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SH*T HAPPENS

Ein Konzertprogramm mit Protagonisten des Ensembles der Staatsoper Hannover im Herrenhäuser Heckentheater - Premiere am 20. Juni 2020

 

Die Staatsoper Hannover war der Corona-bedingten Pause überdrüssig und kam wieder einmal in die Herrenhäuser Gärten, die das älteste Heckentheater in der Gartengeschichte beherbergen. Die Verbindung zwischen der ursprünglichen Schlossoper und den Gärten währt schon seit 1691, also 330 Jahre (!) - sogar beide Grundrisse ähneln sich sehr. Herrlich muten die vielen Statuen in den weitläufigen Gartenanlagen an. Jene im Heckentheater sind vergoldet und wechseln sich mit den konusförmig geschnittenen grünen Heckenpflanzen ab, sodass sich der Eindruck einer seitlich begrenzten und sich weit nach hinten ziehenden Bühne ergibt. „Summer Sessions 2020“ nennt die Staatsoper die Serie von Vorstellungen, die noch bis zum 12 Juli gehen. Man achtet streng auf die Hygieneauflagen der Pandemie-Anordnungen, also immer zwei leere Stühle zwischen zwei besetzten. Die Aufführung schien ausverkauft, die Leute waren hungrig auf live-Musik - wer konnte es ihnen verdenken?!

Der Abend mit dem merkwürdigen Titel „Sh*t happens“ - wobei natürlich klar ist, wofür das Sternchen steht - wurde von Helen Donath moderiert, die häufig an der Staatsoper Hannover sang, wo sie auch ihren Mann kennenlernte, wie sie begeistert darstellte. Sie wagte gleich zu Beginn den Versuch einer Erklärung. Der Titel sollt auf die schwierige Lage, genauer, den aktuellen Gemütszustand verweisen, in denen sich die Kulturbranche in diesen Monaten durch die Corona-Pandemie befindet. Er steht damit für die eher negativ und tragisch ausgerichtete Programmwahl dieses Abends, an dem es in der Tat in die tieferen Lagen der Oper gehen sollte und auch ging. Wenngleich die Assoziation im Prinzip verständlich ist, musste ich zumindest die Nase rümpfen angesichts der Wortwahl der Intendanz für die Veranstaltung, mit der man erstens Klassik nicht unbedingt verbindet und die sicher direkt und möglicherweise von lebensbedrohenden Folgen der Pandemie Betroffenen nicht unbedingt zu vermitteln ist. Aber das nur am Rande.

An diesem Abend traten die beiden Flaggschiffe des Hannoverschen Sänger-Ensembles auf, der junge Chinese Long Long, den ich schon anlässlich seines Tamino in Hannover im vergangenen Jahr interviewt hatte und der mit dieser Rolle im April 2021 an der Wiener Staatsoper debutieren wird. Daneben die ebenso eindrucksvolle Usbekin Barno Ismatullaeva, die ich schon von ihrem Sieg bei der Competizione dell’Opera in Tashkent im Jahre 2014 her kannte, zuletzt als erstklassige Suor Angelica in Innsbruck erleben konnte und die ich nun in Hannover ebenfalls interviewte. Sie traten mit zwei Bässen und einem Bassbariton der Staatsoper auf, wobei Shavleg Armasi, ein schon 13 Jahre dem Ensemble angehöriger Georgier, hervorzuheben ist, und dem noch recht jungen Bassbariton Pavel Chervinsky sowie Daniel Miroslaw. Gesungen wurde mit Mikroports, was aufgrund der nicht allzu großen Entfernung von den Zuschauern zu den Sängern nicht unbedingt erforderlich schien. Das zeigte sich später bei der Arie des Werther „Pourquoi me reveiller“ von Long Long, der die Mikroports zu diesem seinem ersten Auftritt schlicht vergessen hatte.

