrause wie erstickt wirkte - geradezu erinnernd an das spanische Folterinstrument der Garrotte. Es war ein einprägsam-theaterwirksames Bild. Da fühlte man sich als Publikum nicht belehrt, sondern konnte sich durch dieses Bild bewegen lassen und darüber nachdenken, wie Kirche und Staat mit Andersdenkenden umgegangen sind. Mir jedenfalls blieb dieses Bild haften - hier hat sich alles zusammengefügt: der klug gewählte Aufführungsort, eine ebenso kluge wie effektvolle szenische Umsetzung und eine gediegene musikalische Leistung - bravo!

 

Hermann Becke, 27.5.2019

Aufführungsfotos: Oper Graz  © Werner Kmetitsch

 

Ein Hinweis für alle, die sich intensiver mit dem Werk auseinandersetzen wollen: Es gibt zwei CD-Aufnahmen - eine aus dem Jahre 1999 und eine ganz neue aus dem Jahre 2019. Und es ist auch die vollständige Partitur im Internet abrufbar

 

 

 

María de Buenos Aires

Tango-Operita von Astor Piazzolla

Schloßbergbühne in den Kasematten

16. 6. 2018 (3. Vorstellung nach der Premiere vom 14. 6. 2018)

Die letzte Musiktheater-Premiere der Oper Graz bietet ein besonderes Werk an einem besonderen Ort. Über den Ort liest man auf der Homepage der Theaterholding-Graz

Direkt unter dem höchsten Punkt der steirischen Landeshauptstadt, dem Plateau des Schloßbergs, befindet sich der beliebteste Freiluft-Veranstaltungsort von Graz, die Schloßbergbühne Kasematten.

In den alten Gemäuern der ehemaligen Befestigungsanlagen wurde schon in den Dreißigerjahren des vergangenen Jahrhunderts eine Bühne mitsamt großzügig angelegtem Zuschauerraum errichtet, der für Graz besonders charakteristisch ist. Das stimmungsvolle Ambiente und die romantische Atmosphäre kommen vor allem in der warmen Jahreszeit bei Open-Air-Events aller Art, von Konzerten wie Jazz, Pop/Rock und Klassik über Sommerfeste bis hin zu Firmenpräsentationen und Galaveranstaltungen zur Geltung. Ein verschiebbares Dach sichert die Durchführung auch bei Wetterkapriolen.

Und bei der Werkwahl  bleibt die Oper Graz auch diesmal bei Spanisch-Exotischem:

Hatte man in den Schloßberg-Kasematten 2012 das Musical Der Mann von La Mancha und im Sommer 2016 Zarzuelas geboten, so entschied man sich diesmal für die einzige Oper, die Astor Piazzolla (gemeinsam mit dem Lyriker Horacio Ferrer )  geschrieben hatte. Das Werk, das Piazzolla selbst als „Tango Operita“  bezeichnet hatte, wurde 1968 in Buenos Aires mit großem Erfolg konzertant uraufgeführt. Es steht heute unter der Schirmherrschaft des argentinischen Kulturministeriums und wurde in den letzten Jahren immer wieder auch auf deutschsprachigen Bühnen aufgeführt, zuletzt etwa in Bonn . Und vor allem machte die erfolgreiche Tournee-Produktion unter der Leitung von Gidon Kremer das Werk in Europa bekannt, unter dessen Leitung es auch die österreichische szenische Erstaufführung im Jahre 2000 bei den Bregenzer-Festspielen gab. Der Oper Graz ist zu danken, dass das Werk nun in Graz zum zweiten Male auf eine österreichische Bühne kam.

