DER OPERNFREUND - 51.Jahrgang
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                                       Theater Gera

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Brillanter Doppelabend und ein Abschied auf Zeit
 

Premiere: 30.10.2020
besuchte Vorstellung: 31.10.2020

Menottis Telephone und Poulencs Voix humaine

 

Lieber Opernfreund-Freund,

rechtzeitig vor der erneuten Schließung der Theater habe ich die vorerst letzte Gelegenheit genutzt, mir einen Doppelabend anzuschauen, der kürzer dauert, als allein der erste Akt von Wagners Parsifal: In ganzen 75 Minuten präsentiert das Theater Gera neben Poulencs Voix humaine das vergleichsweise selten gespielte Telephone von Giancarlo Menotti und zeigt damit einen thematisch runden, unterhaltsamen und bewegenden Theaterkurzabend.

Gian Carlo Menotti hat seine Kurzoper Das Telefon oder Die Liebe zu dritt (in Gera wird auf Deutsch gesungen) 1947 als Auftragswerk komponiert, um zusammen mit einem anderen kompakten Werk aus seiner Feder, Das Medium, einen kompletten Theaterabend zu ermöglichen. Nur rund 20 Minuten dauert die einaktige Opera buffa und erzählt vom vergeblichen Versuch Bens, seiner Freundin Lucy einen Heiratsantrag zu machen. Immer wieder wird er vom Klingeln des Telefons unterbrochen und Lucy, der Telefonie grundsätzlich äußerst zugetan, führt ausufernde Gespräche, statt ihren Liebsten anzuhören. Der greift schließlich selbst zum Hörer und ruft seine Freundin an, um telefonisch um ihre Hand anzuhalten.
Gut zehn Jahre später vertont der Franzose Francis Poulenc Die menschliche Stimme, ein gleichnamiges Theaterstück seines Landsmannes Jean Cocteau aus dem Jahr 1930: eine Frau ist von ihrem Freund verlassen worden, der ruft sie an, um seinen Entschluss zu bekräftigen, offenbar steht seine Hochzeit mit einer anderen kurz bevor. Die Frau schwankt zwischen Hoffnung und Verzweiflung, gaukelt dem Expartner aber vor, es sei alles in Ordnung. Das Ende des rund 45minütigen Werkes, 1959 uraufgeführt, deutet jedoch ihren Selbstmord zumindest an.

Das Telefon ist natürlich die Klammer dieses Doppelabends, als Medium beim Stiften einer Ehe und beim Beenden einer Beziehung zeigt Generalintendant Kay Kuntze es in seiner Inszenierung. Augenscheinlich handelt es sich um die gleiche Frau, zu Beginn quirlig und überschwänglich, am Ende desillusioniert, verzweifelt und verlassen. Während Elena Köhler für Menottis Telefon Mobiliar und Mode aus der Entstehungszeit des Werkes auf die Geraer Bühne stellt – Canapé, Standuhr, Papagei im Käfig – ist die Einrichtung in der Poulencoper zu Beginn mit Tüchern abgedeckt, wird während des Werks Stück für Stück hinausgetragen. Eingeblendet auf der wolkenverhangenen Gaze, die das auf dem hinteren Teil der Bühne platzierten Orchester von der Vorderbühne abtrennt, werden Wortfetzen aus dem Gespräch, von dem man in Die menschliche Stimme nur das hört, was die Frau erzählt und entgegnet. Und doch kann man sich leicht denken, was der Mann am anderen Ende der Leitung sagt. Immer mehr Worte des Gesprächs, Erinnerungen und Hoffnungen überlagern sich in dieser Dreiviertelstunde wie im Kopf der namenlosen Frau, deren Wahn immer offensichtlicher wird. Kuntze lässt nicht nur das Ende der Oper offen, indem er die Protagonistin samt von ihr zuvor sorgsam aufgestellter Kerzen in den Orchestergraben absenken lässt, sondern auch, ob es dieses finale Telefongespräch überhaupt gibt oder es sich nicht vielmehr nur in der Phantasie der Verlassenen abspielt, ihr Hirngespinst ist. Das ist schlüssig und gelungen und verschafft mir nicht nur zum Ende echte Gänsehaut.