Tragendes musikalisches Element des Abends war ein von Valtteri Rauhalammi dirigiertes Blechbläserensemble aus Mitgliedern des Niedersächsischen Staatsorchesters Hannover mit Renate Hupka am Horn, Volker Pohlmann, Lukas Kay, Stefan Fleißner und Markus Günther an der Trompete, Michael Kokott, Lukas Klingler, Max Eisenhut und Tobias Schiessler an der Posaune sowie Ulrich Stamm an der Tuba. Am Klavier agierte der Mexikaner Carlos Vásquez, schon viele Jahre der Staatsoper Hannover verbunden.

Die Blechbläser stellen ihre Qualität gleich zu Beginn unter Beweis mit der „Fanfare pour précéder La Péri“ von Paul Dukas und dem „Canzon duodecomi toni“ von Giovanni Gabrieli, welches durch seinen getragenen, ja fast hymnischen Vortrag Eindruck hinterlässt.

Dann kommt Pavel Chervinsky mit der Arie des Massimiliano „Un ignoto tre lune or saranno“ aus „I Masnadieri“ von G. Verdi und der Arie des Müllers „Ach, to-to wise wy, djewki maladyje“ aus „Russalka“ von A. S. Dargomyschski. Man merkt, dass die Stimme zwar ein gutes Potenzial hat, der Sänger ja auch noch recht jung ist, sie aber technisch, und was die Resonanz betrifft, noch nicht ausgereift ist. Den ersten vokalen Höhepunkt setzt danach Long Long mit der o.g. Arie des Werther und lässt dabei nicht nur seine exzellente Stimmführung und Technik hören, sowie blendende und lang gehaltene Höhen, sondern auch etwas Italianità. Hinzu kommt eine gute Diktion und ein auch mimisch zutreffender Ausdruck. Das war schon beeindruckend.

Das darauf folgende Duett zwischen Barno Ismatullaeva und Shavleg Armasi bringt mit der Auseinandersetzung der Leonora mit Padre Guardiano ein besonders dramatisches Element in das Programm. Die beiden singen „Or siam soli … infelice, delusa, reietta“ aus „La Forza del destino“ von G. Verdi mit viel Verve und einer gewissen darstellerischen Note durch entsprechende Mimik, mit der besonders die junge Usbekin glänzt. Der relativ hohe Altersunterschied der beiden trägt zur Überzeugungskraft der Szene bei. Ismatullaeva besticht durch ihr dunkel angehauchtes Sopran-Timbre und ihre mit Leichtigkeit und großem Ausdruck gesungenen Höhen. Aber auch die Intonation lyrischer Phrasen, dazu auch lyrisch angesungener Höhen, ist bemerkenswert. Bei ihr ist, de facto, auf jeder Note auch ein klangvoller Ton! Der erfahrene Armasi lässt einen gut facettierenden Bass mit beachtlichem Volumen und also Resonanz sowie großer Wortdeutlichkeit hören. Er hätte sich szenisch vielleicht noch etwa intensiver engagieren können.

Darauf singt Long Long die Arie des Don Carlo „Io l’ho perdutta … Io la vidi“ aus „Don Carlo“ von G. Verdi mit hoher musikalischer und und darstellerischer Intensität. Es wird einem immer klarer, warum er 2019 den begehrten Internationalen Gesangswettbewerb „Neue Stimmen“ der Bertelsmann-Stiftung unter 43 Teilnehmern aus fünf Kontinenten in Gütersloh gewann. Shavleg Armasi setzt sodann noch einmal eine Bass-Note mit der Arie des Königs René „Gospod moi“ aus „Iolanta“ von P. I. Tschaikowski. Ihm folgt Barno Ismatullaeva mit der Arie der Iolanta „A tschevo“ aus „Iolanta“ vom selben Komponisten. Hier gelingt ihr neben der hohen stimmlichen Qualität auch die dramatische Durchdringung der Rolle.