Die Handlung ist komplex und surreal. Da das Stück im spanischen Original aufgeführt wird und es keine deutschen Übertitel gibt, empfiehlt es sich, vor dem Besuch der Aufführung die umfangreiche Inhaltsangabe in der Sichtweise des Regisseurs Rainer  Vierlinger zu lesen, die Gott sei Dank hier auf der Homepage der Oper Graz verfügbar ist. Für den OF-Leser, der einen knappen und treffenden Überblick über die Handlung gewinnen will, genügt ein Zitat des Salzburger Kulturjournalisten Horst Reischenböck :

Argentiniens Hauptstadt hieß ursprünglich „Ciudad de la Santísima Trinidad y Puerto de Santa María de los Buenos Aires“. Mit einer Heiligen wie der „Maria der guten Lüfte“ hat das Libretto von Horacio Ferrer allerdings nichts gemein. Es ist ein Stoff, der christliche Symbole in nicht immer spontan verständlich Negatives - zumindest aber in tragische Assoziationen beschwörende merkwürdige Bilder - überführt. Ein Geist beschwört diese unglückliche María aus der Dunkelheit der Vorstadt herauf. Sie wehrt Liebe ab, führt stattdessen ein sinnloses Leben, das sie in eine Unterwelt führt. Diese ist von Huren und Dieben bevölkert, die María ermorden. Nach ihrem Begräbnis wandelt sie als Schatten durch die Stadt. Ein skurriler Psychoanalytiker versucht, ihr Freudsche Neurosen ob ihrer Eltern zu entlocken. Der Geist will ihr, mit Hilfe von Marionetten, zu Fruchtbarkeit verhelfen und tatsächlich - María gebiert an einem Sonntag. Keinen Jesus, vielmehr ein Mädchen, möglicherweise eine weitere, andere Maria. Ob ihr ein ähnliches Schicksal beschieden sein wird? Das Ende lässt die Frage offen.

Oder wie der Regisseur schreibt:

Die ewige, zeitlose Geschichte so vieler Marías aus Buenos Aires und anderswo, deren Schicksal durch die liebende Erinnerung eines Menschen vor dem Vergessen bewahrt bleibt.

Der Regisseur hat mit seiner Ausstatterin Vibeke Andersen eine ungewohnte Lösung in den an die 1000 Plätze fassenden Kasematten gewählt. Die ansteigenden Sitzreihen sind der Länge nach aufgestellt und es wird die Längsseite des Raums bespielt. Dadurch werden vielfältige Auftrittsmöglichkeiten aus den Logen geschaffen. Das 10-köpfige Orchester sitzt ganz abseits an der Schmalseite in einer eigenen mit Plexiglas abgedeckten Box. Die Musik hört man nur aus Lautsprechern - alle Akteure einschließlich Chor tragen Mikroports (die übrigens in ihrer Massivheit auch optisch beeinträchtigen - auf den Probenfotos hat man sie wohl deshalb weggelassen).

Der Dirigent des Abends Marcus Merkel ist zu bewundern, wie er in dieser Situation das gesamte Solisten-, Orchester- und Chorensemble hervorragend zusammenhält und für stringente Spannung sorgen kann!

Und das ist auch mein zentraler Kritikpunkt an dieser Produktion: ich bin ein altmodischer Mensch und lehne bei Musiktheaterproduktionen die heute immer mehr überhand nehmende elektroakustische Verstärker- und Mischpult-Unkultur zutiefst ab! Alles wird zu einem einförmigen Klangbild, ja Klangbrei - es gibt kaum dynamische Differenzierungen, ob ein Solist links oder rechts steht, ob zur Seite oder nach hinten gesungen, gesprochen wird - alles wird vom Mischpult verarbeitet und über die Lautsprecher eindimensional ins Publikum ausgestrahlt. Jede individuelle Klangfarbe geht nach meiner Meinung verloren. Gidon Kremer bezeichnete Piazzollas Tango.Operita als „eines der originellsten Vokalmusikwerke, die es je gegeben hat“. Man kann bei Gidon Kremer wunderbar nachhören (siehe am Ende den Hörtipp), welche subtile Feinheiten und vielfältige Klangfarben die Partitur enthält. Die elektroakustische Vereinheitlichung planiert leider all dies wie eine unsensible Schubraupe!