Daran hat aber auch die umwerfende Leistung von Anne Preuß erheblichen Anteil, deren intensives Spiel mich von Beginn an packt. Die Sopranistin, die seit sieben Jahren zum Ensemble des Theaters Altenburg Gera gehört, spielt gekonnt auf der Klaviatur der Ausdrucksmöglichkeiten ihrer facettenreichen Stimme, ist flüsterndes Mädchen, enttäuschte Verlassene und klagende Wahnsinnige gleichermaßen und damit schlicht atemberaubend. Im krassen Gegensatz gestaltet Miriam Zubieta die Lucy in Menottis Telefon – und damit die gleiche Frau zu Beginn des Beziehungsglücks – voller Leichtigkeit, schimmernden Höhen und quirliger Ausgelassenheit. Auch Alejandro Lárraga Schleske nehme ich mit seinem samtenen Bariton den freienden Ben, der Lucy trotz ihrer Telefonsucht über alles liebt, vollends ab.

Yuri Ilinov am Pult bringt beide Werke unter einen Hut, entfaltet den sprühenden musikalischen Witz in Menottis Partitur ebenso souverän wie den emotionalen Tiefgang in Poulencs Komposition, spornt die Musikerinnen und Musiker gerade noch zu leichtfüßigem Musizieren an, um ihnen gleich darauf hochexpressiv-schwelgerische Töne zu entlocken. Kay Kuntze beschließt mit ein paar Worten ans Publikum zur im November verordneten Theaterschließung den rundum gelungenen und durchweg empfehlenswerten Abend. Ich wünsche dieser hinreißenden Produktion, dass man sie noch recht oft erleben kann. Ursprünglich waren in den kommenden Wochen weitere Aufführungen geplant, am Schwesterhaus im Theaterzelt in Altenburg soll ab 28. März 2021 gespielt werden. Möge der Abschied also nur für kurze Zeit sein.

 

Ihr
Jochen Rüth

02.11.2020

 

Die Fotos stammen von Ronny Ristok.

 

 

Das Tagebuch der Anne Frank

Mono-Oper in zwei Akten

17.10.2020 - Theater Altenburg Gera

 

Schon Eleanor Roosevelt nannte Anne Franks Tagebuch eines „der weisesten und bewegendsten Kommentare zum Krieg und seinen Auswirkungen auf den Menschen“. Der russische Komponist, Maler und Schriftsteller Grigori Frid (1915-2012) hat dieses an sich schon berührende Zeitdokument einfühlsam und den Gefühlsregungen nachspürend für eine Aufführungsdauer von 60 Minuten vertont (Deutsche Textfassung von Ulrike Patow). Am 17. Oktober 2020 hatte Frids Mono-Oper am Theater Altenburg Gera in einer Inszenierung von Felix Eckerle Premiere.

Grigori Frid studierte am Moskauer Konservatorium Komposition bei Heinrich Litinski und Wissarion Schebalin und orientierte sich in seinem künstlerischen Schaffen an Werken von Dmitri Schostakowitsch, Igor Strawinsky, Arnold Schönberg und Alban Berg. Er verband serielle und tonale kompositorische Verfahren und kombinierte Leitmotiv- mit Clustertechnik. Seine Vorliebe für die dunkle Farbgebung der Instrumente und elegische Stimmungsbilder findet auch Ausdruck in seiner 1969 entstandenen, 1977 szenisch in Sverdlovsk aufgeführten und in deutscher Erstaufführung 1993 in Nürnberg aus der Taufe gehobenen Oper.

In besagter Oper steht in 21 musikalischen Sätzen das Seelenleben von Anne Frank (1929-1944) im Mittelpunkt, die ab ihrem 13. Geburtstag am 12. Juni 1942 bis zu ihrer Deportation in verschiedene Konzentrationslager am 1. August 1944 ihre Erlebnisse, Gefühle und Gedanken dokumentarisch verarbeitete. Dieses Tagebuch, das sie als ihre beste Freundin „Kitty“ taufte, wurde zu Anne Franks Vertrautem und in der Nachwirkung zum bedeutendsten Zeitzeugendokument der Geschichte des 20. Jahrhunderts.