Zuvor spielte das Blechbläserensemble die Ouvertüre von „La Forza del destino“ von G. Verdi. Der Vortrag belegt, warum dieses Stück eindrucksvoller mit Orchester gespielt wird. Der Blech-Klassiker „Brass Symphony“ von Jan Koestier klang da schon viel besser und runder mit sehr schönen auratischen Tönen im Larghetto und hoher Dynamik im Rondo.

Daniel Miroslaw beendet den gesanglichen Teil mit der Arie des Grafen Walter „Il mio sangue, la vita darei“ aus „Luisa Miller“ von G. Verdi. Die Stimme ist relativ unflexibel, die Höhen klingen etwas eng. Auch fehlt Weichheit im Klang und somit Resonanz. Der gesamte Vortrag wirkt etwas monoton und offenbart die Notwendigkeit weiterer Arbeit. Aber der Sänger ist ja noch recht jung.

Den Schlusspunkt bildet die „Capriol Suite“ und Nr. 5 „Pieds-en-l’air“ von P. Warlock. Mit harmonischen Linien und ruhigen, fast hymnischen Tönen sowie weichem Klang stellt das Ensemble nochmals unter Beweis, was in ihm steckt, wenn nur das richtige Stück gespielt wird. Ein guter Ausklang in idyllischem Ambiente! 

    

Fotos: K. Billand 1, 6; Jannes Frubel 2; Clemens Heidrich 3-5                                

Klaus Billand/29.6.2020

www.klaus-billand.com

 

Frank Martin

LE VIN HERBÉ

Premiere am 19. Juni 2020 im Herrenhäuser Heckentheater

 

Die Staatsoper Hannover war der Corona-bedingten Pause überdrüssig und kam wieder einmal in die Herrenhäuser Gärten, die das älteste Heckentheater in der Gartengeschichte beherbergen. Die Verbindung zwischen der ursprünglichen Schlossoper und den Gärten währt schon seit 330 Jahren (!) - sogar beide Grundrisse ähneln sich sehr. Nach der Unbespielbarkeit der Oper infolge des 2. Weltkriegs waren die Gärten 1945 Ausweichspielstätte und somit der kulturelle Mittelpunkt Hannovers. Opern wurden allerdings immer nur im Galeriegebäude aufgeführt. Im Rahmen der an diesem Abend beginnenden „Summer Session 2020“ werden laut Ankündigung der Intendanz bis zum 12. Juli „Oper, Ballett und Konzerte“ in den Gärten aufgeführt.

 Die Premiere bildete das weltliche Oratorium des Schweizer Komponisten Frank Martin „Le vin herbé“, für welches er Auszüge aus Joseph Bédiers‘ französischer Übersetzung und Rekonstruktion des Tristan-Stoffes in seinem Roman de Tristan et Iseut von 1900 vertonte. Es ist die altbekannte keltische Geschichte um den Liebestrank zwischen Tristan und Isolde, der die beiden letztlich ins Unglück führt, mit einigen Figuren, die bei Richard Wagner fehlen. Das Oratorium wurde 1942 konzertant in der Tonhalle Zürich uraufgeführt, und die erste szenische Aufführung fand unter Ferenc Fricsay bei den Salzburger Festspielen 1948 statt.

In der Gartengalerie Hannover erlebte das Werk 1965 seine Hannoversche Erstaufführung. Frank Martin, neben Arthur Honegger wohl der bedeutendste schweizerische Komponist des 20. Jahrhunderts, bezeichnete sein Stück ausdrücklich als „weltliches Oratorium“ (Originaltitel: „Oratorio profane“), als das es mit seinen 12 Sängern, sieben Streichinstrumenten und einem Klavier, der szenischen Aufführungsform sowie einem Prolog und Epilog auch erscheint. Umso verwunderlicher war, dass die Presseaussendung von der erstmaligen Aufführung einer Oper im Gartentheater spricht und die Intendantin in ihrem Vorwort an das Publikum u.a. Frank Martin als unbekannten Komponisten bezeichnete und einen Bezug zu einer Ballett-Bearbeitung des Tristan-Stoffes von Boris Blacher herstellte, die wohl bedeutendere Bearbeitung des Stoffes durch Richard Wagner aber völlig unerwähnt ließ. 