Und das ist gerade in dieser Produktion wirklich schade, sind doch die drei Protagonisten und die Instrumentalsolisten ausgezeichnet besetzt! Und man weiß aus Opernaufführungen - die leider Jahrzehnte zurück liegen -, dass die Akustik der Kasemattenbühne durchaus auf zeitgeistige elektroakustische „Aufmotzung“ verzichten kann.

Im Mittelpunkt steht die 31-jährige katalanische Mezzosopranistin Anna Brull , die sich in den letzten Jahren aus dem Opernstudio heraus zu einer beliebten Stütze des Grazer Opernensembles entwickelt hat und mit jeder neuen Partie zusätzlich an Profil gewinnt. Wenn man so jemand im Ensemble hat, dann ist die Stückwahl schon deshalb mehr als berechtigt. Ihre María berührt mit überzeugender Gestaltungskraft und Wandlungsfähigkeit. Anna Brull gestaltet auch stimmlich die Partie überzeugend. Da kann sie durchaus neben großen Vorbildern bestehen. Der serbische Bariton Ivan Oreščanin ist seit 2006 Grazer Ensemblemitglied und verkörpert diesmal alle männlichen Gesangspartien des Stücks überaus überzeugend. Wenigstens bei ihm gibt es einen Vorteil des Mikroports: er ist diesmal nicht - wie bei so manchen bisher gesungenen Partien - zum Forcieren verleitet. Er führt seine Stimme schlank und elegant durch die eigentlich für einen Tenor bestimmten Rollen. Darstellerisch zeigt er das bei ihm gewohnte hohe und stets rollendeckende Niveau. Die Sprechrolle des Geistes - vielleicht Archetyp des Mannes - gestaltet der spanische Schauspieler Ciro Gael Miró mit großer Bühnenintensität und viril-ehrlicher Ausstrahlung.

Die Inszenierung hat dem Stück zusätzlich zum klein besetzten und engagiert singenden und sprechenden Opernchor (Einstudierung: Bernhard Schneider) einen Bewegungschor hinzugefügt, der die Figuren der Straßenszenen in Buenos Aires überzeugend gestaltet. Die Choreographie (Cornelia Leban-Ibrakovic und Adi Lozancic) baut auch immer wieder getanzte Tango-Szenen ein, die das doch etwas langatmige Stück wohltuend auflockern. Bühnengestaltung und Regie nutzen den breiten Bühnenraum durchaus geschickt, bleiben allerdings mit dem zentralen pulsierenden Herz als optischen Mittelpunkt ein wenig im Plakativ-Biederen stecken.

Erfreulich ist, dass mit dieser Produktion ein Publikumskreis angesprochen wird, den man sonst kaum im Opernhaus sieht. Der Beifall im ausverkauften Haus war groß - die Ausführenden haben ihn sich wahrhaft verdient!

 

Hermann Becke, 17. 6. 2018

Aufführungsfotos: Oper Graz, © Werner Kmetitsch

 

Hinweise:

-      Gidon Kremer  hat das Werk mit seiner Kremerata (übrigens in Österreich) auf CD aufgenommen. Es lohnt sich, in den   Video-Ausschnitt hineinzuschauen - da erlebt auch man den Librettisten Horacio Ferrer als Rezitator.

-      Noch drei weitere Vorstellungen (alle sind bereits ausverkauft!)

 

ELISABETH KULMAN

Tell me the Truth - großartiger Liederabend!

Stephaniensaal Graz am 9. 10. 2017

Elisabeth Kulman ist eine fesselnde Persönlichkeit, die ein reines Liederprogramm in ein Musikdrama, in ihr ganz persönliches Drama zu verwandeln versteht, das sie dem Publikum offenlegt und das sie mit ihm teilen will.

Diesen Satz schrieb ich im  Februar 2016 über den letzten Grazer Liederabend von Elisabeth Kulman mit dem Titel "frauen.leben.liebe" - und ich freute mich, als ich genau dieses Zitat in der Ankündigung ihres jüngsten Konzerts in Raiding (mit dem weitgehend identen Programm wie in Graz) wiederfand. Offenbar fühlte sich Elisabeth Kulman verstanden - und diesen Satz kann ich heute nur wiederholen, er gilt wahrhaft auch für das neue Programm unter dem Titel Tell me the Truth !