Anne Frank musste nach ihrer Emigration von Deutschland in die Niederlande ab dem 6. Juni 1942 in einem Versteck in der Prinsenkracht 263 untertauchen, da sie als Jüdin von den Nationalsozialisten verhaftet und in ein Konzentrationslager deportiert werden konnte. Außer Anne Frank und ihrer Familie lebten später auch Hermann van Pels, ein Mitarbeiter ihres Vaters, und dessen Frau Auguste und Sohn Peter, in den sich Anne alsbald verliebte, sowie der jüdische Zahnarzt Fritz Pfeffer mit im Versteck. In diesem einengenden Alltag kam es zum Zank über Kleinigkeiten, zur ersten Verliebtheit in den Schicksalsgenossen Peter, entstanden Gedanken über den Krieg und den Drang des Menschen zu vernichten. Nach Verrat des Verstecks und der Verhaftung am 4. August 1944 starb Anne Frank im März 1945 im Konzentrationslager Bergen-Belsen. Einziger Überlebender dieser Schicksalsgemeinschaft war Annes Vater Otto Frank, der das Tagebuch von seiner ehemaligen Mitarbeiterin und Helferin Miep Gies (1909-2010) erhielt und veröffentlichte. Anne Franks Schicksal steht stellvertretend für etwa eineinhalb Millionen ermordete jüdische Kinder.

Als Libretto der Oper dienen die originalen Tagebuchaufzeichnungen von Anne Frank, die gekürzt und mehrfach übersetzt wurden und sich dadurch zu Paraphrasen entwickelten.

Im Großen Saal des Geraer Theaters saß leider nur wenig Publikum in weiten pandemiebedingten Sitzabständen, wobei eine Reihe stets frei blieb.

Das Kammerorchester unter der musikalischen Leitung von Gerald Krammer saß auf der Bühne verteilt und spielte diese dramatische Neue Musik exzellent. Die australische Sopranistin Maja Andrews, ein Mitglied des Thüringer Opernstudios, interpretierte diese kräftezehrende Partie Nuancen abwägend und tief gefühlt und brachte die geistige und seelische Entwicklung des jungen Mädchens zur Frau und ihre Verzweiflung und Hoffnung glaubwürdig rüber. Als Bühnenbild (Bühne: Christian van Loock) diente eine drehbare räumliche schiefe Ebene mit aufgedruckten Tagebuchseiten. Auf Requisiten wurde verzichtet. Andrews gekleidet in den Stil der 1940er Jahre, trug als Anne Frank eine rote Strickjacke, ein hellblaues Kleid mit Bubikragen und dicke Wollsocken, später ein blaues Unterkleid (Kostüme: Hilke Lakonen).

Anfangs rezitierte Andrews im Sitzen die ersten Tagebuchaufzeichnungen, wobei leider die oftmals sehr undeutliche Diktion das Verständnis der Aussagen erschwerte, da weder Über- noch Untertitel einbezogen wurden. Hier sollte nachjustiert werden. Sie berichtete von Annes Vater, der immer öfter zu Hause sei und mit Anne bereits über einen geheimen Unterschlupf der Familie gesprochen hatte, was Anne in Verzweiflung versetzte, die durch Andrews unruhiges Hin- und Herlaufen auf der Bühne verbildlicht wurde.

Sopranistin Maja Andrews als noch kindlich-fröhliche Anne Frank

 

Der nächste vorgetragene Eintrag stammte schon aus dem Versteck von Samstag, dem 11. Juli. Maja Andrews als Anne lag auf dem Boden und erzählte von ihren Problemen im Versteck, begleitet vom Glockenschlag des Orchesters. Die im Versteck herrschende Stille machte sie nervös, die Angst nahm zu, sie stand auf und sah sich um, verfiel in teilweise gesprochene Monologe.

Am Freitag, den 16. Oktober dachte Andrews als Anne Frank bereits an die Veröffentlichung des Tagebuchs, Marschrhythmen mit deutlicher Akzentuierung des Schlagzeugs konterkarierten das ängstliche Umherlaufen Andrews auf der sich drehenden räumlichen schiefen Ebene. Anne Frank träumte, ihrer Freundin ginge es schlecht „und ich kann ihr gar nicht helfen“, in Verzweiflung hin und herlaufend, schickte sie ein Gebet zu Gott, unterstützt von der bewegungsvollen, rastlosen Musik, die ihre Verzweiflung förmlich körperlich spürbar machte. Andrews zog die Schuhe aus und warf sie von sich, kauerte sich hin und legte mutlos den Kopf auf die Knie. Es wurde still im Saal, die Musik schwieg, in die atemlose Stille des Publikums hinein, wurden Anne Franks Fotos auf die schiefe räumliche Ebene projiziert (Video: René Grüner). Nun zog Anne Frank auch die Strümpfe aus, die Musik nahm an Schwung zu. Anne wurde überschwänglich und spielte Theater, die Strümpfe über die Arme gezogen, zwei Gesprächspartner mimend.