Der künftige Hannoverische GMD Stephan Zilias leitete die Aufführung mit Solisten des Niedersächsischen Staatsorchesters Hannover (Zwei Violinen, zwei Violas, zwei Celli, ein Kontrabass und ein Klavier). Wolfgang Nägele führte mit dramaturgischer Unterstützung durch Regine Palmai Regie und gestaltete das zeitlose Werk in seiner ganzen Traurigkeit - „eine Legende von Sehnsucht, Schuld und Tod, eine der tiefsten, berührendsten und traurigsten Beziehungsgeschichten“, wie Palmai im Programmheft passend schreibt. In überwiegend schwarzen Gewändern, die Herren mit Zylinder (Kostüme Irina Spreckelmeyer), erleben wir auf der Bühne von Marvin Ott und mit der behutsam geführten Lichtregie von Susanne Reinhardt eine bewegungsarm gehaltene Dramaturgie, wodurch die Charaktere mit ihren meist oratorienhaft gesungenen Aussagen umso stärker hervortreten.

Die Partitur beruht auf Schönbergs Zwölftonlinien mit einer nach meinem Empfinden starken tonalen Basis, die sich immer wieder durchsetzt, zumal die geringe Zahl der Instrumente kaum farbliche Differenzierung erlaubt. Der Gesang stand immer im Vordergrund.

Der Tenor Rodrigo Porras Garulo meisterte die besonders mit einem langen und dramatischen Monolog anspruchsvolle Rolle des Tristan eindrucksvoll. Nikki Treurniet war eine ansprechende „blonde“ Isolde mit leichtem Sopran. Der Bariton Germán Olvera, (laut Programm „Erster Bass“), gab einen überzeugenden Marke. Des Weiteren traten auf: Nina van Essen als ausdrucksstarke Brangäne, Anna-Doris Capitelli als relativ unauffällige Isolde die Weißhändige, die Tristan bei Bédier heiratet, als er die Hoffnung auf Isolde aufgegeben hat und die sich, als sie von seiner großen Liebe zu Isolde erfährt, an ihm rächt, indem sie ihn über Isoldes Rückkehr kurz vor deinem Tode täuscht.

Monika Walerowicz hatte zu Beginn einen kurzen Auftritt als Isoldes Mutter mit schönem Mezzo. In weiteren Nebenrollen: Clara Nadesdin, Weronika Rabek, Philipp Kapeller, James Newby, Richard Walshe und Daniel Eggert.

Insgesamt ein guter Start der „Summer Sessions“ in Hannover, wenngleich die Microport-Übertragung verbesserungsbedürftig erscheint.

 

Fotos: Bettina Stöß 2-4, K. Billand 1

Klaus Billand/28.6.2020      

 

 

Oster-Tanz-Tage 2019

Happy As Larry 

Deutsche Erstaufführung am 18. April 2019

Tanzen macht glücklich

Die Oster-Tanz-Tage der Staatsoper Hannover haben sich zu einer festen Größe im dortigen Kulturkalender entwickelt. Drei internationale Gastspiele aus drei Kontinenten bildeten diesmal den Kern der Tage. Außer den Brasilianern „Grupo Corpo“ und den Italienern „Aterballetto“ trat die erst 2015 gegründete Gruppe von Shaun Parker & Company aus Australien mit der frischen Tanzshow Happy As Larry in Hannover auf. Bereits 2010 uraufgeführt, wurde das Stück, das vor allem auf internationalen Festivals gezeigt wurde, ein Riesenerfolg, wie auch am renommierten Sadler’s Wells in London.