Ich beginne meinen Bericht mit dem Zugabenteil, den Elisabeth Kulman und ihr getreuer Partner am Flügel  Eduard Kutrowatz dem begeisterten Publikum gewährte, denn diese drei Zugaben bündeln für mich in idealer und höchst berührender Weise wie in einem Brennspiegel die Botschaft der Elisabeth Kulman an ihr Publikum - und wohl auch an sich selbst …..

Als erstes erklang Gretchen am Spinnrade des 17-jährigen Franz Schubert, ein absolutes Meisterwerk der Liedkunst. Meine Ruh ist hin, mein Herz ist schwer - wann hat man das je so wahrhaft, so ehrlich und gleichzeitig stimmlich und technisch so perfekt gestaltet erleben dürfen? Jede Nuance, jedes Wort wird mit größter Kunstfertigkeit ausgedeutet, ohne dass dies je in die Nähe von künstlicher Manieriertheit oder vordergründiger Dramatisierung gerät. Es war ein Höhepunkt großer, größter Liedinterpretation.

Aber es wäre nicht die Kulman, wenn sie nicht diesen tief empfundenen Ausbruch ihrer Emotionen sofort mit dem nächsten Stück relativieren würde, gleichsam, um davon Abstand zu gewinnen. Und so wählte sie als 2. Zugabe einen Text von Erich Kästner, den Herwig Reiter unter dem Titel Portrait einer Chansonette im Jahre 2015 effektvoll und durchaus Chanson-nah vertont hat. In diesem Lied heißt es unter anderem: Sie singt, was sie weiß. Und sie weiß, was sie singt. Das merkt man am Gesang. Und manches, was sie zum Vortrag bringt, behält man jahrelang - und dann weiter im Text: Das Herz tut ihr manchmal beim Singen weh. Denn sie singt nicht nur mit dem Mund. Sie kennt den Kakao, durch den man uns zieht, genauso gut wie wir, und sie weiß zu dem Thema so manches Lied. Da stand plötzlich der extrovertierte Bühnenmensch Elisabeth Kulman auf dem Podium - jedes Detail effektvoll und publikumswirksam präsentierend und dabei die gesamte Podiumsbreite „bespielend“.

Aber auch das ist natürlich nicht die ganze Elisabeth Kulman - und so erlebte man als 3. Zugabe in Franz Liszts Es muss ein Wunderbares sein eine weitere Seite der großen Künstlerin: sehr melancholisch, ja fast ein wenig resignativ erklang dieses gefühlvoll-schlichte Lied - geradezu als Verzicht, ja als eine Absage an die Realisierbarkeit großer Liebe.

Das Programm vor diesem umjubelten Zugabenteil war dramaturgisch genau so aufgebaut, wie es dann die Zugaben selbst waren. Im 1. Programmteil waren überwiegend selten gehörte Lieder von Franz Schubert  mit Kästner-Liedern von Herwig Reiter (geboren 1941) kontrastreich verschränkt. Da folgten beispielsweise nahtlos auf die Romanze aus Rosamunde Der Vollmond strahlt auf Bergeshöh’n (leider mit unpassend hart-trockenen Sforzati in der Klavierbegleitung anstelle der von Schubert notierten fp ) Herwig Reiters Sachliche Romanze und auf den Kästner-Text Alte Frau auf dem Friedhof attacca Franz Schuberts Ruh’n in Frieden alle Seelen. Diese Gegenüberstellung von reiner, klarer Schubert-Emotion mit den Liedern aus unserem Jahrhundert fügte sich ideal zusammen - dies nicht zuletzt deshalb, weil Herwig Reiters Tonsprache leicht rezipierbar ist. Er selbst beschreibt seine Kompositionsweise so: Seine Partituren sind konventionell notiert, motivisch durchgeformt und melodisch-harmonisch auf Skalen, nicht auf Reihen aufgebaut. Unmittelbare Verständlichkeit und Nachvollziehbarkeit in der Vorstellung werden angestrebt. "Modernität" im Sinne eines absichtlichen Zerschlagens von fassbaren melodisch-rhythmischen Gestalten bzw. des Ersetzens von "Form" durch "Strukturen", von Harmonik durch reine Klang- und Geräuschwirkungen und von "Vision" durch "Provokation" lehnt Reiter ab. Er versucht, das Publikum zu "erreichen", zu "berühren", und nicht zu verstören.