Mittwoch, der 4. August 1943 setzte ein. Anne Franks Angst nahm zu, sie zog ihre Strickjacke aus und dachte an Peter, zu dem sie sich hingezogen fühlte und berichtete von ihren diesbezüglichen Gefühlen. Andrews legte sich hin, die aufkeimende Liebe machte sie zur immer ernsthafter werdenden Frau.

Anne Frank wird durch die Liebe zu Peter erwachsen

 

Die Bühne wurde in rotes Licht getaucht, erneut marschierte Andrews zu einsetzender Marschmusik, denn sie hoffte auf einen Sieg von Russland über Deutschland, auf ihre Befreiung aus der Ausweglosigkeit. Da klopfte es laut und vernehmlich, Annes Schatten erschien auf der Wand. In der Musik wurden Schritte hörbar, die immer näherzukommen schienen, als Anne aus nahezu greifbarer Angst die Hände vor den Mund nahm, entfernen sich die musikalisch auskomponierten Schritte wieder und wurden leiser bis sie endlich verklangen. Anne wurde bewusst: „noch nie war die Gefahr für uns so groß gewesen“. Sie sinnierte über ihre einsame Jugend, für die aufgrund fehlender Lebenserfahrung die Ausweglosigkeit der Situation viel schwerer zu ertragen sei, als für Erwachsene, so dachte sie. Anne hatte die Hoffnung noch nicht verloren, doch sank sie zusammen, raffte sich aber wieder in die Höhe, suchte den erlösenden Weg in die Freiheit. Es wurde hell und die schiefe räumliche Ebene begann sich zu drehen. Anne blickte in die Ferne, in die Sonne und setzte sich, dachte an ihren Lieblingsplatz am Kastanienbaum, denn: „Wenn ich in den Himmel schaue, denke ich, dass all diese Grausamkeiten auch mal ein Ende haben“.

Anne Frank spürt den Ernst der Lage, verliert aber nicht den Mut

 

Sie sprach sich gut zu, um den Mut zu behalten, zog das blaue Kleid aus und stand nur noch im Unterkleid vom Licht bestrahlt in der Hoffnung auf die Zukunft. Bloß und verletzlich, fast nur noch das nackte Leben rettend, stand sie da als ein Glockenschlag ertönte, der wohl die Entdeckung ihres Verstecks und damit völlige Hoffnungslosigkeit andeutete. Andrews verließ die Bühne, nur die ausgezogenen Anziehsachen waren, bildhaft gesprochen, von Anne Frank zurückgeblieben.

Maia Andrews packende, glaubwürdige und zutiefst fesselnde Interpretation dieses ernsten Stoffes, durch die Annes Entwicklung nachvollziehende von der sehnsüchtigen, zum forschen, unbeschwerten, grotesken gleitenden Musik, tönend unterstützt, machte diese Aufführung zu einem empfehlenswerten und unvergesslichen Erlebnis. Einziges Manko war die teilweise starke Unverständlichkeit der Sprache. Für den Geschichtsunterricht der elften und zwölften Klassen kann diese Mono-Oper einen bereichernden, weil emotional erlebbaren Zugang eröffnen. Nach einer Stille der Besinnung erscholl gewaltiger Applaus für alle Beteiligten. Eine unbedingte Empfehlung!