Parker, der früher lange Jahre u.a. bei dem Australian Dance Theatre, der Sydney Dance Company, bei Meredth Monk und Sasha Waltz selbst als Tänzer aktiv war, stellt seit 2010 seine Gruppe für jedes Projekt neu zusammen. Er nähert sich seinen Themen auf akribisch wissenschaftliche Art, bevor er sich mit Bewegung und Musik befasst. Zu dieser Choreographie inspiriert wurde Parker durch das sogenannte Enneagramm, ein esoterisches Symbol, das die Menschen in neun verschiedene Typen-Gruppen einteilt: Perfektionist, Geber, Performer, tragischer Romantiker, Beobachter, Anwalt des Teufels, Optimist, Chef und Vermittler. Zu passend elektronischem Sound setzt die junge Truppe als ein solches Beziehungsgeflecht die Suche nach einem – womöglich dauerhaften – Zustand von Glück mit ungeheurem Spaß an der Sache um.

Drei Tänzerinnen und sieben Tänzer begeisterten durch ihren Bewegungskanon, der mit Tanz nicht mehr so viel zu tun hat: Da gab es pure Akrobatik, Breakdance und Hip-Hop-Elemente, Spitzentanz, Handball-Dribbeln und Rollschuhlauf. Das alles fand auf einer leeren Bühne statt, auf der sich nur eine schwarze, zeitweilig rotierende Wand zum Malen bzw. Klettern befand, darüber ein buntes Luftballongemisch (Ausstattung: Adam Gardnir).

Ein Tänzer fungierte als Spielleiter, der auf der Tafel viel malte und kleine Bemerkungen schrieb wie ‚das ist fun‘. Besonders eindrucksvoll war seine „getanzte Malerei“, wobei große Bögen mit krassen, zackig geführten Kreidestrichen entsprechend des Sounds wechselten. Eine besondere Leistung war der Rollschuhlauf eines angeblichen Nicht-Könners, der für große Heiterkeit sorgte, aber auch höchste Anerkennung für die Extrem-Leistung verdiente. Fast ungläubig schaute man auf einen ausgezeichneten Spitzentanz einer Tänzerin und einen ruhigen Walzer von vier Tänzern, was beides fast exotisch wirkte zwischen den anderen modernen Tanzstilen und Elementen. Erschien es anfangs nur wie ein sinnfreier Spaß, so entwickelte sich das Ganze zu dem Fazit: Tanzen macht glücklich!

Das Publikum bedankte sich mit herzlichem Applaus bei dem Ensemble und dem Choreographen für die munter-bunte Aufführung mit höchstem körperlichen Einsatz aller.

 

Fotos: © Prudence Upton

Marion Eckels 21.4.2019

 

 

 

Hochschule für Musik: ARIADNE AUF NAXOS

 

4. Februar 2019

Premiere am 02. Februar 2019

 

Viel gewagt hat die Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover für ihre diesjährige Opernproduktion. Ariadne auf Naxos ist ein kompliziertes Stück, musikalisch, sängerisch, szenisch, die Anforderungen sind hoch und an Studenten insbesondere. Doch das Wagnis hat sich gelohnt, die Hochschule hat viel mit dieser Produktion gewonnen.

Die musikalische und sängerische Umsetzung ist höchst eindrucksvoll gelungen. Das ist vor allem das Verdienst von Paul Weigold, Professor für musikalische Szenen- und Ensemblearbeit, der das Dirigat innehatte und mit dem Ensemble die Partien einstudiert hat. Er führte das Orchester mit großer Präzision durch die so unterschiedlichen Facetten der Partitur, das Changieren zwischen komischem und ernstem Stil gelang rundum überzeugend. Dazu kamen viele wunderschöne instrumentale Farben, die die Studenten mit größter Spielfreude auskosteten.