Zusätzlich zum dramaturgischen Element der Gegenüberstellung Schubert/Reiter kamen noch als Klammer des Programms die drei Strophen des Schubert-Liedes Dithyrambe mit dem ekstatischen Schillertext - einem Loblied auf Dionysos, den Gott der Ekstase und der Verwandlung. Bei diesem feurigen Lied, das am Strophenende recht tief liegt, vermeinte man zu hören, dass Elisabeth Kulman an diesem Abend stimmlich nicht optimal disponiert war - die Tiefen erklangen nicht in der gewohnten pastosen Breite und Wärme. Aber mit der ihr gegebenen technischen Meisterschaft und mit gezielt schlanker Stimmführung machte sie dies perfekt wett - und ich weiß gar nicht, ob es wirklich eine kleine Indisposition war oder vielleicht ein bewusst eingesetztes Stilmittel.

Nach der Pause erklangen dann zunächst die drei Petrarca-Vertonungen von Franz Liszt. Da ließ Elisabeth Kulman dann erstmals an diesem Abend ihre Stimme in breitem Glanze strömen - wunderbar schon der Aufschwung Benedettti le voci tante im ersten Sonett. In Pace non trovo erlebte man die große italienische Bühnengeste - ideal verbunden mit der belkantesken Pracht des Organs von Elisabeth Kulman.

Nach diesen hochromantischen Liszt-Ergüssen beschlossen - wiederum in effektvollem Kontrast - vier Cabaret-Songs von Benjamin Britten nach Texten von W.H.Auden das offizielle Programm. Da stand wieder die effektvolle Bühnenkünstlerin auf dem Podium - nein, sie stand nicht, sie stürmte beim ersten Lied während des Vorspiels mit einer Trillerpfeife auf das Podium und sang atemlos: Driver, drive faster and make a good run. Daran schlossen sich dann nahtlos das dem gesamten Programm das Motto gebende Lied Tell me the Truth About Love und dann der Liebhaber Johnny, der seine Verehrerin nicht erhört, bevor der Funeral Blues das Programm endgültig abschloss.

Elisabeth Kulman versteht es, diese effektvollen Kabinettstücke von Benjamin

Britten in ihrer Interpretation immer in der Schwebe zu halten - in der Schwebe zwischen effektvoller Kabarett-Stimmung und Ernsthaftigkeit - und so bleibt offen, wie der letzte Satz des Programms zu deuten ist: For nothing now can ever come to any good - Nichts wird jemals wieder gut.

Und wie zu Beginn geschildert: der brillante Zugabenteil bündelte nochmals die facettenreiche Vielfalt der Kulmanschen Interpretationskunst - das Publikum war begeistert!

Hermann Becke, 10. 10. 2017

Ein TV-Bericht (3:20) über das Programm und ein Interview (3:49) mit Kulman und Kutrowatz 

 

 

 

 

Gian-Carlo Menotti)

DAS TELEPHON

Premiere am 17. 6. 2017

Unterhaltsame Nichtigkeit an ungeeignetem Orte

 

Als vierte Produktion der Reihe OpernKurzgenuss von Oper Graz und Kunstuniversität Graz - nach „Susannens Geheimnis“ im vergangenen November, Monteverdis Combattimento im März und dem Hotel Elefant im Mai (der Opernfreund berichtete über alle Produktionen) - wurde Menottis Kurzoper auf einem wahrhaft ungewohnten Platz präsentiert: nämlich auf der Murinsel, die aus Anlass des Europäischen Kulturhauptstadtjahres 2003 vom New Yorker Architekt und Installationskünstler Vito Acconci mitten auf dem die Stadt teilenden Mur-Fluss errichtet worden war.