 

Fotos (c) Ronny Ristok

Claudia Behn, 24.10.2020

 

 

 

RÜBEZAHL UND DER SACKPFEIFER VON NEISSE

von Hans Sommer (1837 – 1922)

Phantastisch-romantische Oper in vier Aufzügen

 

Aufführung am 20.3.2016

 

Neugeburt gelungen – alte Oper in farbigem Märchenglanz

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Ausgrabungen von Opern sind sicher eine knifflige Angelegenheit. Soll man oder soll man nicht, das war auch ein Thema für das Theater in Gera. Letztlich entschied man sich für den Stoff, obwohl es keine sofort spielbare Partitur gab. Anhand des originalen Materials musste eine aufführbare Fassung geschrieben werden, berichtete Felix Eckerle, der Chefdramaturg. Man musste sich erst einmal herantasten an diesen nicht mehr bekannten Komponisten. Wer also war Hans Sommer? In der Person Hans Sommers (1837-1922) vereinigen sich scheinbar gegensätzliche Pole wissenschaftlichen und kulturellen Lebens des 19. Jahrhunderts. Er beeinflusste mit seinen mathematischen Arbeiten die Geschichte der Photooptik und erlangte ebenso Bedeutung als erster Direktor der Technischen Hochschule „Carolo Wilhelmina“ in Braunschweig und auch als Musikwissenschaftler. Zusammen mit Richard Strauss und Friedrich Rösch legte er in Deutschland den Grundstein zu einem umfassenden musikalischen Urheberrechtsschutz, die spätere GEMA. Als Komponist trat Hans Sommer mit Liedern und mit seinen Opern hervor. Da sich aber keine Oper Sommers längere Zeit im Repertoire behaupten konnte, übersah man leicht die Qualität seiner Werke und dadurch, dass er seine Opern und Teile seines Liedschaffens im Selbstverlag veröffentlichte, gab es lange Zeit keinen Promotor. Musikalisch war er ein Spätromantiker und sicher war von Wagner beeindruckt, wenn auch kein bloßer Epigone.

Rübezahl und der Sackpfeifer von Neiße, ist eine Oper, die thematisch immer noch in die Zeit passt, wenn man den Sagenstoff auch als aktuelle Anregung akzeptiert. Mit analogiebereiter Rezeption können die Zuschauer auch unaufdringlich Zeitparallelen finden.

Die Komposition geht auf eine Gespensterbuchgeschichte von 1811 zurück, spielt im schlesischen Städtchen Neiße. Eines Tages taucht der Berggeist Rübezahl auf. Der Kunstmaler Wido hat ihn gerufen. Einerseits möchte der junge Mann gerne im Kampf gegen den ungerechten und grausamen Vogt Buko anführen. Andererseits liebt er dessen Pflegetochter Gertrud, die wiederum auf Ruhe und Frieden drängt. Da muss jemand dramatisch scheitern und das ist der Bösling Buko. Vorher räumt ihm aber Rübezahl noch Chancen für eine Wandlung ein und darin besteht das moralisch-theologische Welttheater. Denn es geht auch nicht ohne Leidensphase für die Guten, sprich die Liebenden. Am Ende triumphiert das Gute und die Gerechtigkeit, aber auch ausdrücklich die Kunst. Und so schrieb schon ein Zeitgenosse Aloys Obrist ein Schüler von Franz Liszt, Musikwissenschaftler und Kapellmeister in der „Weimarer Zeitung“ vom 1. März 1905 anlässlich der Weimarer Erstaufführung der vieraktigen Oper „Rübezahl“, op. 36 (UA 15. Mai 1904, Hoftheater Braunschweig): „Hatte Berlin den berechtigten künstlerischen Mißerfolg des ‘Roland von Berlin’ sofort durch die Aufführung von Hans Sommers ‘Rübezahl’ unter Richard Strauss wieder gut gemacht, so wurde auch bei uns der Mißerfolg der letzten kleinen Opernneuheit durch die glückliche Wahl dieses eigenartigen und hochbedeutenden musikalischen Dramas mehr als ausgeglichen.(…) Aber auch für alle Gemütsregungen, Liebe, Zorn, Hass und Zweifel, findet Sommer eigene Töne, und die grausige Totenmusik des letzten Aufzugs birgt eine Tonsprache, die selbst im Zeitalter eines Richard II, Mahler und Nicodé neu ist“.