Betty Garcés gestaltete eine ungemein intensive Ariadne. Ihr großer, voll aufblühender und in allen Lagen üppig klingender Sopran ist den Anforderungen der Partie bestens gewachsen. Mit dieser Leistung hat sie sich schon jetzt als ernsthafte Anwärterin auf einen sicheren Platz im jugendlich-dramatischen Repertoire erworben. Als ebenbürtige Partnerin erwies sich ihr Franziska Abram als Zerbinetta, die die halsbrecherischen Koloraturen  nahm, als sänge sie die Rolle bereits seit vielen Jahren. Auch ihr schien ihre Partie keinerlei Mühen zu breiten, souverän gestaltete sie nicht nur den sängerischen Part, sondern spielte ebenso. Und, als dritte Dame in diesem starken Bunde, gebührt ebenfalls Hannah Meyer höchstes Lob. Nicht minder intensiv in der Darstellung, verströmte sie als Komponist den strahlenden Klang ihres Mezzosoprans und gab der Rolle damit starkes Gewicht.

Als Gast kehrte Martin Rainer Leipoldt, inzwischen fest im Ensemble der Staatsoper Hannover, an die Hochschule zurück und verlieh dem Bacchus sichere vokale Statur. Arvid Fagerfjäll war natürlich für den Musiklehrer viel zu jung, konnte aber gleichwohl mit klarem und gut fokussiertem Bariton der Rolle des um seinen Schützlich besorgten Lehrers Profil geben. Johannes Schwarz als Harlekin und Daniel Preis als Tanzmeister seien noch stellvertretend für die insgesamt bis in die kleinsten Rollen des Vorspiels hinein sorgältig ausgewählte Besetzung genannt, nicht zu vergessen Tobias Hechler, der einen wunderbar unangenehmen und unnachgiebigen Haushofmeister spielte.

Matthias Remus hat die Oper als Geschichte einer psychisch kranken Frau erzählt, die vom Klinikpersonal, Zerbinetta & Co., nicht geheilt oder bekehrt werden kann, Bacchus kommt hier mehr als Teiresias als der blinde Seher auf die Bühne, singt zumeist eh aus dem Bühnenhintergrund; das Konzept ist stimmig und enthält viele wirkungsvolle Bilder, vor allem lässt es der Geschichte aber viel Raum, aus sich selbst heraus zu wirken.

Ein starker Abend und ein mehr als eindrucksvoller Beweis, was die hannoversche Hochschule in ihren Nachwuchs zu investieren in der Lage ist, begeisterer Beifall.

 

Christian Schütte

am 6.2.2019 /


Dank an unseren Kooperationspartner MERKER-online

 

 

 

 

 

4. NDR Klassik Open Air

 

„Rigoletto“

mit Eventcharakter in Hannover

Besuchte Vorstellung: 22.07.2017

 

Lieber Opernfreund-Freund,

zum 4. Mal bereits fand am Wochenende das NDR Klassik Open Air statt, das eingebettet zwischen Hannovers Neuem Rathaus und dem Maschteich auch in diesem Jahr wieder zum stimmungsvollen Event wurde. Die Aufführung wurde auch von über 20000 Hannoveraner im Maschpark auf zwei Großleinwänden verfolgt, die den Abend dank des gnädigen Wettergottes für ein operngerechtes Picknick, teils auf Decken, teils an mit weißer Tischwäsche und Kandelaber eingedeckten Tischen nutzen und so den Abend regelrecht zelebrieren konnten.

Das Neue Rathaus ist ein wilhelminischer Bau, zwischen 1901 und 1913 errichtet, und erinnert eher an ein Schloss als an eine Stadtverwaltung. Seine Fassade wird derzeit renoviert und man hatte im Vorfeld diskutiert, ob das Gerüst für den Opernabend entfernt werden müsse, um die festliche Atmosphäre nicht zu beeinträchtigen. Stattdessen entschied man sich, das Baugerüst in die Lichtkonzeption einzubeziehen und es mit mehr als 20 Kronleuchtern zu verzieren. Dieser Coup ist mehr als gelungen und das in wechselnden Farben angestrahlte erhabene Gebäude funkelte förmlich am vergangenen Samstag.