Die Installation war von Anfang an durchaus umstritten, die ersehnte internationale Anerkennung gab es nicht. Mit Beginn dieses Jahres gab es allerdings ein „Facelift“ und der Rundfunk konnte über die Murinsel berichten:

Sie beherbergt ein kleines Cafe und bietet in einem Amphitheater Platz für Veranstaltungen. Bisher war die Nutzung aber wenig koordiniert, und der Zahn der Zeit nagte bereits am Stahl- und Glasgebilde - daher wurde die Murinsel in den vergangenen Monaten saniert. Vor allem im Innenbereich hat sich so manches geändert: Statt einem Kletternetz für Kinder wird nun eine freie Fläche zur Verfügung stehen - diese sollen künftig Fremdenführer mit ihren Gruppen nutzen. Zudem werden in dem Bereich weitere Informationen über Graz bereitgestellt, teils auch auf Monitoren: Sie sollen den Gästen Lust auf andere Sehenswürdigkeiten in Graz machen. Hinzu kommt ein Designershop, in dem Kreative aus der Stadt ihre Produkte zum Verkauf anbieten können. Der Kaffeehaus-Betrieb bleibt erhalten, wobei das Essens-Sortiment auf Sandwiches, Baguettes und Strudel-Angebote ausgelegt werden soll, so Wolfgang Skerget, Leiter der Koordinationsstelle City of Design. Neu ist auch ein Showroom - ein Bereich, in dem Künstler ihre Möbel nicht nur ausstellen, sondern auch als Sitzgelegenheiten zur Verfügung stellen. Der Außenbereich erfährt eine elektronische Aufwertung, denn sowohl Tonanlage als auch Leinwand wurden installiert. Damit sollen in der warmen Jahreszeit Sommerkino-Veranstaltungen im Amphitheater stattfinden - dabei soll es aber weniger klassisches Sommerkino, sondern mehr eine Plattform für Künstler sein, die ihre Visuals darbieten können. Insgesamt gehe es laut Skerget um eine „sanfte, nachhaltige kulturelle Aufladung der Murinsel“, wobei die Koordination die Stadt Graz übernimmt und somit auch die Auswahl trifft.

Die aktuelle Kurzopernproduktion ist wohl primär unter diesem Aspekt der angestrebten „sanften kulturellen Aufladung“ einer bestehenden und kaum genutzten Installation zu sehen - es ging offenbar vor allem darum, die Murinsel wieder mehr ins Bewusstsein zu rücken. Im Vordergrund stand die Installation und nicht das Werk -und schon gar nicht die Musik.

Menottis 1947 in New York uraufgeführter Einakter „Das Telephon oder die Liebe zu dritt“ ist ein belangloses, aber durchaus unterhaltsames Werkchen, das der Regisseur Christian Thausing mit seiner Produktionsdramaturgin Marlene Hahn aktualisiert hat: Sowie damals Telefone in den Haushalten Einzug gehalten und dadurch für Unruhe gesorgt haben, ist heute das Smartphone unser tägliche Begleiter und Störenfried.

Das Zweipersonenstück, das im Original in Lucys Apartment spielt, wurde in ein schickes Café-Restaurant - eben auf die Murinsel - verlegt und mit einer Statistenschar bereichert, die das Café bevölkert und am Ende den Heiratsantrag mit ihren Smartphones dokumentiert. Das Stück wurde in so manchen Kleinigkeiten verändert: das Geschenk, das Ben zu Beginn Lucy überreicht ist nicht a piece of abstract sculpture , sondern ein Buch - und natürlich versucht Ben in der Smartphone-Version nicht, das Telefonkabel zu durchschneiden. Diese Adaptierungen mag man gerne akzeptieren - unnötig platt ist allerdings der formelle Heiratsantrag auf offener Bühne vor allen Kaffeehausgästen. Im Original endet das Stück viel subtiler - der Heiratsantrag erfolgt via Telefon und Lucy drängt Ben, er möge sich ihre Telefonnummer aufschreiben.