kay

So viel zur grundsätzlichen Charakterisierung, aber wie stellt Intendant Kay Kuntze diese Rübezahl-Oper auf die Bühne? Er stellt die Freiheit für die Kunst in den Mittelpunkt. Deshalb dominiert die Bühne eine Malerpallette und dieser kunstsinnigen Welt wird optisch die kalte Welt des Buko gegenübergestellt: er weidet sich an einen geschossenen Hirsch und Symbol seiner Macht ist eine stählerner Turm, der am Ende zerbricht. Dafür hat ihm Duncan Hayler das Bühnenbild und die Kostüme geschaffen. Am Ende frohlocken bunte Farbklekse über eine widerliche Stahlwelt. Bis auf die Szene mit dem asigen Hirsch beweist Kuntzes Inszenierung immer Subtilität. Auch der Böse hat seine differenzierten Seiten, auch wenn das schwarze Schicksal seinen Lauf nimmt. Er zeigt sich auch menschlich, zumindest wenn es um seine Pflegetochter Gertrud geht. So entsteht ein facettenreiches Spiel in dem nicht nur Hell-Dunkel, sondern auch Zwischentöne sich dramaturgisch entfalten können.

Die musikalische Leitung hat GMD Laurent Wagner und setzt die Auf- und Abwärtsbewegungen der Partitur exzellent um. Überhaupt gibt es große Wellenbewegungen der Musik, die Laurent Wagnersowohl bei den intensiven Aufwallungen wie auch bei den leisen Stellen mit bleibender Präzision umsetzt. Vor allem bei den leisen Walzerauftritten Rübezahls erklingt das Orchester filigran. Immer unterstützt er die Sänger, deren Textverständlichkeit durchgängig sehr gut ist. Anne Preuß alsGertrud singt mit einem vollen Sopran und versprüht dabei auch sinnliche Weiblichkeit. Hans-Georg Priese als Wido zeigt sich ebenbürtig, sein Tenor und seine Spielweise sind vital und spritzig. Mit schönem Bass tritt Magnus Piontek als Rübezahl auf, manchmal könnte er etwas mehr Volumen entwickeln aber in seinem augenzwinkernden Spiel ist er sehr überzeugend und unterhaltsam.Johannes Beck singt und spielt den Buko als glaubwürdigen Bösen mit interessanten Nuancen. Aus den Beziehungsgeflechten erwächst immer dramatische Spannung und das hält die Zuschauer bei diesem vieraktigen Stück auf Trapp. Jueun Jeon als Bernhard Kraft kann mit seiner Gesangsleistung sehr überzeugen ebenso wie Merja Mäkelä als Brigitte. Auch die NebenrollenStäblein: Alexander Voigt, Totengräber: Kai Wefer und Joachim: Andreas Veit sowie der Wachthabende: Xiangnan Yao überzeugen mit durchgängig sehr guter Gesangs- und Spielleistung.

Nur der Chor in der Choreinstudierung von Holger Krause überzeugt bei dieser Vorstellung leider nicht immer. Vor allem bei einer A-cappella-Chor-Szene gerät alles durcheinander und kein einziger Einsatz stimmt. Das ist wirklich schade, denn diese Szene hätte auch ganz eindrucksvoll sein können. So war sie akustisch schräg. Da muss unbedingt nachgearbeitet werden. Mit dem Orchester zusammen gelangen dem Chor aber auch einige ganz imposante Auftritte.

Alles in allem ist die Rübezahl-Oper ein sehenswertes Stück, das in der Inszenierung von Kay Kuntze keinesfalls Mottenpulvergeruch atmet. Kay Kuntze hat auf triviale Verheutigungen verzichtet und eine werkgetreue Dramatisierung geschaffen, die man mit Interessen ansehen kann. Kuntze vertraut auf die Kraft der Musik und des Märchenhaften, darum gab es generationenübergreifen anhaltenden Applaus. Alle Achtung!

Weitere Aufführungen:

Sa, 26.03.2016, 19:30 Uhr, Großes Haus Gera Mo, 28.03.2016, 14:30 Uhr, Großes Haus Gera Fr, 15.04.2016, 19:30 Uhr, Großes Haus Gera

Larissa Gawritschenko und Thomas Janda 23.3.16

Besonderer Dank an unseren Kooperationspartner MERKER-online (Wien)

 

 

 

Giacomo Puccini  

LA BOHÈME  

hatte am 07.12.2014 Premiere. Der Opernfreund hat die Premiere in Altenburg am 14.12.2014 besucht; dort steht unsere Besprechung der Produktion.

 

 

 

DER OPERNFREUND  | opera@e.mail.de