Die halbszenisch angelegte Inszenierung von Michael Valentin bezieht auch die Wege zwischen den Stuhlreihen und den Bühnenrand mit ein, versucht sich aber gar nicht erst an einer tiefgründigen psychologischen Deutung des Werkes, sondern bebildert lediglich die Geschichte um den verkrüppelten Narren und seine unglücklich verliebte Tochter . Im Hier und Heute lässt Valentin die Protagonisten agieren, setzt sie auf weiße Designersofas und steckt sie in schicke zeitgemäße Garderobe. Doch die konventionelle Lesart kann dank kurzweiliger Personenregie dennoch überzeugen, lediglich bezügliche der Lichtregie auf der Bühne hätte ich mir – angesichts des wahren Feuerwerks rundherum – ein wenig mehr Raffinesse gewünscht.

Keine Wünsche offen lässt die künstlerische Seite des Abends. Keri-Lynn Wilson leitet wie in den Vorjahren die glänzend disponierte NDR Radiophilharmonie und präsentiert mit dem engagiert Festivalchor Hannover, der hinter dem Orchester postiert ist, ein geschmeidiges Dirigat wie aus einem Guss. Von den zarten Flötenklängen, die das „Caro nome“ begleiten, bis hin zur aufwühlenden Gewitterszene präsentiert die Kanadierin zusammen mit den Musikerinnen und Musikern Verdi at his best. Unterstützt wird sie dabei von einer durchweg hochkarätigen Sängerriege, der das Vater-Tochter-Gespann vorsteht. Ludovic Tézier ist ein erfahrener Rigoletto-Darsteller und leuchtet alle Facetten der Rolle aus, bewegt in Rigolettos Ausbrüchen ebenso sehr wie in seiner Verzweiflung und agiert dabei ebenso glaubhaft und überzeugend wie Nadine Sierra, die seine Tochter Gilda mimt. Der seelenvolle Sopran der jungen Amerikanerin verfügt über eine warme Mittellage und feinste Höhe, die Nadine Sierra scheinbar ebenso mühelos erklimmt, wie sie die schwierigen Koloraturen meistert. Brava! Stephen Costello stattet seinen Charakter mit schlankem, höhensicherem Tenor aus, singt die berühmte Arie im Schlussakt beinahe im Vorbeigehen und ist so ein veritabler Herzog. Franz Hawlata muss sich als Sparafucile erst frei singen, überzeugt jedoch im vierten Akt vollends durch seinen profunden Bass. Von den zahlreichen kleineren Rollen, die durchweg keinerlei Anlass zur Klage geben, sei stellvertretend der exzellente Monterone von Martin-Jan Nijhof genannt, der furchteinflößende Flüche ausstößt. Aber auch der warme Mezzo von Varduhi Abrahamyan als Maddalena und Yajie Zhang, die mit gefühlvollem Alt die Giovanna gibt, haben mich tief beeindruckt.

Die rund 2000 Zuschauer im Publikum sind ebenfalls begeistert, auch aus dem Park schwappt enthusiastischer Applaus über den Maschteich. Zu Recht! Eine künstlerisch hochkarätige Leistung, eingerahmt in stimmungsvolle Atmosphäre – und das an einem lauen Sommerabend… Mehr kann ein Opernfreund sich zum Abschluss einer Spielzeit nicht wünschen! Falls Sie also einmal schauen möchten: Die Aufführung wurde zeitversetzt im NDR-Fernsehen übertragen und ist noch ein ganzes Jahr online abrufbar unter ndr.de/klassikopenair

Ich wünsche Ihnen, lieber Opernfreund-Freund, einen schönen Sommer und verabschiede mich in die Spielzeitpause.

Ihr Jochen Rüth / 24.07.2017

Fotos:  A. Spiering (Produktion) und P. von Ditfurth (Maschpark) © NDR

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