Dass das Stück im öffentlichen Raum aufgeführt wird, hat entscheidende akustische Konsequenzen: das starke Rauschen des Flusses und vor allem die wummernden E-Bässe des nahegelegenen City-Beach - einer (ebenfalls von der Stadt Graz geförderten) „Plattform für Jugendkultur“ - machen es von vorneherein unmöglich, sich mit Menottis Musik ernsthaft auseinanderzusetzen. Und es spielt natürlich nicht das von Menotti vorgesehene 14-köpfige Kammerorchester, sondern die tapfere musikalische Leiterin Tatiana Maksimova muss ganz am Rand der Szenerie von einem blechern klingenden E-Piano aus - gleichsam als Barpianistin - die Musik beisteuern.

Das machte die ausgezeichnete russische Pianistin (des Instituts für Musiktheater der Kunstuniversität Graz) zwar großartig und mit Elan, aber die Musik ist völlig vom szenischen Geschehen überdeckt - geradezu symptomatisch kommt dazu, dass auf der Homepage-Ankündigung der Oper Graz die Musikalische Leitung bei der Aufzählung der Besetzung überhaupt fehlt…..

Die beiden Protagonisten sind bei glänzender Spiellaune und überzeugen als Figuren. Die unvermeidbaren Mikroports führen dazu, dass die stimmlichen Leistungen kaum beurteilbar sind. Der Routinier David McShane singt sehr wortdeutlich (das Stück wird in deutscher Sprache aufgeführt), die charmante Thailänderin Lalit Worathepnitian spielt entzückend und wirkt stimmlich doch recht angestrengt und nicht immer intonationssicher.

Das Menotti-Stück hat nur eine Spieldauer von rund 20 Minuten - um das Ganze etwas zu dehnen, wurde eine heitere, gleichzeitig aber nachdenklich machende Episode eingeschoben:

David McShane - seit 1985 in Graz engagiert - nahm die Perücke ab, schilderte seine jugendlichen vergeblichen Opern-Vorsingen und die damit verbundenen Telefonate bis zum ersten Engagement in Graz und verband dies mit einem Song von Leonard Bernstein. Das war für Grazer Opern-Insider - und das war an diesem Abend wohl die überwiegende Mehrzahl im Publikum - ein durchaus berührender Ruhepunkt.

Das Publikum war von der „location“ und dem munteren Spiel animiert und spendete freundlichen Beifall- ein Operngenuss war es aber diesmal wohl nicht, sondern ein frühsommerliches „Event“. Als altgedienter Beobachter der Grazer Kulturszene kann man nur dem beipflichten, was schon vor der Errichtung der Murinsel von Emil Breisach gesagt wurde - einer Persönlichkeit, die Jahrzehnte maßgeblich das Kulturleben prägte: „Acconci ist ein bedeutender Künstler, die Murinsel ist ein ästhetisch schönes Projekt, aber sie ist Graz wie ein Fremdkörper aufgepfropft. Graz ist keine Wasserstadt wie Venedig oder Amsterdam, die Mur ist kein breiter, ruhiger Fluss, sie ist schmal und tief eingeschnitten, von der Insel aus bietet sich kein Ausblick auf die Stadt. Bedingt durch das relativ starke Gefälle wird das Wasser unter erheblicher Lärmentwicklung an die Bordplanken der Insel branden – außer Popkonzerten werden da kaum kulturelle Aktivitäten möglich sein.“ (hier - mit anderen kritischen Stimmen - nachzulesen). Für den Premieren-Abend galt zusätzlich das, was ein anderer Kritiker prophezeit hatte: „Auf der Mur bläst dauernd ein kalter Wind“………………..

Hermann Becke, 18. 6. 2017

Probenfotos: Oper Graz, © Nikola Milatovic

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